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Gabriele Reuter:
Aus guter Familie
Leidensgeschichte eines Mädchens. Studienausgabe mit Dokumenten. Bd. I: Text. Hg. von Katja Mellmann
Verlag LiteraturWissenschaft.de (TransMIT)
Marburg an der Lahn 2006
302 Seiten
ISBN 3-936134-19-7
Preis: EUR 14,90
Der Roman wirkte, als er Ende 1895 erschien, wie ein Aufschrei und machte die Autorin über Nacht berühmt. Der Band I der von Katja Mellmann herausgegebenen Studienausgabe präsentiert zum ersten Mal wieder den vollständigen Text des Erstdrucks und kommentiert das heute vergessene Erfolgsbuch von damals mit erhellenden Informationen.
"Es ist dies ein Buch von so fürchterlicher, aufrüttelnder Wahrheit, so ganz und gar überzeugend, es schreit seine vernichtende Anklage mit so durchdringender Stimme in die Welt, daß man zunächst ganz vergessen wird, nach seinen künstlerischen Eigenschaften zu fragen. Und dennoch ist es künstlerisch in hohem Grade – einfach ein Meisterwerk." (Ernst von Wolzogen 1895)
"Gabriele Reuter ist vielleicht die souveränste Frau, die heute in Deutschland lebt". (Thomas Mann 1904)
"Ein Klage- und Kampfruf, ein meisterliches Stück Kulturgeschichte und, wie absichtslos nebenher, die ergreifendste Dichtung". (Victor Klemperer 1908)
"Eine feinsinnige Beobachterin wie die Gabriele Reuter hat dies [die Übertragung erotischer Wünsche auf den Therapeuten] zur Zeit, als es noch kaum eine Psychoanalyse gab, in einem merkwürdigen Buch geschildert, welches überhaupt die besten Einsichten in das Wesen und die Entstehung der Neurosen verrät." (Sigmund Freud 1912)
„Sie schrieb die Schicksale von tausend und aber tausend Frauen“ (Hedwig Dohm 1908).
„Das war Selbstbefreiung großen Stils“ (Helene Stöcker 1929).
Inhalt
Der Roman erzählt die Leidensgeschichte der Agathe Heidling, einer »höheren Tochter« im Wilhelminischen Deutschland, die sich auf der vorgezeichneten Lebensbahn der »Jungfrau, Gattin und Mutter« nicht zurechtfindet und schließlich an der Unvereinbarkeit ihres Schicksals mit dem weiblichen Erziehungsideal ihrer Zeit zugrunde geht. Der Roman wirkte, als er Ende 1895 erschien, wie ein Aufschrei. Die Drastik der naturalistischen Darstellung und die Repräsentativität der Heldin für typische Probleme im Rahmen der zeitgenössischen »Frauenfrage« machten das Werk zu einem Identifikationsbuch einer ganzen Generation und die Autorin über Nacht berühmt. Der erste Band dieser Studienausgabe präsentiert zum ersten Mal wieder den vollständigen Text des Erstdrucks und kommentiert ihn mit zahlreichen Hinweisen zum Textverständnis wie zur Forschung.
Der zweite Band enthält eine umfangreiche Dokumentation zur aufschlussreichen Rezeptionsgeschichte des Romans.
Jeder Band ist separat erhältlich.
Autorin
Kurzbiographie
Gabriele Reuter wurde 1859 in Alexandrien geboren, wo die Familie bis 1872 lebte. Die ersten literarischen Arbeiten veröffentlichte sie ca. 16-jährig in Lokalblättern. Es folgten zwei konventionell geschriebene Romane mit exotischem Kolorit und einige Novellen und Skizzen, in denen Gabriele Reuter sich dem realistisch-naturalistischen Literaturideal annäherte. Mit ihrem dritten Roman Aus guter Familie , der 1895 bei S. Fischer in Berlin erschien, hatte sie ihren ersten Publikumserfolg. Im selben Jahr zog Reuter von Weimar nach München. 1897 bekam sie eine Tochter, über deren Vater nichts bekannt ist, und wechselte 1899 mit Mutter und Tochter nach Berlin. Während ihrer Berliner Zeit erlebte die erste Hausautorin Fischers einen privat eher zurückgezogenen, literarisch aber äußerst produktiven Lebensabschnitt. Weitere Bestseller wie z.B. Ellen von der Weiden (1900), Frauenseelen (1901) und Der Amerikaner (1907) folgten. 1929 zog die Siebzigjährige zurück nach Weimar, wo sie 1941 starb.
Ausführlichere Informationen bei Wikipedia.
Herausgeberin
Katja Mellmann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Philologie der Universität München. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören: Evolutionäre Literaturpsychologie, deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts, Frauenliteratur um 1900 und deutsche Metrik.
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Inhaltsverzeichnis
Inhalt beider Bände
Band I: Text
Aus guter Familie
Erster Teil 9 - Zweiter Teil 153
Anhang
Kommentar 271 - Nachwort 286 - Zur Textgestalt 290 - Zeittafel 291 - Bibliographie 298
Band II: Dokumente
Einleitung
Entstehungsgeschichte 311 - Autobiographische Bezüge 313 - Rezeption 316 - Zu dieser Ausgabe 322
Dokumente
Rezensionen 327 - Spätere Anschlusskommunikationen 408 - Private Rezeptionszeugnisse 571 - Selbstäußerungen 574
Anhang
Kommentar 605
Stimmen über den Roman
Aus den Dokumenten in Band II:
Es ist dies ein Buch von so fürchterlicher, aufrüttelnder Wahrheit, so ganz und gar überzeugend, es schreit seine vernichtende Anklage mit so durchdringender Stimme in die Welt, daß man zunächst ganz vergessen wird, nach seinen künstlerischen Eigenschaften zu fragen. Und dennoch ist es künstlerisch in hohem Grade – einfach ein Meisterwerk. (Ernst von Wolzogen 1895)
Der erste Gedanke bei dieser Lektüre ist: das ist häßlich – der zweite: aber wahr, wahr, schauerlich wahr, diese ganze innerlich verkommene Existenz eines Mädchens der »guten Gesellschaft«. (Helene Lange 1896)
Ein merkwürdiges Buch, – ein Buch, bei dem man sich fragt, wie es entstehen konnte? Denn wann kann sich sonst das Weib überwinden, das Unsagbare über sich selbst zu sagen ? (Laura Marholm 1896)
Aus guter Familie ist vortrefflich geschrieben, da sieht man, was ein protestantisches Mädel kann! Eine Katolikin wäre 1) zu dumm, 2) zu feig, sich selbst ins Herz zu schauen, 3) träfe sie dort nichts an. (Oskar Panizza 1896)
Gabriele Reuter ist vielleicht die souveränste Frau, die heute in Deutschland lebt: nicht weil sie die »emanzipierteste« wäre, sondern weil sie auch über die »Emanzipation« schon hinaus ist – von jeher darüber hinaus war und zwar vermöge ihrer künstlerischen Weiblichkeit. (Thomas Mann 1904)
Eine der talentiertesten Romanschriftstellerinnen unserer Zeit. (Erich Mühsam 1906)
Ein Klage- und Kampfruf, ein meisterliches Stück Kulturgeschichte und, wie absichtslos nebenher, die ergreifendste Dichtung – das alles ist Gabriele Reuters Hauptwerk. Wieweit es tatsächlich pädagogische Wirkung getan hat, das wird wohl erst in viel späterer Zeit zu ergründen sein. (Victor Klemperer 1908)
Schlicht und schön (es deckt sich oft) hatte sie [Reuter] die Erlebnisse ihrer eigenen Seele oder die einer ihr intim Wahlverwandten erzählt, mit all der intensiven Innerlichkeit und Blutwärme des Selbsterlebten oder Geschauten. Und siehe – sie schrieb nicht nur die Schicksale der Agathe Heidling. Sie schrieb – ungewollt – die Schicksale von tausend und aber tausend Frauen. Agathe war ein Typus, und ihre Schicksale waren typisch. (Hedwig Dohm 1908)
Eine feinsinnige Beobachterin wie die Gabriele Reuter hat dies [die Übertragung erotischer Wünsche auf den Therapeuten] zur Zeit, als es noch kaum eine Psychoanalyse gab, in einem merkwürdigen Buch geschildert, welches überhaupt die besten Einsichten in das Wesen und die Entstehung der Neurosen verrät. (Sigmund Freud 1912)
Aber jene Agathe Heidling, »aus guter Familie«, sie ist im geistigen Leben jener Generation noch etwas anderes gewesen als Literatur. Das war Selbstbefreiung großen Stils: durch die Einreihung in die Gemeinschaft der Leidenden, Darbenden und Überwindenden überhaupt . (Helene Stöcker 1929)
Gabriele Reuter über sich und ihren Roman:
Die Wahrheit reden ist nicht so leicht, als man glauben möchte, die Wahrheit schreiben ist für einen Mann schwer, für eine Frau noch schwerer und für ein schriftstellerndes Mädchen am allerschwersten. (1892)
Aus guter Familie ist weder ein Erziehungs- noch ein Tendenzbuch. Ich stand, als ich es concipirte, den ›Frauenfragen‹ noch ganz fern, völlig befangen vom eigenen Leben. (1901)
Und plötzlich wußte ich, wozu ich auf der Welt war –: zu künden, was Mädchen und Frauen schweigend litten. Nicht die großen Schmerzen der Leidenschaften, die wie rote Flammen gen Himmel steigen, an deren Pracht die Dichter aller Zeiten und Zonen sich müd gesungen. Nein, – die stumme Tragik des Alltags wollte ich künden – sie, an der Tausende von blühenden Geschöpfen zugrunde gingen, ohne noch von irgendeinem Poeten verherrlicht worden zu sein. (1921)
Ganz Deutschland beschäftigte sich mit dem Buche. Es weckte einen Sturm in der Frauenwelt – die wildeste Erregung unter Vätern und Müttern. Ernste, reife Männer haben mir noch nach Jahren versichert, die Lektüre habe ihr Herzensverhältnis zu ihren Töchtern von Grund auf verändert. (1921)