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Spannende Texte junger Autoren
von Thomas Anz und Oliver Pfohlmann (Hrsg.)
Verlag LiteraturWissenschaft.de (TransMIT)
Marburg an der Lahn 2001
von: Heike Nieder
Voller Entsetzen starrt der alte Mann auf den Tisch neben seinem Wohnzimmerschrank. Es ist passiert. Irgendwann musste es ja dazu kommen. Aber warum heute. Warum ausgerechnet heute, an dem Tag, da er 85 wird. Er wollte doch feiern. Gestern abend noch hatte er sich alles ganz genau ausgemalt. Und jetzt.
Nein, er würde nicht weinen. Weinen, das ist etwas für Memmen. Noch nicht mal im Krieg hatte er geweint, und das war schließlich bedeutend schlimmer. Der alte Mann schluckt.
Dann nimmt er sich eine Flasche Cognac aus dem Schrank. Macht sie auf. Schenkt sich ein Glas ein. Trinkt. Setzt sich an den Tisch neben dem Wohnzimmerschrank. Alleine würde er von nun an sein. Alleine, ganz alleine.
Gut, dann würde er seinen Geburtstag eben anders feiern. Oder gar nicht. Na ja. Was ist schon der 85ste. Wenn man so alt ist, kommt es auf ein Jahr mehr oder weniger eh nicht an.
Er starrt auf den Tisch. Vielleicht hatte er ja etwas falsch gemacht! Vielleicht war es seine Schuld, dass... Nein, kann nicht sein. Es war klar, dass es irgendwann passieren musste. Acht Jahre waren ja auch eine lange Zeit. Da passiert das eben. Auch bei guter Pflege.
Der alte Mann steht auf. Macht den Fernseher an. Was kommt denn heute. Nichts Besonderes. Wie jeden Tag. Was interessieren ihn die Probleme anderer Leute. Er hat genug eigene.
Er guckt vor sich auf den Tisch.
Warum heute?
Früher gab es noch keinen Fernseher. Und die Leute wussten trotzdem den ganzen Tag etwas mit sich anzufangen. Aber was soll´s. Früher ist vorbei. Heute ist heute. Und heute regnet´s.
Der alte Mann blickt aus dem Fenster. November. Wieder November, wie damals. Es wird Winter. Und im Winter stirbt nun mal alles. Die Pflanzen, die Tiere und manchmal die Menschen.
Da, das Foto an der Wand. Das Foto von seiner Hochzeit vor 60 Jahren. Das waren noch Zeiten! Damals war er so glücklich gewesen. Hatte es zu was gebracht. War Schreiner, einer der Besten des Ortes. Und Klara. Sie war die Schönste von allen. Er hatte sich vorgenommen, sie glücklich zu machen. Hatte er sie geliebt? Ihr Vater hatte auf ihn eingeredet, sie zur Frau zu nehmen. Ja, acht Kinder, das waren zu viel. Da war man froh, wenn die Ältesten aus dem Haus waren. Und deshalb musste man als Vater auf Bräutigamsuche gehen. Damit man ein hungriges Maul weniger zu stopfen hatte. Aber bei Klara war das kein Problem. Sie hatte viele Verehrer. Und ihr Vater hatte sich für ihn entschieden! Das war eine große Ehre. Und da standen sie dann, beim Fotografen. Er, in schwarzem Frack und Zylinder, sie in ihrem weißen Spitzenkleid. Das hatte sie sich aus einer alten Gardine zusammengenäht. Und sie lächelte. Ja, er hatte sie geliebt. So schön wie sie war, da musste man ja lieben.
Und dann waren sie ins Haus seiner Eltern gezogen. Ins obere Stockwerk, da war noch ein Zimmer frei. Er hatte viel gearbeitet damals. Schließlich wollten sie ein eigenes Haus. Und seine Frau hatte ihm geholfen, so gut sie konnte. Sie wusch seine Sachen, kochte ihm das leckerste Essen und hielt das Zimmer sauber. Sie kümmerte sich um seine Eltern und um seine kleinen Geschwister. Aber sie hatte auch ihre Macken. Eines Tages war er nach Hause gekommen und da klebte ein Foto über ihrem Bett. Ein Foto von einem roten Goldfisch. Er hatte Klara fragend angesehen und sie hatte gelächelt. "Goldfische bringen doch Glück!" hatte sie gesagt. Wer ihr das wohl eingeredet hatte? Von dem Tag an waren die zwei glubschigen Goldfischaugen das Erste, was er jeden Morgen zu Gesicht bekam. Am Anfang fand er das eklig, denn eigentlich mochte er keine Fische. Die waren so glitschig. Aber er gewöhnte sich an den Anblick. Obwohl er an den Quatsch mit dem Glücksbringen nie richtig glaubte. Doch Klara war überzeugt davon. Einmal hatte er sie abends heimlich beobachtet, wie sie vor dem Bild saß und mit dem Fisch redete. Als er sie am nächsten Tag darauf angesprochen hatte, war sie richtig böse geworden. Sie riss das Bild von der Wand und trug es von da an in ihrer Schürzentasche. Ja, so war sie. Abergläubisch und manchmal trotzig wie ein kleines Kind. Aber irgendwie mochte er sie deswegen.
Der alte Mann schreckt hoch. Da hat doch jemand geschossen! Ach, war nur im Fernsehen. Er hasst Western. Er schaltet um. Nachrichten. Kosovokrieg. Dass die Menschen immer noch so dumm sein können. Daran wird sich wohl nie was ändern.
Er war auch im Krieg. Der alte Mann zuckt. Zuckt immer noch, nach so vielen Jahren.
Sein Blick wandert zurück auf das Bild an der Wand.
Sie hatten gedacht, er würde vielleicht verschont, weil sein linker Fuß kürzer war als sein rechter. Deshalb konnte er nicht so schnell laufen. Aber das war egal.
Also musste er seine junge Familie im Stich lassen. Die nächsten Monate waren furchtbar. Was er an der Front erlebt hatte, war nicht in Worte zu fassen. Doch er hatte Glück im Unglück. Wegen einer Schussverletzung kam er schon wenige Wochen nach seinem Dienstbeginn ins Lazarett. Ihm wurde ein Bein amputiert. Er durfte nach Hause.
Doch dort war nichts mehr so wie vorher. Klara hatte sich verändert. Oder hatte er sich verändert? Ihr kindlicher Aberglaube ging ihm auf einmal unheimlich auf die Nerven. Er war gerade aus dem Krieg gekommen, hatte die schrecklichste Zeit seines Lebens hinter sich und was tat sie? Fische anbeten! Eines Tages war er so wütend geworden, dass er das Bild mit dem vermaledeiten Goldfisch vor ihren Augen zerriss. Sie hatte laut aufgeschrieen und drei Tage nichts mehr mit ihm geredet. Überhaupt stritten sie immer häufiger, oft wegen Kleinigkeiten. Da rutschte ihm schon manchmal die Hand aus. Waren eben schlimme Zeiten damals. Aber trotzdem hatte er sie geliebt. Irgendwie. Und dann waren da ja auch die Kinder. Mittlerweile schon drei. Das mit dem Hausbauen hatte sich inzwischen erledigt. Seine Eltern waren beide im Krieg gestorben. Tuberkulose. Deshalb bewohnten sie jetzt sein Elternhaus ganz. Viel Arbeit war das damals. Die drei eigenen Kinder und dann noch seine jüngsten Geschwister, die auch nicht viel älter waren. Als Schreiner konnte er selbstverständlich auch nicht mehr arbeiten. Ohne sein rechtes Bein. Klara nähte für die Nachbarn. Doch sie traute sich nicht, einen angemessenen Lohn zu verlangen, da sie keine gelernte Schneiderin war. Da wollten die Leute einfach nicht viel bezahlen. Er selbst hatte beim Postamt einen Aushilfsjob angenommen. Er sortierte Briefe. Das konnte man im Sitzen machen.
Der alte Mann blickt an sich hinunter auf sein linkes Bein. Das ist mittlerweile auch kaum noch zu gebrauchen. Er hat zwar einen Rollstuhl. Aber den benutzt er selten. Eigentlich nie. Wann geht er denn schon mal raus. Höchstens gegenüber zum Plus. Um einzukaufen. Für sich und... ach, egal. Er blickt vor sich auf den Tisch. Ab heute hat er niemanden mehr, um den er sich kümmern kann. Ein Grund weniger, das Haus zu verlassen. Nur für sich selbst zu sorgen ist langweilig. Und unnötig. Im Moment kann er sich sowieso nicht vorstellen, dass er irgendwann noch mal Hunger bekommen würde. Die Bilder im Fernsehen gehen ihm auf die Nerven. Sibirien. Kältewelle. Hier im Zimmer ist es auch kalt. Die Heizung funktioniert schon seit Jahren nicht mehr richtig. Und er ist ständig erkältet.
Das Bild an der Wand.
Auch seine Frau war irgendwann krank geworden. Lungenentzündung. Sie musste ins Krankenhaus und er war allein mit den Kindern. Seine Schwiegermutter kam, um auszuhelfen. Das war ihm gar nicht recht gewesen. Aber was sollte er machen. Irgendjemand musste ja kochen.
Nach vier Wochen kam Klara wieder nach Hause. Ein Wunder, sagten die Ärzte. Der Goldfisch, sagte Klara. Sie hatte sich nach ihrem letzten Streit sofort wieder ein neues Goldfischbild gekauft, diesmal eine farbenfrohe Pinselzeichnung. Und das hatte sie tatsächlich mit ins Krankenhaus genommen. Trotzdem, richtig gesund wirkte sie noch lange nicht. Sie war damals 29 und sah aus wie 40. Nichts mehr war übrig geblieben von ihrer außergewöhnlichen Schönheit. Trotzdem. Sie war seine Frau. Und irgendwie hing er an ihr.
Und so vergingen die Jahre und mit ihnen wechselten die Goldfischbilder. Die Zeiten wurden wieder besser. Adenauer kam und mit ihm das Wirtschaftswunder. Es kam der Tag, da sie im Winter wieder heizen konnten. Weil sie wieder Geld für Kohle hatten.
Die Kinder wurden älter und älter. Und irgendwann war er wieder allein mit seiner Klara. Sie stritten nicht mehr so oft wie früher. Vielleicht, weil sie nicht mehr so viel miteinander redeten. Aber sie kamen gut miteinander aus.
Vor zehn Jahren ist sie dann gestorben. Es war ein grauer Novembertag. Genau wie heute. Er ist morgens wach geworden und da hat sie tot neben ihm im Bett gelegen. Herzversagen, meinte der Arzt. Dieser Tag hat ihn verändert. Er hat Klara plötzlich verstanden. Ihren Aberglauben. Ihre Glücksbringersammlung. Und dann hatte er angefangen, die Goldfischbilder zu sortieren. Von da an war er alt geworden. Richtig alt.
Der alte Mann reißt sich los von dem Bild an der Wand und blickt wieder vor sich auf den Tisch neben dem Wohnzimmerschrank. "Mensch Klärchen", stammelt er und eine kleine Träne rinnt über seine Wange. Dann nimmt er das Goldfischglas vom Tisch und schüttet den Inhalt ins Klo.