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Bedrohung von innen.

Renate Böschensteins "Idylle, Todestraum und Aggression" benennt das Beunruhigende in den Texten Anette von Droste-Hülshoffs

Von Esther Kilchmann

Versteinertes Leben, die Allgegenwart der Toten und Personen, die zu Lebzeiten wie Gespenster von ihrer Schuld umgetrieben werden. Wie Annette von Droste-Hülshoff angesichts dieser ihr Werk durchziehenden Motive überhaupt als Dichterin beschaulich heimatlicher Idyllen beschrieben werden konnte, muss irritieren. Die Genfer Literaturwissenschaftlerin Renate Böschenstein ist in ihren Untersuchungen zur Literatur des 19. Jahrhunderts und zum Phänomen der Idylle immer wieder von dieser Irritation ausgegangen und hat sie auf grundlegende Weise für die Lektüre dieser Texte produktiv werden lassen. In einer genauen Arbeit am Text rückt sie dabei in der strengen und teilweise manierierten Form- und Themenbearbeitung der Zeit die Verschiebungen und Auslassungen wie das Verschwiegene in den Blick. In ihren Worten ist es eine "Tiefendimension", die sie ausgehend von "konstanter Freudscher Basis" freizulegen bemüht ist.

Unter dem Titel "Idylle, Todestraum und Aggression" hat Ortrun Niethammer nun Böschensteins Aufsätze zu Droste-Hülshoff von 1974 bis zu ihrem Todesjahr 2003 herausgegeben und mit einer Einführung zum Verdienst Böschensteins um die Droste-Forschung versehen. Neben Wiederabdrucken von Beiträgen für Zeitschriften und Sammelbände wurde ein unveröffentlichter Text von 1994 sowie ein gemeinsam mit Bernhard Böschenstein verfasster Radiobeitrag von 1997 aufgenommen.

Die Titelgebung fasst diese Texte gelungen unter einer These zusammen. In dem den Band eröffnenden Aufsatz "Zur Struktur des Idyllischen" wird aus der Analyse eines Kindertraumes, den Droste brieflich mitteilt, eine Grundkonstellation idyllischen Dichtens gewonnen: die unerfüllte Sehnsucht nach Geborgenheit. Gerade diesem Mangel und dieser Ambivalenz entspringt dabei laut Böschenstein die drostische Idylle - und bleibt dabei immer auf diese Spannung hin durchsichtig.

Mit anderen Worten: Böschensteins Lektüren zeigen, wie diese Idyllen bei genauerem Hinsehen allenthalben brechen: Sie werden als Todesraum ebenso wie als Schauplatz von Aggressionen erkennbar. Während es zum Modell der Idyllendichtung gehört, dass der friedliche Raum als von außen bedroht erscheint, von Naturgewalten oder geschichtlichem Unheil, so sieht Böschenstein das Spezifische an Drostes Idylle darin, dass die Bedrohung hier stets von Innen, vom Grund der Idylle selbst, ausgeht: "Dieses Prinzip der Bedrohung von innen [...] wird in ihrem Werk zu einem generellen Strukturgesetz" - auf eine gültigere Formel lässt sich Drostes Schreiben kaum bringen.

Gleichzeitig ist diese Folgerung zentral für Böschensteins Vorgehen: Alles andere als ein abschließendes Ergebnis, muss eine solche Erkenntnis vielmehr immer wieder zur Neulektüre der Texte führen, wie sie Böschenstein auch über Jahrzehnte hinweg praktiziert hat. In den Aufsätzen des Bandes erscheinen die gleichen Textstellen und Fragen ein ums andere Mal neu gewendet. Wird in den früheren Aufsätzen größeres Gewicht auf die Bedeutung biografischer Sachlagen, wie das Verhältnis Drostes zu ihren Eltern, gelegt, so tritt dieser Bezug in den nachfolgenden Untersuchungen zunehmend in den Hintergrund, ohne ganz zu verschwinden: Die strikte Trennung zwischen "empirischer Person des Autors und seiner textimpliziten Person" greift für Böschenstein zu kurz, und ihre Untersuchungen kreisen nicht zuletzt immer wieder um diesen neuralgischen Punkt, ohne je einfache Lösungen anzubieten. Im letzten Aufsatz des Bandes zum Fragment "Ledwina" pointiert Böschenstein nochmals ihre methodische Vorgehensweise. Literatur ist ihr vor allem Medium anthropologischer Erkenntnis. Lektüre aus psychoanalytischer Perspektive meint für sie nicht den Einblick in die Psyche des empirischen Autors, sondern die Leistung des Autors "in der Erkundung psychischer Tiefenstrukturen und -prozesse." Und hier haben, wie sie wiederholt zeigt, Drostes Texte einiges an Wissen mitzuteilen, nicht zuletzt was ambivalent-erotische Verstrickungen im Familiengefüge betrifft. So geht es ihr auch dann, wenn sie auf das familiäre Beziehungsnetz Drostes zu sprechen kommt, nie darum, Texte als Ausdruck der Psyche der Autorin zu erklären und in dieser Erklärung gewissermassen ruhigzustellen. Vielmehr will sie das Beunruhigende an diesen Texten benennen, freisetzen und so Drostes "Erkenntnismut" würdigen. Dies geschieht nicht zuletzt, indem durchgängig auf intertextuelle Bezüge verwiesen und so nochmals die besondere Radikalität von Drostes Dichtung in den Blick gerückt wird, ihre "grausame Präzision, vor der so viele andere zeitgenössische Dichter zurückscheuen".


Titelbild

Renate Böschenstein: Idylle, Todesraum und Aggression. Beiträge zur Droste-Forschung.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2007.
202 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783895286162

Weitere Informationen zum Buch



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Stand: 22.10.2007 - 12:29:34
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