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Eric Miller schrieb uns am 02.09.2015 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jens Zwernemann: "Man braucht zu verschiedenen Zeiten verschiedene Übersetzungen"
B. K. Tragelehns "zeitgemäße" Neuübersetzung von Shakespeares "Der Sturm"

Ich will ja nicht ueberpedantisch sein, aber es geht hier ja um die Feinheiten, also: es heisst: "ist rounded with a sleep", nicht "by" a sleep.

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 01.09.2015
Thema: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Da bislang außer mir niemand sich zu der offenbar weitestgehend von Yahya Elsaghe verfassten und wiederum mit Zitatmanipulationen und Unwahrheiten hantierenden Replik geäußert hat, halte ich es für angebracht, meine Bemerkungen dazu doch auch hier mitzuteilen:
Klaus Müller-Salget: Bemerkungen zur „Replik von Yahya Elsaghe, Franziska Schößler
                             und Melanie Rohner in der August-Ausgabe von Literaturkritik.de


1. Die Fama von Max Frischs unangefochtener Stellung in der Schweiz ist nachweislich falsch. Man muss ja nur den Stiftungsrat der Max
Frisch-Stiftung fragen. Das Konstrukt vom sakrosankten Nationalschriftsteller lässt den geplanten „Ikonoklasmus“ natürlich viel bedeutender erscheinen.

2. Dass sich mein Vorwurf „zu viel der Selbstvermarktung“ auf Elsaghes Selbstzitate (Hölderlin etc.) bezöge, ist ebenfalls falsch: Es geht um seinen „Epilog“ (E 347-362), der über 15 von 16 Seiten fast wortwörtlich identisch ist mit seinem Beitrag zu Hermann Kortes Max-Frisch-Heft, ohne dass das hier oder da vermerkt würde. Vgl. dagegen in Melanie Rohners Nachwort den korrekten Hinweis, dass und wo es Vorveröffentlichungen gegeben hat (R 260).

3. Die Amerika-Schelte im "Homo faber":
Ich zitiere S. 177, Z.8-20:
"Brief an Marcel. / Marcel hat recht: ihre falsche Gesundheit, [...] ihre obszöne Jugendlichkeit - / Ich ruderte weit hinaus. / Hitze auf dem Meer -/ Sehr allein. / Ich las meine Briefe an Dick und Marcel und zerriß sie, weil unsachlich; [...] -"
Wenn Elsaghe diesen offenkundigen Widerruf nicht als solchen erkennen und anerkennen will, dann darf man wohl an seiner Lesekompetenz zweifeln.

4. Der Inzest in „Homo faber“:
In Avignon ahnt Faber noch nicht, dass „das Mädchen“ seine Tochter sein könnte. Das kommt erst in Rom, wenn er erfährt, dass Hanna ‚Sabeths‘ Mutter ist (+ panisch-unehrliche Rechnereien). Es wäre schön, wenn Elsaghe Geschehensabläufe als solche wahrnehmen wollte (vgl. auch Punkt 3).

5. Der "Mexican boy":
Nicht ich behaupte, "die historischen Figuren hätten mit den Doppelgänger-Jims  in dieser Episode nichts zu tun", sondern Stiller sagt das, indem er den verwirrten Knobel darüber aufklärt, dass er NICHT identisch ist mit dem historischen Höhlenentdecker Jim White von 1901: "'Nein', lache ich, 'das gerade nicht!'" - Schon von daher verbietet es sich, den 'anderen' Jim in Stillers Erzählung mit dem historischen "Mexican boy" von 1901 zu identifizieren, erst recht, weil dieser andere Jim in keiner Weise als fremdartig, mexikanisch, indigen oder dergleichen gekennzeichnet wird. Er ist ein Alter Ego von Stiller, der 'frühere' Stiller, den er überwunden, erledigt haben möchte. - Dass Melanie Rohner von ihrer postkolonialen Perspektive her mit dem "Mexican boy" einen Fund getan zu haben glaubte, kann ich gut nachvollziehen; gleichwohl ist ihr Verfahren philologisch nicht tolerabel.

6. "Andorra":
Dass das Stück sich weder um die Shoah noch um den Antisemitismus drehe, habe ich nicht behauptet, wohl aber, dass es allgemein um ethnische Vorurteile geht - und man dem Stück natürlich vorwerfen kann, dass es den Antisemitismus als nur ein, wenn auch prominentes Beispiel dafür behandelt.
Eine wie auch immer geartete "Umsetzung der Endlösung" ist es natürlich nicht und hat es auch nie sein wollen. Meine Überlegungen zur Problematik des 6. Bildes werden schon in Elsaghes Buch und erst recht in der Replik unseriös verkürzt und entstellt.

7. "Cortez und Montezuma":
Dass ich den Text "systematisch vereindeutigt" hätte, ist unzutreffend. Wem meine Zitate nicht genügen, der möge den ganzen Text lesen und mir Stellen nennen, die meiner Auffassung widersprechen.

8. "Johanna":
Die slapstickhaften Bemerkungen hierzu sollen wohl davon ablenken, dass ich nachgewiesen habe, dass Elsaghes und Rohners Behauptung, von dieser angeblichen Fahnenkorrektur an nenne Faber Hanna Johanna, schlicht falsch ist. Im Übrigen ist es mir neu, dass ein vom Verfasser übersehener Setzerfehler als "passive Autorisierung" gilt; das müsste dann ja auch für den offensichtlichen Fehler auf der vorangehenden Seite ("ein Kind gewünscht") gelten. Auch steht der Satz da nicht als indirekte Rede Hannas, sondern Faber gibt in seinen Worten wieder, was Hanna ihm erzählt hat (Methode „Stiller“)

9. Krebs:
In der Tat kann man über die Gründe für den Krebstod von Prof. O. und Walter Faber streiten, - weshalb ich meine Deutung ja auch als Frage formuliert habe und nicht als "à tout prix" durchzusetzen. Wenn man eine Begründung ablehnt, müsste man sich wohl doch der Frage stellen, warum Frisch denn O. und Faber an Krebs sterben lässt, warum er von Anfang an das Buch als "Bericht eines sterbenden Technikers" (an Peter Suhrkamp, 19.4.1956) geplant hat. Bloß, weil Krebs damals ein beunruhigendes Gesprächsthema war? Und warum Techniker? Wegen der Durchkreuzung von Fabers Glauben an die Berechenbarkeit von allem und jedem?

10. Elsaghe bezeichnet es als perfide, dass ich die methodischen Voraussetzungen der drei Publikationen nicht ins rechte Licht rückte. In der Tat bin ich vor allem an den Ergebnissen interessiert und an einem Abgleich mit Frischs Texten. Schiefe bis falsche Ergebnisse werden ja nicht besser durch den Hinweis auf honorable Methoden (den ich übrigens, Melanie Rohner betreffend, nicht versäumt habe). Bei Elsaghe ist ja wohl das erklärte ikonoklastische Vorhaben das erkenntnisleitende Interesse gewesen.

Wenn Elsaghe meine Kritik als „Auslassungen“ eines unbelehrbaren Frisch-Fans abqualifizieren möchte, will ich ihm das Vergnügen daran nicht rauben. Mir geht es einfach um die Wahrheit.

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Dr. Daniel-Pascal Zorn schrieb uns am 30.08.2015
Thema: Max Beck: Eindeutige Bemerkungen
Hermann Heidegger und das „Zeit“-Feuilleton haben sich verirrt

Insgesamt eine sehr zu begrüßende Kritik der Äußerungen Hermann Heideggers, die deutlich macht, wie unsinnig sein apologetischer Versuch ist und wie verräterisch seine Verwendung von Begriffen wie "Halbjude".

Allerdings muss ich feststellen, dass der Text genau da anfängt herumzueiern, wo es um Heideggers Kritik am NS geht - denn die gibt es natürlich (die Frage ist: in welcher Hinsicht?). Da muss man auch nicht von irgendwelchen "historische[n] und philosophische[n] Falschbehauptungen" schwadronnieren, um dann die vorher vertretene These nochmal zu wiederholen. Unglücklich ist es dann auch, von einer "Pirouette" zu sprechen, wenn man selbst gerade eine vollzogen hat.

Bei Heidegger wie
auch sonst muss man m. E. fragen: In welcher Hinsicht? In welcher Hinsicht ist er "Antisemit"? Und in welcher Hinsicht ist sein Antisemitismus in den Gesamtkontext des NS einzuordnen? In welcher Hinsicht versteht er "Nationalsozialismus" und in welcher Hinsicht kritisiert er ihn? Aus historischer Sicht sind seine Äußerungen z. B. in Briefen ziemlich durchschnittlich antisemitisch für einen Anhänger der konservativen Revolution. Während die Bemerkungen zum "Weltjudentum" - hier liegt Hermann Heidegger nicht ganz falsch - sich zwischen antisemitischer Verschwörungstheorie und einem Pappkameraden "Judentum" hin und her bewegen, der mehr Chiffre für ein Denkproblem als Abbild des rassenideologischen Antisemitismus ist. Wenn man dann weiß, dass Heidegger seit Beginn seiner Vorlesungen solche Pappkameraden verwendet hat, bekommt die Sache einen etwas anderen Drall.

Das entschuldigt ihn keineswegs (wie Ideologien wie Wolin, Kellerer oder Faye immer wieder behaupten), aber es zieht eben dort Differenzen ein, wo ein Ideologiekritiker einfache Bestätigungen seiner einfachen Unterstellung sehen will. Denn wenn man im ideologiekritischen Bestätigungsfehler (Stichwort: Jargon der Eigentlichkeit) alles als Bestätigung der Gegenthese - "Heidegger war Antisemit. Punkt." - liest, tut man der eigenen Kritik keinen Gefallen. Hier hätte ich mir eine differenziertere Auseinandersetzung gewünscht, wie sie ja dank Luca Di Blasi, Peter Trawny oder Donatella Di Cesare vorliegt.

Auch die bissige Bemerkung gegen den "geneigten Leser", dem der "kritische Leser" gegenübergestellt wird, bleibt etwas unklar - denn natürlich muss man einen Autor erst einmal verstehen, bevor man ihn kritisiert (sonst landet man eben im Bestätigungsfehler der Ideologiekritik) - und umgekehrt kann man nicht von Vorneherein den Autor von jeder Schuld freisprechen. Ich empfehle dann immer, den Umstand zu bedenken, dass man ein und denselben Text aus mehreren Perspektiven lesen und die dann vergleichen kann. Das ist meistens klüger und übrigens auch produktiver, als sich auf ein false dilemma von "zustimmend" vs. "ablehnend" einzulassen.

Unangenehm für die - wie gesagt - ansonsten durchgängig zustimmungswürdige Kritik ist, dass sie denselben Fehlschluss wie Hermann Heidegger im Negativen wiederholt: apology bzw. guilt by association. Denn genausowenig, wie der Umstand, dass man jüdische Freunde hat, einen vom Vorwurf des Antisemitismus entlastet (weil es keinen kausalen Zusammenhang geben muss zwischen dem einen und dem anderen), ist es überzeugend, fortlaufend die rechten Postillen zu erwähnen, in denen Hermann Heidegger seine Meinung veröffentlicht. Man wiederholt den Argumentationsfehler des Gegners - und stellt damit die "kontra" gerichtete Ideologiekritik mehr aus, als das eigene bessere sachliche Argument.

Der letzte Satz verrät dann leider das gesamte sachliche Argument mit einem Streich - wenn man nämlich, die eigene moralische These a priori gesetzt, alle, die eine gegenläufige These vertreten, zu umfangreicher Abbitte verpflichten will. Das versteht nicht, dass die Verantwortungsübernahme, die hier gefordert wird, bereits durch die Nennung des Gastautors stattgefunden hat - und verrät zudem den latenten Wunsch, solche Meinungen gar nicht mehr zu Wort kommen zu lassen. Genau das widerspricht dann aber genau der Stärke dieser Kritik - denn sie ist nur möglich und kann als solche wertvoll sein, WEIL die Meinung Hermann Heideggers veröffentlicht wurde. Wer den Gegendiskurs um jeden Preis stillstellen will, macht sich zudem selbst jenes totalitären Denkens verdächtig, das er damit eigentlich kritisieren will (das ist eben die Crux einer Ideologiekritik, die z. B. Adorno nie ganz eingeleuchtet hat).

Das nächste Mal würde ich etwas weniger mit Unterstellungen und mehr mit dem gegebenen Textbefund arbeiten. Mich hat schon das Argument gegen Hermann Heideggers Apologie-Fehlschluss und sein LTI-Vokabular in diesem Kontext überzeugt - man muss dieses überzeugende Argument nicht durch eigene Fehlschlüsse schwächen.

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Dr.Armin Erlinghagen schrieb uns am 25.08.2015
Thema: Max Beck: Eindeutige Bemerkungen
Hermann Heidegger und das „Zeit“-Feuilleton haben sich verirrt

„Aber er hat ja gar nichts an!“ sagte endlich ein kleines Kind.
Die apologetischen Einlassungen Hermann Heideggers zu Gunsten seines Vaters Martin Heidegger (wie in mehreren Presseorganen, zuletzt in der ZEIT veröffentlicht) können nicht unwidersprochen bleiben. Nach gründlicher Lektüre von bisher drei der vier veröffentlichten Bände von Heideggers sog. „Schwarzen Heften“ (1931–39; 1942–48) gelange ich – als Schüler eines Heidegger-Schülers, als kritischer Leser der Schriften Heideggers, als langjähriger Philosophielehrer und Ausbilder von Philosophielehrern, gleichwohl  n i c h t  professioneller Philosoph – bei der Beurteilung der Sache zu anderen Ergebnissen:

1) Die akademische Philosophie macht es
sich allzu leicht, wenn sie die Diskussion von Heideggers „Schwarzen Heften“ auf die Frage nach dessen Antisemitismus beschränkt, jedenfalls auf diese fokussiert. In Frage steht, folgt man Heideggers eigenen philosophischen Prämissen, nicht der Antisemitismus Martin Heideggers als Person, sondern der nationalsozialistische Charakter seiner Philosophie, deren inhärenter Antisemitismus in der Tat ein untergeordneter Aspekt dieser Philosophie ist – kein „randständiger“ allerdings, wie von Heideggers Sohn behauptet, sondern ein signifikanter.

2) Die von Hermann Heidegger angeführten Argumente gegen den vielfach behaupteten Antisemitismus Martin Heideggers fallen kaum ins Gewicht. Unabhängig von dem zweifelhaften Wahrheitsgehalt der genannten Punkte im Einzelnen – seine Argumente stehen nicht auf dem Stand der historischen Forschung, seiner Argumentation mangelt es an logischer Plausibilität – gehören sie zu jenem Typus vermeintlicher Entschuldigungen, durch die selbst prominente Akteure des Holocaust sich darauf berufen, sie hätten persönlich „nichts gegen Juden gehabt“ und mit dem jüdischen Nachbarn oder Kollegen  „einen freundlichen Umgang gepflegt“ o. ä. Was besagt beispielweise die geltend gemachte Freundschaft von Heideggers Ehefrau mit einer „Halbjüdin“, wenn jene durch die Briefe ihres Ehegatten sich als glühende Anhängerin Adolf Hitlers erweist, so dass, beispielsweise, die angeblich mangelnde nationale Gesinnung Karl Jaspers’ auf den Einfluss seiner jüdischen Ehefrau zurückgeführt wird? Oder: Stellt ein Antisemit von echtem Schrot und Korn seinen Antisemitismus erst dadurch unter Beweis, dass er gegen die Attraktivität einer schönen und klugen Jüdin gefeit ist? Oder: Muss auch noch der Name des Philosophen Karl Löwith, der als einer der ersten eine viel beachtete Kritik der Heideggerschen Philosophie formulierte, zur Widerlegung von Heideggers Antisemitismus herhalten, nur weil der Exilierte als Person großmütig genug war, nach dem Kriege den Kontakt mit seinem akademischen Lehrer wieder aufzunehmen? Für die Opfer des Holocaust und die Überlebenden ist es von geringem Interesse, ob Heideggers wiederholten Ausfälle gegen alles Jüdische („der Jude Fränkel“ u. a. m.) antisemitischer oder antijudaistischer Herkunft sind oder ob sein Ressentiment gegen Juden rassistisch oder „seynsgeschichtlich“ motiviert ist: Ohnehin werden, da der Meisterdenker das Schicksal des sog. Weltjudentums in seinsgeschichtlicher Perspektive den diversen „Machenschaften“ der Neuzeit subsumiert, die Akteure der industriellen Massenvernichtung der Juden samt ihren Vordenkern jeder persönlichen Schuld enthoben, weshalb es Heidegger denn auch überflüssig erschienen sein mag, die Opfer des Holocaust zu beklagen – ganz im Gegensatz zu dem an der Ostfront geopferten „deutschen Blut“.

3) Die (teils inhaltlichen, teils strukturellen) Korrespondenzen zwischen zentralen Versatzstücken der nationalsozialistischen Ideologie und Heideggers Philosophie, auf die u. a. bereits Günther Anders hingewiesen hat, sind unübersehbar und m. E. nach Vorlage der „Schwarzen Hefte“ auch kaum mehr bestreitbar. Bewundernswert ist die Treffsicherheit, mit der Karl Jaspers als ausgewiesener Psychopathologe aufgrund der späteren Schriften Heideggers bereits in den 60er Jahren solche in den „Schwarzen Heften“ manifest werdenden Korrespondenzen namhaft machte, wenn er „die Denkungsart derer, die den Nationalsozialismus mit Enthusiasmus ergriffen – das Diktatorische, das Behauptende, das sich überlegen Dünkende, das eine allein Wahre, die Neigung zum Absurden, die primäre Aggressivität, Verneinung, der Machtwille [...] in der Philosophie Heideggers und seiner Anhänger [...]“ namhaft macht („Notizen zu Martin Heidegger“. 1978, Notiz 251). Alle diese Merkmale der späteren Philosophie Heideggers und ähnliche sind in den „Schwarzen Heften“ vielfach belegbar. Gewöhnlich wird dabei so verfahren, dass vorgefundene nationalsozialistische Konstrukte wie „Volk ohne Raum“ nicht, wie zu erwarten, kritisiert, sondern durch die angeblich einzig angemessene, nämlich „seynsgeschichtliche“ Interpretation allererst legitimiert werden – eine Art Nationalsozialismus de luxe –, so wie denn auch der exaltierte Nationalismus und Chauvinismus der Nazis durch die Sonderrolle, die Heidegger der deutschen Sprache zuweist, nur in sublimierter Form wiederkehren. In der Tat unterscheidet sich das Denken Heideggers in der Sache nur graduell – durch die elaborierte Form ihrer Begründung nämlich – von dem Antiintellektualismus, Immoralismus und Voluntarismus Adolf Hitlers, wie sie spätestens durch Hermann Rauschnings „Gespräche mit Hitler“ bekannt wurden (Auszüge in „Die Wandlung“, H. 8/1946). Der Inbegriff der Gewaltsamkeit von Heideggers Denken,

– das in autistischer Manier sich selbst von den Regeln der Logik dispensieren zu können meint;
– das sich selbst als unkritisierbar konstituiert;
– das nichts außer dem von ihm selbst dekretierten engen Corpus kanonischer Schriften gelten lässt,
– das wortreich Schweigsamkeit postuliert –

liegt in dessen Umgang mit der deutschen Sprache, mit der er, wie totalitäres Handeln mit Menschen und Sachen überhaupt, nach Gutdünken verfahren zu können meint. Die Hässlichkeit der von dem angemaßten Dichter Heidegger produzierten sprachlichen Grotesken – usurpatorische Eingriffe in unser aller Sprache – ist das Signum ihrer Unwahrheit.

4) Die akademische Philosophie, die in Teilen ein halbes Jahrhundert lang die Investitur des philosophischen Kaisers Martin Heidegger inszenierte und seine Inthronisation zum „Ausnahmephilosophen“ zelebrierte, verschließt sich, so weit ich sehe, beharrlich der nach der Publikation seiner Notizhefte unausweichlich gewordenen Einsicht, dass dieser Kaiser nackt ist, seine Blößen notdürftig bedeckt durch ein Lumpenkleid – Patchwork – aus den Versatzstücken alttestamentarische Prophetenbücher, früheste griechische Philosophie, Hölderlin, Kierkegaard, Nietzsche (alle höchst eigenwillig interpretiert), darüber hinaus: süddeutsche Heimatliteratur, journalistische Polemik (oftmals nazistischer Herkunft), sowie mehr oder minder zufällige Lesefrüchte disparater Natur, im Bedarfsfalle auch Karl Marx. Die in Teilen der Forschung stereotyp wiederkehrende Behauptung des außerordentlichen Rangs von Heideggers Philosophie, angeblich ausgewiesen durch die Wirkungsgeschichte seines Denkens, sollte im Hinblick auf die „Schwarzen Hefte“ einer Revision unterzogen werden (warum sollte der Autor philosophischer Schriften frei sein von jenen Affekten und Ressentiments, durch die seine philosophischen Notizhefte allenthalben geprägt sind?). Handelt es sich bei der Rede seit Mitte der 30er Jahre propagierten Rede von dem „letzten Gott“, der kommenden Rückkunft der verlorenen Einheit mit dem „Seyn“, noch um Philosophie und nicht vielmehr um eine säkulare Prophetie? Überhaupt: Wie können die gängigen Deutungen von Heideggers früher Philosophie Bestand haben, wenn der Autor selbst die vorliegenden Interpretationen zu einem einzigen Missverständnis erklärt und seine frühe Philosophie, deren rhetorischen Gestus ausgenommen, retrospektiv im Sinne seiner späten Philosophie umdeutet?

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Joachim Landkammer schrieb uns am 25.08.2015
Thema: Max Beck: Eindeutige Bemerkungen
Hermann Heidegger und das „Zeit“-Feuilleton haben sich verirrt

Ja, das mag man alles so denken und auch noch aufschreiben und dann auch noch publizieren. Aber interessant ist es genauso wenig wie es originell ist. Schlimmer aber: es ist nicht ganz durchdacht und intellektuell unredlich, wenn das denn heißen würde, daß man zu jedem "Ja" oder "Nein", das man denkt (schreibt/veröffentlicht) auch immer das "Aber" dazudenken (...schreiben/veröffentlichen) sollte. Das sei hier andeutungsweise nachgeholt: ja, der offenbar weltkriegstypisch zwangsmilitarisierte Sohn des Philosophen ist kein besonders glaubwürdiger Verteidiger seines Vaters, wahrscheinlich schon aus Gründen professioneller Unzuständigkeit nicht. Aber: muß man ihm deswegen das Wort verbieten? Hat er nicht das Recht, aus seiner wie immer partiellen familiären Sicht seinen "Senf" zur öffentlichen Debatte dazuzugeben? Man muß diesen ja nicht ernster nehmen als andere sippenhaftenden Apologien. Ja: die Verwendung des Wortes "Halbjude" ist hoch fragwürdig. Aber: bei der Rekonstruktion von historischen Haltungen wird man auch das "technische" Vokabular der Zeit benutzen müssen, und man kann Heidegger junior zwar vorwerfen, daß er jede Verwendung dieses Worts mit einer distanzierenden Klausel á la "wie das damals hieß" hätte einklammern müssen, aber nicht, daß damit nicht die (ja nachprüfbare, wichtige) These aufgestellt worden wäre, daß Heidegger senior damals Kontakt zu als regimefeindlich eingestuften Personen hatte. Ja, das macht ihn noch lange nicht zum Regimekritiker, es ist auch noch keine Widerlegung seines Antisemitismus, aber: doch offenbar eine Differenz zu den 100%igen Nazis, die es ja auch gab. Also: ein schwaches Argument, aber kein völlig vernachlässigbares. Und ja: natürlich ist Heidegger nicht nur Antisemit, sondern auch anti-modern, wie das eben Antisemiten oft waren. Aber: vielleicht ist er ja erst in zweiter Linie Antisemit, weil er in erster Linie und mit gewichtiger philosophischer Begründung eben anti-modern ist. Auch das "entlastet" ihn natürlich keineswegs, aber es fühlt sich etwas schwerer an, diese fundamentalkritische Haltung zu widerlegen; denn während es nicht nur richtig, sondern auch relativ leicht ist, heute "gegen Antisemitismus" zu sein, ist es bedeutend schwerer, ein rückhaltloser Freund der "Moderne" zu sein. Die Auseinandersetzung mit Heideggers Antisemitismus müßte aber dann genau den Weg über die Infragestellung seines Antimodernismus gehen; wer diesen Weg scheut, macht es sich gern mit dem Antisemitismus-Verdikt viel zu leicht, zumindest: leichter als es eben ist.
Ja: ein vermutlich überflüssiger Text des Sohnemanns. Aber: warum es ein Problem sein soll, daß in der ZEIT neben vielen kritischen Stimmen (davon sicher auch einige überflüssige) auch diese zu Wort kommt, und zwar "ohne Distanzierung", also wohl ohne die pädagogische Warnung der Redaktion "Achtung Achtung, Sie verlassen jetzt den politisch korrekten Sektor", erschließt sich nicht: "alles ein ganz demokratischer Diskurs, versteht sich", sagen die Autoren süffisant. Ja, aber: genau das ist es.

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 19.08.2015
Thema: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Ich schlage vor, meine Besprechung noch einmal in Ruhe zu lesen, meine Argumente anhand der Bezugstexte zu überprüfen und dann zu einem sachgerechten Urteil über Machart, Wahrheitsgehalt und Überzeugungspotenzial der Replik zu kommen. Im Übrigen stehe ich für Rückfragen gerne zur Verfügung. Klaus Müller-Salget

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Hansjörg Dodenhöft schrieb uns am 18.08.2015
Thema: Christian Begemann: Erschriebene Ordnung
Adalbert Stifters "Nachsommer"

Eine sehr lesenswerte "literaturkritik". Gründlich, verständlich. Mir hat sie geholfen, das umfangreiche Opus nicht bei Seite 80 beiseite zu legen, sondern mich weiter "durchzuarbeiten". Besten Dank!

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Katja Kunst schrieb uns am 12.08.2015
Thema: Rolf Löchel: Von Menschen und Hunden
Doris Lessing enttäuscht zweimal mit postapokalyptischem Tier-Kitsch

Liebe Redaktion,
ich möchte eine Ergänzung zu dem im Artikel besprochenen Buch "Mara und Dann" hinzufügen. So ist in Bezug auf die Geschlechterrollen nicht nur auffällig, wie sehr die ProtagonistInnen in sehr klischeehaften Geschlechterrollen geschildert werden. Hinzu kommt eine immer wieder ziemlich klar hervortretende Homophobie.
So gehen die Frauen zwar zum Teil Liebesbeziehungen mit Frauen ein - dies aber immer nur zum "Zeitvertreib" oder aus einem Mangel an - geeigneten - Männern. Sexuelle Beziehungen zwischen Männern kommen nur in gewaltförmiger Gewalt vor, indem Dann Opfer von Vergewaltigung wird.
Da wäre es vorzuziehen, es würden ausschließlich herterosexuelle Beziehungen geschildert.
Dafür aber entscheidet sich Lessing nicht. Durch die Art und Weise, wie gleichgeschlechtliche Beziehungen im Roman geschildert werden, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein Bedürfnis der Autorin ist, die Bedeutung dieser Beziehungen entweder zu marginalisieren (bei den Frauen) oder zu dämonisieren (bei den Männern). Sehr unerfreulich!
Mit freundlichen Grüßen
K. Kunst

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Wolfram Malte Fues, Prof. Dr. phil. schrieb uns am 15.07.2015
Thema: Jacqueline Thör: In die Wiege gelegt
Ein Blick auf die (Sprach-)Arbeit Nora Gomringers, die der Einladung von Sandra Kegel nach Klagenfurt folgt

Felix Philipp Ingold scheint mit seiner scharfen Kritik am Tun und Lassen heutiger Literatur-Jurys ("volltext" 3/2014) je länger je deutlicher Recht zu bekommen. Nora Gomringer ist eine geübte und geschickte Performerin; zieht man von ihren Texten die Performance ab, bleibt mittelmässige bis schlechte Lyrik übrig. Die Damen und Herren in Klagenfurt müssen allmählich nicht nur von allen guten Geistern, sondern auch vom Geist verlassen sein.

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Edhofer Peter schrieb uns am 28.06.2015
Thema: Stefan Jäger: Egger ging durch’s Gebirg
„Ein ganzes Leben“ auf 150 Seiten: Robert Seethaler ist mit seinem kurzen Roman ein kleines Meisterwerk gelungen

Nein, das ist kein guter Roman:
- sprachlich nich, z.B. der leise fallende Schnee (was soll er sonst tun?), der prasselnde Ofen o.ä.
- inhaltlich nicht: er schildert ein falsches Leben im falschen und will wohl so die Leser zur Anpassung an die Austeritätspolitik auch in der BRD
anregen (die Stoa war immer schon reaktionär).
Nein, das ist ein erzreaktionärer Roman.
MfG Peter Edhofer

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marianne brentzel schrieb uns am 23.06.2015
Thema: Friederike Gösweiner: Apokalypse-Elegie
Valerie Fritschs zweitem Roman „Winters Garten“ fehlt es an thematischem Gehalt und sprachlicher Präzision

Danke für den präzisen Beitrag zu einem verschwommenen, irgendwie auch unpassenden Apokalypse-verschnitt. Es gab so viele positive Rezensionen, dass ich mit wachsendem Erstaunen  das Buch selbst gelesen habe und gar nicht begeistert war.
Es ist gut, dann eine so klare Einschätzung zu finden.

Marianne Brentzel

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aldo haesler schrieb uns am 22.06.2015
Thema: Gunnar Kaiser: Nichts als Gerede
David Graeber und Tomáš Sedláček verkennen das Wesen des herrschenden Systems – folglich gehen ihre Analyse und ihre Lösungsvorschläge fehl

Dass das rezensierte "Buch" ein typisch editorisches Machwerk ist, gedruckt, um fette Zahlen zu produzieren und einmal mehr jeden Zahnarzt über das voranschreitende Chaos zu erbauen, scheint ausser Zweifel zu sein. Es ist Gerede, wie Kaiser zu Recht sagt. Doch seine Kritik greift genauso kurz, wie das kritisierte Machwerk und vieleicht noch kürzer. Er assimiliert kurzerhand Kapitalismus mit freiem Markt, hält also den Grossdenkern des Chaos' vor, eine solche Freiheit kritiklos vorauszusetzen und damit gegen den Kapitalismus zu wettern. Doch, so frei sei der Markt gar nicht, sagt uns Kaiser. Er legt Zahlen vor, welche attestieren sollten, dass es vielmehr der Staat sei, der den ganzen Unfug anrichte und benützt dazu einen willkommenen Begriff: Korporatismus. Der Eindruck entsteht, hier ereifere sich ein zu kurz Gekommener, der auch gerne sein Sandkorn in die Krisendebatte geworfen hätte, nur sei da kein Hanser-Verlag gewesen, der ihm seine Ideen abgenommen hätte. Dem könnte man ohne weiteres mit anderen Zahlen erwidern, und mit Fakten, die heute, Montag, 22. Juni, wo es einmal mehr Griechenland an den Kragen geht, mit gleichem Recht gezückt werden können wie die seinen. Dass womöglich doch die Finanzwelt bestimmend sein könnte, und nicht der Staat, darauf kommt der Autor mit keiner Silbe zu sprechen. Schlägt er den Machern Graeber & Sedlacek, ihr Gerede marktkonform zu verschachern, so ist sein eigenes Gerede nicht einmal der Rede wert.

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Cornelia Lange schrieb uns am 18.06.2015
Thema: Angela Lorenz-Ridderbecks: Zwischen historischem Roman, Geschichtserzählung und zynischem Märchen
Passend zur 25-Jahrfeier des Mauerfalls: Ken Folletts „Kinder der Freiheit“

Hallo!

Ich lese gerade Ken Follets Roman "Sturz der Titanen", nachdem ich "Kinder der Freiheit" begeistert gelesen habe.

Ich würde mich sehr gerne an einem Diskussionsforum zur Thematik beteiligen.

Ihre Kritik, Frau Lorenz-Ridderbecks, kann ich so nicht ganz teilen. Ich finde, Ken Follet schreibt faszinierend und in einem sehr guten, leicht verständlichen Stil. Jedenfalls kein Vergleich zu E.L. James´ "Shades of Grey" - einfach nur grauenhaft schlechter Stil...

Ich finde auch, dass Ken Follett hervorragend recherchiert hat, im Bezug zur Historik, sodass die Fakten aus der Geschichte sich brilliant mit seinen erfundenen Figuren vermischen.

Jedoch hätte ich ihm selbst
am liebsten geschrieben, dass die Recherche über das Leben in der DDR ziemlich unzureichend war. Denn vieles war ganz anders. Ich wage sogar zu behaupten, dass ein Mensch, der nie in der DDR gewesen ist und/ oder dort gelebt hat, sich kein realistisches Bild darüber machen kann.

Dennoch alle von mir bisher gelesenen Romane von ihm sind faszinierend für Menschen, die sich für Geschichte einschließlich der Deutschlands interessieren, und helfen dabei, sich ein ganz neues Bild über die Geschehnisse zu machen, besonders denjenigen, denen die allumfassende Sichtweise durch eine totalitäres Regime verwehrt wurde. Sie helfen auch, Einblicke in politische Denkweisen zu gewinnen.

Wenn ich darin lese, fühle ich mich zurück versetzt in diese Zeiten.

Mit freundlichem Gruß

Cornelia Lange

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Beatrice Alder schrieb uns am 16.06.2015
Thema: Oliver Pfohlmann: Silberblick und Liebeskegel
„Beschädigte Schönheit“: Lorenz Jäger legt eine „Ästhetik des Handicaps“ vor

.... eigentlich... könnte dieser Denkansatz einen wichtigen Beitrag zur Reflektion über die menschliche Unvollkommenheit bilden, wäre da nicht die ausschliessliche Optik des Begehrens und erst noch nur jene der männlichen Vereinnahmung.
Beatrice Alder, Buchhändlerin und Politikerin, Basel

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Prof. Dr. Norbert Mecklenburg schrieb uns am 14.06.2015
Thema: Thomas Anz: Dante und Heidegger
Zur Juni-Ausgabe von literaturkritik.de. Mit Anmerkungen zur Situation wissenschaftlicher Mitarbeiter an deutschen Universitäten und unserer Zeitschrift – aus gegebenem Anlass

Bestürzt und – über unsere Hochschulgermanisten-Zunft – beschämt lese ich die Mitteilung von Thomas Anz, Jan Süselbeck, ein Jahrzehnt lang, als Nachfolger von Lutz Hagestedt, der es vom Verlagslektor zum Ordinarius geschafft hat, Redaktionsleiter von „literaturkritik.de“, promovierter und habilitierter Germanist, in seiner Wissenschaftler-Generation ein herausragender produktiver und kritischer Kopf, sei seit einem Monat „arbeitslos“. Was kann einer mehr tun, um eine gesicherte akademische Stelle an einer deutschen Uni zu erhalten, als eine glänzende Diss über Arno Schmidt, eine bahnbrechende literatur- und medienwissenschaftliche Habilschrift über Kriegsdarstellung zu schreiben, Bücher über literarische Topographien der Gegenwart, Generationengeschichte im Spiegel der  modernen Literatur herauszugeben, zahlreiche philologische und 350 (!) literaturkritische Aufsätze zu publizieren? Thomas Anz macht dafür eine „unverantwortliche Personalpolitik an deutschen Hochschulen“ verantwortlich. Es könnte noch hinzukommen, dass die Mentalität vieler derzeitig über Nachwuchsstellen verfügender Germanisten nicht gerade dem entgegenkommt, was Jan Süselbeck vorbildlich wie wenige andere repräsentiert: Germanistik nicht als „Wissenschaft des nicht Wissenswerten“, als philologischer Elfenbeinturm oder akademisches Karrierefeld, sondern als öffentliche, eingreifende Wissenschaft, die ein praktisches und kritisches Erkenntnisinteresse verantwortlich wahrnimmt. Es wäre zu wünschen, dass diejenigen unter unseren KollegInnen, die sich solch ein Erkenntnisinteresse nicht haben wegmachen lassen, verantwortlich und solidarisch darum bemühten, Jan Süselbeck der Uni-Germanistik zu erhalten.

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Brigitte Beyer schrieb uns am 12.06.2015
Thema: Niels Penke: Parasit Hoffnung
Lena Andersson Roman „Widerrechtliche Besitznahme“ über die Illusionen einer einseitigen Liebe

Lena Andersson, Widerrechtliche Inbesitznahme, altes Thema, nix neues, da gibt es tiefergehende Literatur, aber gut geschrieben! Wieso bekommt man für ein solches Allerweltsthema einen Preis ? Oder gerade darum ? Weil es Mainstream-(Anti-)Frauenliteraur bedient ? Die Charaktere wie gehabt: der egomanische Künstler, die pseudoemanzipierte intellektuelle Schleimspurschnecke, das nette Muse-chen. Gehts noch eine Spur weniger klischeehaft ? Das erinnert mich leider an meine Mutter (Jahrgang 1929), die kolportierte, dass sie im Unterricht zum Thema Goethe und die Frauen (immerhin !) gelernt hatte: "Der brauchte das". Jaja, das künstlerische Genie. Hermann Hesse häts gefreut.

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Andreas Solbach schrieb uns am 09.06.2015 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Andreas Solbach: Bekannte Unbekannte
Eine neue kritische Ausgabe von Christine Lavants Gedichten

Sehr geehrter Herr Hofer
Vielen Dank für Ihre Präzisierung.

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Lukas Hofer schrieb uns am 09.06.2015
Thema: Andreas Solbach: Bekannte Unbekannte
Eine neue kritische Ausgabe von Christine Lavants Gedichten

S.g. Herr Solbach!                                                      Als ein an Literatur interessierter Kärntner möchte ich Sie darauf hinweisen, dass die von Ihnen in dem Artikel "Bekannte Unbekannte" besprochene Dichterin Christine Lavant, anders als Sie behaupten, ihr Pseudonym nicht nach dem Tal ihrer Heimatgegend, sondern nach dem durch dieses Tal fließenden, etwa 72 km langen Gewässer wählte. So trägt auch die 1989 bei Ammann, Zürich, verlegte Lavant-Biographie Ingeborg Teuffenbachs, einer der Porträtierten besonders nahestehenden Freundin, den Titel: "Gerufen nach dem Fluss".

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Christoph Schmitz schrieb uns am 03.06.2015
Thema: Sebastian Schreull: Was tun mit Heidegger?
Zum 83. Band der Gesamtausgabe, den Heidegger-Jahrbüchern 4 und 5 sowie dem Heidegger-Handbuch unter Berücksichtigung der Debatte um die „Schwarzen Hefte“

Heidegger ist nicht leicht zu lesen und, wenn man sich doch die Mühe macht, nicht für jeden leicht zu ertragen. Der aufmerksame Leser ist nicht auf die krassen Formulierungen der "Schwarzen Hefte" angewiesen, um Heidegger als politisch bedenklich, ja manchmal gar als ekelhaft zu entlarven. Selbst einem dem "principle of charity" verschreibenen Leser fällt es schwer, den "Brief über den Humanismus" als in irgendeiner Form gelungene Apologie der Verstrickungen in den Nationalsozialismus zu lesen: Seltsam irrational auflodernder Nationalismus macht diesen Text zu einem Zeugen der Vermählung politischer Blindheit und philosophischem (Pseudo-?)Tiefsinns, deren Rechtfertigung das eigentliche Vergehen erst spürbar macht.
/> Sebastian Schreulls Sammelrezension zur Debatte um Heidegger lädt ein, diesen und andere haarsträubende Äußerungen mit Bedacht zu kritisieren und ein umfassendes philosophisches Werk, dessen Wirkung unbestreitbar sein dürfte, nicht aus Gründen feuillitonistischer Marktschreierei ad acta zu legen.

Diesem Ansinnen des Autors kann ich nur zustimmen. Denn Pauschalurteile sollten niemals akademisches Werkzeug sein, da macht die Philosophie keine Ausnahme. Es überrascht zwar nicht, in der Presse auf radikale Forderungen im Umgang mit problematischen Denkern zu stoßen, allerdings bleibt auf das wirkungslose Verpuffen derselben zu hoffen. Denn die nicht abbrechende Debatte um die Rolle Heideggers im Nationalsozialismus und des Nationalsozialismus im Heidegger läuft an verschiedenen Aspekten fehl, die ich dem Aufsatz Schreulls unter kurzen Stichworten hinzufügen möchte:

Heidegger vs. "Heidegger"

Die Frage, inwieweit nun der Nationalsozialismus oder diesem verwandte Gedankenelemente Teil des Heideggerschen Textkorpus sein, ist eine schwer zu beantwortende Frage, die auch nach Veröffentlichung der "Schwarzen Hefte" wohl nicht eindeutig geklärt werden kann. Schuld daran ist neben der schwierigen Sprache dieser Schriften auch ein systematisches Problem: das Verhältnis von Autor und Werk.

Die Dichotomie zwischen beiden Begriffen ist ein in der Literaturwissenschaft wohlbekanntes Problem, dessen schärfste Analyse aus der Feder Foucaults stammt. Das Problem bezeichnet die Unstimmigkeiten, die sich ergeben, wenn man einem Autor (als Person) einen gewissen Textkorpus zuschreibt und beides aneinander abgleichen will. "Goethe zu lesen und zu interpretieren" ist ein gängiger Ausdruck. Werk und Autor als eine solche Einheit zu sehen, wie wir es nicht nur in der alltäglichen Kommunikation, sondern auch in der akademischen stets postulieren, ist aus verschiedenen Gründen problematisch: Was ist Teil des Werkes, was nicht? Wie kann man einem Autor überhaubt die Urheberschaft eines Textes einwandfrei zuschreiben? Was bedeutet es überhaupt, einen Text im Hinblick auf die Intention des Autors zu interpretieren?

Genau diese Fragen stellen sich speziell bei der Diskussion um Heidegger, sind aber im allgemeinen Ursprung vieler Verwirrungen im Gebiet der Geschichte der Philosophie. Wann benutzen wir einen Autornamen als Abkürzung für einen bestimmten Textkorpus, wann aber verwechseln wir dies mit der aktuellen Person des Autors? Der Kurzschluss, jeden Text Heideggers als Beleg für seine nationalsozialistische Gesinnung zu sehen, scheint in diesem theoretischen Dilemma seinen Ursprung zu haben. Es ist zwar aus philosophischen Gründen geboten, einem Text zunächst seine Kohärenz zu unterstellen, dieses hermeneutische Prinzip aber auf ein Gesamtwerk auszuweiten, dass im Laufe von mehreren Jahrzehnten entstanden ist, scheint bestenfalls naiv. Das gilt nicht nur für Heidegger, sondern auch für Arbeiten zu anderen Philosophen und ihren Werken. Es erscheint jedesmal etwas seltsam, wenn jemand die "Kritik der reinen Vernunft" entschlüsselt zu haben glaubt, weil er in einem Jahre später verfassten Text Kants eine Fußnote entdeckt hat, die das wirkliche Verständnis der reinen Apperzeption ermöglicht. Tatsächlich stellen sich solche Fragen gar nicht, denn es geht nicht um das, was Kant gedacht hat. Das ist unmöglich zu rekonstruieren und wissenschaftlich höchst irrelevant. Die Frage sollte vielmehr sein, welche philosophischen Implikationen das "Ich: muss alle meine Gedanken begleiten können" überhaupt hat.

Für Heidegger gilt das ebenfalls: Natürlich glaubt man nun mit Bemerkungen aus den "Schwarzen Heften", endlich einen einfachen Schlüssel für das Werk namens "Heidegger" gefunden zu haben, vertauscht aber in dieser Annahme Autorenname und Textbezeichnung. Damit begeht man nicht nur einen methodischen Fehler, sondern man beraubt sich auch der mächtigsten Waffe, die man gegen jedwede nationalsozialistische "Theorie" besitzt: Sie argumentativ zu negieren.

Argumentative Armut

Schreull zeigt in seinem Text sehr schön, wie erleichtert viele scheinen, Heidegger nun endlich ruhigen Gewissens ignorieren zu können. Bei genauerem Bedenken jedoch ist eine solche Herangehensweise ein Nackenschlag für jedweden aufklärerischen Anspruch. Denn die Frage, ob sich aus den verschiedenen Schriften Heideggers totalitäres Gedankengut herauslesen lasse, ist keine triviale. Sie zielt auf das Herz einer jeden Schrift Heideggers und stellt eine hermeneutische Herausforderung dar, die nicht einfach zu meistern ist. Gefordert ist eine sachliche Auseinandersetzung mit Heideggers Argumenten, seiner Aufassung der "Seinsvergessenheit" der abendländischen Metaphysik und die seltsame, manchmal naiv anmutende Sehnsucht nach einer ursprünglichen "Lichtung des Seins".

Tiefe Einsicht in das Wesen der (deutschen) Sprache paart sich oft mit einer erschreckenden Naivität hinsichtlich der aus Sprachspielen gewonnen "Erkenntnisse". Sicherlich, Heideggers Neigung zu ungewohnten Umformulierungen und sein Spiel mit morphologischen Formen verspricht tiefe Einsicht in Begriffe und Verhältnisse zwischen diesen, die wir mit der Alltagssprache nicht leicht fassen können. Doch dieser Heideggersche Trick ist nicht immer überzeugend und bleibt manchmal nicht nur leer, sondern in seiner Abhängigkeit von bestimmten grammatikalischen Mustern der deutschen Sprache auch oft abhängig von seinem sprachlichen Kontext.

Ob diese möglichen Anlässe zur Kritik an "Heidegger" allerdings auch einen möglicherweise faschistoiden Grundton dieser Schriften herausarbeiten können, sei dahin gestellt und kompetenteren Vertretern des Fachs überlassen. Klar ist aber, dass eine Auseinandersetzung, die sich mit einer Verurteilung und anschließender Degradierung begnügt, keine antifaschistische Arbeit leistet, sondern diese vielmehr verweigert. Denn wenn "Heideggers" Denken tatsächlich zu solchen Folgerungen führt oder führen kann, ist es entscheidend, die jeweiligen Wegmarken aufzuzeigen und argumentativ zu entlarven.

Die schlichte Missachtung jeglicher als faschistoid zu bezeichnender Literatur ist dahingehend gefährlich, dass der Missachtende ihr im Moment der Begegnung keinerlei argumentative Gegnerschaft bieten kann und daher nur die kalte, stumme Stirn zu zeigen imstande ist. Das scheint einer Kapitulation näherzukommen als dem erhofften Widerstand.

Eine ernste Kritik an Heidegger kann zeigen, dass Philosophie als Wissenschaft von den Bedingungen des Menschseins nicht unpolitisch sein kann, sondern sich ihren Implikationen stellen können muss. In diesem Sinne ist Philosophie stets in der Welt. Und damit müssen wir umgehen.

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Norbert Mecklenburg schrieb uns am 26.04.2015 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Norbert Mecklenburg: Zeugnis, Empathie, Trauer
Kritische Notizen zu Literatur über den türkischen Genozid an den Armeniern

Die Wut des Briefschreibers, dessen Buch ich negativ bewertet habe, ist verständlich. Seine beiden sachbezogenen Hinweise sind aber falsch: 1. 'Aghet' bzw. 'Aghed' wird auch von namhaften Forschern wie Marc Nichanian ("Writers of Disaster"), den ich in meinem Essay erwähne, verwendet. 2. Seine Behauptungen über die Balakians sind falsch. Um das einzusehen, hätte er nur Peter Balakians "Black Dog of Fate" lesen müssen.

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Penyamin Ehmalian schrieb uns am 25.04.2015
Thema: Norbert Mecklenburg: Zeugnis, Empathie, Trauer
Kritische Notizen zu Literatur über den türkischen Genozid an den Armeniern

An Herrn Norbert Mecklenburg,
es ist immer das gleiche Spiel von denjenigen, die denken, sie können über uns Armeniern Begriffe erfinden über unseren Köpfen hinaus. Was bedeutet den Aghet-Literatur? Es gibt für uns kein Aghet-Literatur oder Aghet-Thema.
Aghet bedeutet "Katastrophe", darunter sind auch Naturkatastrophen zu verstehen. Die Überlebenden des Völkermords nannten - weil es damals das Begriff Genozid nicht gab -  den Völkermord von 1915 "Medz Yeghern" und das bedeutet "Große Verbrechen". Ein Verbrechen geschieht immer durch Menschenhand.
Irgendwann vor Jahren benutzte auch der U.S. Präsident Obama den Begriff "Medz Yeghern" und die türkischen Journalisten
der armenischen Wochenzeitung "Agos" in Istanbul übersetzten es auf türkisch als "Büyük Felaket - Große Katastophe". Jahre danach lief ein Dokumentation im deutschen Fernsehen mit dem Titel "Aghet - Ein Völkermord". Ich begreife nicht was das alles sein soll? Und Sie, Herr Mecklenburg, denken wohl auch, ohne sich darüber gründlich zu informieren, dürfen Sie Begriffe benutzen wie es Ihnen beliebt. Im westlichen Welt sitzt ja schon seit jahrhunderten  die Gedanke fest, dass man  mit den Armeniern tun kann was man will.
In Ihrem Artikel sind viele falsche Informationen vorhanden: Diran Balakian war zu keiner Zeit der Großvater von Peter Balakian, der hieß nämlich Grigoris Balakian und wurde 1915 selber deportiert. Sein in armenisch verfasstes Buch "Armenische Golgotha", wobei er als deportierte seine Erlebnisse zu Papier brachte, ist meiner Überzeugung nach einer der besten über den Medz Yeghern. Es ist ein Meisterwerk, es ist herzzerreißend. In Ihrem Artikel meinen Sie wohl den Diran Kelekian, er war ein Arzt, Grigoris Balakian war ein Geistlicher.
Über mein Buch schreiben Sie dass es oberflächlich, künstlich und durch Geschwätzigkeit umfangreicher autobiografischer Migrationsroman ist. Ihrer nicht zutreffenden Meinung aller Ehren. Doch, Sie schreiben ja selber, dass es ein Migrationsroman ist, und das stimmt. Es ist auch ein Liebesroman und ein Roman gegen Rassismus, das ich am eigenen Leib im türkischen Militär erlebt habe. Sie haben mein Buch wahrscheinlich nicht durchgelesen.Ich habe darin den Völkermord im zusammenhang mit den weltpolitischen Ereignissen erwähnt. Ich könnte ausführlicher schreiben, es sind über dieses Thema viele Artikel von mir veröffentlicht worden, doch das war nicht das alleinige Thema des Buches. Dass Sie aber mein autobiografischer Roman als "geschwätzig" bezeichnen, überzeugt mich davon, dass ihre ganze Artikel geschwätzig ist und dass Sie denken, sich Ihrer akademischen Titel versteckend,alles erlauben dürfen.
Ihre ganze Artikel ist darüber hinaus heuchlerisch, doppelmoralisch, literarisch nichts Wert für mich. Und der Gipfel ist, dass Sie am Schluss schreiben: "Dass allein durch diesen Gestus Literatur, die zum Aghet-Gedenken beiträgt, humanes Gewicht erhält, ist die Überzeugung, die dem vorligenden Essay zugrunde liegt."
Darüber lachen selbst die Hühner und ich erlaube Ihnen, mich über mein Grammatik und Rechtschreibung auszulachen. Glauben Sie mir, alles was Sie denken und schreiben interresiert mich nicht im geringsten.

Penyamin Ehmalian

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Felix Sprang schrieb uns am 15.04.2015 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Felix Sprang: Geist ruht nicht aus
Neue Sonettübersetzungen von Claus Eckermann und Alexander Giese

Lieber Herr Gutsch,

ganz herzlichen Dank für Ihren Leserbrief. Ich hatte mit Absicht das etwas vage "gut siebzig" verwendet, da eine genaue Zählung der Gesamtübersetzungen mit Schwierigkeiten verbunden ist: einige sind im Selbstverlag erschienen, einige wurden verändert wieder aufgelegt. Aber das wissen Sie besser als ich. Auf die Übersetzung von Frank Günther sind wir natürlich schon alle gespannt. Und vielen Dank, dass Sie mich - und die Leser - auf das Enstehungsdatum von Alexander Gieses jetzt publizierter Übersetzung aufmerksam gemacht haben.

Mit herzlichem Gruß

Felix Sprang

Sind Sie im April in Berlin auf den Shakespeare-Tagen?

Mit freundlichen
Grüßen

Felix Sprang

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Dr. Karl Corino schrieb uns am 12.04.2015
Thema: Peter Mohr: Gralshüter des Sozialismus
Vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Stephan Hermlin geboren

Der Artikel von Peter Mohr ist im Allgemeinen recht informativ, transportiert aber immer noch eine Reihe von Mythen.
Dazu gehört, Hermlin sei der Sohn großbürgerlich-wohlhabender Eltern. Der Vater David Leder hatte bis zu seiner Internierung als feindlicher Ausländer während des I. Weltkriegs laut Chemnitzer Adressbuch ein Geschäft für Woll- und Baumwollabfälle. Der staatlich eingesetzte kommisarische Verwalter teilte der Mutter Hermlins, Lola Leder, während der Kriegsjahre so wenig Geld zu, dass sie ihm drohte, ins Wasser zu gehen. Ungerührt stellte er ihr frei, dies zu tun (Bericht von Hermlins Schwester Ruth Frenkel). So also sah die großbürgerliche Herkunft Hermlins aus.
Zu den von Peter Mohr transportierten
Mythen gehört auch der Eintritt Hermlins in die KPD. Bezeugt ist durch die Schwester Ruth Frenkel und durch Hermlins Jugendfreund Hobsbawm, dass Hermlin in den frühen 30er Jahren Mitglied des Sozialistischen Schülerbunds war. Von seiner Schwester dafür geworben warb er auch Hobsbawm und veröffentlichte in der Zeitschrift dieses SSB "Der Schulkampf". Wegen eines Artikels vom Januar 1932 wurde er vom Gymnasium relegiert. Die Verfolgten des Naziregimes in der DDR konnten in  einem Gutachten aus dem Jahre 1957 keine Verbindung Hermlins mit der KPD in  den Jahren 1933 - 36 feststellen.
Zu den Mythen Hermlins gehört weiterhin, seine Beziehung zu Honecker stamme aus dem gemeinsamen antifaschististen Widerstand. Wie die Verfolgten des Naziregimes in einem Gutachten von 1957 feststellten, habe ihre Recherche ergeben, dass Hermlin  bis zur Emigration 1936  n i c h t "am organisierten Kampf gegen den Faschismus teilnahm". Die Beziehung zu Honecker stammte nach dessen Erinnerung aus Begegnungen bei der FDJ in den  späten 40er Jahren. Wegen dieses ausdrücklichen Nicht-Engagements ist es logisch, dass die VdN die Verleihung eines Ordens an Hermlin für antifaschistische Verdienste ablehnte.

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Dr. Peter Hamel schrieb uns am 06.04.2015
Thema: Walter Delabar: Untergangsgeschichten
Hans-Jürgen Schmelzer schreibt mit „Meines Vaters Felder. Biografie einer Landwirtsfamilie“ seine Familiengeschichte

Durch Zufall habe ich dieses Buch auf Mallorca in die Hand bekommen und danach nicht mehr los gelassen. Das Buch ist gut, spannend und sehr authentisch! Viele Belege werden dazu beigebracht. Der ziemliche Verriss dieses Buches durch einen "Literaturkritiker" Walter Delabar, der einmal wieder alles besser weiß, ist unfair und typisch für einen Spätnachkriegsgeborenen, der unfähig ist, sich in die damalige nationalsozialistischen Randbedingungen und Bedrohungen hineinzuversetzen. Und absolut unsachliche Vorwürfe über Judenverfolgungsignoranz passen natürlich perfekt dazu. Dagegen hat der Autor alle Aspekte dieser schwierigen Zeit geschildert und miterlebt, bis zum bitteren Ende des Krieges als Siebenjähriger auf der Flucht.  Also, das Buch ist sehr empfehlenswert und eben auch für die Jugend!

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Wulf Segebrecht schrieb uns am 03.04.2015
Thema: Walter Delabar: Platz auf dem Nippesregal
Jan Wagner erhält den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 in der Rubrik Schöne Literatur – aber was bringt das der Lyrik?

Sehr geschätzter Herr Delabar, da stimmt etwas nicht mit Ihrem Nippesbefund. Noch nie wurden doch so viele Gedichte öffentlich bekannt gemacht, gelesen und diskutiert wie heute. Schauen Sie auch gelegentlich ins Internet? Und das ist alles durchaus nicht nur gefühlig und erkenntnisverweigernd. Auch in der herkömmlichen Form des gedruckten Buches gibt es ja außerordentlich erfolgreiche Lyrikbände: Ulla Hahn beispielsweise oder Robert Gernhardt. Dass freilich, aufs Ganze gesehen, Gedichtbände im Buchhandel nur eine „Nebenrolle“ spielen, ist weder verwunderlich noch empörend: Kaufen Sie denn regelmäßig Gedichtbände einzelner Autoren? Anthologien dagegen erscheinen durchaus in hohen Auflagen (Conrady, Detering, Hahn, Reiners u.a.). Und dass Lyrik in der Presse „nahezu unsichtbar“ sei, kann man nun wirklich nicht sagen. Sie wird vielmehr vergleichsweise (nimmt man nämlich ihren Anteil an der Gesamtproduktion der Bücher zum Maßstab) in der Presse geradezu bevorzugt durch Gedichtabdrucke, Rezensionen und Interpretationen. In diesen Beiträgen wird immer wieder darüber nachgedacht, warum man dieses oder jenes Gedicht lesen sollte, und gefragt, wozu Lyrik eigentlich gut ist. Die Antworten fallen notwendigerweise sehr verschieden aus, was Sie ja auch erwähnen. Aber auch die Erwartungen an Lyrik sind höchst verschieden und nicht ohne weiteres und von vornherein verwerflich. Lassen Sie uns also weiter darüber reden als Verächter oder als Apologeten der Lyrik, die sich nun einmal nicht über einen Leisten schlagen lässt.

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Wolfram Malte Fues, Prof. Dr. phil. schrieb uns am 31.03.2015
Thema: Walter Delabar: Platz auf dem Nippesregal
Jan Wagner erhält den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 in der Rubrik Schöne Literatur – aber was bringt das der Lyrik?

Lieber Herr Kollege Delabar

was wollen Sie denn nun eigentlich? Gar keine Lyrik? Eine andere Lyrik? Falls ja, was genau für eine? Benn und Brecht noch mal, aber in die Welt- und Gesellschafts-Sicht des bürgerlichen Realismus ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verpackt?

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Ron Winkler schrieb uns am 31.03.2015
Thema: Walter Delabar: Platz auf dem Nippesregal
Jan Wagner erhält den Preis der Leipziger Buchmesse 2015 in der Rubrik Schöne Literatur – aber was bringt das der Lyrik?

Sehr geehrter Professor Delabar,
darf ich erfahren, auf welche Textkenntnis sich Ihre Betrachtungen stützen? Je mehr ich schaue, desto stärker habe ich den Eindruck, Sie stützen sich allein auf allgemeine Extrapolationen feuilletonistischer Perspektiven und medialer Hitzigkeit. Ich lese leider viele Allgemeinplätze, etwa "Was ist aus all dem geworden, was in der Lyrik vor allem Spaß gemacht und Erkenntnis gebracht hat?" Ich sehe sehr, dass dieses durchaus zu finden ist. Auch Welthaltigkeit, auch Denkweltreichhaltigkeit.
Mit freundlichen Grüßen, Ron Winkler

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Bernd Willimek schrieb uns am 22.03.2015 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Geret Luhr: Was sie schon immer über das Verhältnis von Tönen und Emotionen wissen wollten
Robert Jourdain und die Frage, wie Musik im Kopf entsteht und wirkt

Zur Strebetendenz-Theorie gibt es jetzt einen Wikipedia-Artikel:

http://www.de.wikipedia.org/wiki/Daniela_Willimek

Bernd Willimek

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Jürgen Gutsch schrieb uns am 11.03.2015
Thema: Felix Sprang: Geist ruht nicht aus
Neue Sonettübersetzungen von Claus Eckermann und Alexander Giese

Nur ein kleiner Nachtrag zur Statistik, lieber Herr Sprang, der auch Ihre Verwunderung über die Jugendlichkeit des 92-jährigen Alexander Giese etwas erklärt. Alexander Gieses Übersetzung entstand vor 1975, also vor 40 Jahren, und erschien in einem Privatdruck in ebendiesem Jahr. Ich weiß nicht, wieviele Exemplare es gab, die großen Bibliotheken kennen das Buch nicht, ich hab auch nur ein Zufallsexemplar im Antiquariat gefunden. Eigentlich jung war Giese auch damals nicht mehr, 54, aber doch jünger als heute. Unter den Gesamtübersetzungen der Sonette ins Deutsche ist Gieses Arbeit die Nummer 49 zwischen Carl Korth (auch diese nur als Privatdruck) und Martin Flörchinger. Der alte Text von Alexander Giese ist nicht identisch mit dem neuen von 2013, es gibt zahlreiche Veränderungen, leider nicht nur Verbesserungen - und offensichtlich nicht nur solche, die auf Herrn Giese selbst zurückgehen. - Claus Eckermanns Übersetzung erschien 2012 und ist die Nummer 73 der Gesamtübersetzungen, Markus Marti liegt mit 71 und 72 davor, denn er hat das Werk ja zweimal übersetzt (siehe http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14810. Inzwischen stehen wir bei Nummer 76 (Eric Boerner, Hans Singer, Bernd Jähnig), in Wahrheit aber eigentlich schon bei Nummer 79, denn die Übersetzungen von Thomas Eichhorn, Frank Günther und Rolf Zumbühl liegen, wie ich weiß, fertig in der Schublade, sind nur noch nicht publiziert. Ich würde mich nicht wundern, wenn auch das nur eine zu geringe Gesamtzahl wäre, denn nichts als die Bibel wurde häufiger ins Deutsche übersetzt - und das in nur gut 200 Jahren, während die Bibel immerhin ins Althochdeutsche hinunterreicht.
Mir herzlichem Gruß, Jürgen Gutsch (jgutsch[at]arcor.de)

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