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Thorsten Schulte schrieb uns am 12.10.2014
Thema: Erhard Jöst: Verdiente Verrisse?
Bernhard Schlinks Roman „Die Frau auf der Treppe“ in der Kritik

Man kann sich wundern, welche Sendungen im Fernsehen die höchsten Einschaltquoten erlangen. Man kann sich ebenso wundern, welche Bücher gerne gekauft werden. Doch Erhard Jöst wundert sich, weshalb ein erfolgreiches Buch negative Kritiken erhalten kann. Wer so schnell die Bestsellerliste emporsteigt, der muss gut sein. Jöst möchte das Buch loben und versucht es auch. Schnell scheint der Rezensent gemerkt zu haben, dass sein Ziel schwer zu erreichen ist. Er erkennt eine „Gratwanderung entlang der Grenze zum Kitsch“. Jöst kritisiert, dass es nur „ansatzweise gesellschaftskritische Diskussionen“ gibt. Er kritisiert die mangelhafte Glaubwürdigkeit des historischen Kontexts. Jöst kritisiert „die Figurenzeichnung, die Handlungskonstruktion“ und kommt dennoch zum Schluss, dass der Erfolgsautor all diese Kritik nicht verdient hat. Er kritisiert die Kritiken und kritisiert selbst. Das klingt wie Verzweiflung. Erhard Jöst hat sein Ziel nicht erreicht. Er sollte einsehen, dass es – wie er selbst zitiert – nur ein Buch ist, das höchstens „gefällig zu unterhalten weiß“.

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Bernd A. Laska schrieb uns am 15.08.2014
Thema: Roman Halfmann: Weltprozess nach dem Hiatus
Über Peter Sloterdijks „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne“

Nachdem ich gut ein Dutzend Besprechungen des Buches gesehen habe, stelle ich an der vorstehenden von Halfmann eine bemerkenswerte Besonderheit fest: sie ist die bisher einzige, in der der Name Stirner fällt. Bemerkenswert ist dies, weil Stirner der Autor ist, mit dem sich Sloterdijk in diesem Buch am intensivsten befasst (452-470), der Autor, auf den er mit  vielerlei labyrinthischen Umwegen zusteuert, um ihn am Ende als den einzigen zum Thema einschlägigen Denker herauszustellen: Bereits bei Stirner, in dessen 1845 erschienenem Werk "Der Einzige und sein Eigentum", so Sloterdijk, "erreicht das schreckliche Kind der Neuzeit seine Reflexionsgestalt." (468) Halfmann geht auf diese zentrale These des Buches nicht ein. Deshalb mögen ein paar ergänzende Hinweise von Nutzen sein.

Was wurde aus dieser Reflexionsgestalt in den folgenden gut eineinhalb Jahrhunderten? Wurde sie als solche erkannt? Wurde sie weiterentwickelt? Sloterdijk hält sich da an ein Werk, dessen Autor beansprucht, die Rezeptionsgeschichte von Stirners "Einzigem" in Hinblick auf ihre Bedeutung für die Gegenwart dargestellt zu haben, auf rund 1000 Seiten: Alexander Stulpe, "Die Gesichter des Einzigen" (2010). Sloterdijk zitiert zustimmend, welche Gesichter, welche "Masken moderner Subjektivität" laut Stulpe dem "Einzigen", dem "schrecklichen Kind der Neuzeit", zur Auswahl standen und stehen: "Anarchist, Übermensch, Psychopath, Sozialist, Kleinbürger, Intellektueller, Faschist, Genie, Paranoiker, Bohemien, Satanist, Existentialist, Individualist, Terrorist, Mittelständler, Totalitarismus-Kritiker, Solipsist, Prophet, Nihilist, Metaphysiker." (469) Es gibt wohl noch weitere. Demokrat etwa? Eine Note fügt Sloterdijk hinzu: "Die Gutmenschenverspottung auf deutschem Boden beginnt im Herbst 1844." (469) Gehören also die Gutmenschen nicht zu den schrecklichen Kindern der Neuzeit?

Der Clou bei Stulpes Gewaltakt ist die Methode. Er arbeitet, da sich explizite Stirner-Anhänger historisch kaum finden lassen, fast ausschliesslich mit Hilfe der "Askription". Schon Friedrich Engels schob um 1890 den um die Gunst der Arbeiterschaft konkurrierenden Anarchisten den geächteten Stirner per Zuschreibung unter, mit Erfolg: allenthalben wird Stirner noch heute Anarchist genannt. Der Marxist Hans G. Helms erklärte dann 1966 ("Die Ideologie der anonymen Gesellschaft", 600 S.) ebenso unbelegt Stirner zum heimlichen Erzideologen von  Faschisten und Nationalsozialisten - und auch von deren Erben im damaligen Westdeutschland. Auch er hatte damit insofern  Erfolg, dass nicht wenige ihn ernst nehmen, darunter auch Sloterdijk (465f). Und 2010 askribiert Stulpe allen möglichen Figuren (s.o.) Stirnerianismus und stempelt den  grassierenden Pseudoindividualismus des Westens zu unbewusstem  Kryptostirnerianismus. Den Mangel an Belegen erklärt er so: "Stirner ist heute vergessen, weil der Einzige selbstverständlich geworden ist." (zit. 469 n.)

Sloterdijk nimmt nun bereitwillig an, dass Stulpe in seinem "breitangelegten Werk" diese "These" ausgiebig "entfaltet " hat. Doch diese These steht gegen alle ideenhistorische Evidenz. Das 20. Jahrhundert wurde nun mal, was Sloterdijk mit Stulpe völlig ausblendet, ganz offenkundig ideologisch nicht von Stirner geprägt, sondern von seinen massenwirksamen Intimfeinden Marx und Nietzsche. Die Pointe des Vorgehens von Sloterdijk liegt dann darin, dass er zwar intuitiv Stirner als Schlüsselfigur der "Neuzeit" resp. "Aufklärung" wahrgenommen, ihn aber zum säkularen Bösen, zu einer Art Fürst der Finsternis stilisiert hat. Anders interpretiert, böte Stirner jedoch den Schlüssel zum Verständnis des historischen Vorgangs, den Sloterdijk ins Visier nehmen wollte: die Selbstsabotage der Aufklärung, deren Resultat einem mit den "schrecklichen Kindern" ins Auge springt.

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Ingeborg Gollwitzer schrieb uns am 12.08.2014
Thema: Roman Halfmann: Weltprozess nach dem Hiatus
Über Peter Sloterdijks „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne“

So könnte man wohl nahezu alle Schriften Sloterdijks überschreiben: "Achselzucken des Zyniker". Das ist es, was Sloterdijk seinen Lesern zumutet: Denn, was nützt es, wenn er was Richtiges denkt, oder gar, wie hier etwas Wichtiges feststellt, wenn die meisten es überhaupt nicht verstehen bzw. nachvollziehen können. Warum hängt er nicht, endlich menschenfreundlich geworden, am Ende seine Texte eine allgemein verständliche Zusammenfassung an.

Man sollte Bücher, die die Allgemeinheit dringend angehen und die aus purer Eitelkeit des Autors (fast) niemand verstehen kann, überhaupt nicht veröffentlichen.

Denn das Thema ist eines der wichtigste unserer Zeit: Es ist, als ginge ein Riss durch einen Erdteil und
man könnte die Kommunikation nicht mehr herstellen - und das Auseinanderdriften hat obendrein eine unglaubliche, nie zuvor erreichte Geschwindigkeit.

Das alles wird noch insofern auf die Spitze getrieben, dass kaum jemand diesen Riss realisiert. Eigentlich müssten ja sonst wenigstens leichte Panik und Rettungsversuche aufkommen. Stattdessen lebt man einfach so weiter wie immer. Denn auch Sloterdijk hat ja in dieser Hinsicht nichts Ersprießliches anzubieten.

Ingeborg Gollwitzer

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Johannes Molitor schrieb uns am 30.06.2014
Thema: Redaktion literaturkritik.de: Das Versagen der Eliten angesichts des Ersten Weltkriegs: Heinrich Manns unterschätzter Roman „Der Kopf“ in einer von Michael Stark bearbeiteten Studienausgabe

Keine Rezension? Ist oder war Heinrich Mann denn ein regelmäßiger Mitarbeiter von literaturkritik.de? Oder ein Angehöriger der Universität?
Schön, ich weiß schon, dass es um Herausgeber Michael Stark geht. Aber wieso des Herausgebers wegen auf eine Einschätzung des Romans verzichtet werden muss, will mir nicht in den Kopf. Es sei denn, man fürchtet, die doch wohl unvermeidbar negative Bewertung der 'Kopf'-Arbeit (eine Art Strafe für den Leser) könne zur kritischen Frage an  den Herausgeber führen: War das wirklich nötig?

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Renate Schauer schrieb uns am 24.06.2014
Thema: Luise F. Pusch: Die Kunst des Weglassens
Eine furchtbare Kurzbiografie über Stefan Zweig

Mich würde brennend interessieren, was die Redaktion des Hörbuch Hamburg zu ihrem Text sagt! "Glättungskünstler" haben gelegentlich die Vision, nirgends anecken zu wollen ... Aber hier ist das nicht erklärlich.
Renate Schauer

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Joseph Plichart schrieb uns am 21.06.2014
Thema: Jan Süselbeck: Halluzination eines philosophischen Rätsels
Peter Trawny und das deutsche Feuilleton wundern sich über Martin Heideggers Antisemitismus

Als ehemalige Student François Fédiers möchte ich den Vergleich mit dem sogenannten "‚sekundären‘ Antisemitismus" widersprechen. Alle die, die den Heidegger-Experten François Fédier persönlich kennengelernt haben, wissen dass er ein Gegner des Antisemitismus ist. Dieser Vergleich beruht bestimmt auf einem Missverständnis. Im Artikel der "Zeit" sprach Fédier nicht von einer "Kritik am Judentum" sondern von "Erwähnung des Wortes Judentum" in den Schwarzen Heften. Nach seiner Meinung gibt es eigentlich bei Heidegger keine direkte Kritik am Judentum. Nur habe er Juden und Kommunisten im Zusammenhang mit einer Kritik an jedem Dogmatismus gleichgesetzt. Heidegger habe ausdrücklich in den Schwarzen Heften erklärt, seine Aussage habe mit Antisemitismus nichts zu tun, und diesen „töricht“ und „verwerflich“ genannt.

Mit freundlichen Grüssen
Joseph Plichart

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Gil schrieb uns am 16.06.2014
Thema: Johannes Schmidt: Meister der Miniatur
Über Tobias Prempers absurd-schönen Erzählband „Durch Bäume hindurch“

Wunderschön geschrieben ^^
Habe eine Rezension bei Google zu diesem Buch gesucht und bin hier rauf gestoßen.
Hat mich mehr als nur überrascht und nach den Zweifeln die ich eben noch hatte bin ich mir jetzt sicher, dass es wohl lesenswert ist.
Werde es morgen gleich in der Buchhandlung suchen,allein die beiden Stellen die hier erwähnt wurden gehen unter die Haut.

Frohes Schaffen weiterhin!

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Volker Heigenmooser schrieb uns am 02.06.2014
Thema: Monika Grosche: Lebensgefühl einer Kriegsjugend
Rechtzeitig bevor sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal jährt, veröffentlichte der Wallstein Verlag mit „Jahrgang 1902“ ein heute nahezu vergessenes Anti-Kriegsbuch aus dem Jahr 1928

Danke für den Hinweis auf ein wichtiges Buch, Ernst Glaesers "Jahrgang 1902".
Ernst Glaeser eine ideologische Wendung zu unterstellen, scheint mir allerdings etwas verkürzt zu sein. Woher hat die Rezensentin diese Information? Vom Herausgeber Christian Klein? Dann hätte sie das schreiben sollen.
Abgesehen davon bin ich der Meinung, dass die Gründe für die Rückkehr Ernst Glaesers aus dem Exil in der Schweiz ins nationalsozialistische Deutschland noch der genaueren Analyse bedürfen. Seine Sicht hat er übrigens im Roman "Glanz und Elend der Deutschen" beschrieben und dort das Verhalten seiner Romanfigur, die ebenso wie der Autor ins Kriegsdeutschland zurückgekehrt war, zu erklären versucht. Wichtig wäre
in diesem Zusammenhang die Rolle der Kommunisten zu untersuchen, die gerade auch im Exil mit ihnen nonkonforme Emigranten durchaus wirkungsvoll attackierten. Zu diesen Attackierten gehörte z. B. auch der mit Glaeser im Kontakt stehende (befreundete?) Bernard von Brentano, der ein ähnliches Schicksal wie Glaeser hatte.
Freundliche Grüße
Volker Heigenmooser

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Bernd Nitzschke schrieb uns am 18.05.2014 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Bernd Nitzschke: Sag mir, wo die Blumenkinder sind. Wo sind sie geblieben?
Klaus Maria Brandauer spielt in Antonin Svobodas Film über Wilhelm Reich endlich den Mann, in den er sich schon in den 1960er Jahren verknallte

Bernd A. Laska „wirft“ am Ende seines Leserbriefs „die Frage auf“, warum „ er [Nitzschke], wie Freud, die ‚wissenschaftlichen Gründe’ des Konflikts Freud vs. Reich – hier wie andernorts – nicht näher benennen will“. Außerdem moniert er, ich hätte „nur am Rande und verkürzt“ darauf hingewiesen, „dass Reich auf Drängen Freuds aus der DPG und damit aus der IPV ausgeschlossen wurde“. Schließlich behauptet er, es seien „nicht primär politische Gründe – appeasement gegenüber der NS-Regime in Deutschland“ – gewesen, die zu Wilhelm Reichs Ausschluss aus den psychoanalytischen Organisationen geführt hätten. Das, so Laska, „erhellt schon daraus, dass der Ausschluss […] so konspirativ wie möglich erfolgte und öffentlich nur […] in der Verbandszeitschrift bekannt gegeben wurde. Primär waren für Freud, wie er in einem Brief schrieb, ‚wissenschaftliche Gründe’. Dieser Konflikt zwischen Freud und Reich schwelte seit Mitte der Zwanziger Jahre, und Freud verweigerte beharrlich eine Stellungnahme.“

Die Besprechung eines (Spiel-)Films, der sich mit Reichs letzter Lebensphase beschäftigt, in der er sich gänzlich der Orgonomie verschrieben hatte, ist selbstverständlich nicht der Ort, an dem Reichs Konflikt mit Freud detailliert zu erörtern wäre. Ich bin – anderes als Laska unterstellt – auf diesen Konflikt andernorts mehrfach eingegangen. Um nur zwei Beispiele zu nennen: (1) Bernd Nitzschke, „Ich muß mich dagegen wehren, still kaltgestellt zu werden“. Voraussetzungen, Umstände und Konsequenzen des Ausschlusses Wilhelm Reichs aus der DPG/IPV in den Jahren 1933/34. In: K. Fallend, B. Nitzschke (Hg.): Der ‚Fall’ Wilhelm Reich. Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik. Frankfurt/M. 1997; Neuausgabe: Giessen 2002. (2) Unter besonderer Berücksichtigung der als Begründung für Reichs Ausschluss von Freud angeführten wissenschaftlichen Gründe: Bernd Nitzschke, Wilhelm Reich und der Nationalsozialismus: die Geschichte der Psychoanalyse einmal anders betrachtet. Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen 68. Jahrgang, 2014.

Laska behauptet, der „Konflikt zwischen Freud und Reich schwelte seit Mitte der Zwanziger Jahre“. Bis Ende 1930 gab es zwischen Freud und Reich keinen „Konflikt“. Gelegentliche Einwände Freuds im Zusammenhang mit – aus Freuds Sicht – allzu einseitigen Auffassungen Reichs bewegten sich im Rahmen des wissenschaftlichen Diskurses und waren – vergleicht man sie mit den in den Protokollen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung (WPV) festgehalten kritischen Äußerungen Freuds gegenüber anderen Kollegen – außerordentlich milde, ja geradezu freundschaftlich. Bis Ende 1930 hatte Reich zudem den Posten des Leiters des Technischen Seminars der WPV inne, eine für die Ausbildung der nachwachsenden Psychoanalytiker-Generation außerordentlich wichtige Position. Nachdem er sich vor Reichs Übersiedelung nach Berlin noch einmal mit ihm besprochen hatte, schrieb Freud an Reich am 10. Oktober 1930: „[…] wir haben in unserer Unterhaltung ausgemacht dass Ihre zeitweise Übersiedlung nach Berlin nicht den Verlust Ihrer Stellungen in Wien zur Folge haben soll […].“ Freud war zu diesem Zeitpunkt also noch immer bereit Reich die Leitung des Technischen Seminars erneut anzuvertrauen, sollte Reich eines Tages nach Wien zurückkehren. Als Freud Reich dies zusicherte, war längst bekannt, dass Reich sich als Marxist verstand: 1929 hatte er in der Zeitschrift „Unter dem Banner des Marxismus“ eine Abhandlung über „Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse“ veröffentlicht und im Oktober 1930 hatte er sich für die österreichische Nationalsratswahl in Wien als Kandidat der KPÖ aufstellen lassen.

Laska behauptet: „Primär waren für Freud, wie er in einem Brief schrieb, ‚wissenschaftliche Gründe’“, die zu Freuds Forderung führten, Reich aus der IPV ausschließen zu lassen. Aus einen Brief Anna Freuds vom 27. April 1933 an Ernest Jones, Präsident der IPV, geht deutlich hervor, welche wissenschaftlichen Gründe Freud veranlassten, Reichs Ausschluss zu fordern. In diesem Brief heißt es, Reich habe jetzt in Wien „politische Reden mit psychologischem Anstrich“ gehalten. „Was das in heutigen Zeiten für die analytische Vereinigung bedeuten kann, weiß jeder. […] Reich wünscht eine offizielle wissenschaftliche Stellungnahme zu seinen Arbeiten. Mir scheint, der Wunsch ist berechtigt, und seine Erfüllung könnte nur wohltätig wirken, denn sie müßte unbedingt zur Abgrenzung der wirklichen Psa. von der Reich’schen Psa. führen. Mein Vater […] kann nicht erwarten, Reich als Mitglied loszuwerden. Ihn beleidigt die Vergewaltigung der Psychoanalyse ins Politische, wo sie nicht hingehört.“

Das sollte an dieser Stelle festgehalten werden: Freud warf Reich nicht dessen politisches Engagement vor. Das kannte (und tolerierte) er seit langem. Freud warf Reich jetzt eine Vermischung politischer Gesinnung mit wissenschaftlichen (sprich: psychoanalytischen) Positionen vor. Das geschah – anders als Laska in seinem Leserbrief behauptet – aber nicht, nachdem er einen „Artikel Reichs, in dem dieser Freuds Todestriebtheorie kritisierte“, gelesen hatte, vielmehr nachdem Freud über einen am 19. Dezember 1931 von Reich am Berliner Institut gehaltenen Vortrag („Die sexuelle Ökonomie des masochistischen Charakters“) informiert worden war, den Otto Fenichel, ein mit Reich befreundeter Freudomarxist, der diesen Vortrag in der „Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse“ veröffentlichen wollte (Fenichel war Redakteur der Zeitschrift, wurde aber kurze Zeit später auf Geheiß Freuds von diesem Posten abberufen).

Das war der Ausgangspunkt des Konflikts, der zu Reichs Ausschluss führen sollte Am 1. Januar 1932 notierte Freud erstmal in seinem – „Kürzeste Chronik“ genannten – Tagebuch: „Langer Magenanfall – Schritt gegen Reich.“ Kurz darauf schrieb Freud empört an Max Eitingon, den Vorsitzenden des Berliner Instituts, Reich und Fenichel missbrauchten psychoanalytische „Zeitschriften für bolsch[e]w.[istische] Propaganda“. Und Ferenczi teilt er wenig später mit, Reich vertrete jetzt den „Unsinn […], was man für Todestrieb halte, sei die Tätigkeit des kapitalistischen Systems“.

Nachdem sich die politische Situation in Deutschland nach dem Regierungsantritt Hitlers dramatisch geändert hatte, ließ Eitingon Reich wissen, „er möchte unsere Institutsräume nicht mehr betreten, damit, falls er verhaftet werden würde, dies nicht in unseren Räumen geschehen könne“. So steht es in einem Bericht, den Felix Boehm – ab November 1933 ‚arischer’ Nachfolger Eitingons im Amt des DPG-Vorsitzenden – für den IPV-Präsidenten Ernest Jones verfasst hat. Bereits im April 1933 hatte Boehm Freud in Wien besucht, der ihm beim Abschied diesen Auftrag erteilte: „[…] ‚befreien Sie mich von Reich’“ (Freud – zit. n. Boehms Bericht an Jones). Freud schrieb damals erleichtert an Eitingon, Boehm habe zugesagt, „Reich, der jetzt in Wien stänkert, ausschließen zu lassen. Ich wünsche es aus wissensch. Gründen, habe nichts dagegen, wenn es aus politischen geschieht, gönne ihm jede Märtyrerrolle.“

Die Distanzierung von Reich war unbedingt notwendig, wollte man die psychoanalytischen Institutionen im NS-Staat erhalten. Dazu heißt es im Bericht Boehms an Jones: „Bekanntlich war Reich häufig öffentlich als Kommunist und Psychoanalytiker aufgetreten, wobei er seine Ansichten als Ergebnisse der Psychoanalyse hingestellt hatte. In unzähligen Flugschriften war in Berlin vor Reich gewarnt worden. Gegen dieses Vorurteil hatte ich zu kämpfen“. Wenn Laska schreibt, dass der Ausschluss Reichs aus der DPG/IPV „nicht primär politische Gründe“ hatte, ließe sich dies Äußerung im Lichte der hier kurz skizzierten historischen Ereignisse so kommentieren: Die von Freud angeführten „wissenschaftlichen Gründe“ bezogen sich primär auf einen Vortrag Reichs, der dann doch noch in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse veröffentlicht wurde. Freud hatte darin eine unzulässige Vermischung marxistischer und psychoanalytischer Positionen wahrgenommen. Diese „wissenschaftlichen Gründe“ vermischten sich mit den „politischen Gründen“, die Freud ausdrücklich guthieß und die 1933 den Ausschlag gaben, Reich so rasch wie möglich auszuschließen. Reichs Ausschluss wurden den NS-Machthabern sofort gemeldet. In Boehms Bericht an Jones heißt es dazu: „Bei all meinen Schritten hat mir die Stellungnahme Freud’s vorgeschwebt, es solle durchaus versucht werden, das Werk der Ps.A. in Deutschland aufrecht zu erhalten und keiner Behörde eine Handhabe für ein Verbot unserer Tätigkeit gegeben werden.“

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Bernd A. Laska schrieb uns am 15.05.2014
Thema: Bernd Nitzschke: Sag mir, wo die Blumenkinder sind. Wo sind sie geblieben?
Klaus Maria Brandauer spielt in Antonin Svobodas Film über Wilhelm Reich endlich den Mann, in den er sich schon in den 1960er Jahren verknallte

Bernd Nitzschke skizziert in seiner Filmbesprechung mit etlichen allgemein wenig bekannten Details die politischen Rahmenbedingungen, die Reich zu dem „Fall“ gemacht haben, den Svobodas Film thematisiert. Das ist sinnvoll und nützlich.
N.s Darstellung des zentralen Punktes des Falles Reich (seines Konflikts mit Freud) möchte ich jedoch widersprechen:
N. schreibt, die Zerstörung von Reichs Lebenswerk sei durch die Anordnung eines US-Gerichts geschehen, Reichs Orgon-Gerätschaften und sämtliche in den USA erschienenen Schriften Reichs und seiner Mitarbeiter zu vernichten. Damit legt N. den Schwerpunkt von Reichs Werk auf die Orgonomie, also auf die Arbeiten der Jahre ab 1939.
Reich war zuvor jedoch ein renommierter Vertreter der Psychoanalyse.
Und für diese ist er schon vorher ein „Fall“ gewesen. Dies erwähnt N. zwar, aber hier nur am Rande und verkürzt: „Wegen seines [Reichs] - unter Berufung auf Psychoanalyse und Marxismus - öffentlich ausgetragenen Kampfes gegen den Faschismus war er 1933 auf Drängen Freuds aus der DPG und damit [...] aus der IPV ausgeschlossen worden.“ Dass das Drängen Freuds, das nur hinter den Kulissen geschah, nicht primär politische Gründe - appeasement gegenüber der NS-Regime in Deutschland - hatte, erhellt schon daraus, dass der Ausschluss von Reich - der ohnehin längst aus Deutschland emigriert war - so konspirativ wie möglich erfolgte und öffentlich nur durch eine kurze und falsche Notiz („Austritt“) in der Verbandszeitschrift bekannt gegeben wurde. Primär waren für Freud, wie er in einem Brief schrieb, „wissenschaftliche Gründe“. Dieser Konflikt zwischen Freud und Reich schwelte seit Mitte der Zwanziger Jahre, und Freud verweigerte beharrlich eine Stellungnahme. Auf einen Artikel Reichs, in dem dieser Freuds Todestriebtheorie kritisierte, reagierte Freud erneut nicht mit Argumenten, diesmal aber mit dem Entschluss, Reich - als Psychoanalytiker - zu vernichten. Das war laut Eintrag Freuds in seine „Kürzeste Chronik“ am 1. Januar 1932, also kaum als Konzession an den NS zu werten. Nach einigen konspirativen Machenschaften kam es im Oktober 1933 zum Ausschluss aus der DPG, von dem allerdings Reich nichts erfuhr, und schliesslich Ende August 1934 auf einem Kongress - und dennoch eher beiläufig - zur Bestätigung von Reichs Ausschluss aus DPG und IPV, der nun aber als Austritt deklariert wurde. Dies war mMn der entscheidende Coup gegen Reich, auch in Hinblick auf eine Bewertung der Psychoanalyse für die „ideologische“ Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Nitzschke ist ausweislich seiner zahlreichen einschlägigen Publikationen einer der besten Kenner dieser Vorgänge. Das wirft die Frage auf, warum er, wie Freud, die „wissenschaftlichen Gründe“ des Konflikts Freud vs. Reich - hier wie andernorts - nicht näher benennen will.

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Bernd A. Laska schrieb uns am 15.05.2014 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Bernd Nitzschke: Sag mir, wo die Blumenkinder sind. Wo sind sie geblieben?
Karl Maria Brandauer spielt in Antonin Svobodas Film über Wilhelm Reich endlich den Mann, in den er sich schon in den 1960er Jahren verknallte

Missbrauch ist, das liegt im Begriff, unethisch.
"Unethisch" ist aber wohl auch, ohne jeden Beleg öffentlich zu behaupten,
Reich habe sich des Missbrauchs von Patientinnen schuldig gemacht.

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Roberto schrieb uns am 14.05.2014 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jan Süselbeck: Halluzination eines philosophischen Rätsels
Peter Trawny und das deutsche Feuilleton wundern sich über Martin Heideggers Antisemitismus

Lieber Herr Süselbeck, Lieber Herr Schreull! Ich verstehe Ihre guten Absichten; hier schnell zusammengestelltes Hintergrundwissen, warum sie Leute wie mich schwer überzeugen können. Vielleicht regt es Sie dazu an, sich noch tiefer mit der Thematik auseinander zu setzen. Viel Spass!

Bei H. gilt zeitlebens der absolute Primat des Denkens; dieses definiert die Grundhaltung des Menschen zum Sein, nicht Religion, Volk, Rasse usw. Ziel ist es, die moderne metaphysisch-technische (rechnende)Grundhaltung zum Sein gewaltlos zu verwinden. Es gibt keine Schuldigen an der modernen naturwissenschaftlichen "rechnenden" Wahrheitsauffassung: Sie ist Seinsgeschichte: die Menschen sind Opfer einer langen geschichtlichen Entwicklung! Kein Volk, kein Philosoph
trägt daran Schuld.

„Daß wir leben, ist unsere Schuld.“
H. zitierte die Worte seines Freundes Jaspers, als man ihn fragte, warum er nicht entschiedener gegen die Nazi-Ideologie aufgetreten sei. Er habe aber gehofft, dass seine Hörer seine Kritik am NS erkennen:

In der Vorlesung Sein und Wahrheit, (1933/34) legt H. dar, dass die Nazi-Ideologie von Blut u. Boden oberflächlich ist, entscheidend für die Wahrheit der Menschen ist allein ihr Geist, Denken z.B.:
„So ist der Wille zu Wiss en und Geist dasjenige, womit wir stehen und fallen. Es ist heute  viel die Rede von Blut und Boden als vielberufener Kräfte. Bereits haben die Literaten, die es ja auch heute noch gibt, sich ihrer bemächtigt. Blut und Boden sind zwar mächtig und not- wendig, aber nicht hinreichende Bedingung für das Dasein eines Volkes. Andere Bedingungen sind Wissen und Geist, nicht als ein Nachtrag in einem Nebeneinander, sondern das Wissen bringt erst das Strömen des Blutes in eine Richtung und in eine Bahn, bringt erst den Boden in die Trächtigkeit dessen, was er zu tragen vermag: Wissen verschafft Adel (…)“

1935 H. erläutert in Vorlesung jegliche Rassepolitik als primitiv, Einführung in die Metaphysik, GA 40.
Er bezeichnet sie als ein Symptom der allgemeinen „Entmachtung des Geistes“, z.B.: „Ob dieser Dienst der Intelligenz sich nun auf die Regelung und Beherrschung der materiellen Produktionsverhältnisse (wie im Marxismus) […] oder ob er sich in der organisatorischen Lenkung der Lebensmasse und Rasse eines Volkes vollzieht, gleichviel, der Geist wird als Intelligenz der machtlose Überbau zu etwas Anderem, das, weil geist-los oder geist-widrig, für das eigentlich Wirkliche gilt.“

1935 Vorlesung: Hölderlin als „Dichter der Deutschen“ – und zwar für alle Menschen, die deutsch verstehen u. sich ihm anschließen, jenseits von Rasse, Nation u. Glauben – allein durch Sprache u. Logos z.B.:
„Dichter der Deutschen nicht als genitivus subiectivus, sondern als genitivus obiectivus: Der Dichter, der die Deutschen erst dichtet, [...], d.h. der Stifter des deutschen Seyns, [...]“
Das Wesen der Dichtung könne sich nur einer Besinnung über Sprache und Logos erschließen. Sie sei weder Ausdruck einer “Kulturseele” Rassenseele wie bei Alfred Rosenberg oder Kolbenheyer, z.B.: “Dichtung ist eine biologisch notwendige Funktion des Volkes Es braucht nicht viel Verstand, um zu merken: das gilt ja auch von der Verdauung — auch sie ist eine biologisch notwendige Funktion eines Volkes, zumal eines gesunden. Und wenn Spengler die Dichtung als Ausdruck der jeweiligen Kulturseele faßt, dann gilt dies auch von der Herstellung von Fahrrädern und Automobilen. Das gilt von allem — d. h. es gilt gar nicht.”
H. war kein simpler Kommunistenhasser u. Antihumanist, wie man ihn gerne darstellt. 1946 Brief über den Humanismus. H. erläutert, dass, er sein Denken als dem Humanismus verpflichtet sieht u. diesen zu vertiefen sucht; er erläutert Marx den tiefsinnigsten Geschichtsdenker der Moderne,z.B.:
“Was Marx in einem wesentlichen und bedeutenden Sinne von Hegel her als die Entfremdung des Menschen erkannt hat, reicht mit seinen Wurzeln in die Heimatlosigkeit des neuzeitlichen Menschen zurück. Diese wird und zwar aus dem Geschick des Seins in der Gestalt der Metaphysik hervorgerufen, durch sie verfestigt und zugleich von ihr als Heimatlosigkeit verdeckt. Weil Marx, indem er die Entfremdung erfährt, in eine wesentliche Dimension der Geschichte hineinreicht, deshalb ist die marxistische Anschauung von der Geschichte der übrigen Historie überlegen.”

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Friedhelm Rathjen schrieb uns am 12.05.2014
Thema: Thomas Neumann: Irgendwo zwischen Cooper und Joyce
Joseph Conrads „Lord Jim“ in einer neuen Übersetzung

Was bitte habe ich mir denn vorzustellen unter einer "gelungenen Übersetzung, die Conrads Prosa nahezu in einen Bewusstseinsstrom verwandelt"? Es ist mir neu, daß eine Übersetzung den zu übersetzenden Text in etwas "verwandeln" soll; sie sollte doch vielmehr das, was im Original vorhanden ist, in der Zielsprache replizieren, so gut es geht. Also: entweder ist "Conrads Prosa" schon im Original "nahezu ein Bewußtseinsstrom", in welchem Falle man die Übersetzung "gelungen" finden kann, wenn sie das im Deutschen auch so wiedergibt (dann "verwandelt" sie aber nichts); oder die Übersetzung macht aus einer Prosa, die im Original nichts von einem Bewußtseinsstrom an sich hat, im Deutschen "nahezu" einen, dann läßt sie sich wohl als "Verwandlung" bezeichnen, allerdings kaum als "gelungene Übersetzung", scheint mir.

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Rob schrieb uns am 08.05.2014
Thema: Jan Süselbeck: Zwei bedeutende Denker
Zu dieser Ausgabe

Lieber Jan Süselbeck! Sie hoffen auf Leserbriefe?! Ich schreibe einen!
Ich habe leider keine Ahnung, was Heidegger mit diesen abghobenen Worten zum „Ereignis“ meint. In einem stimme ich Ihnen auch zu: Heidegger sah eine Apokalypse auf die Menschheit zukommen. Die Moderne wird sich mit Hilfe der Technik selbst in die Luft sprengen, davon war H. dann überzeugt: der NS war nicht die Überwindung der grausamen nietzeanischen machtbessenen Moderne, sondern deren Vollendung. Dies verdeutlicht H. in etwas martialischer Sprache in den „Schwarzen Heften“. Hier aber liegt m.E. einer der Denkfehler der jetzigen H-Interpretationen in den Zeitungen, von dem Sie leider auch ausgehen.
H. fantasiert sich hier nicht feudig in eine globale Vernichtung hinein, sondern er beklagt
sie als auswegslos: Metaphysik u. technische Weltbilder werden leider erst dann überwunden, wenn der Mensch seine ausweglose Situation erkennt, wenn er erkennt, dass er sich selbst vernichtet. Die machtbesessene, technisierte Moderne wird die Welt in die “Verwüstung” führen, u. dann erst wird der Mensch wieder zu sich selbst kommen! Dann erst – aus der „Not“ heraus - wird er zu einem gewaltlosen, machtverzichtenden, dichterischen Denken finden, wie es Hölderlin u.a. im Hyperion verdeutlichtete: einem ursprünglichen „Seyn“. Dies ist eines der Hauptmotive seines Denkens (Mensch als gewaltloser „Hirte des Seins“ u.a.).
H. lehnte die Kriege u. die Machtansprüche der Nazis, eine nietzeanische Politik und Philosophie der „Machtermächtigung“, des „Willens zur Macht“, der „totalen Mobilmachnung“ schon während der NS-Zeit ab. Dies sei ein Weg ins „Verbrechertum“, in die „brutalitas“, (ausführlich dargelegt u.a. in „Geschichte des Seyns), z.B.
„Daher gehören in das vom unbedingten Machtwesen bestimmte Zeitalter die großen Verbrecher. Sie lassen sich nicht nach sittlich-rechtlichen Maßstäben beurteilen. Man kann das tun, aber man erreicht so niemals ihr eigentliches Verbrechertum. Auch gibt es keine Strafe, die groß genug wäre, solche Verbrecher zu züchtigen. Jede Strafe bleibt wesentlich hinter ihrem Verbrecherwesen zurück. Auch die Hölle und dergleichen ist zu klein im Wesen gegen das, was die unbedingten Verbrecher zu Bruch bringen. Die planetarischen Hauptverbrecher sind sich ihrem Wesen nach zufolge ihrer unbedingten Knechtschaft gegenüber der unbedingten Ermächtigung der Macht völlig gleich. Historisch bedingte und als Vordergrund sich breitmachende Unterschiede dienen nur dazu, das Verbrechertum ins Harmlose zu verkleiden und gar noch sein Vollbringen als »moralisch« notwendig im »Interesse« der Menschheit darzutun. Die planetarischen Hauptverbrecher der neuesten Neuzeit, in der sie erst möglich und notwendig werden, lassen sich gerade an den Fingern einer Hand abzählen.“ (Geschichte des Seyns § 61) Wer hat solche Überzeugungen im Jahr 1938-40 sonst noch in Deutschland vor seinen Studenten vertreten und in Büchern dargelegt?

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Sebastian Schreull schrieb uns am 06.05.2014
Thema: Jan Süselbeck: Halluzination eines philosophischen Rätsels
Peter Trawny und das deutsche Feuilleton wundern sich über Martin Heideggers Antisemitismus

Werter Herr Süselbeck,

Ihren Darlegungen ist insofern zuzustimmen, dass Sie anhand der „Schwarzen Hefte“ antisemitische Figuren Heideggers markieren und diese auch historisch kontextualisieren. Ihre Ausführlichkeit in der Deutung dieser Figuren oder Bilder mag gewiss einen Unterschied gegenüber anderen Texten des deutschen Feuilletons in dieser Debatte darstellen, die Ihnen in Ihrer Diagnose vermutlich ebenso zustimmten; schließlich erwähnen Sie diese dergestalt, dass man „selbst in der ‚F.A.Z.’ dermaßen klare ideologiekritische Bemerkungen zu lesen bekam“. Inwiefern es bereits ideologiekritisch ist, bestimmte Aussagen als „antisemitische“ zu markieren – dies mag vielleicht manchen, den von Ihnen so hart gescholtenen Gymnasiallehrern so
erscheinen.
Und man muss kein Ideologiekritiker sein, um die Fragwürdigkeit Ihrer Behauptungen zu erkennen, dass mit den „Schwarzen Heften“ „Heideggers gesamte Philosophie auch für den letzten Betonkopf endgültig zur Disposition“ gestellt sei, so dass nur noch „akademische Knallköpfe“ Heidegger „für den ‚bedeutendsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts’ halten“. Beton- und Knallköpfe ergehen sich in der „Halluzination eines philosophischen Rätsels“ – vermutlich weil sie nicht nur die „Schwarzen Hefte“ gelesen haben. Ich will auch gar nicht auf jene Kritiken Heideggers eingehen, die etwa Blanchot, Levinas, Derrida, Marcuse oder Löwith verfassten, die nicht nur Heideggers Philosophie ernstnahmen, sondern auch deren innere Vermitteltheit mit dem Nazismus herausstellten; und trotzdem mit Philosophemen Heideggers arbeiteten. Aber dies ist sicherlich keinem Gymnasiallehrer zuzumuten.
Vielleicht ist jedoch an Adornos Kritik einer Heideggerkritik aus dem Jahre 1949 zu erinnern, die den Titel „Ad Lukács“ trägt. Adorno bezeichnet Lukács Ausführungen zu Heidegger als „Schulfall der Unzulänglichkeit transzendenter Kritik“, die ihren Gegenstand eben nicht ernst nehme, sondern an ihm das nachweise, was auch schon vor der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand bereits feststünde (darunter dürfte wohl auch Scheits und Grubers ‚Kritik’ fallen, auf die Sie sich zustimmend beziehen). Denn trotz all der Ekelhaftigkeiten, die durch das Tun Heideggers überliefert sind oder sich gewiss auch an seinen großen philosophischen Werken nachweisen ließen, verstand es Adorno in den Widersprüchen Heideggers Philosophie so zu denken, dass man nicht nur behaupten konnte, er habe Heidegger immanent rekonstruiert, sondern auch kritisiert. Auf Grund der „Schwarzen Hefte“ darauf zu schließen, dass damit ein „Denken“ „erledigt“ sei, dürfte eher ein oben genannter Schulfall sein.
Adorno spricht an anderer Stelle auch von einem Standpunktdenken, was sich um Bekenntnisse schert, aber die Gegenstände in ihrer Wirklichkeit selbst nicht begreifen will, sondern eben Sortierungen vornehmen möchte. Wer also Adorno als Stichwortgeber für ein Tun gebraucht, was einen Gegenstand mit einer schon vor aller Auseinandersetzung mit diesem feststehenden Interpretation identisch setzt, was ist dann alles Heidegger-Jüngern zuzutrauen, die sich so allerhand „einfallen lassen“ könnten? Soviel, dass Sie es bestimmt schon wissen.


Mit freundlichen Grüßen,

Sebastian Schreull

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Roberto schrieb uns am 26.04.2014
Thema: Jan Süselbeck: Halluzination eines philosophischen Rätsels
Peter Trawny und das deutsche Feuilleton wundern sich über Martin Heideggers Antisemitismus

Lieber Jan Süselbeck! Ich lese H. ganz anders: Wie schnell man vergisst!
Die Mehrzahl der Deutschen sprach damals  öffentlich von “Rassen”, “Weltjudentum”, “jüdischer Bankenverschwörung” usw. Jeder Bischof, selbst die meisten SPD-Abgeordneten z.B., waren da öffentlich gegen Juden herabsetzender als Heidegger vereinzelt privat!
H. war in seinem Denken ein vehementer Kritiker der machtbesessenen Moderne, die allein dem naturwissenschaftlichen, “rechnenden” Denken Wahrheit zugesteht. Mensch u. Umwelt würden als bloße Verfügungsmasse zur Machtsteigerung angesehen – dies würde in grausamen Kriegen enden. Er sah anfangs in totaler Verkennung in den Nazis eine Revolte gegen diese Weltanschauung (!!). H. kritisierte anscheinend
privat auch Teile der jüdischen Elite als führende Vertreter des rein naturwissenschaftlichen “rechnenden Denkens” - eines modernen atheistischen Wissenschaftglaubens - u. hatte hier offensichtlich Vorurteile.
Die Ermordung der oft tiefgläubigen Juden im Osten geschah aber nicht deswegen, sondern aufgrund des virulenten christlichen Antisemitismus u. der “rechnenden” Nazi-Rassenbiologie. Beides lehnte H. aber öffentlich (Vorlesungen) schon während der NS-Zeit als primitiv ab – anders als millionen Deutsche.
Leider berücksichtigen die Journalisten viel zu wenig den damaligen Sprachgebrauch. H. ist da eigentlich noch harmlos u. auf das Private beschränkt. Selbst in der SPD sprach man offiziell z.B. vom “schachernden Geldjuden”, der “Verjudung Deutschlands”, sogar von “Rassenhygiene”. T. Mann schrieb z.B. Aufsätze über die “Lösung der Judenfrage”. Adenauer sprach noch in den 1960ern vom “Weltjudentum”, für die Kirchen galten Juden als “Gottesmörder” u. “Söhne des Teufels”, "Krieg gegen den jüdischen Bolschewismus als Christenpflicht" usw. Selbst Brecht sprach v. Juden als “Rasse”, (ganz zu schweigen heute von Stoiber u. seiner “durchrassten Gesellschaft”). Alle Medien waren voll von diesen Gedanken! (Das sind nur die harmlosen Zitate!)
Ab 1935 begann H. den NS zunehmend als "barbarisch" zu sehen, dem "rechnenden Denken" verfallen u. nach brutaler Größe strebend. Er wandte sich öffentlich Hölderlin zu, der die Deutschen als die „allberechnenden Barbaren“ brandmarkte: „Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark (...)“ Das war der Ausganspunkt seiner Flucht aus der deutschen Tradition zu einem anderen Anfang im frühen griechischen Denken - H. übernahm ihn. Ein gewaltloser dichterischer Weltbezug soll die berechnenden Machenschaften der Moderne überwinden. Dies darf man bei der Betrachtung von Einzelzitaten nicht vergessen: H. setzte sich für eine gewaltlose (!) Überwindung ("Verwindung") der machtbesessenen, rechnenden Moderne ein, zu der er auch die jüdische Geisteselite (vielleicht auch Großbankiers) zählte, ein! Das war Kulturkritik und kein Rassismus.

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