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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 31.01.2016 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Klaus Müller-Salget: Einige Klarstellungen

Zu 1. Dass Frisch ein 'verfemter Autor' sei, habe ich nicht behauptet; von erheblichen Ressentiments war die Rede. Man frage die Fachleute.

Zu 2. Mein Vorwurf bezog sich auf die (auch hier wieder verschwiegene) fast hundertprozentige Identität von Elsaghes "Epilog" und seinem Beitrag zu Kortes "Text + Kritik"-Heft, - auf die weder hier noch dort hingewiesen wird.

Zu 3. Was in Fabers Brief an Marcel steht, ergibt sich aus den auf "Marcel hat recht:" folgenden Zeilen. Die angebliche nachträgliche Autorisierung der Amerika-Schelte in den Athener Aufzeichnungen ("'19. Juli' ff.") würde genauso den Widerruf betreffen ("weil
unsachlich").

Zu 4. Dass die Bezüge auf Oedipus den Inzest Faber-Sabeth "rechtfertigen" (Elsaghe, S. 252), bleibt indiskutabel.

Zu 5. Dass Stiller seine Nichtidentität mit Jim White eingesteht und die Geschichte nur erzählt, weil er angeblich "genau das gleiche" erlebt hat (was ja nur im übertragenen Sinne verstanden werden kann), entzieht der Identifizierung des 'anderen Jim' mit dem historischen "Mexican boy" den Boden. (Auch ist dieser 15jährige den Berichten zufolge nicht in der Höhle umgekommen.)

Zu 6. Zunächst wieder eine Zitatverkürzung; mein Satz lautet: "'Andorra' ist kein Stück über den Holocaust und kein Stück über den Antisemitismus, sondern ein Stück über kollektive Vorurteile." (was anschließend begründet und problematisiert wird). - Meine Überlegungen zu den Problemen der Barblin-Handlung füllen im Original zwei Seiten; Elsaghe zitiert nur eine (in dieser Form unbegründete) Schlussfolgerung, um den Eindruck zu erwecken, ich sagte Barblin nach, "dass sie 'offenbar' doch nichts dagegen habe, von dem stinkigen Soldaten penetriert zu werden" (so in der Replik). Das Vergnügen an solchen Formulierungen überlasse ich gerne Herrn Elsaghe. - Mit "Zitataufblähungen" waren Elsaghes Interpolationen in Frisch-Zitate gemeint, z.B. über den Soldaten: "Peider stinkt, 'wie ein Bock' sozusagen" (Elsaghe, S. 143).

Zu 7. Die Figur Cortez wird in "Cortez und Montezuma" systematisch abgebaut, was Rohner verschweigt.

Zu 8. Meine Mutmaßungen über den erratisch auftretenden Namen "Johanna" datieren aus einer Zeit, als ich die korrekte Lesart im Typoskript noch nicht kannte. Sie sind hinfällig.

Zu 9. Meine Frage wird nicht beantwortet.

Zu 10. Meine Berufung auf Wahrheit erhebt keinen monopolistischen Anspruch, sondern richtet sich lediglich gegen die Verfahrensweisen des Berner Ordinarius. Ich bin nicht pikiert, sondern entsetzt über seinen Umgang mit Texten.

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Dr. Andreas Graf schrieb uns am 30.01.2016
Thema: Martin Lowsky: Glücklicher Vater, glücklicher Sohn
Über Hanns-Josef Ortheils Reiseroman „Die Berlinreise“

Lieber Martin,
vielen Dank für deine wunderbare Rezension dieses Ortheil-Buches, das ich für ein großartiges und einmaliges Wunder- und Kunstwerk halte. Vieles ließe sich darüber sagen. Ich möchte hier aber auf die Authentizitätsfrage eingehen, da sie bei diesem Buch tatsächlich sehr nahe liegt. Sie wird ja schon durch das Vorwart, das die Echtheit bekundet und weitergehende Eingriffe des erwachsenen Autors von sich weist, angesprochen. Herausgeberfiktionen haben in der deutschen Literatur ein lange Tradition, man muss da nicht erst auf "Werther" zurückgreifen. Insofern ist die Frage, ob es sich bei dem angesprochenen Vorwort Ortheils nicht um eine solche handeln könnte, bei einem quasi-autobiographischen
"Roman"(?) geradezu schon immanent angelegt.
Was du aber zu dieser Frage im drittletzten Abschnitt deiner Rezension schreibst, kann so nicht stehen bleiben. Um es deutlich zu sagen: Alle Argumente, die dort vorgetragen werden, sind in keiner Weise stichhaltig. Keine der angestellten Überlegungen ist dazu angetan, die Frage nach der Fiktionalität oder Nichtfiktionalität einer Klärung zuzuführen. Warum?
Der letzte Satz des Absatzes beruht auf einem Missverständnis: Denn selbstverständlich ist das Buch lektoriert worden - nur käme kein Lektor auf die Idee, gelungene und authentische kindersprachliche Wendungen, die eben genau diejenige Authentizität garantieren,die ein fiktionalisierender Erzähler anstrebt, einfach besserwisserisch zu streichen bzw. in Erwachsenensprache zu verwandeln. Das wäre zu einfach gedacht.
Jeder gewiefte Autor - und Ortheil hatte schon über ein Dutzend Romane publiziert, bevor er sich das 12-Jährigen-Tagebuch vornahm, war also ein so was von gewiefter Autor - würde natürlich, wenn es denn eine Vorlage gibt, die bearbeitungswürdig und -fähig ist - genau diese Echtheits-merkmale schätzen und vorsichtig pflegen. Alles andere, scheint mir, wäre vollkommen unsinnig - vor allem, wenn man, wie gesagt, ein solches Vorwort dazu verfasst.
Ich persönlich kann mir durchaus vorstellen, dass, wenn das Original des 12-Jährigen denn existiert, der erwachsene Ortheil daran fiktionalisierende Manipulationen vorgenommen hat, etwa um die Geschichte dichter, historisch klarer oder auch weniger naiv zu machen. Aber natürlich würden diese Manipulationen das "kindliche" Element nicht ausschalten, sondern im Gegenteil subtil und möglichst raffiniert und gekonnt unterstützen bzw. untermauern. Kurz gesagt: Ich denke nicht, dass man die Fiktionalitätsfrage mit werkimmanenten oder anderen Überlegungen klären kann. Man müsste bei Gelegenheit, vielleicht im kleinen Kreis, mal Ortheil persönlich fragen. Aber ob er dann, als Autor, seine Autorenkniffe öffentlich ausbreitet? Wer weiß das schon...
Mit freundlichem Gruß,
Andreas Graf, Köln

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Pauline schrieb uns am 11.01.2016 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Roman Kern: Sozialkitsch
Es kostet Überwindung, Mankells Hörstück "Zeit im Dunkeln" durchzustehen

Ich find die ürprüngliche Rezension sehr gut, da sie meiner Meinung exakt das wiedergibt, was im Buch erzählt wird. Es ist nun mal sehr langweilig und schleppend, und wenn das so von Mankell gewollt war, sehr gut beschrieben, aber es ist das schlecheste Buch, was ich je gelesen habe.

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Matthias schrieb uns am 10.01.2016
Thema: Markus Engelns: Der Klassiker
Ein erster von drei verschiedenen Zugängen zu „Batman“

Batman-Year One ist Mazzuchellis letzte Arbeit an Superhelden & die einzige für DC, nicht aber die einzige überhaupt. Für Marvel hatte er als Fill in Artist angefangen, daraufhin den Daredevilrun übernommen, um dann mit Daredevil-Born Again seine Zeit bei Marvel zu beenden.

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Fida Elisabeth schrieb uns am 30.12.2015
Thema: Björn Bertrams: Ein Buch zu viel
David Foenkinos liefert einen rundum misslungenen Roman über Charlotte Salomon und heimst damit Preise in Frankreich ein

Ich kann Ihrem schlechten Urteil über David Foenkinos nichts abgewinnen. NEIN, bin überrascht, solch schlechte Kritik zu diesem fabelhaften Buch, das mich über 2 Tage in seinem Bann hatte, zu lesen! Ich hingegen fühle beim Lesen dieser knappen, klaren Zeilen die Energie, die in Charlotte Salomons Leben vorherrschte. Ihren Drang, alles Wichtige in ihrem Leben zu Papier zu bringen - und das unter emormem Druck, der auf ihr gelastet haben muss. Zeitdruck. Ich war gefesselt, bin noch immer hingerissen und habe das Gefühl,Foenkinos hat sich hier vollkommen eingelassen. Respekt!!!

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Armin Trus schrieb uns am 20.12.2015
Thema: Hans-Joachim Hahn: Auschwitz ohne Folgen
Philologische Sandkastenspiele: Andreas Meier verteidigt Martin Walsers Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit

Es dürfte der Redaktion bei Auswahl des Rezensenten sicher bekannt gewesen sein, dass Herr Hahn den seinerzeit (1965) im Kursbuch erschienenen Artikel "Unser Auschwitz" von Martin Walser in seinem Buch "Repräsentationen des Holocaust" auf eine höchst eigenwillige Weise gedeutet hat. Hahn (hierin ähnlich wie Matthias Lorenz) versuchte schon 2005 gar nicht erst, das eigentliche Anliegen Walsers - hier: das Unbehagen an der justitiellen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit - zu erkunden, - nein, er legte sich Walsers Text(e) derart zurecht, dass es ihm passt und dass herauskommt, was herauskommen soll: Walser als Verdrängungsapostel, wie er im Buche steht.
Mir stellt sich indes die Frage: Muss eine Redaktion, die etwas auf
sich hält, einem derlei Ausgerichteten die Rezension eines Buches anvertrauen, dessen Anliegen es ist, für wohlverstandene Aufklärung zu sorgen.

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Dillinger schrieb uns am 17.12.2015
Thema: Patrick Wichmann: Kaum mehr als ein Steinbruch
Johannes Dillinger trägt Material zur „Uchronie“ zusammen

Man sollte als Autor eigentlich nicht auf Rezensionen antworten. Wenn sie aber von derartig geringer Qualität sind, muss man reagieren.
Der Herr Rezensent scheint wie ein schlechter Student wesentliche Teile des Buches, nämlich die Einleitungskapitel und den Schluss, nicht gelesen zu haben. So erklärt sich, dass er die Fragestellung und Zielsetzung des Buches so völlig missversteht. Es geht mir keineswegs darum zu belegen, dass Uchronie nützlich ist, wie der Rezensent unterstellt. Ziel des Buches ist eine Geschichte der Uchronie. Ich frage, wie uchronische Gedankenspiele in der Vergangenheit genutzt wurden. Aus dieser Rückschau ziehe ich am Ende u.a. den Schluss, dass Uchronie, wenn sie sorgfältig auf eine genau überlegte Fragestellung
angewandt wird, in der Geschichtswissenschaft methodisch sinnvoll eingesetzt werden kann.
Das Buch ist der erste große Überblick über Uchronie von den Anfängen bis zur Gegenwart in Geschichtswissenschaft, Belletristik, Film und Design. Der Rezensent ist überfordert von der Fülle des Materials, die das Buch bietet. Er hält das Buch für unstrukturiert, da er die strikte Einteilung in große Kapitel und Unterkapitel übersieht. Das ist erstaunlich: Man kann das im Inhaltsverzeichnis nachlesen. Aus seiner eigenen wirren Lektüre entsteht beim Rezensenten offenbar auch der Eindruck, dass nicht klar zwischen Geschichtswissenschaft und Belletristik unterschieden wird. Das sind nun aber die Themen der ersten beiden großen Kapitel, die separat besprochen werden. Bei der oberflächlichen Lektüre entgehen dem Rezensenten die vielfältigen Erläuterungen zu den chronologischen Abläufen, dem historischen Kontext und den inneren Zusammenhängen in jedem dieser Kapitel. Einige Kernargumente z.B. über den Interrelationen zwischen Uchronie und Krisenerleben, Uchronie und Ideologiekritik, Uchronie und Aufklärung entgehen dem Rezensenten. Daher ist seine Behauptung, dass das Buch keine Schlüsse aus seinem Material ziehe, auch schlicht falsch. Das Schlusskapitel hätte Verständnishilfen für sehr eilige Leser wie den Rezensenten geboten. Ebenso unzutreffend ist die Unterstellung, die Ursprünge von uchronischen Gedanken würden nicht untersucht. Sie befremdet, da der Rezensent ja selbst einräumen muss, dass das Buch das Phänomen von den Anfängen der Geschichtswissenschaft an verfolgt. Die Motive einzelner Autoren – seien sie Belletristen oder Historiker – für den Beschäftigung mit Uchronie gibt das Buch immer wieder konkret an.
Was wäre geschehen, wenn der Rezensent das Buch sorgfältiger gelesen hätte? Das uchronische Argument, dass die Rezension dann von besserer Qualität gewesen wäre, ist plausibel.
Johannes Dillinger

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Alexander Nitzberg schrieb uns am 15.12.2015
Thema: Jörg Auberg: Logistiker des Terrors
In seinem Roman „Das Fahle Pferd“ stilisiert sich Boris Sawinkow als professioneller Techniker der terroristischen Gewalt

Im Roman ist und bleibt George vollkommen autark. Natürlich trifft er sich regelmäßig mit einem Vertreter vom "Komitee", aber entscheidend ist doch, daß er konsequent sämtliche seiner Forderungen verweigert! Er gibt ihm unzweideutig zu verstehen: Ich führe meinen eigenen Kampf und lasse mir von niemandem etwas vorschreiben. Der "technische" oder gar "unternehmerische" Aspekts des Terrors läßt sich im Text des Romans an keiner einzigen Stelle belegen. Er stammt aus dem Nachwort von Jörg Baberowski, welches gerade deshalb so fragwürdig ist. "Unternehmer" impliziert vor allem auch finanziellen Profit, etwas, das dem Ich-Erzähler George zutiefst fremd ist. Zuletzt der Vorwurf des "antisemitischen" Blicks auf die Geheimdienstspitzel. Dieser Vorwurf ist absurd: Zahllose enge Freunde (z. B. Ilja Ehrenburg) und Kampfgenossen Sawinkows waren bekennende Juden. Fast die gesamte Parteispitze der Sozialrevolutionäre bestand aus Juden (Asef, Gerschuni, Gotz etc.), die Mitstreiterin Dora Brilliant (die im Roman als "Erna" vorkommt)war Jüdin. In vielen seiner politischen Schriften engagiert sich Sawinkow ausdrücklich gegen den Antisemitismus und verurteilt die Judenpogrome aufs Schärfste. Am 15. Februar 1921 schreibt er im Essay "Weiteres über die Pogrome": "Ich als Russe leide mit den Juden mit ... Ich kämpfe für das jüdische Volk, das so viel Leid ertragen mußte". Besonders intensiv werden jüdische Schicksale innerhalb der Sozialrevolutionären Partei in Sawinkows zweitem Roman "Als wär es nie gewesen" geschildert. Dennoch ist es eine historische Tatsache, daß zahlreiche Juden Mitarbeiter des Zarengeheimdiensts waren (allen voran der agent provocateur Jewno Asef). Warum ist es nun antisemitisch, in einem Roman einzelne Geheimdienstspitzel auch als Juden zu bezeichnen? Der Verfasser der älteren Übersetzung des Romans, der Anarchist Aage Madelung, schreibt dazu in einer Anmerkung ("Leo ... Das fahl Pferd, Kopenhagen, Leipzig 1909): "Wenn es hier heißt, daß die Spione jüdischen Typus haben, so liegt dies an der bedauerlichen Tatsache, daß recht viele Judenrenegaten in den Dienst der Regierung oder Polizei treten".

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Günther Fetzer schrieb uns am 15.12.2015
Thema: Michael Eschmann: Das Buch als Schwert des Geistes
Ein von Ernst Fischer und Reinhard Wittmann herausgegebener Sammelband beleuchtet die Geschichte des deutschen Buchhandels zur Zeit des Nationalsozialismus

Mit einer solchen Rezension ist man als Herausgeber/Autor gestraft. Sie vermittelt den Eindruck, als gehe es in dem Band hauptsächlich um die Bücherverbrennung: Drei Viertel des Artikels handeln davon.

Die brillanten Beiträge von Reinhard Witmann und Ute Schneider über die literarischen und die Wissenschaftsverlage werden nicht einmal thematisch genannt.

Günther Fetzer

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Jan F. schrieb uns am 09.12.2015
Thema: Nils Demetry: Legende vom Glück ohne Ende
Kalifornische Ideologie in Pixars Animationsfilm „Alles steht Kopf“

Beim Lesen deines Textes und der abschließend gestellte Frage der Anforderungen in der heutigen – und im Film erzählten – Zeit fiel mir der soziologische Begriff der „reflexiven Moderne“ nach Beck und Giddens ein.

Durch den Umzug und die neue Jobsituation für Rileys Vater sieht sich die ganze Familie dem „embedding“ ausgesetzt: also dem Wegfall normativer Parameter wie den Erfolgssymbolen Einkommen, Karriere und Status. Für Rileys besonders weitreichend ist außerdem der Verlust des sozialen Umfelds. Auf die Entfernung reißt der Kontakt zu ihrer besten Freundin dann auch schließlich ganz ab.  

Interessant finde ich dann, wie Beck in Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne quasi auf deine Frage
seinerseits mit Gegenfragen schließt.

Wegen der permanenten Risiken für das Individuum stellt er nämlich plakativ die Frage nach dem Subjektsein in einem neuen und labil geschichteten Kontext: „Die Konse- quenz ist, daß die Menschen immer nachdrücklicher in das Labyrinth der Selbstverunsicherung, Selbstbefragung und Selbstvergewisserung hineingeraten. Der (unendliche) Regreß der Fragen: ‚Bin ich wirklich glücklich?‘, ‚Bin ich wirklich selbsterfüllt?‘, ‚Wer ist das eigentlich, der hier ‚ich‘ sagt und fragt?‘“

Ob man jetzt einverstanden ist mit den sich stellenden Anforderungen, ist kein relevanter Gedanke nach Beck: „Die Entscheidungen über Ausbildung, Beruf, Arbeitsplatz, Wohnort, Ehepartner, Kinderzahl usw. mit all ihren Unterunterentscheidungen können nicht nur, sondern müssen getroffen werden.“

Was heißt das jetzt für Riley? Sie findet ja schließlich – auch in der Tradition typischer Coming-of-Age-Stories – ihr persönliches Glück: sie spielt wieder Eishockey, lernt dort einen Jungen kennen und ihre Eltern finden endlich Zeit, sie anzufeuern – ich hoffe, meine Erinnerung trügt nicht. Vielleicht ist die Schlussszene nicht mehr als eine dramaturgische Momentaufnahme, im Kontext des Genres aber sicher das Bild des Aufbruchs in eine bessere Zeit.

Wie die Entwicklung der ökonomischen Familiensituation aussehen wird, bleibt konkret unbeantwortet, meine ich. Ein gutes Zeichen ist vielleicht, dass der Vater Zeit und Muße besitzt, zum Eishockeyspiel seiner Tochter zu gehen.

Kleiner Gedanke noch zu deiner aufgeworfenen Frage der (unbewussten) sexuellen Orientierung Rileys: Ist nicht auch heute noch das Eishockeyspielen in weißen heterosexuellen Gesellschaften wie der nordamerikanischen ein vermehrt männlich kodierter Sport?

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Yahya Elsaghe, Melanie Rohner schrieb uns am 06.12.2015 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

1. Nachdem sein einziger Versuch, Frischs angeblich noch immer ubiquitäre Anfeindungen an der Häme der Tagespresse nachzuweisen, sich als ganz und gar unhaltbar erwiesen hat, nimmt KMS nun wieder bei den von uns offenbar umsonst monierten Mitteln Zuflucht: anekdotischer Evidenz und Rekurs auf Autoritäten. Warum soll denn ausgerechnet einem Stiftungsrat die Entscheidungshoheit darüber zukommen, welchen Status Frisch in der Schweiz hat? (Benennt man nach verfemten Autoren Plätze und Schwimmbäder?)

2. Der Vorwurf der Selbstvermarktung bezog sich sehr wohl auf die Publikationen zu anderen Autoren („auch wenn sie mit dem Thema […] nichts zu tun haben“). Dass man „grundsätzlich“ auf einschlägige Vorarbeiten zurückgreifen dürfe, hat
KMS ja kulanterweise selber eingeräumt. Die betreffenden Aufsätze sind in der Bibliographie samt und sonders aufgeführt.

3. Woher will KMS denn wissen, was in den vernichteten und nur eben erwähnten Briefen stand oder dass sie etwas mit der antiamerikanischen Tirade zu tun hatten? Die Scheltrede auf The American Way of Life setzt lange vor der Erwähnung der beiden Briefe ein und muss nach deren Vernichtung autorisiert sein („19. Juli“ ff. versus „9.–13. VII.“).

4. KMS liest nach wie vor unbeirrt und unbelehrbar an der Argumentation vorbei: Ausphantasiert wird ein Inzest von Vater und Tochter, geadelt durch eine dicht geschlossene Reihe von Reminiszenzen an den Oedipus-Mythos, d. h. an einen Inzest von Mutter und Sohn. Der wiederholte Einwand, dass Faber ja nicht wusste usw., träfe auf diesen Mythos geradeso zu, der dennoch oder gerade deswegen, so jedenfalls das psychoanalytische Argument, einen verbotenen Wunsch artikuliert.

5. Stiller gibt Knobel gegenüber einzig zu, nicht identisch zu sein mit Jim White, dessen Geschichte er gerade nacherzählt haben will: „‚Ich weiß nicht, […] welcher von den beiden Freunden eigentlich den mörderischen Streit begonnen hat, der Ehrlichere vermutlich, und jedenfalls ist nur einer aus der Kaverne gestiegen, der Stärkere vermutlich. Sein Name ist bekannt, sogar mit metallenen Lettern auf einen Denkstein geschrieben. Jim White. In einer Publikation, die heutzutage den Touristen verkauft wird, heißt es etwas genauer: James Larkin (Jim) White, a young cowboy who made his first entry trip in 1901. Von dem Freund hingegen, der immerhin als Begleiter erwähnt wird, heißt es bloß: a Mexican boy. Sein Name ist verschollen, und ich denke, dieser Verschollene wird sich auch nicht mehr melden!‘ / Knobel scheint etwas verwirrt zu sein. / ‚– sind Sie denn Jim White?‘ fragt er. / ‚Nein‘, lache ich, ‚das gerade nicht!‘“
Wie auch immer KMS diesen Passus verstanden oder missverstanden haben mag: Eine ‚Aufklärung‘ vonseiten Stillers darüber, dass „die historischen Figuren“ „mit den Doppelgänger-Jims“ „nichts zu tun“ hätten, ist hier beim besten Willen nicht zu finden; das ist „‚Dichtung‘ statt Interpretation“. Der Fall ist genau das Gegenteil: Stiller gibt Knobel zu verstehen, woher er seine Geschichte hat und dass es sich bei den Jims seiner Erzählung um James Larkin (Jim) White und einen „Mexican boy“ handelte.

6. KMS, der nun doch „nicht behauptet“ haben will, „dass das Stück sich weder um die Shoah noch um den Antisemitismus drehe“, in seiner Rezension: „‚Andorra‘ ist kein Stück über den Holocaust und kein Stück über den Antisemitismus.“
KMSs „Überlegungen zur Problematik des 6. Bildes“ — „den Soldaten […] als Vergewaltiger zu kennzeichnen, kann nicht recht überzeugen“ — seien „unseriös verkürzt und entstellt“ worden. Inwiefern? Sie wurden doch in extenso (in einer der beanstandeten „Zitataufblähungen“) Wort für Wort wiedergegeben? Oder nicht?

7. „Noch weiß niemand in der Welt von diesem indianischen Kaiserreich, niemand außer Cortez; er begreift seine einmalige Chance, geht hin und verbrennt insgeheim seine eigenen Schiffe. Jetzt bleibt ihnen nichts anderes als der Mut ins Ungewisse, der Marsch in das goldene oder tödliche Geheimnis jenseits der Berge. Und dieser Marsch, der die Geschichte der Menschheit für immer verändert, wird angetreten mit dreihundertfünfzig Mann, mit dreizehn Pferden, mit vierzig Armbrusten, mit sechzehn Hakenbüchsen, mit sechs kleinen Mörsern, mit einem begrenzten Vorrat an Blei und Pulver – und mit Marina, einem indianischen Mädchen, das in der Umarmung mit Cortez so viel Spanisch erlernt, daß es die Dolmetscherin wird zwischen zwei Kontinenten, zwischen zwei Kulturen, wovon die eine an der andern verbluten soll –.“ Dass hier auch Faszination für Cortez hineinspielt, ist offensichtlich. Solche Stellen blendet KMS systematisch aus.

8. Das Verdienst der Vermutung, dass die Lesart „Johanna“ nicht unbedingt erst auf die Fahnenkorrektur zurückgehe, sei KMS unbenommen. Auch die Vermutung, dass es ein Setzfehler sein könnte, ist originell; wobei sie allerdings in einen seltsamen Widerspruch gerät zu einem anderweitigen Kommentar, in dem KMS keine Volten scheut, um dem Namen „Johanna (‚Gott gibt Gnade‘)“ einen theologischen Tiefsinn abzupressen: „die auf ‚Jehova‘ verweisende erste Silbe […] oder […] die patriarchale ‚Ordnung‘ […] wiederherstellen“; „diskrete Hinweise auf die je andere und je anders begründete Haltung […] gegenüber der göttlichen Autorität“; „Joachim und (Jo)Hanna sozusagen die Eltern der Jungfrau Maria“ (ein Prachtbeispiel für die Mentalität, die der erratischen Namensform zugrunde liegt, ob es sich dabei nun um eine Autorkorrektur oder einen fort- und fortgeschriebenen Druckfehler handelt: nämlich für die bedenkliche Nonchalance, mit der jüdische Figuren christlichen Narrativen integriert werden).

9. Handelte es sich „nicht doch“ um eine rhetorische Frage?! — „Wenn man eine Begründung ablehnt, müsste man sich wohl doch der Frage stellen, warum Frisch denn O. und Faber an Krebs sterben lässt, warum er von Anfang an das Buch als ‚Bericht eines sterbenden Technikers‘ geplant hat.“ Non liquet. Was soll der Arbeitstitel denn mit der besonderen Todesursache zu schaffen haben, die darin ja ungenannt bleibt? — Jenseits der oberlehrerhaft-autorintentionalistischen Frage nach dem, was der Dichter sagen wollte, ging es uns innerhalb eines diskursgeschichtlichen Frageinteresses um die Resistenz der Krankheit gegen alle Versuche, ihr à la KMS eine höhere oder tiefere Bedeutsamkeit zu verleihen. Das Gewagte und Unerhörte ihrer Sinnleere, die das Argument von ‚Illness as Metaphor‘ um Jahrzehnte antizipiert, bezeugen gerade auch solche verbissenen Anstrengungen, sie mehr oder auch weniger scharfsinnig wegzuinterpretieren.

10. Es spricht wiederum für sich und bedarf keiner Entgegnung, wenn KMS, sichtlich pikiert durch die gelegentliche und bisher unwiderlegte Kritik an seinen eigenen „Überlegungen“, zu guter Letzt auch noch den monopolistischen Anspruch erhebt, es gehe ihm allein um „die Wahrheit“, im Gegensatz nämlich zu uns, die wir unseriös mit Unwahrheiten hantierten.

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Gerhard Weber schrieb uns am 13.11.2015 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Walter Erhart: Die unwahrscheinliche Geschichte des Neil Young
Erzählt zu seinem 70. Geburtstag

Bin erst auf Seite 25, doch der Beginn des Buchs ist vielversprechend. Mich irritiert allerdings die Angabe des Geburtstages von N.Y. unter dem 18.11.1945 auf Seite 20.

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Friedhelm Rathjen schrieb uns am 13.11.2015
Thema: Walter Erhart: Die unwahrscheinliche Geschichte des Neil Young
Erzählt zu seinem 70. Geburtstag

Ich gratuliere zu diesem animiert geschriebenen Text und ebenso zu dem überaus lesenswerten Buch, dessen Einleitung er ist. Besonders erfreulich an dem Buch fand ich bei der Lektüre, daß das Werk Neil Youngs und die Entwicklung dieses Werks im Vordergrund stehen und das Leben nur knapp soweit bemüht wird, wie es für diese Darstellung nötig ist. Erfreulich auch, daß das Werk - Album für Album und Song für Song - nicht allein anhand der Texte diskutiert wird (was in der Rockmusik immer auf Abwege führt, da es in der Rockmusik primär gar nicht auf die Texte ankommt), sondern zum Thema gemacht wird, wie die Songs klingen und was dieser Klang aussagt. Also eine klare Empfehlung an alle Neil-Young-Interessenten: dieses Buch sollte man gelesen haben.

Bei einer hoffentlich kommenden zweiten Auflage wären allerdings etliche ärgerliche Druckfehler zu beheben, von denen ich gnädig annehme, daß sie durch Schlaumeier im Reclam-Lektorat hineinverschlimmbessert wurden. Wer das Adverb "psychedelisch" fälschlich "psychodelisch" mit o schreibt, kann sich zwar notfalls auf den Duden berufen, signalisiert damit aber recht eindeutig, von der behandelten Materie nicht viel zu verstehen, und das wird noch schlimmer, wenn diese o-Schreibweise sogar dem Titel von Neil Youngs Album "Psychedelic Pill" aufgepropft wird. Einen herzhaften Lacher entlockt hat mir hingegen die Verschreibung des nicht genug zu rühmenden (und von Neil Young deshalb vielfach gerühmten) Bert Jansch, der in diesem Buch doch tatsächlich als "Bernd Jansch" auftritt!

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Wolfram Malte Fues, Prof. Dr. phil. schrieb uns am 10.11.2015
Thema: Sascha Seiler: Verschwörungstheorie mit Hintergründen
Hubert Seipels „Putin. Innenansichten der Macht“ offenbart trotz seines sein arg einseitigen Narrativs tiefe Einblicke in die aktuelle russische Politik

Was soll das? Jemandem, der aus gegebenem Anlass auf die konsequente ökonomische und institutionelle Macht-Politik von EU und Nato gegenüber Russland seit 1991 hinweist, Verschwörungs-Theorien zu unterstellen, statt wenigstens probehalber mal die Denkrichtung der Einheits-Meinungs-Medien umzukehren? Offenbar soll nicht gedacht werden, was nicht bedacht werden darf. Auch eine Form von Totalitarismus.

Wolfram Malte Fues
Prof. Dr. phil.

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Christine Wurm schrieb uns am 29.10.2015
Thema: Michael Duszat: Dissertation als Komposition?
Katharina Müllers Studie über Michael Haneke ist ein Experiment, das an seinen hohen Ansprüchen scheitert

Ich bin gerade auf Ihren Text gestoßen, weil ich die Autorin recherchiert hatte. Der Grund: Ich war gestern bei einem Vortrag von ihr. Thema war nicht Haneke, aber ich war schwer irritiert von dem Vortrag, von der Vortragenden und vor allem von sehr vielem, was ich vermisst habe.

In Ihrem Text zu dem Buch finde ich etliche Dinge, die ich mir über die Vortragende zusammenreimen musste, formuliert. Mir war der gestrge Abend ein Rätsel, jetzt verstehe ich, warum. Und dass es ausschließlich an der Frau Müller liegt.
Jetzt muss ich sagen, eigentlich eine Frechheit, einem Publikum zwei Stunden zu stehlen (einige sind auch gegangen). Genauso frech oder dumm wie die Antwort auf Hanekes Frage. Sie hatte keine Antwort für ihn, das ist das ganze
Geheimnis.

Eine sehr gute Analyse haben Sie da geschrieben.

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Klaus Bonn schrieb uns am 20.10.2015
Thema: Carme Bescansa: „Dieses Land kann mich kreuzweise“
Emotion und Raum bei der Gestaltung von Heimat als „Seltsame Materie“ in Erzählungen Terézia Moras

Sehr geehrte Frau Bescansa,

Dank Ihnen für Ihren Versuch zu Seltsame Materie, den ich gewiss in meine Überlegungen zu Moras kürzerer Prosa einfließen lasse; ich habe selbst einen Versuch zur Erzählung "Die Lücke" verfasst und werde mich mit einem weiteren Text dieses Bandes in einem Seminar zum Thema Fremdheit/ Migration befassen. -
Schade finde ich, dass Sie, zugunsten methodologischer Prämissen, nicht noch näher auf Ihr Textmaterial eingehen konnten, ich sage bewusst 'konnten', denn das hätte womöglich den so genannten Rahmen gesprengt. Da Sie aber, wie am Ende Ihres Beitrags zu lesen war, auf einen Vortrag zurückgegriffen haben, der dann im kommenden Jahr in einer Anthologie erscheinen soll,
haben Sie mich neugierig gemacht... -

Mit freundlichen Grüßen,
klaus bonn

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Cornelius Böse schrieb uns am 09.10.2015 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Niels Penke: Parasit Hoffnung
Lena Andersson Roman „Widerrechtliche Besitznahme“ über die Illusionen einer einseitigen Liebe

Ich hätte gerne Lesetipps zur "tiefer gehenden Literatur", die die Leserbriefschreiberin erwähnt.

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aldo haesler schrieb uns am 27.09.2015
Thema: Thomas Neumann: Kill the Poor
Wie der Punk begann – eine Monographie über die „Dead Kennedys“ von Alex Ogg

Alles andere als rund ist die Rezension, denn abgesehen von den internen Querelen der Band, erfährt man nichts über die kalifornische Punkitude, wo es doch interessant gewesen wäre, die Melanomanie (Schwarzsucht nach Nancy Huston) im Lande der Beach Boys auszuleuchten.

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Wolfgang Ernst schrieb uns am 25.09.2015
Thema: Sylvie Denke: Kennst du nur das Zauberwort …
Wolfgang Ernst untersucht die Wirkung von Zaubersprüchen auf das menschliche Gehirn

Die beiden Rezensentinnen haben eine eingehende und anerkennende Rez. geschrieben. Ich möchte aber darauf hinweisen, daß auch mein "Gehirn und Zauberspruch" (2013)in vielem auf den grundlegenden Arbeiten von vier Frauen aufbaut: Irmgard Hampp, Johanna Nickel, Monika Schulz und Christa M. Haeseli und daß dies durchgehend berücksichtigt ist und werden mußte. - Wenn nun die Rezensentinnen meinen, daß "Ernsts Welt nur aus Männern zu bestehen scheint" muß da etwas übersehen worden sein. Schließlich steht auch die Besprechung eines Traumes der Schustersfrau (S.100f) im Mittelpunkt der Studie. Nun ist es nicht unbedingt Aufgabe einer Rez., auch andere Arbeiten des Autors zu erkennen, jedoch habe ich einleitend beschrieben, daß "Gehirn und Zauberspruch" eine Fokussierung auf das Neurobiologische der Texte, aufbauend auf meinem Buch "Beschwörungen und Segen" (2011)ist. Dort habe ich sehr ausführlich über Hebammen (einschl. Trotula), über Gebärmutter-Matrix-Beschwörungen, über alte Gynäkologie, Geburtssegen, Dreifrauensegen, heilige Frauen Beronice/ Veronika- Apollonia- Ottilia-Segen gehandelt. Erstmals habe ich alle Heilsprüche der Hildegard von Bingen zusammengestellt. Erwartet jemand Wiederholungen? Und wie kommt dieses Übersehen zustande? Antifeminismus will doch niemand den beiden Rezensentinnen unterstellen. Wolfgang Ernst, Neurologe.

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Reiner Lenz schrieb uns am 08.09.2015 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Peter Mohr: Gralshüter des Sozialismus
Vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Stephan Hermlin geboren

Carl Corino hat offenbar bis heute, immerhin 36 Jahre nach Erstveröffentlichung, nicht begriffen, dass Stefan Hermlins literarisches Alterswerk Abendlicht, auf das er sich im Wesentlichen bei seiner Behauptung Hermlin habe seinen Lebensmythos erlogen bezieht, eine fiktionale Erzählung und eben keine Autobiographie ist. Es gibt in Abendlicht auch keinerlei Anzeichen aus denen sich die zwingende Schlussfolgerung ergibt, hier läge eine Autobiographie vor. Wenn ein Teil der Leser Hermlins dieses Werk dennoch als Autobiographie verstanden wissen wollte, so erscheint es absurd Hermlin für die Gedanken und Empfindungen Dritter in Haftung nehmen zu wollen. Auch Corinos Behauptung Hermlin wäre den falschen Interpretationen seines Textes nicht entgegengetreten, entspricht schlichtweg nicht den Tatsachen. Eindeutig und unmissverständlich lässt sich im Einband des Buches lesen, dass hier keine Autobiographie vorliegt.

Zitat:

Ein eigentümliches Buch aus der Rückschau gewonnen und doch keine Autobiographie

Zitiert aus dem Bucheinband der Erzählung Abendlicht von Stephan Hermlin, Verlag Phillip Reclam Junior Leipzig Ausgabe 1983

Ich meine das ist allemal Entgegentreten falscher Interpretationen von Abendlicht genug und füge dennoch einen Auszug aus Metzlers Lexikon DDR Literatur hinzu. Unter Stefan Hermlin heißt es…

Zitat:

Im Zeit Dossier (4.10.1996) veröffentlichte Carl Corino einen Artikel unter dem Titel Die Dichtung in eigner Sache indem er Hermlin der Lebenslüge bezichtigte. Er unterstellte Ihm ungerechtfertigte Behauptungen, etwas dass sein Vater in Sachensenhausen ermordet worden sei ( er war zu der Zeit Häftling dort ) , dass Hermlin Offizier im spanischen Bürgerkrieg gewesen sei ( er war nur kurz als Bote in Spanien ) usw. Corino berief sich dabei im Wesentlichen auf den …fiktionalen…Text Abendlicht und nicht auf nachweisliche Behauptungen Hermlins.

Zitat Ende.

Also auch diesem Lexikon ist eindeutig zu entnehmen, dass es sich bei Abendlicht um eine fiktionale Erzählung handelt.

Zu guter Letzt noch ein Zitat aus der Magisterarbeit des Germanisten Wolfram Mach mit dem Titel Stephan Hermlin 1958 – 1989 Versuch einer geistigen Existenzform im Sozialismus, darin heißt es.

Zitat:

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Autor und Werk erfolgte bislang in einem überschaubaren Rahmen. Einige der Arbeiten gehen unter einem jeweils besonderen Fokus gattungsbezogen vor (Ertl, Sobotka, Ohlerich ), versuchen eine Generalisierung (Werner), untersuchen Aspekte der Rezeptionsgeschichte (Ende) oder nähern sich dem Autor biographisch (Schlenstedt, Corino).
Es fehlen mithin neue Forschungen über diese zentrale Figur in der DDR-Kultur, insbesondere dezidierte Analysen über Hermlins offizielles wie inoffizielles kulturpolitisches Wirken, eine systematische Erschließung seines Nachlasses, textkritische Analysen neueren Datums ebenso wie rezeptionsgeschichtliche Arbeiten.
In diesem Zusammenhange sind die widersprüchlichen Angaben über die Biographie Hermlins bemerkenswert.
Weder Schlenstedt noch Corino genügen hierbei wissenschaftlichen Standards. Die Biographie Schlenstedts, die wohl eher eine Werk-Monographie genannt werden muß, nähert sich Hermlin vornehmlich politisch-ideologisch. Mit dem Ende des Bezugssystem ist jedoch diese Biographie selbst historisch geworden. Corino wiederum blickt ebenfalls durch eine (wenn auch anders gefärbte) ideologische Brille auf seinen Untersuchungsgegenstand. Durch die Gleichbehandlung ästhetischen und dokumentarischen Materials und der recht tendenziösen Heranziehung subjektiv gefärbter Quellen läßt er sich zu menschlich desavouierenden Passagen hinreißen, die weder Hermlin noch dem Begriff Biographie gerecht werden.

Zitat Ende

Nachzulesen unter www.hermlin.de

Ich meine hierzu Folgendes. Niemand weiß was Herrn Corino der dereinst einen guten Ruf als Kenner der DDR Literatur genoss, bewogen hat, diesen  Ruf für die Rolle eines demagogischen Denunzianten einzutauschen, er täte sich aber durchaus einen Gefallen, wollte er mit der Demontage seiner Selbst, nicht bis in alle Ewigkeit fortfahren.


Reiner Lenz

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Eric Miller schrieb uns am 02.09.2015 als Antwort auf einen Leserbrief
Thema: Re: Jens Zwernemann: "Man braucht zu verschiedenen Zeiten verschiedene Übersetzungen"
B. K. Tragelehns "zeitgemäße" Neuübersetzung von Shakespeares "Der Sturm"

Ich will ja nicht ueberpedantisch sein, aber es geht hier ja um die Feinheiten, also: es heisst: "ist rounded with a sleep", nicht "by" a sleep.

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 01.09.2015
Thema: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Da bislang außer mir niemand sich zu der offenbar weitestgehend von Yahya Elsaghe verfassten und wiederum mit Zitatmanipulationen und Unwahrheiten hantierenden Replik geäußert hat, halte ich es für angebracht, meine Bemerkungen dazu doch auch hier mitzuteilen:
Klaus Müller-Salget: Bemerkungen zur „Replik von Yahya Elsaghe, Franziska Schößler
                             und Melanie Rohner in der August-Ausgabe von Literaturkritik.de


1. Die Fama von Max Frischs unangefochtener Stellung in der Schweiz ist nachweislich falsch. Man muss ja nur den Stiftungsrat der Max
Frisch-Stiftung fragen. Das Konstrukt vom sakrosankten Nationalschriftsteller lässt den geplanten „Ikonoklasmus“ natürlich viel bedeutender erscheinen.

2. Dass sich mein Vorwurf „zu viel der Selbstvermarktung“ auf Elsaghes Selbstzitate (Hölderlin etc.) bezöge, ist ebenfalls falsch: Es geht um seinen „Epilog“ (E 347-362), der über 15 von 16 Seiten fast wortwörtlich identisch ist mit seinem Beitrag zu Hermann Kortes Max-Frisch-Heft, ohne dass das hier oder da vermerkt würde. Vgl. dagegen in Melanie Rohners Nachwort den korrekten Hinweis, dass und wo es Vorveröffentlichungen gegeben hat (R 260).

3. Die Amerika-Schelte im "Homo faber":
Ich zitiere S. 177, Z.8-20:
"Brief an Marcel. / Marcel hat recht: ihre falsche Gesundheit, [...] ihre obszöne Jugendlichkeit - / Ich ruderte weit hinaus. / Hitze auf dem Meer -/ Sehr allein. / Ich las meine Briefe an Dick und Marcel und zerriß sie, weil unsachlich; [...] -"
Wenn Elsaghe diesen offenkundigen Widerruf nicht als solchen erkennen und anerkennen will, dann darf man wohl an seiner Lesekompetenz zweifeln.

4. Der Inzest in „Homo faber“:
In Avignon ahnt Faber noch nicht, dass „das Mädchen“ seine Tochter sein könnte. Das kommt erst in Rom, wenn er erfährt, dass Hanna ‚Sabeths‘ Mutter ist (+ panisch-unehrliche Rechnereien). Es wäre schön, wenn Elsaghe Geschehensabläufe als solche wahrnehmen wollte (vgl. auch Punkt 3).

5. Der "Mexican boy":
Nicht ich behaupte, "die historischen Figuren hätten mit den Doppelgänger-Jims  in dieser Episode nichts zu tun", sondern Stiller sagt das, indem er den verwirrten Knobel darüber aufklärt, dass er NICHT identisch ist mit dem historischen Höhlenentdecker Jim White von 1901: "'Nein', lache ich, 'das gerade nicht!'" - Schon von daher verbietet es sich, den 'anderen' Jim in Stillers Erzählung mit dem historischen "Mexican boy" von 1901 zu identifizieren, erst recht, weil dieser andere Jim in keiner Weise als fremdartig, mexikanisch, indigen oder dergleichen gekennzeichnet wird. Er ist ein Alter Ego von Stiller, der 'frühere' Stiller, den er überwunden, erledigt haben möchte. - Dass Melanie Rohner von ihrer postkolonialen Perspektive her mit dem "Mexican boy" einen Fund getan zu haben glaubte, kann ich gut nachvollziehen; gleichwohl ist ihr Verfahren philologisch nicht tolerabel.

6. "Andorra":
Dass das Stück sich weder um die Shoah noch um den Antisemitismus drehe, habe ich nicht behauptet, wohl aber, dass es allgemein um ethnische Vorurteile geht - und man dem Stück natürlich vorwerfen kann, dass es den Antisemitismus als nur ein, wenn auch prominentes Beispiel dafür behandelt.
Eine wie auch immer geartete "Umsetzung der Endlösung" ist es natürlich nicht und hat es auch nie sein wollen. Meine Überlegungen zur Problematik des 6. Bildes werden schon in Elsaghes Buch und erst recht in der Replik unseriös verkürzt und entstellt.

7. "Cortez und Montezuma":
Dass ich den Text "systematisch vereindeutigt" hätte, ist unzutreffend. Wem meine Zitate nicht genügen, der möge den ganzen Text lesen und mir Stellen nennen, die meiner Auffassung widersprechen.

8. "Johanna":
Die slapstickhaften Bemerkungen hierzu sollen wohl davon ablenken, dass ich nachgewiesen habe, dass Elsaghes und Rohners Behauptung, von dieser angeblichen Fahnenkorrektur an nenne Faber Hanna Johanna, schlicht falsch ist. Im Übrigen ist es mir neu, dass ein vom Verfasser übersehener Setzerfehler als "passive Autorisierung" gilt; das müsste dann ja auch für den offensichtlichen Fehler auf der vorangehenden Seite ("ein Kind gewünscht") gelten. Auch steht der Satz da nicht als indirekte Rede Hannas, sondern Faber gibt in seinen Worten wieder, was Hanna ihm erzählt hat (Methode „Stiller“)

9. Krebs:
In der Tat kann man über die Gründe für den Krebstod von Prof. O. und Walter Faber streiten, - weshalb ich meine Deutung ja auch als Frage formuliert habe und nicht als "à tout prix" durchzusetzen. Wenn man eine Begründung ablehnt, müsste man sich wohl doch der Frage stellen, warum Frisch denn O. und Faber an Krebs sterben lässt, warum er von Anfang an das Buch als "Bericht eines sterbenden Technikers" (an Peter Suhrkamp, 19.4.1956) geplant hat. Bloß, weil Krebs damals ein beunruhigendes Gesprächsthema war? Und warum Techniker? Wegen der Durchkreuzung von Fabers Glauben an die Berechenbarkeit von allem und jedem?

10. Elsaghe bezeichnet es als perfide, dass ich die methodischen Voraussetzungen der drei Publikationen nicht ins rechte Licht rückte. In der Tat bin ich vor allem an den Ergebnissen interessiert und an einem Abgleich mit Frischs Texten. Schiefe bis falsche Ergebnisse werden ja nicht besser durch den Hinweis auf honorable Methoden (den ich übrigens, Melanie Rohner betreffend, nicht versäumt habe). Bei Elsaghe ist ja wohl das erklärte ikonoklastische Vorhaben das erkenntnisleitende Interesse gewesen.

Wenn Elsaghe meine Kritik als „Auslassungen“ eines unbelehrbaren Frisch-Fans abqualifizieren möchte, will ich ihm das Vergnügen daran nicht rauben. Mir geht es einfach um die Wahrheit.

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Dr. Daniel-Pascal Zorn schrieb uns am 30.08.2015
Thema: Max Beck: Eindeutige Bemerkungen
Hermann Heidegger und das „Zeit“-Feuilleton haben sich verirrt

Insgesamt eine sehr zu begrüßende Kritik der Äußerungen Hermann Heideggers, die deutlich macht, wie unsinnig sein apologetischer Versuch ist und wie verräterisch seine Verwendung von Begriffen wie "Halbjude".

Allerdings muss ich feststellen, dass der Text genau da anfängt herumzueiern, wo es um Heideggers Kritik am NS geht - denn die gibt es natürlich (die Frage ist: in welcher Hinsicht?). Da muss man auch nicht von irgendwelchen "historische[n] und philosophische[n] Falschbehauptungen" schwadronnieren, um dann die vorher vertretene These nochmal zu wiederholen. Unglücklich ist es dann auch, von einer "Pirouette" zu sprechen, wenn man selbst gerade eine vollzogen hat.

Bei Heidegger wie
auch sonst muss man m. E. fragen: In welcher Hinsicht? In welcher Hinsicht ist er "Antisemit"? Und in welcher Hinsicht ist sein Antisemitismus in den Gesamtkontext des NS einzuordnen? In welcher Hinsicht versteht er "Nationalsozialismus" und in welcher Hinsicht kritisiert er ihn? Aus historischer Sicht sind seine Äußerungen z. B. in Briefen ziemlich durchschnittlich antisemitisch für einen Anhänger der konservativen Revolution. Während die Bemerkungen zum "Weltjudentum" - hier liegt Hermann Heidegger nicht ganz falsch - sich zwischen antisemitischer Verschwörungstheorie und einem Pappkameraden "Judentum" hin und her bewegen, der mehr Chiffre für ein Denkproblem als Abbild des rassenideologischen Antisemitismus ist. Wenn man dann weiß, dass Heidegger seit Beginn seiner Vorlesungen solche Pappkameraden verwendet hat, bekommt die Sache einen etwas anderen Drall.

Das entschuldigt ihn keineswegs (wie Ideologien wie Wolin, Kellerer oder Faye immer wieder behaupten), aber es zieht eben dort Differenzen ein, wo ein Ideologiekritiker einfache Bestätigungen seiner einfachen Unterstellung sehen will. Denn wenn man im ideologiekritischen Bestätigungsfehler (Stichwort: Jargon der Eigentlichkeit) alles als Bestätigung der Gegenthese - "Heidegger war Antisemit. Punkt." - liest, tut man der eigenen Kritik keinen Gefallen. Hier hätte ich mir eine differenziertere Auseinandersetzung gewünscht, wie sie ja dank Luca Di Blasi, Peter Trawny oder Donatella Di Cesare vorliegt.

Auch die bissige Bemerkung gegen den "geneigten Leser", dem der "kritische Leser" gegenübergestellt wird, bleibt etwas unklar - denn natürlich muss man einen Autor erst einmal verstehen, bevor man ihn kritisiert (sonst landet man eben im Bestätigungsfehler der Ideologiekritik) - und umgekehrt kann man nicht von Vorneherein den Autor von jeder Schuld freisprechen. Ich empfehle dann immer, den Umstand zu bedenken, dass man ein und denselben Text aus mehreren Perspektiven lesen und die dann vergleichen kann. Das ist meistens klüger und übrigens auch produktiver, als sich auf ein false dilemma von "zustimmend" vs. "ablehnend" einzulassen.

Unangenehm für die - wie gesagt - ansonsten durchgängig zustimmungswürdige Kritik ist, dass sie denselben Fehlschluss wie Hermann Heidegger im Negativen wiederholt: apology bzw. guilt by association. Denn genausowenig, wie der Umstand, dass man jüdische Freunde hat, einen vom Vorwurf des Antisemitismus entlastet (weil es keinen kausalen Zusammenhang geben muss zwischen dem einen und dem anderen), ist es überzeugend, fortlaufend die rechten Postillen zu erwähnen, in denen Hermann Heidegger seine Meinung veröffentlicht. Man wiederholt den Argumentationsfehler des Gegners - und stellt damit die "kontra" gerichtete Ideologiekritik mehr aus, als das eigene bessere sachliche Argument.

Der letzte Satz verrät dann leider das gesamte sachliche Argument mit einem Streich - wenn man nämlich, die eigene moralische These a priori gesetzt, alle, die eine gegenläufige These vertreten, zu umfangreicher Abbitte verpflichten will. Das versteht nicht, dass die Verantwortungsübernahme, die hier gefordert wird, bereits durch die Nennung des Gastautors stattgefunden hat - und verrät zudem den latenten Wunsch, solche Meinungen gar nicht mehr zu Wort kommen zu lassen. Genau das widerspricht dann aber genau der Stärke dieser Kritik - denn sie ist nur möglich und kann als solche wertvoll sein, WEIL die Meinung Hermann Heideggers veröffentlicht wurde. Wer den Gegendiskurs um jeden Preis stillstellen will, macht sich zudem selbst jenes totalitären Denkens verdächtig, das er damit eigentlich kritisieren will (das ist eben die Crux einer Ideologiekritik, die z. B. Adorno nie ganz eingeleuchtet hat).

Das nächste Mal würde ich etwas weniger mit Unterstellungen und mehr mit dem gegebenen Textbefund arbeiten. Mich hat schon das Argument gegen Hermann Heideggers Apologie-Fehlschluss und sein LTI-Vokabular in diesem Kontext überzeugt - man muss dieses überzeugende Argument nicht durch eigene Fehlschlüsse schwächen.

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Dr.Armin Erlinghagen schrieb uns am 25.08.2015
Thema: Max Beck: Eindeutige Bemerkungen
Hermann Heidegger und das „Zeit“-Feuilleton haben sich verirrt

„Aber er hat ja gar nichts an!“ sagte endlich ein kleines Kind.
Die apologetischen Einlassungen Hermann Heideggers zu Gunsten seines Vaters Martin Heidegger (wie in mehreren Presseorganen, zuletzt in der ZEIT veröffentlicht) können nicht unwidersprochen bleiben. Nach gründlicher Lektüre von bisher drei der vier veröffentlichten Bände von Heideggers sog. „Schwarzen Heften“ (1931–39; 1942–48) gelange ich – als Schüler eines Heidegger-Schülers, als kritischer Leser der Schriften Heideggers, als langjähriger Philosophielehrer und Ausbilder von Philosophielehrern, gleichwohl  n i c h t  professioneller Philosoph – bei der Beurteilung der Sache zu anderen Ergebnissen:

1) Die akademische Philosophie macht es
sich allzu leicht, wenn sie die Diskussion von Heideggers „Schwarzen Heften“ auf die Frage nach dessen Antisemitismus beschränkt, jedenfalls auf diese fokussiert. In Frage steht, folgt man Heideggers eigenen philosophischen Prämissen, nicht der Antisemitismus Martin Heideggers als Person, sondern der nationalsozialistische Charakter seiner Philosophie, deren inhärenter Antisemitismus in der Tat ein untergeordneter Aspekt dieser Philosophie ist – kein „randständiger“ allerdings, wie von Heideggers Sohn behauptet, sondern ein signifikanter.

2) Die von Hermann Heidegger angeführten Argumente gegen den vielfach behaupteten Antisemitismus Martin Heideggers fallen kaum ins Gewicht. Unabhängig von dem zweifelhaften Wahrheitsgehalt der genannten Punkte im Einzelnen – seine Argumente stehen nicht auf dem Stand der historischen Forschung, seiner Argumentation mangelt es an logischer Plausibilität – gehören sie zu jenem Typus vermeintlicher Entschuldigungen, durch die selbst prominente Akteure des Holocaust sich darauf berufen, sie hätten persönlich „nichts gegen Juden gehabt“ und mit dem jüdischen Nachbarn oder Kollegen  „einen freundlichen Umgang gepflegt“ o. ä. Was besagt beispielweise die geltend gemachte Freundschaft von Heideggers Ehefrau mit einer „Halbjüdin“, wenn jene durch die Briefe ihres Ehegatten sich als glühende Anhängerin Adolf Hitlers erweist, so dass, beispielsweise, die angeblich mangelnde nationale Gesinnung Karl Jaspers’ auf den Einfluss seiner jüdischen Ehefrau zurückgeführt wird? Oder: Stellt ein Antisemit von echtem Schrot und Korn seinen Antisemitismus erst dadurch unter Beweis, dass er gegen die Attraktivität einer schönen und klugen Jüdin gefeit ist? Oder: Muss auch noch der Name des Philosophen Karl Löwith, der als einer der ersten eine viel beachtete Kritik der Heideggerschen Philosophie formulierte, zur Widerlegung von Heideggers Antisemitismus herhalten, nur weil der Exilierte als Person großmütig genug war, nach dem Kriege den Kontakt mit seinem akademischen Lehrer wieder aufzunehmen? Für die Opfer des Holocaust und die Überlebenden ist es von geringem Interesse, ob Heideggers wiederholten Ausfälle gegen alles Jüdische („der Jude Fränkel“ u. a. m.) antisemitischer oder antijudaistischer Herkunft sind oder ob sein Ressentiment gegen Juden rassistisch oder „seynsgeschichtlich“ motiviert ist: Ohnehin werden, da der Meisterdenker das Schicksal des sog. Weltjudentums in seinsgeschichtlicher Perspektive den diversen „Machenschaften“ der Neuzeit subsumiert, die Akteure der industriellen Massenvernichtung der Juden samt ihren Vordenkern jeder persönlichen Schuld enthoben, weshalb es Heidegger denn auch überflüssig erschienen sein mag, die Opfer des Holocaust zu beklagen – ganz im Gegensatz zu dem an der Ostfront geopferten „deutschen Blut“.

3) Die (teils inhaltlichen, teils strukturellen) Korrespondenzen zwischen zentralen Versatzstücken der nationalsozialistischen Ideologie und Heideggers Philosophie, auf die u. a. bereits Günther Anders hingewiesen hat, sind unübersehbar und m. E. nach Vorlage der „Schwarzen Hefte“ auch kaum mehr bestreitbar. Bewundernswert ist die Treffsicherheit, mit der Karl Jaspers als ausgewiesener Psychopathologe aufgrund der späteren Schriften Heideggers bereits in den 60er Jahren solche in den „Schwarzen Heften“ manifest werdenden Korrespondenzen namhaft machte, wenn er „die Denkungsart derer, die den Nationalsozialismus mit Enthusiasmus ergriffen – das Diktatorische, das Behauptende, das sich überlegen Dünkende, das eine allein Wahre, die Neigung zum Absurden, die primäre Aggressivität, Verneinung, der Machtwille [...] in der Philosophie Heideggers und seiner Anhänger [...]“ namhaft macht („Notizen zu Martin Heidegger“. 1978, Notiz 251). Alle diese Merkmale der späteren Philosophie Heideggers und ähnliche sind in den „Schwarzen Heften“ vielfach belegbar. Gewöhnlich wird dabei so verfahren, dass vorgefundene nationalsozialistische Konstrukte wie „Volk ohne Raum“ nicht, wie zu erwarten, kritisiert, sondern durch die angeblich einzig angemessene, nämlich „seynsgeschichtliche“ Interpretation allererst legitimiert werden – eine Art Nationalsozialismus de luxe –, so wie denn auch der exaltierte Nationalismus und Chauvinismus der Nazis durch die Sonderrolle, die Heidegger der deutschen Sprache zuweist, nur in sublimierter Form wiederkehren. In der Tat unterscheidet sich das Denken Heideggers in der Sache nur graduell – durch die elaborierte Form ihrer Begründung nämlich – von dem Antiintellektualismus, Immoralismus und Voluntarismus Adolf Hitlers, wie sie spätestens durch Hermann Rauschnings „Gespräche mit Hitler“ bekannt wurden (Auszüge in „Die Wandlung“, H. 8/1946). Der Inbegriff der Gewaltsamkeit von Heideggers Denken,

– das in autistischer Manier sich selbst von den Regeln der Logik dispensieren zu können meint;
– das sich selbst als unkritisierbar konstituiert;
– das nichts außer dem von ihm selbst dekretierten engen Corpus kanonischer Schriften gelten lässt,
– das wortreich Schweigsamkeit postuliert –

liegt in dessen Umgang mit der deutschen Sprache, mit der er, wie totalitäres Handeln mit Menschen und Sachen überhaupt, nach Gutdünken verfahren zu können meint. Die Hässlichkeit der von dem angemaßten Dichter Heidegger produzierten sprachlichen Grotesken – usurpatorische Eingriffe in unser aller Sprache – ist das Signum ihrer Unwahrheit.

4) Die akademische Philosophie, die in Teilen ein halbes Jahrhundert lang die Investitur des philosophischen Kaisers Martin Heidegger inszenierte und seine Inthronisation zum „Ausnahmephilosophen“ zelebrierte, verschließt sich, so weit ich sehe, beharrlich der nach der Publikation seiner Notizhefte unausweichlich gewordenen Einsicht, dass dieser Kaiser nackt ist, seine Blößen notdürftig bedeckt durch ein Lumpenkleid – Patchwork – aus den Versatzstücken alttestamentarische Prophetenbücher, früheste griechische Philosophie, Hölderlin, Kierkegaard, Nietzsche (alle höchst eigenwillig interpretiert), darüber hinaus: süddeutsche Heimatliteratur, journalistische Polemik (oftmals nazistischer Herkunft), sowie mehr oder minder zufällige Lesefrüchte disparater Natur, im Bedarfsfalle auch Karl Marx. Die in Teilen der Forschung stereotyp wiederkehrende Behauptung des außerordentlichen Rangs von Heideggers Philosophie, angeblich ausgewiesen durch die Wirkungsgeschichte seines Denkens, sollte im Hinblick auf die „Schwarzen Hefte“ einer Revision unterzogen werden (warum sollte der Autor philosophischer Schriften frei sein von jenen Affekten und Ressentiments, durch die seine philosophischen Notizhefte allenthalben geprägt sind?). Handelt es sich bei der Rede seit Mitte der 30er Jahre propagierten Rede von dem „letzten Gott“, der kommenden Rückkunft der verlorenen Einheit mit dem „Seyn“, noch um Philosophie und nicht vielmehr um eine säkulare Prophetie? Überhaupt: Wie können die gängigen Deutungen von Heideggers früher Philosophie Bestand haben, wenn der Autor selbst die vorliegenden Interpretationen zu einem einzigen Missverständnis erklärt und seine frühe Philosophie, deren rhetorischen Gestus ausgenommen, retrospektiv im Sinne seiner späten Philosophie umdeutet?

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Joachim Landkammer schrieb uns am 25.08.2015
Thema: Max Beck: Eindeutige Bemerkungen
Hermann Heidegger und das „Zeit“-Feuilleton haben sich verirrt

Ja, das mag man alles so denken und auch noch aufschreiben und dann auch noch publizieren. Aber interessant ist es genauso wenig wie es originell ist. Schlimmer aber: es ist nicht ganz durchdacht und intellektuell unredlich, wenn das denn heißen würde, daß man zu jedem "Ja" oder "Nein", das man denkt (schreibt/veröffentlicht) auch immer das "Aber" dazudenken (...schreiben/veröffentlichen) sollte. Das sei hier andeutungsweise nachgeholt: ja, der offenbar weltkriegstypisch zwangsmilitarisierte Sohn des Philosophen ist kein besonders glaubwürdiger Verteidiger seines Vaters, wahrscheinlich schon aus Gründen professioneller Unzuständigkeit nicht. Aber: muß man ihm deswegen das Wort verbieten? Hat er nicht das Recht, aus seiner wie immer partiellen familiären Sicht seinen "Senf" zur öffentlichen Debatte dazuzugeben? Man muß diesen ja nicht ernster nehmen als andere sippenhaftenden Apologien. Ja: die Verwendung des Wortes "Halbjude" ist hoch fragwürdig. Aber: bei der Rekonstruktion von historischen Haltungen wird man auch das "technische" Vokabular der Zeit benutzen müssen, und man kann Heidegger junior zwar vorwerfen, daß er jede Verwendung dieses Worts mit einer distanzierenden Klausel á la "wie das damals hieß" hätte einklammern müssen, aber nicht, daß damit nicht die (ja nachprüfbare, wichtige) These aufgestellt worden wäre, daß Heidegger senior damals Kontakt zu als regimefeindlich eingestuften Personen hatte. Ja, das macht ihn noch lange nicht zum Regimekritiker, es ist auch noch keine Widerlegung seines Antisemitismus, aber: doch offenbar eine Differenz zu den 100%igen Nazis, die es ja auch gab. Also: ein schwaches Argument, aber kein völlig vernachlässigbares. Und ja: natürlich ist Heidegger nicht nur Antisemit, sondern auch anti-modern, wie das eben Antisemiten oft waren. Aber: vielleicht ist er ja erst in zweiter Linie Antisemit, weil er in erster Linie und mit gewichtiger philosophischer Begründung eben anti-modern ist. Auch das "entlastet" ihn natürlich keineswegs, aber es fühlt sich etwas schwerer an, diese fundamentalkritische Haltung zu widerlegen; denn während es nicht nur richtig, sondern auch relativ leicht ist, heute "gegen Antisemitismus" zu sein, ist es bedeutend schwerer, ein rückhaltloser Freund der "Moderne" zu sein. Die Auseinandersetzung mit Heideggers Antisemitismus müßte aber dann genau den Weg über die Infragestellung seines Antimodernismus gehen; wer diesen Weg scheut, macht es sich gern mit dem Antisemitismus-Verdikt viel zu leicht, zumindest: leichter als es eben ist.
Ja: ein vermutlich überflüssiger Text des Sohnemanns. Aber: warum es ein Problem sein soll, daß in der ZEIT neben vielen kritischen Stimmen (davon sicher auch einige überflüssige) auch diese zu Wort kommt, und zwar "ohne Distanzierung", also wohl ohne die pädagogische Warnung der Redaktion "Achtung Achtung, Sie verlassen jetzt den politisch korrekten Sektor", erschließt sich nicht: "alles ein ganz demokratischer Diskurs, versteht sich", sagen die Autoren süffisant. Ja, aber: genau das ist es.

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Klaus Müller-Salget schrieb uns am 19.08.2015
Thema: Yahya Elsaghe, Melanie Rohner, Franziska Schößler: Unbequeme Fragen an einen Nationalschriftsteller
Replik auf Klaus Müller-Salgets Rezension „Max Frisch zwischen Dekonstruktion, Denunziation und postkolonialer Zurichtung“

Ich schlage vor, meine Besprechung noch einmal in Ruhe zu lesen, meine Argumente anhand der Bezugstexte zu überprüfen und dann zu einem sachgerechten Urteil über Machart, Wahrheitsgehalt und Überzeugungspotenzial der Replik zu kommen. Im Übrigen stehe ich für Rückfragen gerne zur Verfügung. Klaus Müller-Salget

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Hansjörg Dodenhöft schrieb uns am 18.08.2015
Thema: Christian Begemann: Erschriebene Ordnung
Adalbert Stifters "Nachsommer"

Eine sehr lesenswerte "literaturkritik". Gründlich, verständlich. Mir hat sie geholfen, das umfangreiche Opus nicht bei Seite 80 beiseite zu legen, sondern mich weiter "durchzuarbeiten". Besten Dank!

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Katja Kunst schrieb uns am 12.08.2015
Thema: Rolf Löchel: Von Menschen und Hunden
Doris Lessing enttäuscht zweimal mit postapokalyptischem Tier-Kitsch

Liebe Redaktion,
ich möchte eine Ergänzung zu dem im Artikel besprochenen Buch "Mara und Dann" hinzufügen. So ist in Bezug auf die Geschlechterrollen nicht nur auffällig, wie sehr die ProtagonistInnen in sehr klischeehaften Geschlechterrollen geschildert werden. Hinzu kommt eine immer wieder ziemlich klar hervortretende Homophobie.
So gehen die Frauen zwar zum Teil Liebesbeziehungen mit Frauen ein - dies aber immer nur zum "Zeitvertreib" oder aus einem Mangel an - geeigneten - Männern. Sexuelle Beziehungen zwischen Männern kommen nur in gewaltförmiger Gewalt vor, indem Dann Opfer von Vergewaltigung wird.
Da wäre es vorzuziehen, es würden ausschließlich herterosexuelle Beziehungen geschildert.
Dafür aber entscheidet sich Lessing nicht. Durch die Art und Weise, wie gleichgeschlechtliche Beziehungen im Roman geschildert werden, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein Bedürfnis der Autorin ist, die Bedeutung dieser Beziehungen entweder zu marginalisieren (bei den Frauen) oder zu dämonisieren (bei den Männern). Sehr unerfreulich!
Mit freundlichen Grüßen
K. Kunst

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