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Betreff Re: Re: Playgiarism - Hegemann und die textfixierte Literaturwisenschaft
Autor Thomas Anz
Datum 18.02.2010 23:56
Nachricht

Das Alter einer Theorie oder einer Lektürepraxis sollte in der Tat kein Argument für oder gegen sie sein. Und zugegeben: Manches literarische Werk ist weit besser (manchmal auch schlechter) oder anders geartet als das, was ein Autor sonst von sich gibt. Aber um solche oft aufschlussreiche Differenzen überhaupt zu erkennen, muss ich Informationen über den Autor haben. Kann es Literaturkritikern, Literaturwissenschaftlern oder anderen Lesern bei der Lektüre von "Axolotl Roadkill" wirklich egal sein, ob Helene Hegemann 17 oder 70 Jahre alt ist, eine Frau oder ein Mann ist, ob sie in Berlin oder Bochum lebt? Wie wir bei der Wahrnehmung von sprachlichen Äußerungen in der alltäglichen Kommunikation deren Bedeutung auch im Zusammenhang mit unserem Wissen über die Sprechsituation und über den Sprecher erschließen, so verhalten wir uns intuitiv auch beim Lesen von Literatur. Wenn das glänzend formulierte Plädoyer eines Politikers für Freiheit und Frieden für viele keine Glaubwürdigkeit hat, weil sie wissen, dass er eine massenmörderische Politik betreibt, sollen sie das Erkennen solcher Widersprüche im Fall von Literatur besser aufgeben?

Zugegeben aber wiederum: Einen literarischen Text auf die Person eines Autors zu beziehen, führt oft zu haarsträubenden Schlussfolgerungen. Um sie zu vermeiden, ist die Literaturwissenschaft jedoch lange Zeit in ihrer Fixierung auf Texte und ihrer Ignoranz gegenüber realen Autoren und Lesern viel zu dogmatisch gewesen. Das Bedürfnis, etwas über die Person des Autors zu erfahren, das noch in jüngster Zeit mehr oder weniger spekulative Bücher über Homer oder Shakespeare hervorgebracht hat, wollte sie uns mit aller Macht systematisch austreiben. Die theologischen Traditionen der Literaturwissenschaft setzten sich erneut durch. Die heilige Schrift soll vor Verunreinigungen durch irdische Spuren ihrer Entstehung bewahrt, der Autor exorziert werden. Bei der Lektüre von "Axolotl Roadkill" wäre die größte Sünde, die ein Student im literaturwissenschaftlichen Proseminar begehen kann, das erzählende „Ich“ in diesem Roman mit Helene Hegemann gleichzusetzen. Das wäre in der Tat fragwürdig, aber die Frage nach der Nähe dieser Ich-Erzählerin zur Person der Autorin sollte sich der Student der Literaturwissenschaft wirklich nicht verbieten lassen. Vielleicht erklärt ihm der theoretisch avancierte Dozent dann, dass zu einem literarischen Text ja auch die „Paratexte“ gehören, der Name der Autorin, die Informationen über sie und das Foto im Klappentext. Und schon scheint die philologische Reinheit gerettet, so wie die gesamte Kultur ist auch die Autorin zu einem Textphänomen geworden, ist die Grenze zwischen Text- und Humanwissenschaft befestigt.

Aber da steht am Ende des Romans noch eine „Danksagung“, inzwischen auch an „Airen“, den unter diesem Pseudonym publizierenden Autor. Und schließlich: „Besonderen Dank an Kathy Acker.“ An jene amerikanische Autorin, die seit 13 Jahren in ganz wörtlichem Sinn tot ist, die Hegemann persönlich nicht gekannt haben dürfte, die den „Plagiarismus“ propagierte und deren Übernahme fremder Texte zu Urheberrechtskonflikten führte. Der textfixierten Literaturwissenschaft scheint das alles entgegenzukommen. Auch Danksagungen sind Paratexte. Und Autorennamen wie Airen oder Acker stehen nicht für Personen, sondern für Texte und literarische Konzepte. Die Beziehungen zwischen Autoren, lebenden oder toten, analysiert die textfixierte Literaturwissenschaft als Beziehungen zwischen Texten, als Phänomene der Intertextualität. Auf die Idee, dass sich Texte über Dankbarkeit freuen, ist die textfixierte Literaturwissenschaft aber noch nicht gekommen. Dank an Eckart Löhr, dass er zu diesem Widerspruch provoziert hat. Dank an Helene Hegemann, dass sie zu der ganzen Debatte herausgefordert hat.

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