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Betreff Re: Finanzkrise und Kultur der Emotionen: Burkhard Spinnen über Unternehmer als tragische Figuren
Autor Thomas Anz
Datum 10.01.2009 14:19
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Können oder sollten wir uns gescheiterte Großunternehmer wie Adolf Merckle, der sich verspekuliert und dann umgebracht hat, als tragische Figuren vorstellen? Fragt sich Burkhard Spinnen, Autor der Unternehmerbiographie "Der schwarze Grat" und eines "Phrasenführers durch die Wirtschaftssprache", in der Süddeutschen Zeitung vom 9.1.09. Scheitern, Schuld oder die "Fallhöhe" eines problematischen 'Helden' als traditionelle Bedingungen von Tragik sind bei dieser Geschichte, an der die Massenmedien uns so gerne Anteil nehmen lassen, ja vorhanden. Auch Mitleid und Furcht bei den Zuschauern? Die "Wirtschafts-Tragödie", die Spinnen in seinem Kopf spielen sieht, hat solche emotionalisierenden Qualitäten: "wirklich berührt von Furcht und Mitleid schaue ich auf den Helden meiner Tragödie, der an einem kalten Nachmittag in Richtung Schienen geht. Ich schaue auf einen, der vielleicht mehr riskiert und verbrochen hat als hundert andere zusammen und der noch mehr riskiert und verbrochen hätte, ohne sich ein Gewissen zu machen, während er es zugleich nicht aushalten kann, sich auch nur eine Handbreit von seinem Selbstbild zu entfernen."

Der Schriftsteller interpretiert den tragischen Konflikt seines "Helden" als ein Widerspruch zwischen zwei Kulturen, in denen sich Merckle bewegte: einer älteren Kultur, in der die "innengelenkten" Subjekte sich (und auch anderen) ihre Normen, Regeln und Werte autokratisch selbst setzen und das Scheitern ihrer Ziele als Schuld empfinden, und einer gegenwärtig zumal in der Welt der Wirtschaft dominanten Kultur, in der sich die Subjekte den sich rasch wandelnden äußeren Anforderungen ihrer Umwelten flexibel (oder, je nach Perspektive: opportunistisch) anpassen. Burkhard Spinnen malt sich Merckle als einen Menschen aus, der "als Repräsentant eines älteren, innengeleiteten Wirtschaftsdenkens an den Selbstverständlichkeiten der Finanzgegenwart scheitert."

Was immer man davon halten mag: Der Beitrag Spinnens ist ein Beispiel dafür, wie schon jetzt die literarischen Potentiale jener Geschichten ausgelotet werden, die die Finanzkrise heute laufend hervorbringt. Vermutlich wird der Familienroman des amerikanischen Großbetrügers Bernhard Madoff, der das Scheitern seiner Machenschaften zuerst seinen Söhnen gestand, die den Betrug dann sogleich ihren Anwälten meldeten, bereits geschrieben. Und wie schon die antike Tragödie oder nun der Artikel von Burkhard Spinnen sind die realen oder fiktiven Geschichten, die die da im Zusammenhang mit der Finanzkrise erzählt wurden und künftig erzählt werden, vor allem eines: eine Schule der Kultur unserer Emotionen im Umgang mit Tätern und Opfern. Unter welchen Voraussetzungen verdienen sie Mitleid, unter welchen sind Schadenfreude, Genugtuung über ihren tiefen Fall als gerechte Strafe für ihre Verfehlungen oder einfach nur Wut auf sie die angemesseneren Reaktionen?  Ist das öffentlich bewegte Interesse an Merckle oder Madoff schon fast ein Verbrechen, wenn es das Schweigen über die vielen namenlosen Opfer ihrer Fehler einschließt?

 

 

 

 

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