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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2007 » Literaturwissenschaft » Ingeborg Bachmann
 
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Dialogische Poetologie

Arturo Larcati beleuchtet Ingeborg Bachmanns literaturtheoretische Schriften

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als die Anhänger (und die weniger zahlreichen Anhängerinnen) des Fußballvereins VFL Bochum vor einigen Jahren ihren Club als "unabsteigbar" feierten, mochten sie zwar vielleicht allen Ernstes an die Sache glauben; der Begriff, den sie für ihre Benennung geschaffen hatten, spiegelte dennoch so etwas wie einen gewissen selbstironischen Wortwitz wider. Inzwischen ist der Bochumer Mythos längst widerlegt, Neologismen sind hingegen nach wie vor en vogue. Nicht immer geht damit jedoch auch ein solcher Sprachwitz einher. So meint es etwa Arturo Larcati bierernst, wenn er von einer bestimmten "Richtung" spricht, die "einschlagbar" bleiben müsse, meidet der staubtrockene Wissenschaftsjargon seiner Untersuchung von "Ingeborg Bachmanns Poetik" doch jegliches Scherzwort. Statt dessen traktiert er die Lesenden mit ellenlangen substantivistischen Formulierungen, die etwa besagen, dass "die Fokussierung des Interesses auf das Spätwerk, flankiert durch die Rückkehr der Hervorhebung der Lyrik" den Blick auf Bachmanns theoretische und kritische Schriften verstellt habe.

Larcatis Vorwurf richtet sich gegen die "sogenannte[n] 'Experten' oder 'Spezialisten'" der Bachmannforschung, gegen die er auch ansonsten kräftig austeilt. So geißelt er etwa die "Vorurteile der Kritiker und Interpreten" und ihr "Unvermögen", "die verschiedenen Aspekte ihres Werkes als Teile eines einheitlichen Ganzen zu sehen" sowie ihre "unkritische Übernahme" von Bachmanns "Maxime", "alles, was über Werke gesagt wird", sei "schwächer als die Werke". Letztlich, so insinuiert er zumindest, habe sich die Forschung an die Auseinandersetzung mit Bachmanns theoretischem und poetologischem Werk wohl nicht so recht herangetraut. Denn die bei Bachmann-Forschenden "verbreitete Zurückhaltung" gegenüber diesem Teil des Œuvres hat Larcati zufolge ihre Ursache darin, "dass der Umgang mit Bachmanns literaturkritischen Schriften und ganz besonders ihren Poetikvorlesungen nicht weniger Schwierigkeiten bietet als die Auseinandersetzung mit ihren poetischen Texten". Eine Begründung, die allerdings nicht eben plausibel klingt.

Larcati selbst jedenfalls zögert nicht, sich Bachmanns literaturtheoretischem Werk zuzuwenden. Dabei konzentriert er sich vornehmlich auf die frühen kritischen Schriften sowie auf Bachmanns Frankfurter Vorlesungen. Als Ziel seiner Untersuchung nennt er die "möglichst genaue Rekonstruktion des Dialogischen in ihrer Poetik, d. h. des Netzes von persönlichen und literarischen Beziehungen, die für ihre Entstehung und Entfaltung von Belang waren". Denn eine solche Rekonstruktion sei "[d]ie wichtigste Bedingung für ein adäquates Verständnis von Bachmanns literaturtheoretischem Werk". So sucht und findet Larcati in Bachmanns Poetologie Bezugnahmen etwa auf Francesco Petrarca, Luigi Nono, Piere Paolo Pasolini, Heinrich Böll, Paul Celan, Horkheimer/Adorno und auf Bertold Brecht.

Nachdem man sich durch das Vorwort (fast muss man schon sagen:) gequält hat, überrascht der Hauptteil des vorliegenden Buches trotz kleinerer Unzulänglichkeiten ausgesprochen positiv. Dies ist nicht zuletzt den meist klugen Überlegungen und der insgesamt genauen Argumentation und Beweisführung des Autors zu danken. Nachvollziehbar und überzeugend rekonstruiert er etwa Bachmanns ablehnende Haltung gegen die um und nach 1960 gemeinhin, insbesondere aber von linken AutorInnen favorisierte "Dokumentarliteratur". Zudem bringt er nicht nur das Anliegen von Bachmanns Dissertation auf den Punkt (was vor ihm auch schon andere getan haben), sondern zeigt in bis dato wohl einmaliger Klarheit auch die zentrale Schwäche der Promotionsschrift auf. Bachmann, so legt Larcati dar, kann die Aufgabe, den "sprachlichen und gedanklichen Determinismus" zu überwinden, nur darum allein der Kunst zufallen lassen, weil sie "Philosophie und Wissenschaft ausschließlich aus der Perspektive des Neopositivismus zu denken unternimmt und alternative Konzepte der Philosophie und Wissenschaft gar nicht erst in Betracht zieht". So bleiben die Überlegungen der Promoventin "im Gebäude des Positivismus gefangen, welches Bachmann gerade niederreißen möchte".


Titelbild

Arturo Larcati: Ingeborg Bachmanns Poetik.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006.
280 Seiten, 59,90 EUR.
ISBN-10: 3534198646

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Letzte Änderung: 05.02.2007 - 14:25:32
Erschienen am:18.01.2007
Lesungen: 3161
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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