Poetische Grenzgänge

Peter Handkes Vorwintergeschichte "Kali"

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der mittlerweile 64-jährige Peter Handke liebt die Extreme. Mit seinem umfangreichen literarischen Werk und seinen spektakulären öffentlichen Auftritten hat er stets - und dies bewusst - polarisiert. Als junger Mann brüskierte er in den 60er Jahren die arrivierte Literatengilde der Gruppe 47 bei der Tagung in Princeton und attestierte der Nachkriegsliteratur eine "Beschreibungsimpotenz". Der (auch literarisch) zur Egozentrik neigende Handke pflegte sein Image des "enfant terrible" über Jahrzehnte hinweg nach Kräften. Zuletzt erregte er reichlich Aufsehen durch seine Verteidigung des serbischen Diktators Slobodan Milosevic, die 1996 mit seinem Buch "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina" begann und im März des letzten Jahres mit seiner Rolle als Redner auf der Beerdigung des Politikers ihren Höhepunkt fand. Wenige Monate später verzichtete er wegen der öffentlichen Kritik an seiner Person auf den ihm zugesprochenen Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf.

Peter Handke hat auch in den meisten seiner Bücher die Rolle des Außenseiters wortgewaltig kultiviert. Er war nie ein Erzähler im konventionellen Sinn, sondern ein reflektierender Suchender und Beobachter, der das Medium Sprache als Heiligtum pflegt.

Von den sezierenden Blicken auf Innen- und Außenwelten handelt auch sein neues Buch "Kali". Aus dem "Off" wird mit akribischer Sorgfalt von den kleinen Veränderungen berichtet. Alles befindet sich im Fluss, in einem permanenten Übergangsstadium. Die Grenzen zwischen Heimat und Fremde, Kunst und Leben, Sommer und Winter, Tag und Nacht, Schlaf und Traum und Bleiben und Gehen verschwimmen auf kunstvolle Weise. Eine wortkarge, introvertierte Sängerin ("Ich habe Angst vor mir selber.") serviert ihre Verehrer auf kühle Weise ab. Für einen Taxifahrer und einen Musiker, der später aus Zorn sein eigenes Instrument zertrümmert, hat sie mit ihrem Gesang die letzte Wärme vor der Winterpause vermittelt. Die (wie alle anderen Figuren) namenlose Künstlerin, die von der Beobachteten auf der Bühne zur Beobachterin eines Kinofilms mutiert, erklärt einem ihrer Verehrer lakonisch, dass die Liebe der Frauen schrecklich sei. Handelt es sich um die gleiche Frau, die beim Besuch der Eltern erfährt, dass sie ein "ungewolltes Kind" war? Ist es auch die Sängerin, die in einem geheimnisvollen, verkohlten Buch liest?

"Spuren der Verirrten" heißt Peter Handkes neues Theaterstück, das unter der Regie von Claus Peymann am 17. Februar in Berlin uraufgeführt wurde. Mit eben jener Spurensuche beschäftigt sich auch diese "Vorwintergeschichte", in der nicht nur die Omnipräsenz des Schnees empfindliche Kälte ausdrückt. Eine erschreckende emotionale Kälte prägt auch die zwischenmenschlichen Beziehungen. Und die gigantische, auf dem Cover abgebildete Kalihalde taucht immer wieder als eine Art gespenstisches erzählerisches Bühnenbild auf.

Wie in vielen Vorgängerwerken neigt Handke bisweilen auch wieder zur Überpoetisierung. Er lässt Satelliten in Regenlachen des Asphalts blinken, und am Himmel "fliegt ein Rabe mit einem gelben Tischtennisball - oder ist es ein Stück Kuchen?" Mit dieser exaltierten Form der "Wahrnehmungsprosa" wandelt Handke auf einem sehr schmalen Grat zwischen Kunst und Beschreibungskitsch.

"Kali" ist ein seltsam ruhig erscheinendes Büchlein, nicht mehr als ein Nebenwerk in Handkes Œuvre, ein hübsch arrangiertes literarisches Intermezzo.


Titelbild

Peter Handke: Kali. Eine Vorwintergeschichte.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007.
160 Seiten, 16,80 EUR.
ISBN-13: 9783518418772

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