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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2007 » Fremdsprachige Literatur
 
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Perfektionisten der kleinen Form

Jean Echenoz widmet dem Komponisten Maurice Ravel eine kondensierte Biofiction à la française

Von Bernd BlaschkeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bernd Blaschke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der französische Romancier Jean Echenoz ist bekannt für geschliffene Genre-Adaptationen wie die Thriller-Dekonstruktion "Cherokee" oder den Roman "Ich gehe jetzt", für den er 1999 den Prix Goncourt erhielt. Nach zehn Romanen im Fahrwasser des Nouveau Roman gelingt ihm nun eine überraschende Wende. Mit "Ravel" veröffentlichte er eine recht kurze biografische Erzählung, die voriges Jahr in Frankreich von der Kritik recht einhellig bejubelt wurde. Das als 'Roman' untertitelte Büchlein erzählt auf gerade einmal 100 luftigen Seiten einige kunstvoll kondensierte Episoden aus den letzten zehn Jahren des Tonsetzers.

Maurice Ravel ist, schon vor dem Erfolg des als Verlegenheitswerk und Ballettmusik entstandenen "Boléro", der nebst Igor Strawinsky berühmteste lebende Komponist der 1920er- und 30er-Jahre. Und er ist ein selbstbewusster Mann. So moniert er eine inkorrekte Aufführung seiner Kompositionen auch bei einem Toscanini, der den "Boléro" viel zu schnell aufführt. Oder beschwert sich wütend und öffentlich beim kriegsversehrten Pianisten Paul Wittgenstein, der das von ihm in Auftrag gegebene Klavierkonzert für die linke Hand eigenmächtig mit virtuosen Ergänzungen ausschmückt. Ein ebenso eleganter wie egozentrischer Mann ist er in Echenoz' Darstellung freilich auch: Er geht mit 60 Hemden und 75 Krawatten auf Tournee durch Amerika; er hat einen Koffer voller Gauloises dabei und kann nicht ohne seine Lackschuhe auftreten.

Echenoz bekannte anlässlich der Verleihung des Prix Francois Mauriac für "Ravel", seine (zumindest momentane) Fiktionsmüdigkeit. Ausgangspunkt für diese Biofiction war ihm dabei gar nicht primär Ravel, sondern der Stil und die Atmosphäre der Jahre um 1930. Dies zeigt sich in seinen detailverliebten Schilderungen zeitgenössischer Autos, Eisenbahnlinien, Luxusdampfer oder Anzüge. Äußere Fakten und auch die Dialogworte Ravels halten sich dabei minutiös an verbürgte Daten. Echenoz ergänzt sie mit erfundenen, wunderbar lakonisch formulierten Einblendungen ins Bewusstsein des Komponisten, die im style indirect libre erzählt werden. Ravels Schlaflosigkeit und diverse Maßnahmen zu ihrer Überwindung liefern im Gang der Lebensmomente eine Art traurigen running gag. Auch erlaubt sich die Erzählerstimme im Unterschied zur klassischen Biografie, gelegentlich schnippisch pointierte Kommentare und Vorausblicke und offenbart so, dass der Erzähler nicht neutral außerhalb der Lebenserzählung verharrt.

Aus den früheren Jahren von Ravels Leben und Karriere erwähnt Echenoz nur die viermalige vergebliche Kandidatur für den Prix de Rome, ansonsten bleiben die Jahre der persönlichen wie musikalischen Entwicklung im Dunkeln. Zu Beginn des Buches sitzt Ravel in der Badewanne, es ist der Tag seiner Abreise in die USA, er hat noch zehn Jahre zu leben. In den vier Monaten in Amerika sammelt der blasierte Franzose Konzerttriumphe, langweilt sich bei Gesellschaften der Reichen und Musikbegeisterten und leidet am schlechten Essen. Die Begegnung mit George Gershwin, dessen erregend moderne Musik er schätzt, wird nur angerissen. Gershwin wünscht Kompositionsunterricht beim Meister der raffiniert kolorierten Orchestrierung. Ravel aber möchte keine Kopien von sich selbst erzeugen. Echenoz zeichnet ihn auf der Höhe seines Ruhms als pointiert selbstkritischen, wenn nicht gar zunehmend depressiven Star. Der exorbitante Erfolg seines melodie- und harmoniearmen repetitiven Maschinenmusikstücks irritiert ihn. "Wer sich traut, Ravel zu fragen, was er als sein Meisterwerk ansieht, dem antwortet Ravel sogleich: Den Boléro natürlich. Schade nur, daß er überhaupt keine Musik enthält."

Ravel fasziniert Echenoz als zugleich extrem öffentliche, mondäne Figur wie auch als mysteriöser Einzelgänger, der seit 1923 in Montfort-L'Amaury in der Nähe von Paris Abstand von seinem Dandy-Leben sucht. Über das Liebesleben des trotz Groupies einsamen Künstlers existiere kein gesichertes Wissen. In diesem Lebensnarrativ finden sich erstaunlich wenige Ausführungen zur Musik Ravels. Die ewig riskante Versuchung einer Versprachlichung der wortlosen Tonkunst meidet der Romancier, der sich in "Cherokee" als versierter Jazzfan zeigte und in einem Interview gestand, heute eher Schubert und Schumann denn Ravel zu lieben. Im Telegrammstil entledigt sich der Erzähler der Evokation seiner Musik mit einem hyperkompakten Abriss von Ravels musikgeschichtlichen Innovationen: "Er hat sein Werk für Klavier solo vor dreizehn Jahren mit 'Frontspice' abgeschlossen, einem Stück, das nicht mehr als fünfzehn Takte umfaßt, nicht länger als zwei Minuten dauert, aber für das man nicht weniger als fünf Hände brauchte. Mit der Sonatenform und dem Genre des Quartetts hat er reinen Tisch gemacht. Nachdem er seine Instrumentationskunst mit dem 'Bolero' ins Extrem getrieben und den Bogen dabei fast überspannt hat, konnte er nun auch das Problem des Solokonzerts lösen, des einzigen Genres, dem zu begegnen er immer gezögert hat."

Anstelle des in der Musikpublizistik geläufigen Redens von Seele und Genie des Tonsetzers erzählt uns Echenoz in nüchternerer Manier eher von dessen Körper und von dessen Hirn, das den mysteriös Erkrankten am Ende immer häufiger im Stich lässt. Nicht die topische Innerlichkeit der Musik wird hier beschworen, sondern eher eine Welt der glänzend polierten Oberflächen, deren Tiefe geheimnisvoll bleibt.

Echenoz' Weg scheint vom Deskriptionskünstler des späten Nouveau Romans der 80er-Jahre, der mit einem schwindelerregenden Reichtum an narrativen Details und funkelnden Sprachschöpfungen operierte, nun zu einer Kunst der Verknappung zu führen. Sein Ravel-Büchlein offenbart einen manchmal cineastisch anmutenden Sinn für szenische Episoden, die doch ganz aus der Kraft der Sprache leben. Diese schöne Schimäre von phantasierter Biografie und datengestütztem Roman wurde von Hinrich Schmidt-Henkel, dem bewährten Übersetzer Echenoz', kongenial in ein schnörkellos elegantes Deutsch übertragen - was ihm eine Nominierung für den Leipziger Buchpreis in der Kategorie Übersetzung eintrug. Als durchaus kongenial darf man auch das Zusammentreffen des formbewussten Autors und des perfektionistischen Klang- und Rhythmuskünstlers Ravel bezeichnen. Als elegante Alternative zu einer materialreichen positivistischen Biografie im anglo-amerikanischen Stil bietet uns Echenoz ein sehr lesenswertes Konzentrat: Szenen aus dem Leben des Künstlers als alternder Mann.


Titelbild

Jean Echenoz: Ravel. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel.
Berlin Verlag, Berlin 2007.
110 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783827006936

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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2007 » Fremdsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 29.04.2008 - 17:12:44
Erschienen am:05.04.2007
Lesungen: 3016
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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