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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2007 » Deutschsprachige Literatur » Weitere Rezensionen
 
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Warum musste Paula scheitern?

Christoph Heins Roman "Frau Paula Trousseau" handelt von einer freudlosen Existenz

Von Ursula HomannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ursula Homann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Wie werden wir zu dem Menschen, der wir geworden sind?" Diese Frage schwingt in Christoph Heins neuem Roman "Frau Paula Trousseau" untergründig mit. Dass Paula so wurde, wie sie war - lag das am Vater, für den die Tochter stets alles falsch machte und die, seiner Meinung nach, schnurstracks in ihr Unglück lief? War er wirklich schuld an der Tragödie der Malerin Paula Trousseau oder waren die politischen Verhältnisse, die Geschlechterhierarchie oder die kulturelle Situation für ihr Scheitern verantwortlich? Diese Frage wird - wie könnte es anders sein - durch Paulas Biografie nicht schlüssig beantwortet.

Christoph Hein erzählt in seinem Roman von den Selbstbehauptungsversuchen einer Frau, die schließlich keinen anderen Ausweg mehr sieht als den Suizid, überwiegend in der Ich-Form aus der Perspektive seiner Protagonisten und hin und wieder aus der Sicht eines Erzählers, mit kurzen Passagen aus der Zeit ihres Heranwachsens - wodurch die Kluft zwischen einer fremdbestimmten Kindheit und dem selbstverantworteten Leben der erwachsenen Romanheldin zu Tage tritt.

Die Erzählung beginnt mit dem Tod von Paula Trousseau. Der in Berlin wohnende Sebastian Giese erhält einen Anruf von der Gendarmerie von Vendôme. Er wird gefragt, ob er eine Paulette Trousseau kenne. Da er sie aber vor fünf Jahren zuletzt gesehen hat und mit ihr weder verheiratet noch verwandt ist, wird ihm keine weitere Auskunft zuteil. Erst ein halbes Jahr später meldet sich Paulas Sohn Michael bei Sebastian und teilt ihm mit, dass man seine durch Selbstmord ums Leben gekommene Mutter in einem "verkrauteten Nebenarm der Loire" gefunden habe und dass sie verfügt habe, Sebastian solle all ihre Bilder, Zeichnungen und Skizzenblöcke erhalten, damit dieser ihr Werk treuhänderisch verwalte. Denn Sebastian war vor geraumer Zeit der einzige Mann gewesen, der ihr "ohne jeden Abstrich" gefallen hatte. Doch Sebastian hatte damals eine Freundin, die er Paulas wegen nicht verlassen wollte.

Im Gespräch mit Michael erinnert sich Sebastian vor allem an Paulas Augen, in denen er "viel freundliche Trauer gesehen hatte." Vom ersten Moment an hatte er gewusst, "dass diese Frau gierig auf das Leben war und doch unfähig sein würde, ihr Leben zu bestehen."

Ihrer Tochter Cordula hatte die Verstorbene ein dickes Manuskript mit Tagebuchnotizen hinterlassen. Aber Cordula hatte es umgehend ungelesen wieder zurückgeschickt. Aus diesen Aufzeichnungen geht hervor, dass Paula ein offensichtlich hübsches Mädchen gewesen war, begabt und voller Träume - und dass ihre Kindheit in einer sächsischen Provinzstadt trübe und freudlos verlief. Der Vater tyrannisiert die Familie. Er hält Paula vor, sie sei beschränkt und faul und versetzt sie ständig in Angst und Schrecken. Seine Frau nennt er gar eine infantile Idiotin. Kein Wunder, dass die Mutter stets geduckt und kleinlaut ist. Auch Paulas Geschwister sind nicht glücklich. Der ältere Bruder ist körperlich und seelisch ein Krüppel. Die ältere Schwester Cornelia gibt sich gefühlskalt und verhält sich gegenüber ihrer jüngeren Schwester Paula nicht besonders liebevoll und herzlich. Allerdings wird der herrische Vater gegenüber seiner Tochter so übertrieben unbarmherzig und negativ gezeichnet, dass er schon fast wie eine Karikatur wirkt.

Paula beginnt eine Lehre als Krankenschwester und flüchtet sich früh in eine Ehe mit dem Architekten Hans Trousseau, den sie nicht gerade heiß und innig liebt. Während ihrer Verlobungszeit bewirbt sie sich an der Kunsthochschule in Berlin - zum Entsetzen ihrer Eltern und ihres zukünftigen Mannes - und wird wider Erwartung zur Prüfung und dann auch zum Studium angenommen. Kaum verheiratet, wird sie gegen ihren Willen schwanger. Ihr Mann hatte die Antibabypille vertauscht. Doch gibt sie ihr Studium nicht auf, wie ihr Mann gehofft hatte, sondern setzt hartnäckig ihren Kopf durch und verzichtet schließlich bei der Scheidung sogar auf das Kind.

Von jetzt an nutzt sie alles, was der Verwirklichung ihres Traums, Malerin zu werden, dient. Ihrem Lehrer Waldschmidt macht sie eine Liebeserklärung, zieht in seine Villa ein und wird von ihren Kommilitonen daraufhin heftig beneidet und angefeindet. Zwischendurch finden Gespräche über Kunst statt, in denen der Professor Paula eines Tages bescheinigt, handwerklich gute Arbeit zu leisten. Aber Handwerk, gibt er zu bedenken, sei nicht alles, zusätzlich müsse noch ein Funke dazu kommen, "wenn nichts zündet, dann bleibt es Makulatur."

Viele ihrer Einfälle findet er indes einfach ärgerlich, vor allem Paulas weiße Schneelandschaft. Diese darf nicht vorgezeigt oder gar ausgestellt werden. Damit wird einem Realismus in der Malerei das Wort geredet, wie er in der DDR von angepassten Professoren propagiert wurde. Apropos DDR: Sie wird zwar nicht ausdrücklich genannt, aber im Hintergrund ist sie immer gegenwärtig. So wird die Parteilinie beschworen, wenn missliebige Kollegen benachteiligt oder gar vernichtet werden sollen. Da wird ferner einem Künstler der Pass für ein Gastspiel in Österreich verweigert. Ein Maler nutzt eine Ausstellung in München, um im Westen zu bleiben, was wiederum Folgen für seine Kollegen und Freunde hat.

Sobald Paula ihr Studium beendet und ihr Diplom in der Tasche hat, zieht sie beim Kunstprofessor wieder aus. Männer bedeuten ihr fortan immer weniger. Momente erotischer Erfüllung erlebt sie dagegen mit Sibylle und Katharina. "Es war schön mit Kathi im Bett", versichert sie sich einmal. Gleichwohl wird der Schauspieler Jan Hofmann der nächste Gefährte und schließlich auch der Vater ihres Sohnes Michael. Aber davon erfährt dieser nichts, Paula trennt sich von ihm, um dieses Kind ganz für sich allein zu haben, und macht ihm weis, dass sie einen anderen Mann kennen gelernt habe.

Nach ihrem Studium hält sie sich mit Illustrationsaufträgen von Buchverlagen über Wasser und nimmt an Ausstellungen teil. Mit rücksichtslosem Egoismus setzt sie sich allmählich durch. Nicht von ungefähr hält man ihr vor, sie habe keinerlei Mitleid, sei spröde und wirke arrogant. Ihre Bilder gelten als brutal. Sie selbst versichert, dass die Arbeit für sie alles sei. An einen Menschen verschwendet sie keinen Gedanken mehr.

Das alles geht auch einigermaßen gut - bis zum Mauerfall, mit dem sich die Situation für freischaffende Künstler und Galerien abrupt ändert. Galerien haben es plötzlich schwer, ihre Bilder abzusetzen oder neue anzukaufen. Es fehlen hierfür die Mittel. Paulas Auftraggeber machen Pleite oder werden von westdeutschen Verlagen übernommen, die mit ihren Bildern nichts anzufangen wissen. Sohn Michael hat sich längst abgenabelt und geheiratet, so dass Paula immer mehr vereinsamt. Gegen Ende des Buches wird das entscheidende Erlebnis geschildert, durch das Paulas Liebe zur Malerei in der Kindheit geweckt worden war: auf der Lichtung eines nahen Waldes sieht sie fasziniert einem Fremden zu, der die Landschaft skizziert.

Insgesamt eine etwas trübe Geschichte, die nicht gerade froh und heiter stimmt, die so freudlos und niederdrückend ist, dass man sie nicht in einem Zug durchlesen mag. Zudem fällt es schwer, mit der sich langsam verhärtenden und Menschen gegenüber unnachsichtigen Heldin mitzufühlen und ihr Handeln stets gutzuheißen. Man schwankt zwischen vager Sympathie und Ablehnung und kann sich doch zum Schluss eines Fünkchen Mitleids nicht erwehren.


Titelbild

Christoph Hein: Frau Paula Trousseau. Roman.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007.
538 Seiten, 22,80 EUR.
ISBN-13: 9783518418789

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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2007 » Deutschsprachige Literatur » Weitere Rezensionen
 

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Letzte Änderung: 29.04.2008 - 17:13:04
Erschienen am:04.04.2007
Lesungen: 3520
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