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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2007 » Literaturwissenschaft
 
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Schreibort Hamburg

"Nachts auf der Lombardsbrücke": Susanne Bienwald über Hans Erich Nossacks Hamburg

Von Nicola Westphal

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Raum als kulturelles Phänomen hat seit Ausrufung des so genannten "spatial turn" auch in der Literaturwissenschaft Konjunktur - die materielle Topografie als Basis textueller Beschreibung, räumliche Metaphorik und auch der Zusammenhang zwischen Schreib- und Handlungsorten stehen seit einiger Zeit wieder verstärkt im Fokus wissenschaftlicher Untersuchung. Susanne Bienwalds Buch über Hans Erich Nossacks Beziehung zu Hamburg ist keine literaturwissenschaftliche Studie im strengen Sinn. Als sorgfältig recherchierte Materialsammlung zur Korrelation von Autor und Werk knüpft sie aber an den Trend an und lenkt den Blick auf einen Gegenstand, dessen Relevanz hinsichtlich des Themas Raum unmittelbar einleuchtet.

Hans Erich Nossacks Prosa zählt nicht unbedingt zum literarischen Kanon; in germanistischen Seminaren begegnet man ihr so gut wie nie - mit einer Ausnahme: "Der Untergang", Nossacks Bericht über die verheerenden alliierten Luftangriffe auf Hamburg im Sommer 1943 gilt gemeinhin als der Text im Zentrum der so genannten "Stunde Null" und, obwohl mitten im Krieg geschrieben, als Ausgangspunkt der Nachkriegsliteratur. Anhand dieses Textes, dem Susanne Bienwald ein eigenes Kapitel widmet, lassen sich Bedingungen und Befunde des topografisch orientierten Blicks auf Leben und Werk Hans Erich Nossacks beispielhaft benennen.

Unter Verwendung zeitgenössischer und aktueller historischer Quellen verweist die Autorin auf die Bedeutung der physischen Zerstörung großer Teile Hamburgs - nicht so sehr im Hinblick auf den weiteren Kriegsverlauf, sondern eher hinsichtlich der Stimmung in der Stadt. "Es war das eigentlich Nicht-Mögliche" heißt es bei Nossack; eine neue, bis dahin unvorstellbare und auch im Nachhinein nur schwer beschreibbare Qualität des Grauens und des Leidens war erreicht. Selbst für Nossack, den gebürtigen Hamburger, war die Orientierung in der Stadt zunächst fast nicht möglich, denn Straßen gab es nicht mehr, nur Trampelpfade über Trümmer und Geröll. Nossacks Beschreibung erinnert in diesem Punkt an die Ursprungserzählung der Mnemotechnik, die von Cicero und Quintilian überlieferte Anekdote von Simonides von Keos, der nach dem Einsturz einer Festhalle in der Lage ist, die Verschütteten zu identifizieren, weil er sich daran erinnern kann, an welcher Stelle sie sich vorher aufgehalten hatten. Einen ähnlichen Zweck, das macht Susanne Bienwald deutlich, erfüllt die Dokumentation der Katastrophe auch für Hans Erich Nossack (und für die gesamte Schriftstellergeneration der "Trümmerliteratur") - die genaue und sachliche Schilderung als eine Art Rechenschaftsbericht des Augenzeugen, mit dem Ziel, die Ereignisse vor dem Vergessenwerden zu bewahren. Dabei ist der "Untergang" durchaus nicht unpolitisch, wie Susanne Bienwald betont, im Gegenteil, Nossack hätte seine Verhaftung fürchten müssen, wäre sein Text vor Ende des NS-Regimes publik geworden.

In dieser Hinsicht war die Bombardierung Hamburgs auch ein Wendepunkt in Nossacks Biografie: Sie gewährte, wie die Autorin plausibel ausführt, dem bisherigen Dramatiker und Lyriker zum ersten Mal die Chance, in einem längeren Prosatext klar und unverstellt gegen ein Regime Partei zu ergreifen, das die Stadt mitten im Bombardement aufgab, die Zahl der Toten kleinrechnete, den Alliierten die Schuld am Ausmaß der Zerstörung zuschrieb und weiterhin den "Endsieg" propagierte. Das "falsche Dasein", das er damit ablegte, bezog sich auch auf seine Schriftstellerexistenz: Mit dem Verlust seines gesamten Besitzes (einschließlich der meisten Manuskripte), der völligen Zerstörung seiner Wohnung und des Kontors der ungeliebten väterlichen Kaffeefirma ergab sich die Möglichkeit, "endlich eine Lebens- und damit auch Schreibmöglichkeit zu finden, die ihm entspricht", wie Bienwald formuliert - als freier Autor nämlich.

Eine andere Bedeutungsebene des "Untergangs" schließlich benennt Bienwald mit dem Hinweis auf das heutige Hamburg. Vor dem Haus Isestraße 69 im Stadtteil Harvestehude, in dem Nossack im November 1943 den Text schrieb, sind fünfzehn "Stolpersteine" in den Gehweg eingelassen, darauf eingraviert sind die Namen deportierter jüdischer Hausbewohner. Der kausale Zusammenhang ist delikat: Offenbar kam der ,ausgebombte' Autor in einer zwangsgeräumten Wohnung unter. Auch wenn die Zivilisten, deren Leid Nossack schildert, über die Gründe der Zerstörung ihrer Stadt Bescheid wissen, deutet sich hier ein gerne verschwiegener Unterschied zwischen den deutschen Opfern des Krieges und den durch ihr Kollektiv ermordeten Juden an.

Anhand des Kapitels über den "Untergang" lässt sich ablesen, wie Susanne Bienwald methodisch vorgeht: Sie benutzt den Ort, Hamburg, als Tertium Comparationis, um die Wechselwirkungen zwischen Biografie und Werk zu beleuchten. Im Fall Nossack funktioniert das hervorragend, weil nicht nur sein bekanntester Text, sondern auch viele seiner Romane Hamburg als Handlungsort verwenden. Was fehlt, ist allerdings die Problematisierung der Differenz zwischen fiktionaler und außertextueller Realität - das erzählende Ich des "Untergangs" beispielsweise ist nicht notwendig mit dem Autor gleichzusetzen.

Angereichert mit Zitaten aus dem Werk und aus Tagebüchern und Briefen sowie Fotografien und einem Stadtplan, beleuchtet Susanne Bienwalds Buch die ambivalente Beziehung Hans Erich Nossacks zu Hamburg sehr gründlich. In seiner Hassliebe spiegeln sich ganz unterschiedliche Charakteristika der Stadt, die die Autorin sorgfältig herausarbeitet. Weiß man beispielsweise um Nossacks Abneigung gegen die materialistische Hamburger Kaufmannstradition, "die Stadt als (un)geistige Lebensform", wie Bienwald formuliert, staunt man nicht mehr darüber, dass er die Kneipen und Künstlerlokale auch tatsächlich aus eigener Anschauung kannte, die er etwa im "Jüngeren Bruder" oder in der Erzählung "Der Nachruf" schildert. Der Titel "Nachts auf der Lombardsbrücke" markiert übrigens den Moment im Jahr 1955, in dem ihm ein Mäzen eine sorgenfreie Schreibexistenz in Bayern anbietet, in deren Verlauf er feststellt, außerhalb von Hamburg nicht leben zu können.

Fazit: Susanne Bienwalds flüssig geschriebenes Buch eignet sich als Führer durch Hans Erich Nossacks Biografie und Werk ebenso wie als Stadtführer durch Hamburg.


Titelbild

Susanne Bienwald: Hans Erich Nossack. Nachts auf der Lombardsbrücke.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2007.
188 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783455500257

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Letzte Änderung: 30.05.2007 - 14:45:06
Erschienen am:09.05.2007
Lesungen: 2908
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