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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2007 » Fremdsprachige Literatur
 
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Nagelstudios an der Peripherie Europas

Die Essaysammlung "Keiner zu Hause" von Dubravka Ugresic über Europas Märkte und Kulturen sind erhellend und unbedingt empfehlenswert

Von Laslo Scholtze

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zu Ugresics letztem Essayband "lesen verboten" (Suhrkamp 2002) schrieb die Süddeutsche Zeitung, man lese ihn "nicht nur mit Spannung und Ungeduld, sondern auch mit Vergnügen und Gewinn". Sollte die Redaktion eine Besprechung von "Keiner zu Hause" planen, sie müsste nicht viel mehr tun, als die Buchtitel auszutauschen.

Dubravka Ugresic wurde 1949 in Kroatien geboren und lebt im Amsterdamer Exil, seit sie von ihren nationalbewegten Landsleuten zur "Hexe" erklärt wurde. Sie war Professorin für Literatur in Zagreb, danach an verschiedenen europäischen und auch amerikanischen Universitäten (unter anderem 2006 die Samuel Fischer-Gastprofessur an der FU Berlin). Neben ihren Tätigkeiten als Dozentin, Übersetzerin, Romancier und Drehbuchautorin schreibt sie Essays und Artikel beispielsweise für "Lettre" und "Die Zeit". In "Keiner zu Hause", das in diesem Frühjahr im Berlin Verlag erschien, sind Feuilletons (1998-2000) und Essays (2002-2006) versammelt, brillant geschriebene kleine Meisterwerke des Genres: scharf beobachtet, hintergründig, intelligent, luzid, weit gereist, humorvoll und umfassend belesen.

In ihnen findet sich zunächst viel urbaner Alltag. Flohmärkte, Migrantenviertel, Tourismus, Kantinenessen, Ansichtskarten, Plakatwerbung, Seifenopern, Fahrräder, Celebrities und Nagelstudios für die Unterschicht. Ugresic trifft Trinker, Schriftsteller, Taxifahrer, Schwarzarbeiter und EU-Beamte.

Unmöglich, die Vielfalt wiederzugeben. Sie schreibt über Evian-Wasser genauso treffend wie über den Boom der Biografien, Memoiren und Bekenntnis-Literatur. Über die EU-politischen Leitlinien genauso unverblümt und scharfzüngig wie über hysterische Nationalismen auf dem Balkan. Über das osteuropäische Proletariat so humorvoll wie über den postmodernen Intellektuellen. So bewundernd über Nabokov wie ironisch über Bernard-Henri Lévy. Sparsam mit Worten setzt die Autorin feine Nuancen, so dass man über den British Book Award für Fußballpromi David Beckham kurz, aber laut lachen kann, während man vom Kommerz-Esoterik-Gedudel auf Paulo Coelhos Homepage entschieden angewidert ist.

Wer nun vermutet, es handele sich also doch um ein kunterbuntes Kreuzundquer von feuilletonistischen Kleinarbeiten, liegt allerdings falsch. Tatsächlich sind die thematischen Hauptlinien sehr deutlich: Kapital und Märkte, Kultur, Migration, Ideologien der Identität und der Nationalismen, Kunst und - all dies umspannend - Europa. Anhand einzelner Beobachtungen im europäischen Metropolenalltag skizziert Ugresic prägnant, wie in Europa die Grenzen zwischen Zentrum und Peripherie verlaufen - geopolitisch, sozial, ökonomisch.

Ihrer beruflichen und geographischen Provenienz geschuldet erfährt man am meisten zum Verhältnis Osteuropa-Westeuropa, den post-kommunistischen Balkanstaaten sowie zu Kulturpolitik und Literaturmarkt. Über die Normen, denen ein osteuropäischer Schriftsteller und Intellektueller entsprechen muss, um vom lukrativen globalen Markt aufgenommen zu werden, heißt es etwa: "Und so fühlt unser Intellektueller aufmerksam den Puls seines hypothetischen europäischen Adressaten. Die EU ist nicht ,Amerika', das hat er schnell erkannt, die EU garantiert ihm nicht die Befreiung von seiner nationalen Identität. Im Gegenteil, die Eintrittskarte bekommt er erst als fest strukturierter Kroate, Serbe, Bulgare oder Albaner [...] Unser Intellektueller wird ferner die ironische aber auch befreiende Tatsache entdecken, dass er selber eine Ware ist und demzufolge die intellektuelle Subversivität nur an ihrer Markteffizienz gemessen wird [...] Und schließlich wird er bestrebt sein, den eigenen Polymorphismus als einen allgemeingültigen Wert hinzustellen [...] Am Eingang zu Europa, zur ,Welt', wird unser Intellektueller mit einer Definition begrüßt, die von Bernard-Henri Lévy stammt - einem Menschen seines Schlages. Unser Intellektueller wird erleichtert sein, denn der Inhalt dieser Botschaft deckt sich mit seinen Erwartungen: Intellektueller: Substantiv, männlich, eine soziale und kulturelle Kategorie, entstanden in Paris zur Zeit der Dreyfusaffäre, ausgestorben in Paris Ende des zwanzigsten Jahrhunderts."

Den Begriff "Kultur" identifiziert Ugresic als den "ideologischen Kitt" der offiziellen EU-Politik. "Kultur" sei geradezu "eine Art geistiger Euro". "[...] Das Wort Kultur fügt sich perfekt in das Wörterbuch des administrativen EU-Newspeak ein, sind doch in diesem Wörterbuch die häufigsten Begriffe zugleich auch die verschwommensten, wie etwa fluidity, mobility, fusion [...]"

Wollte man Ugresics Essays als Kulturkritik bezeichnen, müsste betont werden, dass hier weder Emphase noch Larmoyanz die Feder führt. Die Autorin ist eine originelle und bedeutende intellektuelle Stimme, wenn es darum geht zu verstehen, was es heißt, in Europa zu leben.


Titelbild

Dubravca Ugresic: Keiner zu Hause. Roman.
Übersetzt aus dem Kroatischen von Barbara Antkowiak, Angela Richter, Klaus und Mirjana Wittmann.
Berlin Verlag, Berlin 2007.
300 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783827007070

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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2007 » Fremdsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 25.06.2007 - 15:23:18
Erschienen am:21.06.2007
Lesungen: 3885
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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