Wir müssen zu ihr, sie kommt nicht zu uns

Elfriede Jelinek veröffentlicht ihren neuen Roman "Neid" auf ihrer Homepage. Jeder kann ihn herunterladen, für umsonst. Für Zitate soll man allerdings ihre Erlaubnis einholen

Von Jörg SundermeierRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Sundermeier

Der Berlin Verlag hat es eigentlich sehr gut. Gerade erst hat sein Autor Ingo Schulze den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten. Auch William Boyd wird landauf, landab bejubelt. Doch könnte er es noch viel besser haben. Denn er ist seit dem Jahr 2000 der Hausverlag von Elfriede Jelinek. Rowohlt, ihr bisheriger Verlag, entließ damals ihren bisherigen Lektor Delf Schmidt und verlor so auch die prominente Autorin. In den folgenden sechseinhalb Jahren veröffentlichte Jelinek jedoch lediglich drei Stücke-Sammlungen im Berlin Verlag, zudem wird dort ihr Romanerstling als Taschenbuch lieferbar gehalten. Die Theaterrechte verblieben bei Rowohlt. Schon vom Literaturnobelpreis, den die Autorin 2004 erhielt, konnte der Berlin Verlag nicht sonderlich profitieren. Und nun kann er auch den neuen Roman nicht veröffentlichen. "Neid. Ein Privatroman" heißt dieser, ist das erste große Prosastück seit dem Nobelpreis und erscheint exklusiv in Fortsetzungen auf der Website http://www.elfriedejelinek.com/. Dass er in Buchform herauskommen werde, schloss Jelinek definitiv aus. Er bleibe ein "Privatroman".

Seit Jahren schon pflegt die zunehmend menschenscheuer werdende Autorin ihre Homepage - "derzeitiger Umfang ca. 1.800 Druckseiten" heißt es auf der Website. Sie veröffentlicht ganze Stücke dort, große Essays, Anmerkungen zu aktuellen Fragen. Die von vergleichbar etablierten Autoren sonst eher präferierten Zeitungen und Zeitschriften nutzt Jelinek kaum, um ihre Meinung kundzutun. Wir müssen zu ihr gehen, sie kommt nicht zu uns. Sie nutzt ihre Homepage, um eine Art Selbstverlag zu betreiben, allerdings ohne kommerzielle Interessen.

In der Rubrik Prosa fanden sich bislang allerdings nur ein paar Romanauszüge. Nun erscheint dort exklusiv ein Roman, der an die beiden anderen "Todessündenromane" "Lust" (1989) und "Gier" (2000) anknüpft. Die Sujets sind ähnlich - Kleinstadt, Ausbeutung, Ehekrise, alles spielt sich ab vor dem eklig-idyllischen Hintergrund der österreichischen Ski-Landschaft. Es gibt zwei Hauptfiguren, "Ich" oder auch "E. J." und Brigitte K., eine Geigenlehrerin. Ein Text von sehr böser Ironie. Wie sich nach den bislang veröffentlichten zwei Kapiteln, die ungefähr 90 Druckseiten entsprechen, sagen lässt, ist er professionell lektoriert worden, von all dem, was man gemeinhin selbstverlegten Werken nachsagt, ist nichts zu spüren.

Für "Neid" allerdings gilt, was die Presseabteilung eines Verlages nie zu schreiben wagen würde: "Sämtliche hier wiedergegebenen Texte sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne ausdrückliche Erlaubnis in keiner Form wiedergegeben oder zitiert werden." Das klingt eigenbrötlerisch, ist jedoch letztendlich ziemlich klug. Die bereits seit ihrer Jugend von ihrer Psyche geplagte Autorin ist, wie man seit ihren Statements zur Verleihung des Nobelpreises wissen könnte, wieder stark erkrankt. Doch da, wo andere zur Rücksicht neigen würden, war für viele Kritiker kein Halten gewesen- der Nobelpreis wurde ihr mit manchmal geradezu grotesken Anwürfen wieder aberkannt. Die bis heute politische engagierte Linke, die in Österreich seit ihrem 1985 erschienenen Stück "Burgtheater" verpönt ist, zudem mit ihrer aus der Alltagssprache sich nährenden, einen assoziativen Strom bildenden Schriftsprache als "obszön" gilt, gerade eben, weil sie das eigentlich Obszöne klar benennt, reagierte darauf spürbar verletzt.

Indem sie nun Zitate untersagt, schützt sie sich und ihr Werk vor Entstellungen. Rechtlich ist dieses Vorgehen vielleicht umstritten, denn Veröffentlichtes darf - im Rahmen - auch zitiert werden, moralisch aber stellt man sich damit gegen die Autorin. Zurzeit halten sich alle Rezensenten an die Vorgabe. Die Autorin behält damit volle Kontrolle über ihr Werk. Sie kann es sich, spätestens seit dem Nobelpreis, leisten. Ihr kostenlos lesbarer Roman "Neid" ist somit für alle da und bleibt doch zugleich ein "Privatroman", den die Autorin nach Belieben verändern, aufgeben, ja sogar wieder aus dem Netz entfernen kann. Was sie sich auch ausdrücklich vorbehält. Zu ihrem kühnen Schritt kann man ihr nur gratulieren, denn er erlaubt ihr, dem Text eine Intimität zu geben, die die bisherigen Werke nicht erreicht haben.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text erschien zuerst in der taz Nr. 8256 vom 21.4.2007. Wir danken dem Autor für die Publikationsgenehmigung.