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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2007 » Fremdsprachige Literatur
 
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Apokalypse nach der Midlife-Crisis

Dag Solstad führt in "Scham und Würde" in die Abgründe des menschlichen Seins

Von Insa Fabig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Elias Rukla, der Protagonist des Romans, lehrt seit einem Vierteljahrhundert Norwegisch an einem Gymnasium. Mitte 50 und dem Alkohol verfallen, hat er jegliche Illusion aufgegeben, wahre Euphorie bei seinen Schülern zu entfesseln. Aus persönlichem Interesse versucht er seinen Schützlingen die Werke Hendrik Ibsens näher zu bringen, was aber - nur mit müdem Gähnen und Langeweile erwidert - dazu führt, dass sich bei dem Studienrat Unmut breit macht. Gepaart mit der Lethargie seines Lebens und dem Erlebnis eines plötzlichen Regenschauers, entlädt sich diese Wut und Elias Rukla verliert die Beherrschung: Er schimpft und prügelt inmitten einer Masse gaffender Schüler auf seinen Regenschirm, der Objekt des Anstoßes war, ein und springt auf ihm herum. Als er merkt, dass er beobachtet wird, beleidigt er seine Schüler aufs Gröbste. Die Flucht nach vorne antretend, sucht er Schutz in den Kneipen der Stadt und in seiner Vergangenheit. Was war passiert?

Solstad nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Studentenzeit des Protagonisten, wobei damalige Weltverbesserungspläne und Männerfreundschaften entsprechende Erwähnung finden. In stundenlangen philosophischen Gesprächen mit seinem Freund Johann Corneliussen, der für Elias Rukla eine Art Übermensch zu sein scheint, wird die Welt mit aller Macht analysiert und dabei schnell deutlich, dass Elias Rukla eher zu den einfach gestrickten Menschen zählt und nicht zu den politischen Märtyrern - ganz anders als sein Freund Johann. Dieser bekommt neben der schon fast peinlichen Bewunderung Ruklas natürlich auch noch das Mädchen ab. Die wunderschöne Eva Linde - wie sollte es auch anders sein?

Diese bildet das zentrale Thema von Ruklas Vergangenheit und Zukunft. Der ewige Junggeselle fängt die gefallene Schönheit auf, nachdem sie sein bester Freund zugunsten seiner Karriere hat fallen lassen. Die Befindlichkeit Evas bleibt dabei ohne Belang, ganz so wie die nähere Charakterbeschreibung derselben. Der Autor verliert sich in zahlreichen Wiederholungen, zwar in immer neuen Formulierungen, jedoch immer mit derselben Aussage: Sie sei so schön, dass es fast weh tue! Es verwundert nicht, dass das Motiv auf Dauer so einen leicht nervigen Beigeschmack bekommt. Gegen Ende des Romans verliert Eva Linde jedoch ihre Anmut und wird als "dickliche, etwas faltige" Frau beschrieben. Sei es als Stilmittel gewollt, oder nur um zu polarisieren - Dag Solstad unterstreicht damit die "untergegangen Epoche" und hebt hervor, dass sich an dem Leben des Protagonisten nun nicht einmal mehr ein Hauch des Besonderen findet lässt.

Er ist ein alternder Mann, gefangen in den Tag für Tag gleichen Abläufen. Inmitten von "Kreditsklaven" sitzend, wie er seine Kollegen bezeichnet, reicht schon die Erwähnung der Thomas-Mann-Figur Hans Castorp aus, um ihm einen "leuchtenden Moment" zu verschaffen. Ein gewisses Gefühl des Mitleids stellt sich auch dann ein, wenn er versucht, jenen Kollegen auf Grund dieser Äußerung zum Essen einzuladen, jedoch an seiner eigenen Scham scheitert.

Der Autor skizziert bewusst Außenseiter, die sich von der Gesellschaft im Stich gelassen fühlen. Sie weinen der Vergangenheit nach und verfallen dann in endlose Tiraden, dass damals doch alles besser gewesen sei. Der Autor schafft es in der kurzen Zeitspanne eines Tages, einen gescheiterten Charakter glaubhaft zu schildern, wobei Scham und Würde mal mehr, mal weniger Bedeutung tragen. Alles was deutlich wird, ist, dass es "schrecklich ist, aber das es keinen Weg zurück gibt".

In Norwegen gilt der preisgekrönte Autor als einflussreiche literarische Stimme und als Anwärter auf den Nobelpreis. Nach "Elfter Roman, achtzehntes Buch" und "Professor Andersens Nacht" erscheint "Scham und Würde" als ein weiterer Roman Solstads im Dörlemann Verlag.


Titelbild

Dag Solstad: Scham und Würde. Roman.
Übersetzt aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger.
Dörlemann Verlag, Zürich 2007.
208 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783908777274

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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2007 » Fremdsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 02.07.2007 - 12:32:27
Erschienen am:21.06.2007
Lesungen: 1833
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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