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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2007 » Geschichte und Politik
 
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Mörderische Dynamik

Michael Wildts Studie "Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung" beschreibt, wie die "Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz" aus Zuschauern Komplizen machte

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In seiner großen Erzählung vom "Aufstieg" des "Dritten Reiches" macht der englische Historiker Richard Evans (siehe literaturkritik.de 7/2004) die unheilvolle Rolle jener unzähligen "Propheten des Hasses" deutlich, die schon vor dem Ersten Weltkrieg ihre pseudowissenschaftlichen Theorien des Antisemitismus und der Rassenlehre in Deutschland aggressiv verbreiten konnten. Sie trafen in weiten Teilen der Bevölkerung auf diffuse Angst- und Bedrohungsgefühle, aus denen bei vielen Menschen unvorstellbare Hass- und Gewaltsehnsüchte resultierten, die zur Grundlage einer bis dahin nicht gekannten Akzeptanz von Brutalität im politischen Alltagleben führte. Dem Faktor Gewalt setzte die Weimarer Republik - letztlich vergeblich - das Ideal des rechtsstaatlichen Gewaltmonopols entgegen, mit dem zivilgesellschaftliche Standards wiederhergestellt und gesichert werden sollten. Nach 1933 fielen auch die letzten Reste des Rechtsstaats einer entgrenzten Barbarei zum Opfer. Opfer der Gewalt waren diejenigen Menschen, die aus der "deutschen Volksgemeinschaft" ausgeschlossen wurden. Das waren vor allem die Juden in Deutschland.

Hier setzt die Studie des Hamburger Historikers Michael Wildt ein. Wildt erklärt das Gewalthandeln gegen die jüdischen Mitbürger als Herstellung der "Volksgemeinschaft": In den Gewaltaktionen "bildete sich jene ,Volksgemeinschaft', von der die NS-Propaganda sonst nur redete." Hier "realisierte sich das nationalsozialistische Volk als politischer Souverän, stellte sich die Ordnung einer rassistischen Volksgemeinschaft her und konnte jeder Teilnehmer Partizipation und Macht erfahren: Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung."

Doch liegt die Bedeutung von Wildts Buch nicht in erster Linie in seinem Beitrag zur Erläuterung der Verknüpfung zwischen Judenverfolgung und "Volksgemeinschaft". Sie wird letztlich von Wildt selbst auch nicht systematisch verfolgt. Bedeutsamer ist, was der Autor über die tatsächlichen Ausschreitungen gegen Juden in der deutschen Provinz zusammenträgt. Für die Darstellung der antisemitischen Ausschreitungen "von unten" konnte Wildt erstmals die lokalen und regionalen Berichte der Ortsgruppen und Landesverbände des "Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" (C.V.) auswerten. Diese Berichte, die bis in die 1990er-Jahre in Moskau im so genannten "Sonderarchiv" nicht zugänglich waren, schildern nicht nur die Repressalien, sondern "offenbaren auch die Beharrlichkeit und den Mut", mit dem Vertreter des C.V. "den Kampf gegen den Antisemitismus aufnahmen" - zumindest solange noch eine geringe Chance bestand, mit rechtsstaatlichen Mitteln die Vorfälle verfolgen zu lassen. Die Stimme der Opfer wird durch einen zweiten Quellenkorpus ergänzt, der Sammlung von 3.744 Dokumenten mit Stimmungs- und Lageberichten von staatlichen Stellen (Bürgermeistern, Landräten und Regierungspräsidenten), den Gliederungen der NSDAP sowie den Berichten der Gestapo und des Sicherheitsdienstes der SS. Von Interesse ist dabei immer wieder "der Kontrast" der Berichte über die von den Tätern "Einzelaktionen" genannten Ausschreitungen zu den C.V.-Berichten. Schließlich kann Wildt auch von den in den letzten Jahren zuhauf erschienene Lokalstudien zur Geschichte der jüdischen Gemeinden profitieren.

Das Ergebnis ist erschreckend. Der von den Nazis gewalttätig vorangetriebene Antisemitismus konnte sich auf eine beträchtliche Anzahl Sympathisanten in den Städten und Gemeinden Deutschlands verlassen. Dabei war ein Muster vorherrschend: NS-Aktivisten, zumeist Angehörige der SA, gingen gewaltsam gegen einzelne Juden vor, brachen brutal-plündernd in die Wohnungen ein, zerrten die Bewohner auf die Straße und zwangen sie zu entwürdigenden Märschen durch die Straßen. Vielfach zog ein Spielmannszug dem Umzug voran, Männer, Frauen und Kinder begleiten den Zug, lachend, feixend, johlend. Von Polizei keine Spur, war sie anwesend, dann ,sicherte' sie den Umzug. Fotos dieses Treibens, von denen einige im Buch abgebildet sind, erschrecken bis heute. Fassungslos registriert man die völlige Schutzlosigkeit der gepeinigten Juden. Sie verweist auf das Wesen der nationalsozialistischen Gewalt, die nicht Überlegenheit über einen Gegner ausdrücken sollte, sondern "verletzen und zerstören" wollte. "Es ging um Vernichtung, um eine Gewalt, die mit Gegenwehr gar nicht mehr rechnete, sondern allein Gewalt antun wollte - keine bloß instrumentelle, sondern ,autotelische' Gewalt". Die mehr oder weniger beteiligten Zuschauer dieser Gewaltaktionen waren Teil der Aktion. "Alle Zuschauer [...] auch jene mit inneren Vorbehalten, nahmen an der Inszenierung teil. Sie wurden zwar nicht zu Tätern, aber zu Komplizen der antisemitischen Politik."

Diese Komplizenschaft ist der zentrale Bestandteil des nationalsozialistischen Herrschaftssystems. Sie wurde ermöglicht durch das Fehlen zivilgesellschaftlicher Standards und Strukturen. Konfrontiert mit dieser Komplizenschaft, sei sie aktiv oder passiv, flüchteten die Menschen später in Verdrängung und Verleugnung. Wildts Studie ist daher auch ein Beitrag zum Verständnis dieser verhängnisvollen Dynamik.


Titelbild

Michael Wildt (Hg.): Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis 1939.
Hamburger Edition, Hamburg 2007.
412 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783936096743

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Letzte Änderung: 02.07.2007 - 12:32:28
Erschienen am:25.06.2007
Lesungen: 2045
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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