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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2007 » Deutschsprachige Literatur » Briefwechsel
 
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"Max, soweit haben wir's gebracht."

Die Jahre 1950 bis 1969 im letzten Band des Briefwechsels zwischen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer geben Einblick in die Praxis der Kritischen Theorie

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der letzte Teil des Briefwechsels zwischen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer umfasst die Jahre 1950 bis 1969. Nachdem man aus den Briefen der vorangegangenen Bände erfahren konnte, wie konsequent die Rückkehr aus dem Exil nach Deutschland, der Ruf an die Frankfurter Universität sowie die Wiedereinrichtung des Instituts für Sozialforschung von beiden betrieben wurde, bezeichnen die Jahre ab 1950 nun eine vergleichsweise konsolidierte Situation. Noch 1949 war es dem bereits als Ordinarius für Sozialphilosophie in Frankfurt installierten Horkheimer gelungen, Adorno mit einer außerplanmäßigen Professur auszustatten. Von dieser sicheren Warte aus übernahmen beide schließlich auch die Leitung ,ihres' 1951 förmlich wiedereröffneten Institutes in Frankfurt. Beider akademische Karriere verlief danach in geregelten Bahnen. Bis Adorno am 6. August 1969 in der Schweiz infolge eines Herzinfarkts unerwartet verstarb, war er nach Horkheimers Emeritierung 1959 alleiniger Leiter des Instituts.

Doch trotz der konsolidierten Rahmenbedingungen blieb beiden ein kämpferisches Misstrauen gegenüber dem akademischen Betrieb eigen. Bei Lehrstuhlbesetzungen, der Heranziehung und Durchführung von Forschungsaufträgen, aber auch bei wissenschaftlichen Streitigkeiten mit dem, "was sich die Herrschaften unter ,Realsoziologie' vorstellen", sahen beide immer wieder die Notwendigkeit, die "Feinde" in Schach zu halten: "Es ist buchstäblich so," schreibt Adorno beispielsweise am 29. November 1957 in einem Bericht über Kommissionssitzungen und Personalangelegenheiten an den in Chicago weilenden Horkheimer, "wie ich es Ihnen einmal sagte, sobald einer von uns nicht hier ist, werden die Herren frech." Dieser zuweilen gereizte Ton gegenüber allen, die zu Recht oder Unrecht im Verdacht stehen, den eigenen Interessen schaden zu wollen, zieht sich durch den gesamten Briefwechsel. Die Abgrenzung nach außen dient beiden zugleich auch als Selbstvergewisserung über ihr so empfundenes exklusives Verhältnis zueinander.

Das Bedürfnis nach symbiotischer Beziehung wird immer dann besonders drängend, wenn beide auch räumlich getrennt sind. Ist zunächst noch Adorno in ein Projekt in den Vereinigten Staaten eingebunden, so sind es im Verlauf der 1950er-Jahre die verschiedenen Lehrverpflichtungen Horkheimers an der Universität Chicago, derweil Adorno in Frankfurt die Stellung hält. Es klingt dann auch wieder an, was bereits in den früheren Briefen Ausdruck einer Sehnsucht war: Am 22. 12. 1952 schreibt Horkheimer: "Daß wir in eine Lage kommen, in der wir zusammensein und zusammen denken dürfen, ist mein Wunsch zum neuen Jahr. Es ist so, als ob dieser Wunsch weit über unsere Verhältnisse hinausreiche, denn daß wir nicht zu dem kommen, was wir wollen, ist wie ein Zeichen, an dem man diese ganze Zeit erkennen kann."

Aber welches Projekt harrt ihrer gemeinsamen Arbeit? In den Alltagsrealitäten des Universitätsbetriebes sowie eines etablierten soziologischen Instituts sind großartige neue Denkvorstöße, wie es das gemeinsame Projekt der "Dialektik der Aufklärung" wenige Jahre zuvor war, selten zu schaffen. Es gilt unter den Prämissen des eigenen denkerischen Ansatzes eine Praxis zu etablieren, die einerseits das Profil des Instituts und seiner jüngeren, nachwachsenden Mitarbeiter schärft, und sich zum anderen spürbar in der Ausbildung der Studenten widerspiegelt. Doch gerade im Verhältnis zu den Nachkommenden deuten sich seit Ende der 1950er-Jahre Unstimmigkeiten an. So ist am 27. 9. 1958 ein Text des zwei Jahre zuvor von Adorno ans Institut geholten Habermas, der den jungen Marx im Interesse einer baldigen ,Revolution' vereinnahmt, Anlass für einen bemerkenswert langen Brief Horkheimers. Vorausschauend erkennt Horkheimer, dass sich hier eine populäre und aus seiner Sicht ebenso falsche wie anziehende ,politische Philosophie' zu erkennen gibt - die ja dann auch von den Studenten einige Jahre später genauso verstanden wurde. Horkheimer erkennt darin jedoch "erfahrungslose Philosophie", eine neue Form der Ideologie, die der Diktatur Vorschub leistet. Für derartigen "Klassenkampf im Wasserglas" fehlt ihm das Verständnis. Stattdessen formuliert er in selten klaren Worten eine programmatische Leitlinie des Instituts: "Was es heute zu verteidigen gilt, scheint mir ganz und gar nicht die Aufhebung der Philosophie in Revolution, sondern der Rest der bürgerlichen Civilisation zu sein, in der der Gedanke individueller Freiheit und der richtigen Gesellschaft noch eine Stätte hat [...]" Und weiter: "Den allgemeinen Reichtum so anzuwenden und auszubreiten, daß niemand mehr hungern muß, Sicherheit und Freiheit des Einzelnen zu schützen, den unendlichen Druck zu mildern, der auf allen lastet, dem Elend hinter Mauern Hilfe zu bringen, dazu können wir vielleicht ein Weniges, kaum Spürbares tun, indem wir die Menschen gegen das Vorhandensein, das Hereinbrechen, die Wiederkunft der Barbarei drinnen und draußen empfindsam machen. Das ist die ,Praxis' dessen, was Sie schreiben und was wir lehren."

Diese aus der Perspektive eines euphorisch die Option einer revolutionären Weltverbesserung aufrechterhaltenden Denkens in vielerlei Hinsicht ernüchternde Programmatik kommentiert Adorno in sachlich zustimmenden Anmerkungen, in denen indes auch eine gewisse Enttäuschung darüber zu erahnen ist, dass nunmehr das grenzenlose Denken sich einer neuen Form des Realismus zu stellen hat.

Doch schon bald sieht Adorno selbst sich diesem Konflikt ausgesetzt. Denn dem studentischen Aufbegehren, getragen auch von der Vorstellung einer gesellschaftspolitischen Revolution, begegnet in den 1960er-Jahren in Form der Großen Koalition und der geplanten Notstandsgesetzgebung eine angeschlagen erscheinende Demokratie. Das zwingt zu tagespolitischen Stellungnahmen. Am 8. 12. 1966 erbittet Adorno Rat "in einer Angelegenheit, in der die Verantwortung zu groß ist, als daß ich sie allein übernehmen möchte." Es geht um eine Kritik des Godesberger Programms, vor der Adorno zurückschreckt: "Wenn man die SPD angreift [...] so lieferte man damit Wasser auf die Mühlen all derer, die an der schwer erschütterten Demokratie rütteln."

Es sind vor allem die (eigenen) Studenten, die an der Demokratie rütteln. Ihr Vorwurf lautet, man betreibe Kritische Theorie, aber angepasste Praxis. Ihr neuer ,Held' ist der in Amerika lehrende Herbert Marcuse, der eine revolutionäre Praxis für möglich hält. Adorno steht mitten in den Auseinandersetzungen mit dieser "angeblich neuen Linken", die "eine bestimmte Konzeption so verstehen, daß sie die Einheit der Praxis mit einer nicht vorhandenen Theorie, kurz den puren begriffslosen Praktizismus betreiben." In einer Mischung aus Erstaunen und Erschöpfung berichtet Adorno dem längst emeritierten Freund von den Ereignissen. Im Januar 1969 kommt es schließlich zur direkten Konfrontation: Adorno sieht sich gezwungen, das von Studenten besetzte Institut polizeilich räumen zu lassen. Marcuse reagiert empört und stellt sich vorbehaltlos auf die Seite der Studenten. In einen Brief an Horkheimer berichtet Adorno von den Vorfällen und legt dem Freund zur Kenntnisnahme einen Briefwechsel mit Marcuse bei. Dort findet sich eine Bemerkung, die erahnen lässt, wie schockiert Adorno von den Geschehnissen war: "Neulich sagte mir in einer Fachschaftsdiskussion Herr Cohn-Bendit, ich hätte nur dann ein Recht, die Polizei zu holen, wenn man mich mit Stangen zusammenschlagen wollte; ich antwortete, dann sei es wohl zu spät."


Titelbild

Theodor W. Adorno / Max Horkheimer: Briefwechsel 1950 bis 1969. Band IV.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2006.
1078 Seiten, 49,90 EUR.
ISBN-10: 3518584642
ISBN-13: 9783518584644

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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2007 » Deutschsprachige Literatur » Briefwechsel
 

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Letzte Änderung: 02.07.2007 - 12:32:30
Erschienen am:25.06.2007
Lesungen: 1248
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