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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2007 » Deutschsprachige Literatur » Schreiben nach Auschwitz
 
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"Auch ein schönes Stück"

Arno Schmidts Erzählungen und Romane in der zweibändigen Sammlung "Geschichten aus Deutschland"

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In jenen altbundesrepublikanischen Zeiten, als man noch von einer "Suhrkamp-Kultur" sprach, stand er abseits. Kein Denken daran, dass Arno Schmidt, der Außenseiter aus Bargfeld, Suhrkamp-Autor hätte sein können. Zu jener Zeit publizierte Schmidt beim längst untergegangenen Stahlberg Verlag, zu dem er Mitte der 1950er-Jahre erste Kontakte geknüpft hatte.

1970, als der Verlag an die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck verkauft wurde, und diese alsbald auch den S.Fischer Verlag übernahm, wurden die Texte Arno Schmidts dort zuvörderst als Fischer-Taschenbücher verwertet. Indes erschienen die Bücher hier nicht neu aufgelegt, sondern lediglich als Weiterverwertung der Fassungen, die bereits veröffentlicht worden waren. Zunehmend wurde aber offensichtlich, dass diese Texte Eingriffe unterschiedlicher Art erfahren hatten. Deshalb erschien es erforderlich, die Herausgabe der Schmidt'schen Texte neu zu organisieren und sie einer textkritischen Durchsicht auszusetzen.

Dies schien freilich mit dem S.Fischer Verlag nicht mehr machbar. 1981 wurde von Alice Schmidt, der Witwe, und Jan Philipp Reemtsma die Arno-Schmidt-Stiftung gegründet. Sie ist seit 1983, dem Todesjahr von Alice Schmidt, die alleinige Inhaberin der Rechte am Gesamtwerk Schmidts. Seit 1986 gibt die Stiftung die so genannte "Bargfelder Ausgabe" (BA) heraus, die heute die verbindliche Standardausgabe der Schmidt'schen Texte darstellt. Nach wie vor wird sie von der Arno-Schmidt-Stiftung besorgt - vertrieben wird sie mittlerweile vom Suhrkamp Verlag.

Auf Grundlage der Textfassungen der BA legt der Verlag nun die zweibändige Sammlung "Geschichten aus Deutschland" vor. Es sind, so wird annonciert, "die wichtigsten Romane und Erzählungen von Arno Schmidt entsprechend der Chronologie ihrer Handlung." Die Ausgabe atmet ein wenig Klassikerflair, wenn es zudem heißt, sie böte "einen spannend-vergnüglichen Einblick in das Herzstück des Werks eines der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts." Es bleibt dabei offen, ob die Zusammenfassung unter dem Titel "Geschichten aus Deutschland" einen neuen Sinnzusammenhang herstellen soll - es ist wohl eher Ausdruck einer Vermarktungsstrategie, der sich alle Klassiker ausgesetzt sehen.

Band 1 der Ausgabe enthält die Erzählungen "Aus dem Leben eines Fauns" (erschienen 1953); "Leviathan oder die beste aller Welten" (1949); "Brand's Haide" (1951); "Die Umsiedler" (1952); "Seelandschaft mit Pocahontas" (1959) sowie den "historischen Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi": "Das steinerne Herz", der 1956 erschien. Der zweite Band enthält die Erzählungen "Am Zaun" (1956), "Trommler beim Zaren" (1959), den Roman "KAFF auch Mare Crisium" (1960) sowie die Erzählungen "Kühe in Halbtrauer" (1961) und "Schwarze Spiegel" (1951).

Jeder dieser Texte ist ein Leseerlebnis besonderer Art. Bis heute ist Arno Schmidt ein unerreichter Sprachkünstler, dessen experimentelle Erkundungen ihren Niederschlag im zunächst befremdlich erscheinenden Schriftbild der Seiten finden. Arno Schmidt schreibt das mit, was normalerweise ungeschrieben bleibt. Der geschriebene Text spürt dem gesprochenen nach. Er findet Entsprechungen für Lautverwirrungen, für Gefühle und Stimmungen (vergleichbar heute am ehesten einigen der in der Netiquette, der Schreibkultur des Internets, zu findenden Erscheinungen), oder für Geräusche. Ein wohlbedachtes Stück Arbeit des Autors, auch für die Leser - und leider auch immer wieder für die Buchmacher. Weshalb Schmidt seine Vorstellungen schon einmal grundsätzlich erläutern musste:

"§ 3. Ich beginne mit der Interpunktion. - Man kann damit stenografieren! Wenn ich schreibe: ,Sie sah herum:?' dann giebt (mit ,ie'. Ich hasse das dudeske ,gibt': so spricht heute noch kein Mensch!) der Doppelpunkt das fragend geöffnete Gesicht, das Fragezeichen die Torsion des hergewandten Körpers, das Ganze also die ,Die Frage' ebenso gültig wieder - nein: weit besser!: der Leser wird ja absichtlich nicht auf irgend einen abgestandenen Wortsalat festgelegt, à la: ,und fragte: ,Was giebt's?' -"

Oder: "In der ,Seelandschaft mit Pocahontas', auch ein schönes Stück, heißt es: ,Moorkanal: 1 Blatt versuchte ihn hinunter zu treiben.': Was meinen Sie, was ich für Diffikultäten mit dem Herrn Setzer hatte, ehe er sich herbeiließ, die ,1' nicht in ,ein' auszusetzen!! Ich mußte aufstehen, und von meiner kostbaren Zeit hergeben, ich, mit Myocardschädigung und Coronarinsuffizienz, und erklären: ä=hemm:"

Das mündet schließlich in einen Brief an den damaligen Verleger Ernst Krawehl: "1) Schärfen Sie dem (bedauernswerten; aber es ist nicht zu ändern) Setzer ein: nie anzunehmen, daß ich mich verschrieben haben könnte! Er soll das volle Opfer des Intellekts bringen; (im stillen für meschugge halten darf er mich immer): wenn ich statt ,drollig' ein ,drolling' setze, dann ist mit nichten der Suff oder meine ADLER mit mir durchgegangen, sondern es handelt sich um den Maler KASPAR DROLLING...".

Schnell wird aber jeder Leser merken, dass dergleichen tatsächlich keine "Mätzchen" sind, von denen "konservative Kreise röhren". Denn Schmidts Erzählungen und Romane sind in einem sehr klassischen Sinne prall gefüllt mit Lebensinhalt. Schmidt betreibt keine blutleeren Studien, sondern liefert Geschichten. Geschichten aus dem Leben, so lebensnah, dass einige Zeitgenossen zuweilen Skandalöses witterten. Man muss daran erinnern, dass Schmidt 1955 für "Seelandschaft mit Pocahontas", eine sensibel ironische Liebesgeschichte in den kargen Nachkriegszeiten, wegen Gotteslästerung und "Schilderungen sexuellen Charakters [...], die geeignet sind, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gesund empfindender Menschen in geschlechtlicher Hinsicht zu verletzen", angeklagt wurde. Der damalige Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung Hermann Kasack verfasste damals ein Gutachten, in dem er trotz einer "ästhetisch gesehen" bestehenden "Gefahr des Manierismus" bei Schmidt feststellte, dass er in seiner "sprachrevolutionierenden Art zu den interessantesten Erscheinungen unserer Nachkriegsliteratur" gehört. Weil er aber womöglich ahnte, dass die vorgebrachten Argumente gegen die Vorwürfe der Gotteslästerung und Pornografie im damaligen Klima der Bundesrepublik bei eifernden Staatsanwälten nicht ausreichen würden, fügte er hinzu, dass "für die Beurteilung der beanstandeten Komplexe" auch die "Form der Veröffentlichung" bedeutsam sei. Der Text sei in der avantgardistischen Zeitung "Texte und Zeichen" erschienen: "Derartige Zeitschriften haben in Deutschland immer nur eine geringe Auflage. Bei dem hohen Preis von DM 4,80 für das Heft 1, möchte ich annehmen, daß davon noch nicht hundert Exemplare verkauft werden konnten. [...] Veröffentlichungen in dieser Zeitschrift, wie auch die ,Seelandschaft mit Pocahontas' von Arno Schmidt wenden sich also nicht an das allgemeine Publikum, sondern einen bestimmten Literaturkreis." Das Verfahren wurde eingestellt.

Die von Suhrkamp zusammengestellten "Geschichten aus Deutschland" wenden sich hingegen an das allgemeine Publikum. Dem ist zu raten: lest Arno Schmidt!


Titelbild

Arno Schmidt: Geschichten aus Deutschland. Zwei Bände.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007.
888 Seiten, 35,00 EUR.
ISBN-13: 9783518418802

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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2007 » Deutschsprachige Literatur » Schreiben nach Auschwitz
 

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Letzte Änderung: 20.09.2007 - 15:11:09
Erschienen am:08.08.2007
Lesungen: 3073
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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