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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2007 » Literaturwissenschaft
 
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Von allgemeinen Kunstbegriffen und vehementer Forscherschelte

In ihrem Band "Wenn mehrere Künste im Spiel sind" untersucht Ricarda Schmidt nicht nur die "Intermedialität bei E.T.A. Hoffmann"

Von Jens ZwernemannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jens Zwernemann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass Intermedialität momentan en vogue ist wie nur wenige andere Paradigmen der Literatur- und Medienwissenschaften, muss kaum hervorgehoben werden; dass sich für intermediale Untersuchungen vor allem Werke so genannter 'mehrfachbegabter' Künstlerinnen und Künstler anbieten, deren künstlerisches Betätigungsfeld sich auf mehr als ein Medium erstreckt, wohl auch nicht.

Folglich dürfte das Werk des Schriftstellers, Musikers, Zeichners (und Juristen) E.T.A. Hoffmann als Modellfall für intermediale Untersuchungen gelten - eine Annahme, die auch Ricarda Schmidts unlängst vorgelegtem Band "Wenn mehrere Künste im Spiel sind" zugrunde liegt: Im Zuge ihrer Untersuchung unterschiedlicher Facetten der "Intermedialität bei E.T.A. Hoffmann" analysiert die Verfasserin exemplarisch sechs Erzählungen Hoffmanns, die sich, so Schmidt, "besonders durch eine Fiktionalisierung des intermedialen Bezugspunktes auszeichnen und in denen die Referenz auf einen einzigen Komponisten oder ein einziges Werk den ganzen Text dominiert."

Den Auftakt ihrer Analysen bildet Hoffmanns frühe Erzählung "Ritter Gluck", in der die Verfasserin die Rolle, die dem Komponisten Christoph Willibald Gluck und seinen Reformopern innerhalb der Erzählung zukommt, in den Blick nimmt; dabei geht sie insbesondere Fragen des Verhältnisses von klassischen und romantischen musikästhetischen Paradigmen nach. Im Anschluss daran begegnet Schmidt der landläufigen Forschermeinung, dass es sich bei der Interpretation von Mozarts "Don Giovanni" durch den Ich-Erzähler aus "Don Juan" um eine "Fehldeutung" handle, und vertritt die These, dass "Don Juan" als Palimpsest der von Hoffmann wenig geschätzten Librettoübersetzung Friedrich Rochlitz' zu verstehen sei. Intermediale Bezüge zur Malerei hingegen bilden den Schwerpunkt in Schmidts Analysen der Erzählungen "Die Abenteuer der Sylvester-Nacht", "Die Jesuiterkirche in G." und "Signor Formica" sowie "Prinzessin Brambilla". Während die genaue Benennung der "malerischen Intertexte" im Fall der erstgenannten Erzählung schwer fällt, stellt "Prinzessin Brambilla" "eine Sonderform der Ekphrasis" dar, basiert die Erzählung doch auf einer Serie von 24 Radierungen Jacques Callots, die Hoffmann von einem Freund zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Anhand der Erzählungen "Die Jesuitenkirche in G." und "Signor Formica" wiederum untersucht Schmidt die jeweilige literarische Ausformung des Mentor-Verhältnisses zwischen einem historischen Maler (Raphael beziehungsweise Salvator Rosa) und einem fiktiven Novizen. Wie in jedem Kapitel rekonstruiert sie dabei den kulturhistorischen Kontext und nimmt - teilweise sehr detailliert - sowohl die zeitgenössische Rezeption der in der entsprechenden Erzählung erwähnten Werke und Künstler als auch die zeitgenössische Aufführungspraxis der behandelten Musikstücke in den Blick. Dadurch gelingt Schmidt eine klare Positionierung der Hoffmann'schen Erzählungen innerhalb der kunst- und musikästhetischen Diskurse ihrer Entstehungszeit.

Was man bei dem großen Maß an Sorgfalt hinsichtlich der Rekonstruktion des kulturhistorischen Hintergrunds - je nach Interessenlage mehr oder minder schmerzlich - vermissen wird, ist allerdings eine ausgefeilte Theorie zur Vergleichbarkeit unterschiedlicher Medien: Gerade im Zuge der fortschreitenden Ausdifferenzierung der Intermedialitätsforschung gewinnen nicht nur Fragen nach dem 'warum' sondern vor allem nach dem 'wie' intermedialer Vergleiche zunehmend an Komplexität. Kaum eine intermedial ausgerichtete Arbeit ist in den letzten Jahren erschienen, die nicht mit einem umfangreichen und zumeist entsprechend komplizierten Theoriekapitel aufwarten konnte. Im Vergleich dazu scheint Schmidts Definition von 'Intermedialität' als "Überschneidung von Literatur und einem anderen Medium" zunächst ziemlich global. Auch die Beschreibung ihres Erkenntnisinteresses klingt vergleichsweise unspektakulär, geht es der Verfasserin doch primär um die literarische Thematisierung altermedialer Kunstwerke beziehungsweise deren Urheber im Werk Hoffmanns. Durch die genaue Analyse dieser Erwähnungen hofft Schmidt Rückschlüsse auf allgemein-ästhetische Prinzipien ziehen zu können.

'Einflussforschung' möchte man zunächst (eventuell nicht unverächtlich) raunen. Genau diesem Vorwurf stellt sich die Verfasserin allerdings bereits zu Beginn ihrer Untersuchung, wobei sie auch das eigentliche Hauptthema ihrer Arbeit benennt: die Kritik an der aktuellen literaturwissenschaftlichen Praxis.

Schmidt weiß zum Gros der Untersuchungen ihrer Kolleginnen und Kollegen nur wenig Gutes zu sagen: "Meine Arbeit über E.T.A. Hoffmann erwuchs aus meiner Unzufriedenheit mit einer zeitgenössischen literaturwissenschaftlichen Tendenz, die gerade in der Hoffmann-Forschung besonders häufig praktiziert wird: nämlich die Literatur früherer Epochen als Antizipation heutiger Konzepte von Subjektivität und Ästhetik zu lesen." In den aktuellen Literaturkanon, so argumentiert sie, fänden nur jene Schriftsteller Aufnahme, auf deren Werke sich Konzepte und Kategorien der aktuellen wissenschaftlichen Diskurse projizieren ließen, wohingegen alle anderen als endgültig "passé" gelten würden.

Gerade diese - hochproblematische - Praxis führe zu einer "Homogenisierung der Unterschiede zwischen historischen und heutigen Konzeptionen von Subjektivität und Ästhetik."

Obgleich sie von den Kulturwissenschaften inspiriert worden sei, wendet sie sich vehement etwa gegen die Prinzipien des New Historicism, der ihrer Meinung nach letztlich die berühmten Äpfel mit den nicht minder berühmten Birnen vergleiche, beziehungsweise Shakespeares "Twelfth Night" mit "Bowling, Hermaphrodismus in Frankreich und medizinische[n] Beschreibungen von Genitalien." Weder gehe sie von einem semiotischen Kulturbegriff aus, noch seien "Texte" (ein Begriff, der in jeder kulturwissenschaftlich orientierten Studie der genauesten Definition bedurft hätte) für sie im Sinne Greenblatts "the signs of contingent social practices." Dies, so schlussfolgert Schmidt, resultiere nur "in kulturwissenschaftliche[n] Textkonglomeraten von Literatur und esoterisch anmutenden anderen Diskursen." Im Gegensatz dazu propagiert - und praktiziert - sie eine Form der literaturwissenschaftlichen Analyse, bei der es stets darum gehe, "konkrete Referenz auf historische Werke der Musik und der darstellenden Kunst und deren Urheber" in einem bestimmten Werk aufzuspüren und dieses in seiner "historische[n] Dialogizität" mit anderen (künstlerischen) Diskursen der Zeit zu beschreiben.

Konkret bedeutet dies: Schmidt spart im Rahmen ihres Bandes nicht mit Kritik an den Forschungsergebnissen ihrer Kolleginnen und Kollegen und widerlegt - teilweise minutiös - deren Argumentationen, sofern diese der Versuchung erlegen waren, die historische Variabilität bestimmter Konzepte aus den Augen zu verlieren. Dies mag all jenen Lesern, denen Schmidts eingangs formulierte These von der Notwendigkeit, eine primär kulturhistorisch orientierte Form der Literaturwissenschaft zu praktizieren, sofort einsichtig war, an einigen Stellen zu weit gehen; auch werden sich solche Leser fragen, ob es wirklich nötigt ist, diese Forderung gebetsmühlenartig nach jeder Textanalyse zu wiederholen und sie zum einzigen Gegenstand der Schlussbetrachtung zu machen. Doch auch solche Leser werden nicht umhin können, anzuerkennen, mit welcher Vehemenz Schmidt eine Rückkehr zu einer Form der literaturwissenschaftlichen Betrachtung fordert, die im Zuge der momentan so beliebten, ständigen 'Neuorientierung' der Literaturwissenschaften (leider) weitgehend aus der Mode gekommen ist. Alle anderen Leser wird Schmidts Band hoffentlich davon überzeugen, wie gewinnbringend diese Form der Literaturanalyse sein kann.


Titelbild

Ricarda Schmidt: Wenn mehrere Künste im Spiel sind. Intermedialität bei E. T. A. Hoffmann.
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006.
256 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-10: 3525208480

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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2007 » Literaturwissenschaft
 

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Letzte Änderung: 20.09.2007 - 15:11:22
Erschienen am:13.08.2007
Lesungen: 4173
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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