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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2007 » Geschichte und Politik
 
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Keine Angst vor Odessa

Heinz Schneppen widerlegt den Mythos von einer generalstabsmäßigen Fluchtorganisation der Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Historiker Heinz Schneppen wurde einer breiteren Öffentlichkeit vor einigen Jahren wegen eines Streits mit dem damaligen Außenminister Joschka Fischer bekannt. Schneppen, der von 1960 bis 1996 im diplomatischen Dienst der Bundesrepublik Deutschland war, kritisierte die von Fischer eingeführte "Nachruf-Regelung" für das Auswärtige Amt, mit der das interne ehrende Gedenken an solche Mitarbeiter untersagt werden sollte, die nachweislich Mitglied der NSADP waren. Die Regelung sei "unsachlich, unanständig, unehrlich", weil die bloße Parteimitgliedschaft kein ausreichendes Kriterium zur Würdigung einer Lebensleistung sein könnte. Der Botschafter a.D. kritisierte die Regelung als Historiker, der um eine differenzierte Darstellung bemüht ist. Im Signal des damaligen Außenministers zum Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit sah er die Gefahr vereinheitlichender Interpretation historischer Erkenntnisse. Doch der diplomatische Standesvertreter verkannte, dass die bewusste Interpretation des vom Historiker erarbeiteten Materials im gesellschaftspolitischen Kontext eine aufgeklärte und zivilgesellschaftliche Selbstverständlichkeit ist.

Frei von diesen Rollenvermischungen widmet sich Schneppen im vorliegenden Buch nun als Historiker zwei "Mythen der Zeitgeschichte": Der klangvolle Begriff "Odessa" (oft auch O.D.E.S.S.A.) steht dabei nicht für die ukrainische Hafenstadt, sondern für "Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen". Mit dem Begriff des "Vierten Reichs" verbindet sich ich in rechtsradikalen Kreisen die Sehnsucht auf eine Fortsetzung des "Dritten Reichs". Nach dem Krieg schien das für Teile der Nazianhängerschaft eine verlockende Hoffnung: eine Organisation ehemaliger SS-Leute, die das Erbe des Dritten Reichs verwahrt bis in besseren Zeiten ein Viertes Reich die legitime Nachfolge des untergegangenen Nazireichs antritt. Schneppen will freilich mehr, als die Mythen in der Sache zu widerlegen: "Ziel dieser Studie ist es weniger, diese Mythen zu widerlegen. [...] Ziel dieser Untersuchung ist es vielmehr, methodisch darzulegen, wie es zur Mythenbildung kam. Denn eine falsche Behauptung ist erst dann wirklich widerlegt, wenn man erklären kann, wie sie zustande kam."

So ganz erschließt sich der Sinn dieser Absichtsbekundung nicht. Natürlich ist eine Behauptung dann widerlegt, wenn sie sachlich als falsch nachgewiesen ist. Die Frage nach dem Zustandekommen einer solchen Behauptung ist womöglich Teil des Nachweises. Worum es Schneppen in seiner Bekundung geht, zielt eher auf eine grundlegende Darstellung dessen, was Mythen für eine Gesellschaft in bestimmten historischen Situationen bedeuten. Doch zu einer umfassenderen ,Theorie der Mythen' leistet das Buch keinen Beitrag.

Sei's drum: den fehlgeleiteten Ehrgeiz des Autors sollte man schnell überlesen. Dann wird das Buch durchaus interessant. Denn sachkundig und zügig berichtet der Autor vom Aufblühen der Legende um die "Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen", die angesichts der bevorstehenden Kriegsniederlage einen Abgang der Nazieliten vorbereitete, der alle Optionen für einen Neuanfang offen halten sollte. Zu diesem Zweck musste zunächst die Flucht der Nazigrößen organisiert werden. Gelder, die man hierzu brauchte, das legendäre "Nazigold", hatte man bereits außer Landes gebracht, so wie es 1944 während der "Geheimkonferenz von Straßburg", an der führende Nazis und Wirtschaftsleute teilgenommen hatten, beschlossen worden war.

Alles Erfindungen! Aber auch wenn es eine derart durchgeplante Fluchtorganisation zur Rettung einer maßgeblichen Nazielite nicht gegeben hat, so gab es doch die "Rattenlinien", über die einigen Naziprotagonisten die Flucht ins Ausland gelang. Sie führten zumeist über Tirol nach Rom. Dort kümmerte man sich in Teilen der Kurie um die Flüchtenden, denen man mithilfs des dortigen Roten Kreuzes Papiere verschaffte, die eine Überfahrt - bevorzugt nach Argentinien - ermöglichten. Diese Fluchtwege, über die auch Nazikollaborateure und Faschisten aus anderen europäischen Ländern einer strafrechtlichen Verfolgung entkamen, waren den Alliierten weitgehend bekannt. Dass sie nicht geschlossen wurden, ist aus heutiger Sicht unverständlich und kann als moralisches Versagen angesehen werden.

Möglicherweise liegt hier aber ein Grund für die Legendenbildung um die Fluchtaktivitäten. Eine machtvolle Fluchtorganisation kann vom eigenen Versagen ablenken. Jedenfalls wurde die Legende, die im Übrigen durch den 1972 erschienen Bestsellerroman "Die Akte Odessa" von Frederick Forsyth populäres Allgemeingut wurde, immer wieder funktionalisiert. Sie diente beispielsweise in der DDR als Beleg für eine Kontinuität von Faschismus und Kapitalismus in der "BRD"-Gesellschaft. Lag hier "das Interesse der Agitatoren des Staatsicherheitsdienstes an der Thematik [...] auf der Hand", so "ist Wiesenthals Rolle komplexer". Der als "Nazi-Jäger" bekannt gewordene Simon Wiesenthal, hat sich "wie niemand sonst mit dem Dreierkomplex Odessa, Straßburg und Argentinien befasst." Viele seiner Aussagen trugen zur "Entstehung und Verbreitung von NS-Mythen" bei. "Seine Motive sind ehrenhaft", resümiert der Autor, "fragwürdig seine Mittel und Methoden."

Aber nicht doch auch verständlich? Musste nicht Simon Wiesenthal zu groben und spektakulären Mitteln greifen, um mit seinem Anliegen, der Verfolgung der noch lebenden Naziverbrecher, überhaupt gehört zu werden? Derartige Fragen bleiben offen. Sie gehören zu jener ,Theorie der Mythen', zu der Schneppens Buch Basisinformationen bietet. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


Titelbild

Heinz Schneppen: Odessa und das Vierte Reich. Mythen der Zeitgeschichte.
Metropol F. Veitl Verlag, Berlin 2007.
279 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783938690529

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Letzte Änderung: 20.09.2007 - 15:11:29
Erschienen am:30.08.2007
Lesungen: 2464
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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