"Er möchte selbst meine Träume einpanzern"

Höllenleben einer Dichtergattin: Veza und Elias Canettis "Briefe an Georges"

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sein Tagebuch, tönte Elias Canetti einmal, sei in einer Geheimschrift geschrieben, die nur er allein lesen könne. In Wahrheit führte er sein Journal in ordinärer Kurzschrift - eine von den vielen Prahlereien, für die schon der junge Canetti berüchtigt war. Lesen kann man die Tagebücher trotzdem nicht. Der 1994 verstorbene Literaturnobelpreisträger hat seinen privaten Nachlass noch bis ins Jahr 2024 sperren lassen. Canetti wollte als der Dichter unsterblich werden, der mit jahrzehntelanger Arbeit im Verborgenen sein von Machthabern beherrschtes "Jahrhundert an der Gurgel" packte - und nicht als treuloser Haustyrann, der der selbsternannte "Hüter der Verwandlungen" auch war.

Dass dennoch heute schon Einblicke in die Ehehölle der Canettis möglich sind, ist einem Überraschungsfund zu verdanken. Vor vier Jahren wurde in einem feuchten Pariser Keller ein Koffer aus dem Nachlass von Georges Canetti entdeckt, dem jüngsten Bruder des Dichters. Sein Inhalt: der brisante Briefwechsel, den Georges mit Elias und vor allem mit seiner Schwägerin Veza, Canettis erster Frau, in den 1930er- und 1940er-Jahren führte.

In der bei Hanser erschienenen Korrespondenz ist Georges selbst nur mit wenigen Briefen vertreten. Sie zeigen den Arzt, der seit 1931 mit der übrigen Familie in Paris lebte, als Stilisten hohen Grades. Nicht ohne Grund sahen Elias und Veza in ihm einen potenziellen Romancier. Ebenfalls nicht ohne Grund bezeichnet sich Georges bereits im frühesten erhalten gebliebenen Schreiben als den "einzige(n) halbwegs normale(n) Mensch(en)" in dieser Personenkonstellation. Bedeutend ist vor allem sein Brief an Veza aus dem März 1946. Vezas wiederholte Klagen über das "Höllenleben", das sie "am Hofe des Herzogs Canetti und seiner Kurtisanen" führen musste, veranlassten Georges zu einer Totalabrechnung: "Und das soll mein Bruder sein! Das ist kein Mann, das ist ein Lumpen, ein Fußabstreifer, mit dem man nach Belieben umspringen kann! [...] Gewiss, ich liebe ihn; aber diese Liebe ist so unablässig durchkreuzt worden von Enttäuschungen - darüber, wie er mit seiner Mutter umgegangen ist, über seine Faulheit, über seine Schwäche in bezug auf Geld, über seine Unfruchtbarkeit [...], über seine albernen Abenteuer, über seine Überheblichkeit etc. [...] Was Du getan hast, und was Du immer noch tust, ist bewundernswert, und glaub mir, ich werde alles dafür tun, daß [...] man wissen wird, wer von Euch beiden wirklich groß war, groß an Charakter [...]".

Um mit dem Geld zu beginnen: Canettis Finanzen sind vor allem bis zur Emigration nach England 1939 ein wiederkehrendes Thema. Seine Publikationsmöglichkeiten waren bereits vor Hitlers Einzug in Wien stark eingeschränkt. Ein ums andere Mal wird Georges beauftragt, bei der Familie Geld zu besorgen. Canettis Unvermögen, sich, geschweige denn eine Familie, von seinem Schreiben zu ernähren, war vielleicht mit ein Grund, warum Georges Elias' Hochzeit 1934 zunächst als "Dummheit" bezeichnete. Sicher ist: Die Ehe zwischen Elias und der Schriftstellerin Veza Taubner-Calderon war eine der absonderlichsten der Literaturgeschichte. Von Anfang an war sie eine Zweckehe, basierend auf einer platonischen Freundschaft und diversen wechselseitigen Abhängigkeiten. "Sie ist mein wärmster und selbstlosester Freund [...], eigentlich ist sie jetzt meine Mutter, falls ich je wirklich heiraten wollte, was kaum der Fall sein wird, würde sie natürlich sofort in eine äusserliche Scheidung willigen. [...] Unter den Künstlern galt Veza immer als meine Frau, und in dem schönen geistigen und seelischen Sinn, den diese Leute meinen, ist sie es ja auch."

Auch Veza selbst reklamiert in ihren Briefen an den Schwager, die den größten Anteil am Briefwechsel ausmachen, die Mutterrolle. Ihr acht Jahre jüngerer Mann ist der "Lauser", das "geniale Kind", und die Schilderung seiner filmreifen Eskapaden eine kleine Entschädigung für ihre Demütigungen und Seelenqualen. Noch in Wien bricht seine Paranoia offen aus. Mal beschuldigt er Veza, ihn vergiften zu wollen, mal muss sie ihn davon abhalten, sich die Augen auszustechen.

Das symbiotische, sadomasochistische Verhältnis ist - das ist auch allen Beteiligten bewusst - ein klassischer Fall von Übertragung, eine Wiederholung von Elias' Beziehung zur einst eifersüchtig bewachten Mutter. Auch Veza bewacht er "wie Othello" und nimmt ihr den Schlüssel zum Postkasten weg. "Er möchte selbst meine Träume einpanzern", schreibt sie verzweifelt.

Freilich gestattet sich Canetti selbst in dieser Bohème-Beziehung alle Freiheiten. Seine diversen Liebschaften wurden von Veza gebilligt, mitunter sogar initiiert. Übel nahm sie ihm hingegen, wenn er, wie im Fall Friedl Benedikts, sein eigenes Werk zugunsten dessen einer Schülerin vernachlässigte. Die Tochter des Wiener Zeitungsverlegers Ernst Benedikt, die den Canettis ins Exil nach England folgte, war als einzige für Veza eine Konkurrentin - weil sie ebenfalls schrieb. Friedl, die "Schlampe", veröffentlichte mit Elias' Hilfe erfolgreich Romane, während Veza ihr eigenes Schreiben zugunsten ihres Mannes opferte. Seinem Bruder berichtet Elias von dem Glück, mit Friedl "aus Nichts einen Dichter gemacht zu haben", er selbst war nur dann dazu zu bewegen, etwas zu veröffentlichen, wenn seine Frau ihm mit Scheidung oder Selbstmord drohte.

Die teils heimlich geschriebenen Briefe waren der labilen, depressiven Veza ein lebenswichtiges Ventil. Doch war der Schwager mehr als eine Klagemauer für diese Dichterin, deren Werke erst in den neunziger Jahren wiederentdeckt wurden. Der fern lebende, attraktive, tapfer gegen seine Tuberkulose kämpfende Georges bot Veza ein idealisierbares Gegenbild zu ihrem Mann, dem "Murkl". Um seine Tuberkelbazillen zu schlucken, würde sie ihn gar auf den Mund küssen, schreibt sie. Seine Homosexualität ermöglichte ihr, ihn mit einer Intensität zu umschwärmen, die staunen lässt. Die atemlosen, manischen, vor Witz sprühenden und doch beständig vom Absturz bedrohten Briefe Vezas sind daher das eigentliche Ereignis dieser Korrespondenz. Es sind die Briefe einer Liebenden.

"Der Murkl sagt, jetzt kennt er mich 14 Jahre und ich bin ihm schon schrecklich fad. Er sagt, er wird mich noch Ihnen anhängen, ohne dass Sie es merken, er will mich loswerden. Er sagt, Sie haben so ein mitleidiges Gefühl für alte Weiber und er wird Sie mit mir anschmiern. Sie werden noch glauben es geschieht Ihnen ein Gefallen, so schlau wird ers machen. Und wird mich los. Werden Sie mich wirklich nehmen? Ich koste garnichts, kann eine sehr gute Nusstorte machen, Slatko, Schinkenfleckerl, Vanillekipferl, braune Eier, Linzertorte und Müsli. Ich verlange keinen Lohn, nur Kino ein Mal die Woche. Wenn Sie neben mir sitzen braucht der Film auch nicht zu laufen."


Titelbild

Elias Canetti / Veza Canetti: Briefe an Georges.
Herausgegeben von Karen Lauer und Kristian Wachinger.
Carl Hanser Verlag, München 2006.
420 Seiten, 25,90 EUR.
ISBN-10: 3446207600

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