Die schlimmste Hochzeitsnacht aller Zeiten

Ian McEwans neuer Roman "Am Strand"

Von Cécile Leupolt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nach seinen erfolgreichen Romanen "Amsterdam" (1998), "Abbitte" (2001) und "Samstag" (2005) ist im April 2007 Ian McEwans zehnter Roman, "Am Strand", erschienen. Wie viele seiner Texte umfasst auch dieser nur knapp 200 Seiten und lässt sich bequem in ein paar Stunden lesen. Diese Vorliebe McEwans für die kurze Romanform (novella) rührt möglicherweise von seinem Debüt als Autor von Kurzgeschichten her ("Erste Liebe - letzte Riten", 1975; "Zwischen den Laken", 1978), auf jeden Fall festigt "Am Strand" seinen Ruf als Meister der kurzen Form.

"Am Strand" ist die humorvoll-schmerzhafte Schilderung der gründlich missglückten Hochzeitsnacht zweier frisch Vermählter im prüden England der 1960er-Jahre. Genauer gesagt spielt die Handlung im Jahr 1962, ein Datum, das der britische Autor sehr bewusst gewählt hat. Denn zu Beginn der 1960er-Jahre war das Thema Sex noch ein absolutes Tabu, wie der englische Dichter Philip Larkin humorvoll in seinem Gedicht "Annus Mirabilis" ausdrückte: "Sexual intercourse began / In nineteen sixty-three / (which was rather late for me) - / Between the end of the Chatterley ban / And the Beatles' first LP."

Für Edward und Florence, die Protagonisten von "Am Strand", kommt die sexuelle Revolution zu spät, denn zum Zeitpunkt ihrer Trauung ist es noch völlig undenkbar, offen über Sex zu sprechen. Was eins der schönsten Ereignisse im Leben eines Menschen sein sollte, wird für diese zwei 'Jungfrauen' schnell zum Albtraum. Grundverschiedene Erwartungen und unausgesprochene Ängste machen Braut und Bräutigam im entscheidenden Moment zu Antagonisten.Während Edward es kaum erwarten kann, seine Ehe zu 'konsumieren', ist dies für Florence das Opfer, das sie aufbringen muss, um mit Edward zusammen sein zu können: "Sie wollte einfach nicht, daß in sie 'eingedrungen', daß sie 'penetriert' wurde. Sex mit Edward konnte nicht der Gipfel ihrer Freuden, sondern nur der Preis sein, den sie zahlen mußte". Florence quält eine panische Angst vor dem Liebesakt an sich, aber weder dies noch Edwards Befürchtung, beim ersten Mal zu versagen, wird von den Protagonisten je in Worte gefasst. Dieser Mangel an Vertrauen und Kommunikation führt unausweichlich zur Katastrophe. Edward kommt zu früh und seine Braut, angeekelt vom Anblick seines frühzeitigen Samenergusses, der wie Schleim an ihrem Körper klebt, läuft Hals über Kopf aus der Hochzeitssuite mit Blick aufs Meer, um sich am Strand alleine von dem Schock zu erholen.

Ian McEwan ist ein Meister der fiktionalen Ausarbeitung dessen, was viele seiner Kritiker das "transfiguring event" nennen, ein traumatisches Erlebnis, welches das Leben aller Beteiligten unwiderruflich verändert. In "Ein Kind zur Zeit" (1987) war es die nie aufgeklärte Kindesentführung, in "Liebeswahn" (1997) der tragische Heißluftballonunfall und in "Abbitte" (2001) die falschen Worte zur falschen Zeit. Für Edward und Florence wird ihre Hochzeitsnacht 'am Strand' zum Trauma. Anders als in "Abbitte", in dem die naiven und unfundierten Anschuldigungen eines dreizehnjährigen Mädchens katastrophale Auswirkungen auf das Leben ihrer Mitmenschen hatten, besiegeln die Protagonisten von "Am Strand" ihr Schicksal selber. Ihr beharrliches Schweigen und ihre Unfähigkeit, Kompromisse einzugehen, versperren ihnen den Weg zur Versöhnung.

Einmal mehr spielt McEwan mit der Erwartungshaltung seiner Leser. Anstatt das traumatische Erlebnis direkt preiszugeben - wie beispielsweise in "Liebeswahn", in dem die Beschreibung des Heißluftballonunfalls bereits auf den ersten Seiten erfolgt - spannt uns der britische Autor dieses Mal extrem auf die Folter, indem er kurz vor dem 'Höhepunkt' (bevor Edward und Florence ins Schlafzimmer gehen) ausführliche Passagen über Edwards und Florences Vergangenheit einschiebt. In einem Interview mit der "New York Times" beschreibt McEwan dies als eine Art 'Vorspiel' mit dem Leser. Der Wechsel zwischen schnell vorangetriebener Handlung und langsamer, detailreicher Hintergrundinformation reflektiert nicht nur das Auf und Ab des Meeres am Strand in Dorset, der als Kulisse dient, sondern baut - ähnlich den Methoden eines Kriminalromans - einen für den Leser fast unerträglichen Spannungsbogen auf.

Natürlich brennt man bereits nach den ersten Seiten darauf zu wissen, wie Edwards und Florences 'erstes Mal' ausgeht. Indem jedoch anfangs absichtlich Informationen zurückgehalten werden, wird der Leser gezwungen, den Roman auf verschiedenen Ebenen zu lesen. Ansonsten läuft er Gefahr, dezente, aber wichtige Andeutungen zu übersehen wie beispielsweise den implizierten sexuellen Missbrauch von Florence durch ihren Vater, der eine mögliche Erklärung für ihre extreme Abneigung gegen Sex bietet. McEwans Präzisionsarbeit auf der Satzebene zahlt sich aus, denn "Am Strand" stellt zum wiederholten Mal sein herrausragendes Talent für die akribische und akkurate Darstellung äußerst komplexer Gemütsbewegungen unter Beweis.

Hierbei dient McEwan das traumatische oder ,transfigurierende' Erlebnis als narratologisches Mittel. Es ermöglicht ihm, seine Protagonisten auf eine harte Probe zu stellen, indem er sie mit einer außergewöhnlichen, physisch destabilisierenden Situation konfrontiert. In einem Augenblick bricht ihre Welt, die eben noch in Ordnung war, zusammen. Anziehung wird zu Ekel, Zärtlichkeit zu Brutalität, Liebe zu Hass. Die zum traumatischen Ereignis eskalierte Hochzeitsnacht entlockt den Protagonisten extreme, tief verborgene Emotionen und enthüllt so mit einem Schlag, was McEwan in seinen psychologisch ausgerichteten Romanen auf markante Weise analysiert: Die menschliche Natur.

Trotz der aus heutiger Sicht etwas befremdlichen Unschuld und Unwissenheit in Sachen Sex, die beide Protagonisten an den Tag legen, ist die Thematik immer noch von universellem Interesse. Auch im Zeitalter der sexuellen Befreiung und Aufklärung empfinden es viele Menschen als äußerst schwierig, über Sex, Gefühle und ihre damit verbundenen Ängste zu sprechen.

Der spannend und einfühlsam geschriebene Roman ist sowohl stilistisch als auch thematisch gelungen und wird die stets zunehmende Zahl der McEwan-Fans nicht enttäuschen.


Titelbild

Ian McEwan: Am Strand. Roman.
Übersetzt aus dem Englsichen von Bernhard Robben.
Diogenes Verlag, Zürich 2007.
208 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-13: 9783257066074

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