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Das Unerklärliche fein und realistisch beschreiben

László Krasznahorkai hat mit "Satanstango" ein dunkles Meisterwerk geschrieben

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eine kleine Siedlung im Niemandsland Ungarns. Alles ist verfallen, die Felder werden nicht mehr bestellt, die meisten Häuser, fast Hütten, sind schon etwas brüchig, der Putz bröckelt. Es regnet ständig, alles verschimmelt. Fast niemand wohnt dort mehr, ein Gastwirt, ein Schuldirektor ohne Schule, ein Doktor ohne Lust zu kurieren, ein paar Schafhirten und ihre Ehefrauen, die ihre Männer betrügen. Alle verabscheuen sich, alle betrügen sich gegenseitig. Es ist eine kleine, trostlose Hölle.

Und doch: Sie haben noch ein wenig Hoffnung. Irimiás hat ihnen ein besseres Leben versprochen, hat für sie gesorgt damals. Aber dann ist er verschwunden, vor über einem Jahr. Und jetzt heißt es plötzlich, er käme zurück, man hat ihn schon gesehen, mit seinem Gehilfen Petrina. Jetzt wird endlich alles besser! Man muss ihm nur vertrauen. Man muss ihm nur all sein Geld geben, dann gibt es doch noch eine Zukunft.

László Krasznahorkai hat ein düsteres Buch geschrieben. Eines über einen falschen Propheten, der das Gute verspricht, als Hoffnungsstrahl in einem düsteren, gottverlassenen Leben. Aber es wird nichts gut, es wird nur schlimmer. Was das geistig zurückgebliebene Mädchen zuerst erfährt: Ihr Bruder stiehlt ihr die Groschen, mit denen sie der Familie helfen wollte. Aus Verzweiflung quält sie eine Katze zu Tode, dann nimmt sie Rattengift. Übrig bleibt nur ein einziger Mensch, der alkoholsüchtige Doktor, der am Schluss des Romans die Anfangszeilen schreibt.

1985 ist dieses düstere Buch in Ungarn erschienen, 1993 machte der Autor mit dem Regisseur Bela Tarr einen siebenstündigen Kinofilm daraus. Es ist eine dunkle Parabel über ein angstvolles, aggressives, dunkles Land voller Verzweiflung, Abgründe und Unmenschlichkeit, ein Buch über Manipulation und die Macht von Worten, über die Hoffnung und das Betrogenwerden. Denn Irimiás ist ein falscher Prophet, dem alle nur zu gerne glauben wollen, Irimiás ist Spitzel für die Polizei. Aber das will niemand glauben. Nur ein geheimnisvolles Glockenläuten ertönt warnend im Dorf, nur ein Irrer stammelt ein paar Laute: es hilft nichts. Die Menschen wollen lieber tanzen, wollen lieber in der Dorfkneipe ihre bevorstehende Befreiung feiern, mit einem nächtlichen, satanischen Tango. Und dann folgen sie ihm in ihr Verderben.

Dass der Roman trotz aller Düsterheit leuchtet, liegt am fulminanten Stil des Autors, der in langen Wortkaskaden das Unerklärliche ebenso fein und realistisch beschreibt wie die Realität, die im Regen davonschwimmt. Der so eindringlich menschlich, melancholisch und luzide schreibt, vom Innersten des Menschen, von den verborgenen Winkeln der Seele. Es ist ein düsteres, funkelndes, kleines Meisterwerk.


Titelbild

Laszlo Krasznahorkai: Satanstango.
Übersetzt aus dem Ungarischen von Hans Skirecki.
Ammann Verlag, Hamburg 2007.
250 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783250601104

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Letzte Änderung: 03.12.2007 - 15:41:23
Erschienen am:06.12.2007
Lesungen: 4272
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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