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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2007 » Deutschsprachige Literatur
 
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Gemeinsam im Schneckengang

Der Briefwechsel zwischen Uwe Johnson, Anna und Günter Grass ist ein Dokument der 1960er-Jahre

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der vorliegende Briefwechsel versammelt Briefe von Uwe Johnson, Anna und Günter Grass aus den Jahren 1961 bis 1984, dem Todesjahr Uwe Johnsons. Die Wege der beiden Schriftsteller hatten sich zwei Jahre zuvor erstmals gekreuzt. 1959, im Jahr des ,Umzugs' von Uwe Johnson aus der DDR nach Westberlin, erschienen seine "Mutmaßungen über Jakob" sowie Grass' "Blechtrommel". Auf der Frankfurter Buchmesse lernten beide Schriftsteller sich persönlich kennen. Nachdem Anna und Günter Grass 1960 ebenfalls nach Westberlin gekommen waren, intensivierte sich der Kontakt. Johnson war es dann, der den Grassens das Haus in der Niedstraße 13, unweit der eigenen, in der Stierstraße gelegenen Wohnung zum Kauf empfahl und in das sie 1964 einzogen. 1966 bis 1968 leben die Johnsons in New York. Aus diesen Jahren stammen die meisten der hier versammelte Briefe.

Er ist nicht nur deshalb ein Dokument der 1960er-Jahre. Zunächst rührt der vertraute Ton der Briefe an. Die Freundschaft zwischen Grass und Johnson entwickelte sich auf der Grundlage politischer Solidariät. Schon im März 1961 hatte Grass bei einer Lesung in Leipzig - mit augenzwinkernder Unterstützung des einladenden Hans Mayer - den anwesenden Studenten und DDR-Offiziellen die Grüße des der Republik verlustig gegangenen Johnsons ausgerichtet. Auf dem V. Schriftstellerkongress wenige Wochen danach, so schrieb Grass in seinem ersten Brief an Johnson vom 17.6.1961, "hatte ich Gelegenheit, mit Deinem unbescholtenene Namen zu wuchern".

Grass gehörte seit seinem spektakulären Debüt bei der Gruppe 47 und dem Erfolg der "Blechtrommel" zu den Wortführern einer Reihe ,junger' Schriftsteller, die sich als aktive Avantgarde der bundesrepublikanischen Literaturszene verstanden. Neben Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger und anderen gehörte auch schon bald nach seiner Übersiedlung von Ost nach West Uwe Johnson dieser wortgewaltigen Clique an.

Man plante viel. So auch die Herausgabe einer internationalen Literaturzeitschrift, deren deutsche Redaktion Uwe Johnson übernehmen sollte. Die Briefe zwischen Grass und Johnson drehen sich in dieser Zeit immer wieder um das Zeitschriftenprojekt. Zumeist ist es Johnson, der jeweils mit Durchschrift an die übrigen Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer Ingeborg Bachmann, Walter Boehlich, Hans Magnus Enzensberger, Helmut Heißenbüttel und Martin Walser neue Sachverhalte und Überlegungen zur Kenntnis und bedarfsweise zur Entscheidung vorträgt.

Aus dem Briefwechsel Johnsons mit Suhrkamp-Verlagsleiter Siegfried Unseld, in dem dieses mit französischen und italienischen Partnern geplante Zeitschriftenprojekt aus den Jahren 1962/1963 ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, ergibt sich noch deutlicher als hier, dass dieses Projekt letztlich auch daran scheiterte, dass die ,wilden' Jungen aus Deutschland einen selbstzentrierten politischen Rigorismus an den Tag legten, der den ausländischen Partnern nur schwer zu vermitteln war. Dazu gehörte eben das unbedingt politische Verständnis des Projekts und der eigenen Rolle als Schriftsteller. Zu diesem Zeitpunkt jedenfalls war das Selbstverständis des Schriftstellers als aktiver Staatsbürger, das insbesondere von Grass offensiv vertreten wurde, unter den deutschen Beteiligten unumstritten. Im Verlauf der folgenden Jahre jedoch liefen die Ansichten zur ,politischen Aktion' zunehmend auseinander. Konsequent blieb einzig Grass seinem Selbstverständnis als Staatsbürger treu, indem er sich einem SPD-nahen Reformismus zuwandte.

Andere wie Enzensberger oder Walser tendieren zu radikaleren Optionen. Uwe Johnson, der selbst sich zunehmend zurückzog, wusste dennoch aber den demonstrativen indes wohlfeilen Agitpropaktivismus radikalisierter Schriftsteller vom Grass'schen Schneckengang zu unterscheiden. Von diesem berichtet Grass in seinen Briefen des öfteren dem mittlerweile in New York lebendem Freund. Immer wieder lässt Grass in diesen Briefen auch die Verletzungen anklingen, die ihm vor allem die vermehrt aus Schriftstellerkreisen vorgetragenen Attacken bereiten. Mit Missachtung und Hohn beurteilten viele von ihnen das Grass'sche Engagement. Johnson geht in seinen Briefen selten auf diese Mitteilungen ein. Statt dessen rückt immer mehr Anna Grass als Briefpartnerin in den Vordergrund, während Grass in dieser Phase des Briefwechsels oft nur wie ein geduldeter Dritter erscheint. Derweil kommt es in der Johnson'schen Berliner Wohnung zum Polizeieinsatz. Dort hatten sich unter Anleitung von Ulrich Enzensberger im März 1967 die Provokateure der Kommune I einquartiert. Hier wurde das berühmte "Pudding-Attentat" auf US-Vizepräsident Hubert Humphrey bei dessen Berlinbesuch geplant. Als Johnson, intensiver Leser der New York Times, eben aus dieser von den Vorgängen erfährt, beauftragt er - in der ihm eigenen Sorgfältigkeit formuliert er eine entsprechende Vollmacht - Günter Grass, die Räumung der Wohnung zu veranlassen. Grass kommt der Bitte nach und die Räumung findet unter großer öffentlicher Anteilnahme statt. "Mir haben diese [...] Aktionen," schreibt Grass am 18.4.1967 an die Johnsons, "den Ruf eingetragen, der große Rausschmeißer der Puddingschmeißer zu sein. Auch diesen Titel werde ich mit Würde und Anstand bis ans Ende meiner Tage zu tragen wissen."

Nach der Rückkehr der Johnsons nach Berlin flaut der Briefwechsel ab. Das liegt nicht nur an der nun wieder hergestellten räumlichen Nähe, sondern hat auch mit Johnsons zunehmend sperriger werdendem Charakter zu tun. Mit misstrauischer Empfindlichkeit reagiert er auf Grass' politische Aktivitäten. Missverständisse entstehen. Aus einem dieser Anlässe, schreibt Grass am 29.6. 1971: "Dein Mißtrauen ehrt weder Dich noch mich. Schon einmal haben Dich Aussprüche über Dich, die ich getan haben soll, aber nicht getan habe, zu einem raschen und folgenreichen Urteil verführt; unsere Freundschaft scheiterte an mangelndem Vertrauen. Dieser Verlust wird mich nicht hindern, weiterhin Dich in Deinen Büchern zu schätzen."

Vom 13.1.1984 datiert die letzte Mitteilung des Briefwechsels: es ist eine Postkarte, auf die Johnson unter einen Zeitungsausschnitt mit der Mitteilung über das Erscheinen der "Blechtrommel" auf polnisch schrieb: "Lieber Günter, ich gratuliere aufs Schönste. Herzliche Grüsse! Uwe" Etwas mehr als einen Monat später starb Uwe Johnsons in Sheerness-on-Sea, wo er bis zuletzt seine schwere Einsamkeit gelebt hatte.


Kein Bild

Uwe Johnson / Günter Grass / Anna Grass: Der Briefwechsel.
Herausgegeben von Arno Barnert.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007.
231 Seiten, 22,80 EUR.
ISBN-13: 9783351841935

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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2007 » Deutschsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 20.12.2007 - 13:50:07
Erschienen am:14.11.2007
Lesungen: 2242
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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