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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2007 » Deutschsprachige Literatur
 
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Jeder Winter kostet Haare

Mit vierzig schon fertig? Wohl kaum: Martin Walsers Tagebücher von 1963-73

Von Jan Wiele

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das ist eine Gemengelage: Auf einen Nenner ist dieser zweite veröffentlichte Tagebuchband Martin Walsers kaum zu bringen. Da finden sich Gedichte, Zeichnungen, Entwürfe für Romane und Reden, lange Einträge über Krankheiten und Todesfälle sowie solche, die nicht mehr als Datum und Personen nennen, etwa vom 20.6.1965: "Mit Siegfried in Berzona. Besuch bei Max Frisch."

Das Schwierigste und zugleich Interessanteste an diesen Aufzeichnungen aber ist, dass man nicht sicher sein kann, wer sich hinter dem darin sich aussprechenden Ich von Mal zu Mal verbirgt. Von jenem damaligen Verlagsgenossen Walsers, der in Berzona besucht wurde und der seine Tagebücher schon kurz nach ihrer Niederschrift veröffentlichte, weiß man ja bereits: "Jedes Ich, das sich ausspricht, ist eine Rolle." Andererseits finden sich auch Passagen in der Er-Form, die trotz dieser Distanzierung auf Walser zurückschließen lassen. Eben solcher schillernden "Ungewißheit, von wem die Tagebücher nun gerade Zeugnis ablegen", hat Jochen Hieber in der FAZ einen "eigentümlichen Reiz" attestiert.

Ganz so unklar sind die Zeugnisse aber doch nicht immer. Vergnüglich konnte damals etwa noch die folgende Notiz anmuten: "M R-R hält meine Bücher für schlecht, weil er nichts davon versteht. Ich halte meine Bücher für schlecht, weil ich etwas davon verstehe." Das war 1969, noch zu Beginn einer langjährigen Hassliebe zwischen Dichter und Kritiker, deren Verlauf dann immer unvergnüglicher wurde. In ironischer Manier hätte man sich vom Tagebuch mehr erhofft, besonders etwa für die Chronik der "Suhrkamp-Kultur", zu deren Zugpferden Walser bis zum späten Zerwürfnis mit Siegfried Unseld gehörte. Wie eng der Autor seinerzeit mit Verlag und Verleger verbunden war, darauf machen viele der erwähnten Kurzeinträge den Leser zwar aufmerksam - was dort jeweils passierte, bleibt aber im Dunkeln. Auch die Hinweise im Anhang sind diesbezüglich denkbar kurz; der Kommentator Jörg Magenau kann jedoch mit Recht in vielen Punkten auf seine Walser-Biografie verweisen, die bereits 2005 erschienen ist.

Stellenweise wird das Tagebuch dann doch biografischer, als es die Biografie je sein konnte. Magenau hatte sich bemüht, die Walser´schen Gedanken und Gefühle in der wahrheitsgewissen Er-Form auch dann vorzuspiegeln, wenn man sich fragte: Woher weiß er das eigentlich? Hier nun hört man die, wenn auch manchmal trügerische, so doch immer eindrucksvollere Ich-Erzählung des Lebenden selbst. Eindrucksvoller als manche Fiktion ist etwa seine Reise nach England 1963, bei der er mit den Schauspielern seines dort aufgeführten Stücks "Eiche und Angora" Feste feiert und sich, weinselig, ganz schön in die Bredouille bringt: "Die haben aus meiner leichtfertig angebotenen Verfügbarkeit geschlossen, daß ich genauso gut in London leben kann wie am Bodensee. Ich flüchte in eine Metapher, die ich dann beibehalte, ausbaue, in die ich alles hineinzwänge [...]. Ich habe am Bodensee eine chickenfarm, die braucht mich, ohne mich ist die chickenfarm eine Katastrophe. Also nicht von drei Kindern und einer Frau ist die Rede, sondern von einer rührenden chickenfarm usw." Die Verfügbarkeit des Autors bleibt dann nicht ohne Konsequenzen: Eine Frau namens Fanny "sprengt alles" und kommt sogar einige Wochen später zum Gegenbesuch nach Deutschland. Die kurze herbstliche Reise zu zweit hat bereits in der damaligen Aufzeichnung romanhafte Züge: "In der Raststätte Montabaur gehe ich, die Autoschlüssel am Zeigefinger kreisen lassend, stolz vor Fanny durchs Lokal. Als gehörte sie mir." Und sie kann dann auch, nach fünf Tagen Auto und Hotel, nur enden wie im Roman: "Sie muß zurück. Ich muß zurück. Wir müssen zurück."

Die Gedichte aus den zehn Jahren sind von ganz unterschiedlicher Qualität. Einige Glanzstücke sind durchaus dabei; wenn Walser nach dem Tod Ingeborg Bachmanns jener allerdings "Bleimund und Fleischfelsenkinn" bescheinigt, muss man Beobachtungsgabe und Beleidigungsbefund lange gegeneinander abwägen. Auch weitere Prosaminiaturen sind bemerkenswert, besonders jene aus der Zeit von Walsers Aufenthalt in den USA 1973. Auch er hatte dort seine New York- und Long Island-Erlebnisse, wie es sich für einen Suhrkampautor fast gehört. Den Abschied vom Middlebury-College im ländlichen Vermont nach einer dortigen Gastdozentur empfindet der Dichter als "Vertreibung aus dem Paradies".

Stoff für die Forschung werden besonders die Vorarbeiten zu den veröffentlichten Werken liefern. Das ahnte man bereits: Zur Entstehungszeit der "Gallistl'schen Krankheit" (1972), die sich im Tagebuch-Entwurf noch unverhohlen "Die Hölderlinsche Krankheit" nennt, ist wohl auch ihr Schöpfer mitunter gallistlkrank. Erstaunlich aber doch, wie ausgebrannt sich der Diarist mitunter gibt - so heißt es etwa im Oktober 1969, in Walsers dreiundvierzigstem Lebensjahr: "Aber wer konnte ahnen, daß man mit vierzig schon fertig sein würde. Keiner hat mich gewarnt." Bereits im Januar 1965 wurde festgehalten: "Jeder Winter kostet Haare. Obwohl man sie im Winter doch bräuchte." Mehrere Passagen handeln auch vom Selbstmord; sie sind wie die zuvor zitierten freilich nicht festlegbar auf Dichtung oder Wahrheit. Dass es sich doch öfter um erstere handelt, belegt dann wieder ein Gedicht zum Jahreswechsel 1965/66, in welchem das lyrische Ich zunächst bekannt gibt: "der Regen trifft mich nicht ich bin / meist jenseits des Datums". Und dann fabuliert der damals 38-jährige Walser: "Heute fünfz ich / morgen sechz ich / übermorgen mach ich der Königin / ein Kind ach wie gut daß niemand / weiß daß ich fünfundsiebzich heiß." So bleibt am Ende die augenzwinkernde Ungewissheit des literarischen Tagebuchs. Das fünfundsiebzigste, auch das achtzigste Lebensjahr hat Martin Walser inzwischen in der Wirklichkeit erreicht; dass er als Schriftsteller mit vierzig keineswegs schon "fertig" war, kann man mühelos aus dem seither entstandenen Werk schließen - aber auch aus diesen Aufzeichnungen selbst.


Titelbild

Martin Walser: Leben und Schreiben. 2. Band: Tagebücher 1963 - 1973.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2007.
719 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783498073589

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Letzte Änderung: 20.12.2007 - 13:50:21
Erschienen am:26.11.2007
Lesungen: 3367
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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