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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 2007 » Literaturwissenschaft
 
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Per Øhrgaard "besichtigt" den deutschen Schriftsteller Günter Grass

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Ein deutscher Schriftsteller wird besichtigt" heißt es etwas großartig im Untertitel dieser kenntnisreichen Abhandlung über Günter Grass - genauer über seine Werke. Per Øhrgaard, dänischer Literaturwisschaftler mit Schwerpunkt deutsche Literatur, mag den Untertitel bewusst gewählt haben, immerhin umfasst das zu betrachtende Œuvre fast ein Zeitalter, lässt sich über dieses Werk das Zeitalter von Krieg und Vertreibung besichtigen.

Øhrgaards Buch sucht den Zugang zu Günter Grass über sein Werk. Hier ist allerdings sogleich eine Einschränkung zu machen: Wer Grass liest, braucht zunächst keine an anderer Stelle gelieferte Erläuterung dessen, was er gerade gelesen hat. Die Bücher von Günter Grass entfalten ihre Wirkung beim Leser aufgrund ihrer Sprachmächtigkeit, ihrer märchenartigen Erzähllust, der immer neuen Fülle von Form und Inhalt und nicht zuletzt durch ihren zeitgeschichtlichen Bezug. Grass erzählt Geschichte. Øhrgaard will denn auch einem solchen Leser nicht sein subjektives Lesevergnügen mit komplexen Erkenntnissen der Literaturwissenschaft trüben. Seine Analysen des Grass'schen Werks richten sich eher an diejenigen, die über die unmittelbare Lektüre hinaus in kompakter Form informiert sein wollen über Figurenkonstellationen im Werk, Motivparallelitäten, Erzählhaltungen, der Bedeutung von "Zeit und Raum" oder der Integration anderer Motive und Erzähltraditionen ins Werk. Diesbezüglich liefert Øhrgaard in der Tat einen kompakten Einstieg.

Eine derartige Werkanalyse mit den Mitteln der Literaturwissenschaft bliebe freilich immer unvollständig. Denn es gibt ja da noch den Bürger Günter Grass, der politisch Einfluss nehmen will auf die Geschichte(n), die der Schriftsteller erzählt. Zuweilen, das zeigt Øhrgaard an vielen Beispielen, verschwimmt die Grenze: der Schriftsteller spielt mit seiner Erzählerrolle. Wenn aber der politisch aktive Bürger zum Schriftsteller wird, dann, so lautet ein bis heute gängiges Vorurteil, schade das dem Werk. Man verübelt Grass sein politisches Engagement, gerade so, als sei dasselbe eines Schriftstelleres unwürdig. Die sich hinter solchen Ansichten verbergende Verächtlichmachung des Politischen sehnt sich nach einem edlen Künstlertum, dessen ästhetische Ausdrucksformen sich über die Trivialitäten des (politischen) Alltags zu erheben vermögen. Es ist dies wahrscheinlich ein Grund dafür, dass, wie Øhrgaard feststellt, nur ein einziges der Grass'schen Bücher, das in weit vergangener Zeit spielende "Treffen in Telgte", allgemein gelobt wurde, während alle anderen Bücher vielfach gerade wegen ihres unmittelbar politischen Bezugs kritisiert und abgelehnt wurden. Allerdings, so lässt Øhrgaard anklingen, kann dergleichen nur behaupten, wer bewusst die Komplexität der Grass'schen Romane überliest und sie wie zur Bestätigung bestehender Vorurteile auf platte politische Stellungnahmen reduziert. Hinter solchen Haltungen, beispielhaft ins Bild gesetzt auf einem Titelblatt des Spiegels, wo ein Großkritiker das Buch des Schriftstellers zerreißt, wird eine bösartige Feindschaft spürbar, die verletzen möchte. In diesem Fall ging es um den Roman "Ein weites Feld", in dem Grass auch den Prozess der Einverleibung der DDR kritisch thematisierte.

Aus aktuellem Anlass hat Øhrgaard dem Band ein weiteres Kapitel hinzugefügt: "Das Märchen seines Lebens: Beim Häuten der Zwiebel". In diesem autobiografischen Buch lässt Grass die Leser teilhaben an einer Selbsterkundung hinein in Bereiche seines Lebens, die eindeutiger Interpretation sich versagen. Er lässt sie teilhaben an Zweifeln, Widersprüchen, Unverständlichem. Statt dergleichen aus der Perspektive des weisen Alten ins Eindeutige zu glätten, beharrt Grass darauf, das Authentische im Vieldeutigen zu suchen. "Geschwurbel und Geschmauche" nennen das dann die Kritiker, unfähig zu erkennen, dass sich mit dieser 'Diffusität' Lebensrealität und mithin Glaubwürdigkeit verbindet. Zu Recht verweigert Øhrgaard sich der Debatte um den Skandal von Grass'Mitgliedschaft in der SS. Die Behauptung dieser Skandalträchtigkeit gründet auf Vorurteilen oder enttäuschten Erwartungen, die an den Betroffene beispielsweise als 'moralische Instanz' herangetragen wurden (und werden). Auch an diejenigen, die Grass derart missverstehen, kann nur der Rat ergehen: lesen!

Auch Øhrgaards Buch ist letztlich eine Aufforderung, dies zu tun. Seine kenntnisreichen Werkanalysen sind hilfreiche Dareichungen - ein bei Bedarf einzuholender Mehrwert.


Titelbild

Per Ohrgaard: Günter Grass. Ein deutscher Schriftsteller wird besichtigt.
Übersetzt aus dem Dänischen von Christoph Bartmann.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2007.
206 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783423344463

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Letzte Änderung: 20.12.2007 - 13:50:32
Erschienen am:29.11.2007
Lesungen: 1913
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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