Lust und Leid beim Lesen

Acht Literaturessays der Literatin Ulrike Draesner

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass Lesen mit Lust(gewinn) verbunden sein kann, lässt sich, wenn man es nicht aus eigener Erfahrung weiß, in Thomas Anz' Buch "Literatur und Lust" - lustvoll - nachlesen. Doch erzeugt Lesen nicht nur Lust, sondern - was weit mehr ist - gelegentlich auch schon mal Glück, wie der Klappentext einer soeben erschienen Essaysammlung aus der Feder von Ulrike Draesner behauptet und alle passionierten Leser und Leserinnen selbstverständlich ebenfalls schon lange wissen. "Schöne Frauen lesen" lautet der Titel des Büchleins, und seine Autorin lädt die Lesenden dazu ein, ihren Gedanken über acht Schriftstellerinnen und deren Werke - sowie über ein "französische[s] Sitten-, Provinz- und Frauengenie", das sich im 19. Jahrhundert als Madame Bovary ausgab -, zu folgen. Unter ihnen namhafte und weniger namhafte.

Zweifellos zu den bekanntesten zählen etwa Anette von Droste-Hülshoff, die Draesner denn vielleicht doch nicht ganz zurecht als "einzig wirkliche Dichterin deutscher Zunge des ganzen 19. Jahrhunderts" lobpreist, und Virginia Woolf, von der sich die Autorin die Frage beantworten lässt, wie man ein Leben erzählt. Ebenfalls bekannt sind Antonia S. Byatt, Friederike Mayröcker und Gertrude Stein. Den wenigsten dürften hingegen die Namen Marcelle Sauvageot und Michele Métail etwas sagen. Doch gleichgültig ob literarische Zelebritäten oder nonames, wiederholt verwandelt sich Draesner ihren schreibenden ZunftgenossInnen nahezu kongenial an.

Eine - allerdings gravierende - Ausnahme bildet Draesners Text über Ingeborg Bachmanns "Schwindel im Erzählen". Ein Text, der - wenn wohl auch eher unfreiwillig - zeigt, dass Lesen durchaus nicht immer mit Glücksgefühlen verbunden ist. Er befasst sich mit den beiden Erzählbänden der "erste Medienautorin des deutschsprachigen Raums", "Das dreißigste Jahr" und "Simultan". Dass beide Bände "Zeittitel" tragen, sei "vielsagend", meint Draesner, denn sie machten deutlich, dass "Zeit" eine der "Fragen" gewesen sei, die Bachmann über die elf Jahre hinweg, die zwischen dem Erscheinen beider Bücher liegen, umtrieben: "Vergehen und Stillstellung, Zählen und Aufhebung der Zählung, holpernde Gegenwart und eine Zukunft, die unter den Händen Vergangenheit wird." Dass einer der Bände auf den linearen, der andere auf den relationalen Zeitbegriff rekurriert, scheint Draesner allerdings nicht zu bemerken.

Mehr interessieren sie die gängigen Bachmann-Klischees und -anekdoten. Nicht allerdings, was an ihnen "echt" war und was von Bachmann "bewusst gespielt", sondern "warum und wie" diese Geschichten über all die Jahre hinweg und auch heute noch erzählt werden. In der Tat, dies ist die weit interessantere Frage.

Eine andere, vorgängige fasst Draesner jedoch nicht ins Auge: Ob die Anekdoten vielleicht weder echt noch von Bachmann gespielt sind, sondern ob und gegebenenfalls warum sie von anderen erfunden sind oder sein könnten. So nimmt sie etwa eine Darstellung Adolf Opels unhinterfragt für bare Münze, der zufolge ihm Bachmann bei der Ankunft nach einem Flug erzählt habe, sie sei von der Stewardess als Schriftstellerin erkannt und zur Linderung ihrer Flugangst ins Cockpit gebeten worden. Dass dies wirklich so stattfand, stellt Draesner implizit in Frage, wie ihre Zweifel daran erhellen, dass sich Flugangst legt, wenn man im Cockpit sitzt. Nicht aber, dass Bachmann es Opel so erzählte. Woraus Draesner folgert: "Ohne die aus dem Schreiben abgeleitete Berühmtheit kann Bachmann die Reise zu ihrem neuesten Mann nicht antreten. Vielleicht ist das traurig. Vielleicht beeindruckend. [...] Vielleicht ist es beides." Vielleicht ist es aber auch nur von Opel erfunden beziehungsweise erlogen.

Geschichten wie die von Opel erzählte, folgert Draesner weiter, trügen dazu bei, dass Bachmann zwar fälschlicherweise, aber doch immer wieder als "bloße Gerüchtegestalt" wahrgenommen werde. Das vorherrschende Bachmann-Bild zur "reine[n] Fama" zu erklären, verharmlose jedoch "die Inszenierungsprozesse, die hier, von mehreren Figuren zugleich betrieben werden". Eine Formulierung, die immerhin besagt, dass nicht nur Bachmann, sondern auch Opel durch seinen Bericht am Inszenierungsprozess beteiligt ist. "[P]rimär spannend" an Opels Geschichte sei nicht "ob sie wirklich geschah", "sondern warum Bachmann sie erzählte, bzw. warum Opel sie sich merkte und sie wiedererzählt". Wiederum fasst Draesner alleine Bachmann als mögliche Schwindlerin ins Auge, nicht aber Opel.

Warum also ist Draesner auf dem Opel-Auge blind? Hängt sie vielleicht einfach allzu sehr dem Klischee des verlogenen Weibes an? Das mag man kaum glauben. Jedenfalls aber findet sie zumindest Bachmanns Berichte, sondern mehr noch vielleicht ihre Erzählungen verlogen, wenngleich sie dafür den vornehmeren Ausdruck "Schwindel", gebraucht, um an die doppelte Bedeutung des Begriffs (zu der im übrigen Christina von Braun vor einigen Jahren einige kluge Überlegungen anstellte) nicht nur ein Verdikt von Bachmanns Prosa zu knüpfen, sondern auch ein - wenn man so will ausgleichendes - Lob.


Titelbild

Ulrike Draesner: Schöne Frauen lesen. Über Ingeborg Bachmann, Annette von Droste-Hülshoff, Friedericke Mayröcker, Virginia Woolf u.v.a.
Luchterhand Literaturverlag, München 2007.
217 Seiten, 8,00 EUR.
ISBN-13: 9783630621210

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