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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2008 » Deutschsprachige Literatur
 
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Nicht nur ein Mutter-Tochter-Konflikt

Carmen Francesca Banciu setzt in "Das Lied der traurigen Mutter" ihre literarische Auseinandersetzung mit Autoritäten fort

Von Anke PfeiferRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anke Pfeifer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mutter-Tochter-Beziehungen gelten zuweilen als problematisch. Carmen Francesca Banciu schildert in ihrem neuen Roman "Das Lied der traurigen Mutter" die rückblickende Auseinandersetzung einer Protagonistin mit einem solchen als tragisch erlebten Verhältnis. Die Autorin, 1955 in Rumänien geboren und 1991 nach Berlin übergesiedelt, schreibt seit etwa zehn Jahren auf deutsch, doch thematisch bleibt sie der Heimat verhaftet. Nach ihrem 1998 erschienenen Roman "Vaterflucht", in dem sich die Ich-Erzählerin mit der männlichen Macht auseinandersetzt, die sie als Mädchen einerseits durch ihren Vater und andererseits durch den rumänischen Staat als eine Art Übervater erlebte, wendet sich Carmen Francesca Banciu im zweiten Teil ihrer geplanten Trilogie nun dem anderen Elternteil zu. Wiederum geht es der Autorin nicht nur um einen Generationenkonflikt, um eine individuelle Beziehung, ein familiäres Abhängigkeitsverhältnis, sondern um die spezifische Prägung durch den zeitgeschichtlichen Kontext. Thematisiert wird die Auseinandersetzung mit ideologischen Zwängen, mit den vom diktatorischen Staat und der Staatspartei geforderten Wertvorstellungen, Haltungen und Handlungen.

Wie Banciu selbst hat die junge Frau Maria-Maria ihr Heimatland verlassen und erzählt jener Frau mit Laptop im Berliner Café Adler - offenbar dem Alter ego der Schriftstellerin, wie bereits ein anderer Band von Banciu, "Berlin ist mein Paris. Geschichten aus der Hauptstadt", (Rotbuch 2007), vermuten lässt - von ihrer Kindheit und Jugend im Rumänien der 1960er- und 1970er-Jahre. Für sie ist das eine Art Therapie, um aus räumlicher und zeitlicher Entfernung das Erlebte aufzuarbeiten und Bestätigung zu finden für das selbstgewählte, eigenständige Leben.

Aufgewachsen ist das Mädchen Maria-Maria in einer kalten Atmosphäre, in der sie Liebe, Zuwendung und Wertschätzung der Eltern schmerzlich vermisste. Die dominante Mutter ist wie der Vater der kommunistischen Partei treu ergeben. Überzeugt leben die Eltern nach den von ihr vorgegebenen Maximen. Als "Präsidentin der lokalen kommunistischen Frauenorganisation" ist die Mutter beruflich stark engagiert, verfolgt daheim eine prinzipientreue Erziehung in Übereinstimmung mit den gesellschaftlichen Idealen und stellt schon früh hohe Ansprüche an die Tochter hinsichtlich Pflichterfüllung, Leistungsbereitschaft und ideologischer Orientierung. Stets präsent im Redestrom von Maria-Maria ist daher die Reflexion des sozialistischen Alltags mit seinen Parolen, Ritualen und Forderungen: die Meinung und der Kampf der Partei, die Rede vom neuen Menschen, die Ehrung der heldenhaften sozialistischen Mütter in der Schule anlässlich des Internationalen Frauentages. Die zitierte Propagandasprache, wie die Erzählerin sie auch aus dem Munde der Eltern ständig vernimmt, entlarvt sich in ihrer Penetranz, Hohlheit und Lächerlichkeit von selbst.

Die Erziehungsmethoden der Mutter verletzen die Seele des Kindes tief. Am ersten Schultag verbrennt sie dessen Puppen, um ihm die neue Lebensphase, in der das Spiel durch Leistung zu ersetzen ist, deutliche vor Augen zu führen. Das Mädchen will den Anforderungen zunächst fügsam nachkommen, doch die körperlichen und seelischen Qualen verursachen Schmerz und Wut. Das Aufbegehren gewinnt schließlich die Oberhand. Der Konflikt zwischen dem Gehorsam und dem Wunsch nach Aufrichtigkeit, Individualität und Lebensglück führt zu einer tiefen Verunsicherung und schlägt schließlich in offene Ablehnung des elterlichen Lebenskonzeptes um.

Die Klage über die verlorene Kindheit, das zugefügte Leid und die damit verbundene Anklage ist aber gleichzeitig mit dem Wunsch von Maria-Maria verknüpft, die Mutter zu begreifen: "Ich hätte gern gewusst, was Mutter denkt. Wer Mutter ist." Im Laufe der Erzählung wird die Erinnerung an sie heraufbeschworen: als Leitfaden dient der mütterliche Körper, in der jeweiligen Konzentration auf Mutters Augen, ihre Hände, ihr Herz, ja ihre Lunge, ihren Nacken, die Wangen. Durch detaillierte Beschreibung von Anatomie und Alltagsfunktion, versucht die Tochter Stück für Stück, von der Physis zur Psyche vorzudringen und auf diese Weise die Mutter zu erkunden und zu verstehen, warum sie so geworden war, so hart, so traurig, so gepeinigt. Die Mutter quälten seit dem Tag, an dem ihre eigene Mutter, Besitzerin einer kleinen Weberei, enteignet wurde, immer wieder schlimme Kopfschmerzen. Diese wurden im Laufe des Lebens zum Symptom ihrer unbewältigten Konflikte. Nicht nur die Tochter litt, sondern auch die Mutter: unter mangelnder Liebe ihres Mannes, der sich der Familie unter dem Vorwand des beruflichen Engagements zunehmend entzog, unter Vertrauensverlust und Eifersucht, unter der alltäglichen Doppelbelastung, unter dem ideologisch begründeten Zwist mit Schwester und Mutter, unter ihrer bürgerlichen Herkunft, die sie verleugnete. An Objekten wie dem Familienschmuck wird die Geschichte der Familie mütterlicherseits aufgerollt. Zur Sprache kommen traumatische Ereignisse aus Kriegs- und Nachkriegszeit sowie der Entwicklungsweg der Mutter - dank ihres Ehemannes - zu einer guten Genossin.

Zutage tritt auf diese Weise eben auch das Drama der Mutter, ihrerseits als Kind enttäuscht von den Eltern, vom religiösen Glauben. Es folgte ein nüchternes Leben voller Sorgen, Ängste, in dem kein Platz für Schönes, für bedingungslose Liebe, dafür umso mehr für die vielfältigsten Pflichten war. Auch von der Tochter wurde sie enttäuscht, die sich zunehmend den Anforderungen nach Perfektion widersetzte und sich der Mutter entzog. Die Vorstellungen und Wünsche von Mutter und Tochter drifteten immer mehr auseinander. Auch der letzte Versuch einer Annäherung - ein gemeinsamer Einkaufsbummel - scheiterte.

Während die Tochter ihren eigenen Weg wählt, sich durch die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit von diesem Trauma zu befreien sucht, scheint die Mutter daran zerbrochen zu sein, auch wenn sie selbst auf dem Sterbebett noch ihre Tochter anherrscht und brüskiert.

Im Gegensatz zur Härte in den Beziehungen steht die lyrische Sprache der Autorin. Manche Passagen muten durch Schriftbild oder Wiederholungen wie Gedichte an, die emotionale Intensität erzeugen. Charakteristisch für Bancius Schreibweise sind ihre kurzen, oft unvollständigen Sätze, die erst im nächsten Satz vollendet werden. Der Leser wird durch die stakkatohafte, abgehackte Schreibweise geradezu zur Lektüre getrieben und erhält einen Vorstellung von der atemlosen Erzählung der jungen Frau.

Bei Carmen Francesca Banciu geht es um Rollenverständnisse, Fremdbestimmung, um das Verhältnis zu Liebe, Kindern, dem Partner, der Gesellschaft, zu unterdrückten und ausgelebten Gefühlen. Sie zeigt eindringlich, wie Menschen durch Ideale wie Zwänge geprägt und verbogen werden können. Auf den dritten Band darf man gespannt sein.


Titelbild

Carmen-Francesca Banciu: Das Lied der traurigen Mutter.
Rotbuch Verlag, Berlin 2007.
221 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783867890090

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Letzte Änderung: 09.01.2008 - 14:40:23
Erschienen am:20.12.2007
Lesungen: 4879
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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