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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2008 » Schwerpunkt: 1968 » Rezensionen
 
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Adorno revisited

Ein Band mit "Adorno-Portraits" versammelt "Erinnerungen von Zeitgenossen"

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

19 "Erinnerungen von Zeitgenossen" enthält der von Stefan Müller-Dohm herausgegebene Taschenbuchband über Theodor W. Adorno. Diese Zeitgenossen sind Freunde, Kollegen, aber auch ehemalige StudentInnen. Ihre Texte, so erläutert der Herausgeber, "sind für sich gesehen Bruckstücke, die in ihrer Summe dazu beitragen, jener Person, auf die sie sich beziehen, ihre Physiognomie (zu) geben." Im Sinne Walter Benjamins sei dies "das Ziel einer konstruktiven, sich in die Phänomene versenkenden Historiographie".

Ausgenommen von dieser etwas hochtrabend formulierten Absicht sind lediglich jene drei Beiträge, die sich mit Adorno nur indirekt, mit Personen aus seinem Umfeld aber direkt beschäftigen. Hier darf dann auch das ein oder andere Foto Auskunft über die jeweilige "Physiognomie" geben. Neben Horst Stemmlers "Rückblick auf eine Freundschaft", in dem Adornos Gymnasiallehrer Reinhold Zickel gewürdigt wird, fallen auch Staci von Boeckmanns wenig ergiebiger Beitrag über Gretel Adorno sowie Heinrich Adolfs Ansatz über "Adornos verkaufte Braut", Arlette Pielmann in diese Kategorie. Auch wenn diese "Rekonstruktion einer Beziehung" vielfach dem Spekulativen verhaftet bleibt, so interessiert doch ein gewisses restskandalöses Moment dieser Liebesgeschichte: Welchen Einfluss hatte das von Arlette Pielmann eingeleitete Ende der Beziehung auf Adornos plötzlichen Herztod in der Schweiz? Doch bleibt am Ende in dieser Causa kaum mehr als das, was Alexander Kluge über "Adornos irdisches Ende" in der "Chronik der Gefühle" schon vermerkt: "Er lag, als schliefe er, konnte nicht Auskunft geben, an welcher Ursache er gestorben war und ob ein Anwesender in der Todesstunde ihn hätte retten können." Denn die "angereiste Geliebte wurde [...] weggebissen" von seiner Frau und deren Schwester.

Aus den Beiträgen, die auf eine freundschaftliche oder kollegiale Bekanntschaft mit Adorno zurückgehen, ragen Hans Wollschlägers' "Moments musicaux oder Tage mit TWA" und Irving Wohlfahrts "Unterwegs zu Adorno, unterwegs zu sich" heraus. Wollschläger bekennt gleich zu Beginn seines Textes, dass Adorno "der andere" jener beiden Menschen war, "die mich durch die Gewalt ihres geistigen Maßes und ihrer Menschlichkeit überwältig haben." In anrührender Weise erinnert sich der sprachlich zuweilen etwas ,überdreht' und angestrengt wirkende Text über den ,Musikers' Adorno, genauer: an den Kenner von Person und Werk Gustav Mahlers.

Irvin Wohlfahrts Text, der umfangreichste des Bandes, ist eine Darstellung der Selbstfindung, die der in der Emigration aufgewachsene deutsche Jude Adorno auf der Suche nach seiner Identität unternimmt und die ihn 1964 schließlich an das Frankfurter Institut zu Adorno führt. Hier klingt ein wesentliches Motiv an, das Jürgen Habermas in einer knappen "persönlichen Notiz" am Anfang des Bandes benennt: es ist der für die Bundesrepublik der 50er- und frühen 60er-Jahre so ungewöhnliche Umgang mit der Nazivergangenheit, für die Adorno stand. Gemeint ist aber nicht, was später die Aufarbeitung der Vergangenheit wurde, sondern die wie selbstverständlich anmutende Wiederherstelllung der Kontinuität der Zeit vor dem Nationalsozialismus. An Adornos und Horkheimers Institut war die ,große' Vergangenheit der Vorkriegszeit immer noch präsent. Der Bezug auf die während der Nazizeit Verfemten, die Berühmten des Exils, bot faszinierende Nahrung für den Wissenshunger der Jüngeren nach den düsteren Jahren. Wo, wenn nicht in Frankfurt wäre dies möglich gewesen?

Dieses spezielle Merkmal der Frankfurter geriet im Verlauf der 1960er-Jahren unter Druck. Aufschlussreich ist eine Debatte, über die Harro Zimmermann in seinem Beitrag "Von Metzgern und Schöngeistern" berichtet. Anlass für die Diskussion war das Gedicht "Adornos Zunge" von Günter Grass. Mit der ihm eigenen Vehemenz hatte Grass im Namen ,seines' sozialdemokratischen Praktizismus den "Hochmut jener Professoren [...] denen die Realität Ekel und allein die Utopie süß ist", attackiert. Martin Walser und Erich Fried erhoben Gegenrede und es entwickelte sich eine Debatte, der Adorno nur ferner Anlass war und in der es eigentlich um das Selbsverständnis der linken Politszene in Deutschland ging, die das Grasssche "Schneckentempo" politischer Veränderung als Zumutung empfang.

In jenen Jahren entwickelte die ,Praxis' eine Dynamik, die der ,Theorie' ihren Rang abzulaufen schien. Ein tragisches Missverständis nahm seinen Lauf, als Adorno sich veranlasst sah, gegen protestierende Studenten mit Polizeigewalt vorzugehen und diese wiederum mit spektakulären Aktionen wie dem Auftritt barbusiger Studentinnen seine Veranstaltungen störten. Gunzelin Schmid Noerr nähert sich "Adornos Erschauern" angesichts jener offensiven Körperlichkeit in einem anregenden Beitrag, ausgehend von einem Händedruck Adornos.

Offensichtlich sind diese Beiträge, wie auch der von Eckard Schörle über das im Wintersemester 1964/65 abgehaltene Lach-Seminar, Beispiele für die Einübung der "unmittelbaren Erfahrung vor der Theorie". Ebenso sind Britta Scholzes Ausführungen über eine "Obsession" Adornos - das Tier - geprägt von dem Bemühen, Erkenntnis nach Art und Vorbild des Meisters zu gewinnen. Leicht gerät man dann aber in die Gefahr zu "adornieren", wie Rainer Erd in seiner Geschichte "Wie Adorno einmal nicht weiterwusste und trotzdem eine Idee hatte", den Jargon der nachahmenden pseudointellektuellen Szene nennt. Das wirkt dann eher peinlich. Und ist letztlich Wasser auf die Mühlen derjenigen, denen das Adornosche "Denken ohne System" immer schon suspekt war. Im ,normalen' akademischen Alltagsbetrieb blieb Adorno weitgehend ohne Wirkung, worauf Gerhard von Berg in seinem Beitrag "Die Wunde Adorno" aufmerksam macht. Hier blieb er, um das Wort eines anderen Geistesverwandten anzuwenden, "Außenseiter".


Titelbild

Stefan Müller-Doohm / Reinhard Pabst (Hg.): Adorno-Portraits. Erinnerungen von Zeitgenossen.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2005.
400 Seiten, 8,50 EUR.
ISBN-10: 3518457063

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Letzte Änderung: 24.01.2008 - 10:47:48
Erschienen am:09.01.2008
Lesungen: 2837
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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