Cineastische Obsession

Thomas Lehrs exzellent gedrehter Roman "Nabokovs Katze"

Von Oliver GeorgiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Georgi

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Georg, Sartre-lesender Frühintellektueller, und Camille, eine geheimnisvolle, indianisch anmutende Schönheit, verleben eine Jugendliebe in einer westdeutschen Kleinstadt. Die Beziehung bleibt allerdings platonisch, da Camille Georgs Zärtlichkeiten abweist und auf seine Leidenschaften eher mit Kühle als mit Feuer reagiert. Schon nach kurzer Zeit verlässt Camille Georg, der nach einem überstandenen LSD-Horrortrip das Denken, das Bewusstsein im Sinne Sartres, als das Absolute, Einzigartige und Erstrebenswerte erachtet. Von diesem Zeitpunkt der Trennung an kommt Georg niemals mehr von Camille los. Er schlägt diverse Laufbahnen ein, beginnt Mathematik zu studieren, hat kurze, meist auf das Sexuelle beschränkte Verhältnisse zu den verschiedensten Frauen, in denen er doch immer nur Camille sucht und sie nie findet. Camille beginnt Georgs Leben zu dominieren. Georg bricht das Mathematikstudium ab und wird Filmregisseur, um so seine unerfüllten Sehnsüchte, seine Begehrlichkeiten und Instinkte in Fiktion umzusetzen. Camille wird in Georgs Leben zur Projektionsfläche für seine Träume, wird zum Ideenpool für seine Filme und zum absolut erotischen, einzig begehrenswerten Wesen auf der Welt, das ihn durch seine Ablehnung von damals nahezu um den Verstand bringt. Georgs und Camilles Lebenswege kreuzen sich noch mehrere Male, doch jedes Mal verlaufen die Begegnungen zwar freundlich, doch sexuell wird es nie. Georgs Obsession zu Camille überlebt schließlich sogar seine Ehe mit Klara, die er mit dem Ziel Mexiko verlässt, um sich über Camilles indianische Herkunft klar zu werden. Camille und Georg treffen sich ein letztes Mal, bei dem Georgs intimster Wunsch erfüllt wird. Hatte Georg nun erwartet, am Ziel seiner Träume angelangt zu sein, so steht er am Ende doch vor den Trümmern seines Lebenstraumes Camille, dessen Scheitern er sich eingestehen muss.

Thomas Lehrs Roman ist ein klug komponiertes und zudem fantastisch geschriebenes Plädoyer für den Erhalt der Leidenschaft, des nicht Definiten in unserem Leben. Lehr verknüpft in seinem Werk geschickt zwei Themenkomplexe: Auf der einen Seite die Erotik, auf der anderen Seite die Mathematik, sinnfällig geworden durch die Präzision des Films, die durch ihre Kameraperspektive, durch das kalte Auge des Objektives, erbarmungslos jede Schwäche der Menschen offen legt und somit gleichsam zum Skalpell für menschliche Gefühle wird.

Erwähnenswert ist, wie Lehr diesen Zusammenhang auch sprachlich erreicht. Er "arrangiert" Georgs "Kopfkino", diesen filmgleichen Fundus an Erinnerungspartikeln, Szenenfragmenten und subjektiv gespeicherten Parametern auch sprachlich als Drehbuch und setzt viele Szenen in oftmals fast perfekter Genresprache in Kamerafahrten oder Regieanweisungen für Lichteinstellungen um. Georg selbst fungiert in der Retrospektive seines Lebens als der Regisseur, der somit gleichsam eine technische Distanz zwischen Geschehen und Rezeption schafft. Diese Darstellungsweise macht es Lehr möglich, Georgs Wahrnehmungsform gerecht zu werden und seine oftmals penibel kalte, mathematische Rezeptionsweise perfekt wiedergeben. In diesem Kontext weiß auch Lehrs geschickter Umgang mit Perspektiven und Zeiten zu begeistern: er flicht ein komplexes Dickicht von Retrospektiven, Überblendungen, Geträumtem und Realem, was dem film- und szenenartigen Charakter der Erinnerungen Georgs entspricht. Auch die metaphorische, extrem bildhafte Sprache erhöht den Eindruck, das "Kopfkino" Georgs als Leser direkt und plastisch mitzuerleben.

Ein paar kleine Kritikpunkte gibt es jedoch auch. So weist das Buch gegen Ende einige Längen auf, die den Leser nach immerhin schon 400 Seiten hoch assoziativer Bildsprache ermüden; zudem dreht sich Georgs gedankliche Beschäftigung mit Camille auf den letzten 100 Seiten des Buches oftmals im Kreis - neue Facetten tauchen kaum noch auf, vielmehr wird das schon Vorhandene mit noch einer Metapher und noch einer szenischen Einstellung verdeutlicht.

Trotz dieser kleinen Schwächen ist Thomas Lehr mit "Nabokovs Katze" ein fabelhaftes, kluges Buch mit höchsten intellektuellen Ansprüchen gelungen. Einzigartig ist vor allem die sprachliche Umsetzung des Romans, die durch die Anwendung cineastischer Darstellungstechniken eine höchstmögliche Plastizität des Stoffes für den Leser erreicht.Thomas Lehr hat mit "Nabokovs Katze" den Bildungsroman der heutigen Generation geschrieben, einer Generation, die "stets zu klug war, um an irgend etwas zu glauben".

Titelbild

Thomas Lehr: Nabokovs Katze.
Aufbau Taschenbuch Verlag, 1999.
511 Seiten, 25,50 EUR.
ISBN-10: 3351028695

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