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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2008 » Deutschsprachige Literatur » Weitere Rezensionen
 
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Der größte aller Diener

Hans Wollschlägers wird in einem kleinen Sammelband gedacht

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Am 19. Mai 2007 verstarb Hans Wollschläger im Alter von 72 Jahren. Einem großen Publikum war der Schriftsteller bekannt geworden als jemand, der seine Fähigkeiten zugunsten der Werke anderer einzusetzen wusste. "Der größte aller Diener" nannte ihn Paul Ingendaay in einem Nachruf.

Von diesen Anderen ist zunächst Karl May zu nennen. Wollschläger war von 1957 bis 1970 für den Karl-May-Verlag in Bamberg tätig. Der Einblick in die kuriose Publikationspraxis des Verlags weckte bei ihm eine besondere Form der kritischen Solidarität mit dem als Schriftsteller so geschundenen Sachsen. Das Ergebnis: 1965 erschien erstmals Wohlschlägers grandiose Biografie "Grundriß eines gebrochenen Lebens".

Karl Mays Leben und Schaffen, so bekannte der Autor anlässlich einer Neuauflage des Buchs (vergleiche literaturkritk.de 4/2004), hat "mich auf eine fast irrationale Weise durch mein eigenes hin begleitet." Und mehr noch: das "Fänomen May" brachte ihn noch mit einer anderen "wahrhaft mächtigen Bezugsperson" zusammen: Arno Schmidt, der zugleich auch erster und eindringlicher Lobpreiser des Wollschläger-Buchs war.

Auch als Übersetzer widmete Wollschläger sein Bestes dem Besten von anderen. Berühmt, weil zurecht gerühmt, ist seine Übersetzung von James Joyce' "Ulysses" aus dem Jahre 1975. Sein eigenes schriftstellerisches Schaffen blieb allerdings unvollständig. Vom Roman "Herzgewächse oder Der Fall Adams" erschien 1982 nur eine erste Lieferung. Eine weitere blieb aus: Dem Roman kam sein Schriftsteller abhanden. "Vor den experimentellen Verfahren", so schreibt Paul Ingendaay, "der Anspielungsfülle und den verschiedenen Schrifttypen dieses Buchs stand die Literaturkritik respektvoll, aber einigermaßen ratlos da." Das mag eine vermutete Begeisterung Arno Schmidts für dieses Romanvorhaben begründen, der angeblich auch bereits den zweiten Band gelesen haben sollte. Ingendaay aber bleibt zurückhaltend: Es bleibe "festzuhalten, dass Wollschläger kein Erzähler und der Roman eindeutig nicht seine Gattung war."

Womöglich scheiterte Wollschläger als Erzähler und Romanautor an just jenen Anforderungen, die er als Kennzeichen großer Werke zu beschreiben wusste und die er als Essayist und Autor der Zwischenformen zu großer stilistischer, freilich nicht immer einfach zu konsumierender Meisterschaft ausführte. Man lese beispielsweise jenes kurze Stück "Moments musicaux oder Tage mit TWA", eine sehr subjektive Erinnerung an Theodor W. Adorno, die soeben wieder in dem Taschenbuch "Adorno-Portraits" (vergleiche literaturkritik.de, 1/2008) verfügbar gemacht wurde: "Es gab in meinem Leben zwei Menschen, die mich durch die Gewalt ihres geistigen Maßes und ihrer Menschlichkeit überwältig haben; er, Adorno, war der andere". Jedenfalls wird deutlich, welche Anstrengungen das ihn zufriedenstellende Schreiben erforderte: "Nur wer so heillos mühsam arbeitet, daß er einen guten Satz nur unter Quälerei zuwege bringt, d.h. 1000 Wörter denken muß, bevor 20 in der richtigen Ordnung dastehen, kann wenigstens ungefähr absehen, was die Großen Werke wirklich sind und was mit ihnen alles vergeht."

Dieser Satz ist aus der "Anderrede vom Weltgebäude herab oder Kleine Mauerschau des Alterns" zitiert. Dies Textstück ist eine auf hohem Niveau gedankenanregende Reflexion über das Altern eines Menschen, der sich selbst in der Verpflichtung zur Wahrung dessen ausersehen hatte, was die großen Werke ausmacht[e] und was mit ihr zu vergehen droht[e]. Wie falsch aber, hinter solchen Ansprüchen elitären Dünkel zu sehen. Denn, darauf weisen die in dem kleinen Bändchen "zum Gedächtnis" Hans Wollschlägers versammelten Nachrufe von Paul Ingendaay, Lothar Müller, Rolf-Bernhard Essig, Rudi Schweikert und Horst Peter Neumann hin: Wollschläger, der "größte aller Diener", nahm die Anstrengung letztlich zu unser aller Wohl auf sich. Auf dass wir nur es zu würdigen wissen.

Der Wallstein Verlag im übrigen wird sich nicht beirren lassen und mit der Herausgabe der Werkausgabe Wollschlägers fortfahren.


Titelbild

Hans Wollschläger: Anderrede vom Weltgebäude herab. Hans Wollschläger zum Gedächtnis.
Wallstein Verlag, Göttingen 2007.
44 Seiten, 14,00 EUR.
ISBN-13: 9783835302327

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Letzte Änderung: 29.04.2008 - 13:52:02
Erschienen am:31.01.2008
Lesungen: 3178
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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