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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2008 » Fremdsprachige Literatur » Rezensionen
 
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Preis der Freiheit

Mercè Rodoredas Roman "Auf der Plaça del Diamant" erzählt die Geschichte einer stillen Emanzipation

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die 1908 in Barcelona geborene Schriftstellerin Mercè Rodoreda hatte bereits in den 1930er-Jahren erfolgreich Bücher veröffentlicht. Doch nach dem für die Franco-Faschisten siegreichen Bürgerkrieg in Spanien musste sie ihr Heimatland verlassen. Im Exil, das sie über Frankreich nach Genf führte, schien Mercè Rodoreda verstummt. Erst gegen Ende der 1950er-Jahre erschienen wieder Bücher von ihr. Das erfolgreichste wurde der 1962 entstandene Roman "Auf der Plaça del Diamant", der 1978 erstmals auf deutsch erschien. Als Suhrkamp-Taschenbuch liegt nun eine Neuausgabe des Romans vor.

Er erzählt die Geschichte Natàlias, von ihrem Mann Quimet Colometa genannt, eine Frau aus einfachen Verhältnissen, die in Barcelona lebt. Auf der Plaça del Diamant hatte sie ihren Mann während eines Tanzfestes kennengelernt. Das Mädchen, halb verwirrt, halb verliebt, heiratet den lebensfrohen aber auch etwas verrückten Schreiner Quimet. Bald werden zwei Kinder geboren, Antoni und Rita. Colometa erlebt das Leben im Barcelona der Vorkriegszeit als eine Abfolge von Ereignissen und Anforderungen, die sie in selbstverständlicher Ergebenheit als Alltag annimmt. Das Leben geschieht ihr mehr als dass sie es führt und nur manchmal, in Gesprächen mit der Freundin Julietta oder der mütterlichen Senyora Enriquetta, deuten sich eigene Wünsche und Vorstellungen an. Als sich der Krieg nähert, werden die Zeiten schlechter. Quimet, der in der Schreinerei immer weniger zu tun hat, verfällt auf die verrückte Idee, in der Wohnung eine Taubenzucht aufzuziehen. Während das Leben immer schwerer wird, Colometa längst auch eine Arbeit als Aufwartefrau angenommen hat, erobern die Tauben Zug um Zug die Wohnung. An den Tauben übt Colometa schließlich auch ihr erstes emanzipatorisches Aufbegehren: Sie vernichtet nach und nach die Brut der Tiere. Dann, plötzlich und für Colometa völlig unvermittelt, ist der Krieg da. Quimet nimmt als Milizionär auf Seiten der Republikaner an den Kämpfen teil und fällt ebenso wie die engen Freunde. Colometa, die ihre Arbeit längst verloren hat, gerät mit den Kindern ins Elend. Als sie keinen anderen Ausweg mehr sieht als ihren und der Kinder Tod, bietet ihr ein kriegsinvalider Kaufmann aus der Nachbarschaft eine Stelle als Haushälterin und bald darauf auch die Ehe an. Das selbstlose und ehrliche Angebot des Kaufmanns sichert das Weiterleben. Bald hält ein junger Mann aus der Nachbarschaft um die Hand der Tochter an, und es wird wieder Hochzeit gefeiert.

Die Ich-Erzählerin Colometa spricht eine einfache Sprache. Sie ist atemlos zuweilen, wenn die Gedanken assoziativ zusammengeführt und die Ereignisse aneinandergereiht werden, nur durch das immer wiederkehrende "und" verbunden. Es gibt viele Wiederholungen, die wie trotzige Bekräftigungen klingen. Diese Art der Mitteilung genügt sich selbst, sie spekuliert nicht auf Außenstehende. Sie erklärt nicht, sie schildert nur, was geschieht. Die monologische Selbstbezogenheit dieser Sprache gewinnt dabei zunehmend eine ruhige Selbstgewissheit. Vor allem dann, wenn Colometa ihren stillen Kampf mit den Tauben, ihre Träume und Visionen schildert, erscheint sie als eine Verwandte von James Joyce' Molly Bloom. Beide Monologe transportieren eine naive Unmittelbarkeit, hinter welcher sich indes eine komplexe Persönlichkeit zu entwickeln beginnt. Anders ausgedrückt: Die monologische Selbstbezogenheit der Sprache erweist sich als probates Mittel, die Seelen- und Erfahrungswelt eines Menschen offen zu legen, der ansonsten kaum über die nötigen Reflexionsfähigkeiten verfügen würde, um sich mitzuteilen.

Die Sprache führt uns sehr unmittelbar und wahrhaftig nah an die Lebenswelt Colometas. Das bedingt einen weiteren Effekt: In der Selbstbezüglichkeit der Sprache werden die Umstände deutlich, die sie formen. Es ist der Krieg. Obwohl er konkret in Colometas Erzählen nie vorkommt, ist er doch ab dem Moment präsent, da sie für ihr eigenes und das Leben der Kinder verantwortlich ist. Ein naives Geschehenlassen ist nun nicht mehr möglich. Das Mädchen, das kaum etwas weiß vom Leben und dem eben deshalb das Leben 'passierte', muss nun ihr Geschick in die Hand nehmen. Der Krieg zerstört das Idyll eines unaufgeklärten Lebensentwurfs, in dem die Dinge als Gegeben erscheinen und der Lebenslauf als gottgewollte Unabdingbarkeit hingenommen wird. Das ist die andere Botschaft dieses Romans. Er schildert ein aufgeklärtes Erwachen. Denn das Ende des Idylls ist zugleich der Beginn aufgeklärter Autonomie. Colometa ahnt, was das bedeutet: Von nun an wird sie immer für ihr Leben verantwortlich sein. Sie wird entscheiden müssen, ob sie zulässt, dass und wie andere ihr Leben beeinflussen. Diese Erkenntnis bedeutet letztlich Freiheit.


Titelbild

Merce Rodoreda: Auf der Placa del Diamant. Roman.
Übersetzt aus dem Katalanischen von Hans Weiss.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007.
251 Seiten, 8,50 EUR.
ISBN-13: 9783518458785

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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2008 » Fremdsprachige Literatur » Rezensionen
 

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Letzte Änderung: 28.02.2008 - 13:19:22
Erschienen am:14.02.2008
Lesungen: 3021
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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