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 literaturkritik.de » Nr. 4, April 2008 » Fremdsprachige Literatur » Weitere Rezensionen
 
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Immer wieder Anfänge und doch ein Ende

Über Georgi Gospodinovs "Natürlicher Roman"

Von Manuela Lück

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Paar trennt sich, weil der Ehemann offenbar nicht der "Urheber der Schwangerschaft" ist. Die Scheidung der beiden bildet die Rahmenhandlung dieses kleinen Romans, aber daneben gibt es zahlreiche Abschweifungen und Exkurse in die europäische Kultur- und Naturgeschichte sowie einige schemenhafte Figuren. Neben Rückblicken auf die eigene Geschichte und die jener nun beendeten Beziehung, so etwa die Beschreibung ihrer allmählichen Entfremdung in kleinen Szenen, gibt es einen Redakteur, der anonym Texte eines Autors erhält, die sich als Geschichte einer Beziehung lesen lassen, die der gescheiterten zum Verwechseln ähnelt. Jener Autor, ein Clochard, der bald darauf von seinen angestammten Platz auf dem Wochenmarkt verschwindet, trägt den gleichen Namen wie der Redakteur und scheint in seiner Gebrochenheit eine Vorwegnahme von dessen Zukunft zu sein.

Neben den zahlreichen Doppelgängermotiven in den kurzen Episoden finden sich eine kurze Geschichte der Fliege, ein vereinsamter Naturforscher, der Briefe mit der Bitte um die Rettung der Welt an die UNO schreibt, kurze Skizzen über die Natur der Toilette und über einen Schaukelstuhlbesitzer mit zwei Katzen, der jenem Redakteur wiederum zum Verwechseln ähnlich ist. Dies sind aber nur momenthafte Ausflüge in die kuriose Welt des Autors oder Verfassers oder in die Fantasie jenes Clochards, denn der (fast schon verschwundene) Autor träumt davon, einen "natürlichen Roman" zu schreiben, der nur aus Verben oder Anfängen besteht und auf Seite 17 neu beginnt.

Der Traum von der absoluten Freiheit der Struktur, der Herrschaft des Zufalls, der freien Kombination der Figuren und ihrer Handlungen ist für die post-moderne Literatur ein Zugang zur unübersichtlich gewordenen Welt. Gospindov spielt mit dieser Idee, beginnt immer wieder Neues mit seinen Figuren und Geschichten, überlässt sie literarischen Experimenten und zerlegt sie bis zur Auflösung in die einzelnen Bestandteile und bringt sie so zum Verschwinden. Hier liegt auch das ästhetische Problem des Romans begründet, denn trotz der Leichtigkeit des Erzählens und der hohen Unterhaltsamkeit, auch wegen des ironischen Tons, den der Autor immer mal wieder anschlägt, bleiben die Rahmenhandlung und die Figuren in ihrer Ausarbeitung vage und schemenhaft.

In den Fragmenten werden Natur und Kultur, Struktur und Zufall immer wieder gegenübergestellt und untergründig drängt sich die alte Frage auf, was beherrscht uns, die Natur oder unsere Kultur? Der Zwiespalt lässt sich nicht auflösen, findet sich aber in der bunt und vielgestaltig angelegten Struktur des Textes wieder.

Der Roman, schon vor einigen Jahren geschrieben, erinnert mit seinen grotesk und fantastisch anmutenden Figuren und seiner fragmentierten und humoristischen Erzählweise an viele Autoren, die Mitte der 1990er-Jahre debütierten und verweist in seiner Ästhetik auf die Erfahrungen der gesellschaftlichen Strukturlosigkeit und Unsicherheit nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme im Osten Europas. Es ist ein experimentell bunter, sprachlich vergnügter und auch humorvoller Roman über die eigenen und historischen Zusammenbrüche und dem Kampf gegen das Verschwinden.


Titelbild

Georgi Gospodinov: Natürlicher Roman. Roman.
Übersetzt aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann.
Literaturverlag Droschl, Graz 2007.
166 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783854207283

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Letzte Änderung: 03.04.2008 - 14:13:01
Erschienen am:23.04.2008
Lesungen: 1596
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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