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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2008 » Literatur zum Nationalsozialismus » Weitere Besprechungen
 
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Krieg als Verbrechen

Zwei Bücher über die "1. Gebirgsdivision im Zweiten Weltkrieg" und über die "Einsatzgruppen in Polen" belegen den verbrecherischen Krieg der Deutschen

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die edelweißgeschmückten Gebirgsjäger der 1. Gebirgsdivision der deutschen Wehrmacht gelten bis heute vielfach als Elitesoldaten. Sie verkörpern in besonderer Weise den falschen deutschen Soldatenmythos, der nach dem Krieg auch das Traditionsbewusstsein der demokratischen Bundeswehr nachhaltig beeinflusste. Man verstand sich - und dieses Bild wurde von der Öffentlichkeit bereitwillig übernommen - als ehrenhafte Elitesoldaten. Angehörige dieser Einheit waren wie selbstverständlich mit allen positiven Tugenden des deutschen Soldaten ausgestattet: tapfer, mutig, zuweilen ein wenig haudegenhaft übermütig, hart aber gerecht gegen sich selbst und gegen den "Feind", gegen den man einen ebensolchen Kampf führte. Selbstverständlich war man an den Verbrechen der nationalistischen Kriegsverführer nicht beteiligt. Und kam es doch einmal zu unabwendbaren Verwicklungen in Mordaktionen, dann war schnell die Rede vom Befehlsnotstand, dem man nicht entgehen konnte, während man aber ,innerlich' diese ,Schweinereien' ablehnte.

Das ist natürlich alles gelogen. Schon die Vorgängereinheiten im "Deutschen Alpenkorps" hatten sich während des Ersten Weltkriegs ihren ,Ruhm' schmutzig erworben. An der "Isonzo-Front", einem fast vergessenen blutigen Stellungskrieg, in dem sich Österreicher, Ungarn und Italiener gegenüberstanden, entschied das Alpenkorps den Kampf durch den Einsatz von Giftgas. Das todbringende Gas drang in die Verteidigungsstellungen der Italiener, denen die Flucht aus ihren Stellungen durch gleichzeitiges Trommelfeuer versperrt war. Tausende Soldaten kamen elend ums Leben. Aus Sicht der Militärs aber war dieses schmutzige Töten ein Erfolg. Als man Mitte der 1930er-Jahre daran ging, die Wehrmacht kriegstauglich zu machen, stellte man auf Grundlage der im Ersten Weltkrieg mit dem Alpenkorps gesammelten Erkenntnisse neue Gebirgsjägereinheiten zusammen. Am 31. März 1938 wurden sie vom Oberkommando des Heeres zur 1. Gebirgsdivision erhoben, ihr Divisionsabzeichen an Mütze und Ärmel wurde das Edelweiß.

Die Geschichte dieser Division im Zweiten Weltkrieg ,erzählt' Hermann Frank Meyer auf der Grundlage akribisch recherchierter Materialien. Der Autor war bereits in den 1960er-Jahren, anlässlich der Recherche nach dem Schicksal seines 1943 von griechischen Partisanen verschleppten Vaters, auf die Edelweißsoldaten gestoßen. Erstmals machten ihn griechische Überlebende des Krieges auf die Verbrechen der vermeintlichen Elitesoldaten aufmerksam. Der vorliegende Band ist das Ergebnis der jahrelangen Beschäftigung mit der 1. Gebirgsdivison.

Der Mythos von den heldenhaften Elitesoldaten begann mit dem draufgängerischen Elan der Division während der ersten Kriegsjahre. Meyers kühle Analyse der ,Erfolge' der Division aber ergibt ein anderes Bild. Was in Adolf Hitlers Hauptquartier mit Eichenlaub und Eisenkreuzen ausgezeichnet wurde, waren, wie "die Sturmfahrt auf Lemberg" oder das Vorpreschen im Kaukasus, oftmals irrsinnige und letztlich erfolglose Aktionen, die vor allem immer wieder erschreckend hohe Verluste zeitigten. 1943 wurde die Division auf den Balkan verlegt. Hier nun begann ein wenig heldenhafter Einsatz, bei dem sich unter dem Deckmantel der Partisanenbegkämpfung ein Massaker an das nächste reihte. Die Opfer waren Zivilisten, die in der zynischen Logik der Deutschen ,zur Vergeltung' ermordet wurden. Als im Verlauf des Jahres 1943 die ehemaligen italienischen Verbündeten entwaffnet wurden, kam es zu einer der größten von der Wehrmacht verübten Mordaktionen, als Tausende italienischer Gefangene erschossen wurden. Schließlich waren Einheiten der Division auch an den Judendeportationen aus Griechenland aktiv beteiligt. Soldatische Tugenden?

Nach dem Krieg begann sogleich die Geschichtsklitterung. Die Veteranen, von denen einige schon bald wieder eine Uniform tragen durften, bewahrten in der neuen Bundeswehr, aber auch in der Öffentlichkeit den falschen Soldatenmythos. Erst im Verlauf der 1990er-Jahre schien es zu einsichtigem Erwachen zu kommen. Von einer "bedrückenden Vergangenheit", der man sich ehrlich stellen muss, war die Rede. Doch 2005 wird bereits wieder relativiert. Der Autor zitiert den Vorsitzenden des "Kameradenkreises" der Gebirgstruppe Manfred Benkel: lediglich indviduelles Versagen hätte zu Verbrechen geführt, für die sich der Einzelne "in letzter Instanz vor Gott" zu verantworten habe. Für dieses "Versagen" bitte man "die Opfer um Vergebung". Zugleich aber sei festzustellen, dass "kein Mitglied unseres Kameradenkreises [...] wegen Kriegsverbrechen angeklagt oder verurteilt worden" sei.

Sollten am Ende gar Widerständler unter ihnen gewesen sein? Denn natürlich fehlt auch nicht der Mythos des Beinahe-Widerstandskämpfers in der Divisionsgeschichte. In diesem Fall soll es der Kommandeur der Truppe Hubert Lanz gewesen sein. Doch der vermeintliche Widerstand entpuppt sich als schlichte Haudegenmentalität, die sich in wohlfeilem Schimpfen auf die Führung äußert, die immer wieder in die eigenen Angelegenheiten ,hineinpfuscht'. Das ist beliebte Landserart nach dem Motto ,hätte-man-uns-gelassen-dann...', oder: Widerstand in wohliger Veteranenstammtischlogik.

Angesichts des Geschehenen, so resumiert der Autor seine klarstellende Geschichte, "fühlen sich die Angehörigen der Opfer durch Benkels Worte verhöhnt; seine vermeintliche ,Entschuldigung' interpretieren sie als Heuchelei." Ein ebenso peinliches wie trauriges Fazit.

Die Taten der Gebirgsdivision im vermeintlichen Kampf gegen Partisanen erinnern sehr an die verbrecherischen Taten der deutschen Einsatzgruppen in Polen und der Sowjetunion. Nur brauchte es diese Sondertruppen nicht: die Wehrmacht selbst übernahm das Mordgeschäft an Zivilisten.

Das war zu Beginn des Krieges noch nicht ganz so eindeutig. Als in Polen die Einsatzgruppen erstmals ihr mörderisches Geschäft hinter den Frontlinien der Wehrmachtstruppen begannen, gab es seitens der Wehrmacht vereinzelten Protest gegen diese ,unsoldatischen' Aktionen. Indes verstummte der Protest bald schon wieder, nachdem Zuständigkeiten zwischen den regulären Truppen und den 'Polizeieinheiten' ausgehandelt und geklärt worden waren. Gegen den Vernichtungsauftrag der Einsatzgruppen hatte sich der Wehrmachtsprotest sowieso nicht gerichtet.

Die "Einsatzgruppen in Polen" sind bislang vergleichsweise wenig präzise erforscht. In Kooperation mit polnischen Wissenschaftlern legten nun Klaus-Michael Mallmann, Jürgen Böhler und Jürgen Matthäus einen Überblicksband über die Tätigkeiten der Einsatzgruppen von 1939 bis 1941 vor. Dabei konnten sie erstmals auch bislang unbekannte polnische Dokumente verwerten. Sie finden sich neben vielen anderen "Schlüsseldokumenten zum sicherheitspolitischen Einsatz in Polen" im Quellenteil des vorliegenden Bandes. Bei der Zusammenstellung der insgesamt 128 Dokumente, so erläutern die Verfasser, bilden "die antipolnischen und antijüdischen Gewaltexzesse" den "roten Faden". Es wurden sowohl "Quellen der Täter- als auch der Opferperspektive" ausgewählt.

Im Monografie-Teil des Bandes fassen die Autoren das mörderische Treiben der Einsatzgruppen in Polen zusammen. Dabei legen sie besonderen Wert auf die Darstellung der organisatorischen und personellen Rahmenbedingungen der Truppen, die gewissermaßen die Voraussetzung für die alsbald festzustellende "Dynamisiserung der Gewalt in Theorie und Praxis" darstellten. Um sie zu verstehen, analysieren die Autoren auch die "mentale Disposition der Kommandoführer". Ein weiterer Abschnitt bewertet die "Radikalisierung" in Polen 1939 und zu Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion 1941 "im Vergleich". Das aufschlussreiche Kapitel "Nachkriegsschicksale und justitutielle Ahndung" schließt den monografischen Teil ab.


Titelbild

Hermann Frank Meyer: Blutiges Edelweiß. Die 1. Gebirgs-Division im Zweiten Weltkrieg.
Ch. Links Verlag, Berlin 2007.
800 Seiten, 34,90 EUR.
ISBN-13: 9783861534471

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Titelbild

Klaus-Michael Mallmann / Jochen Böhler / Jürgen Matthäus: Einsatzgruppen in Polen. Darstellung und Dokumentation.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008.
252 Seiten, 49,90 EUR.
ISBN-13: 9783534213535

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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2008 » Literatur zum Nationalsozialismus » Weitere Besprechungen
 

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Letzte Änderung: 04.06.2008 - 18:00:01
Erschienen am:06.03.2008
Lesungen: 2789
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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