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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2008 » Literaturwissenschaft
 
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Weltbürgers Botschaft

Ein Sammelband des Thomas-Mann-Archivs untersucht das "weltläufige Erzählen" Thomas Manns

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vorweg eine Anekdote, die auch im Verlauf des Züricher Kongresses "Thomas Mann in der Weltliteratur", dessen Vorträge der vom Thomas-Mann-Archiv herausgegebene vorliegende 38. Band der Thomas-Mann-Studien zusammenfasst, unter den ehrenwerten Gästen und Referenten die Runde machte: Da treffen sich die Schriftsteller Gerhart Hauptmann, Bert Brecht und Thomas Mann. Und bald schon streiten sie darüber, wer denn nun von ihnen der größte aller Dichter sei. Hauptmann meint, das sei doch wohl klar: Er! Worauf Brecht anführt: "Gestern ist mir im Traum der liebe Gott erschienen, er hat auf mich gedeutet und laut gerufen: Du bist der größte Dichter aller Zeiten!" Nachdenklich bemerkt daraufhin Thomas Mann: "Bitte - was soll ich gesagt haben?"

Wie Thomas Mann mit flott-frecher Eleganz in dieser Variante der Anekdote die Brecht'sche Selbstermächtigung kontert, nötigt Respekt ab. Kaum dass man derartiges dem deutschsteifen Großbürger zugetraut hätte. Auf vielen Fotos, darauf verweist aber Thomas Sprecher, Leiter des Archivs in seinem einführenden Beitrag, zeige indes sich Thomas Mann weniger stocksteif deutsch, sondern in "weltläufig-souveräner Haltung". Es könnte sich auch "um einen Diplomaten handeln, einen Privatbankier, einen Minister, einen Industriellen, der sich ins Aufsichtsorgan zurückgezogen hat und wirkt, indem er repräsentiert." Diesem Typus jedenfalls traut man alle Eleganz und Souveränität zu.

Natürlich beschränkt sich Weltläufigkeit nicht auf ein repräsentables Äußeres. Bei Thomas Mann steht es stellvertretend für eine Form des "Weltbürgertums" im Sinne eines "Weltfähig-Weltgültigen", welches er für sich in der Nachfolge Goethes als eine Form des die Grenzen des National- Provinziellen überwindenden Schritstellerbewusstseins reklamierte. Die Haltung verweist auf die Substanz des Werkes: die universale Humanität.

Sie ist unumstritten, derweil ein bemerkenswerter medialer Hype mehr als fünfzig Jahre nach seinem Tod auch wieder die Person des Schriftstellers sowie die ganze Mann-Familie in den Mittelpunkt rückt. Der Thomas-Mann-Kenner Hans Wißkirchen zeichnet in seinem Beitrag über vier Generationen Leseerfahrung mit Thomas Mann in Deutschland die wechselvolle, aber kontinuierliche Akzeptanz des Schriftstellers nach dem Krieg nach. Sie begann mit der Nachkriegsgeneration, die Thomas Mann noch mit einem gewissen "Pathos" begegnete, ehe die respektlose - und dabei sich in der Entledigung des "literarischen Übervaters" seltsam vergreifende - 68er-Generation zum (gescheiterten) Denkmalsturm aufforderte. Ihr folgte die von der 89er-Wiedervereingung geprägte "Generation Reform" (Paul Nolte), die Stil und Form Thomas Manns zu würdigen wusste.

Schließlich ist da noch die nach dem gleichnamigen Buch von Florian Illies benannte "Generation Golf", die ,ihren Thomas Mann' zuweilen zum Kult macht - ob seines Lebens, das durch "Stil, Haltung und gutes Benehmen geprägt war." Man mag einwenden, ob denn eine sich derartig oberflächlich begründende Akzeptanz Mann gerecht werden kann. Kann durchaus, wie Judith Kuckart mit ihrem Text "Nachrichten aus L.A." vorführt. Der basiert auf einer gleichermaßen anmaßend wie pfiffigen Idee: Im Jahr 2000 genoss sie als Stipendiatin einige Wochen Aufenthalt in der ehemaligen Feuchtwanger-Villa in Pacific Palisades, unweit des Anwesens, das Mann bewohnte. Von dort schrieb sie fünf Postkarten an eine Bekannte in Zürich. Diese Postkarten bietet sie zur Lektüre an, verknüpft sie dabei mit Passagen aus Briefen Thomas Manns, die dieser zwischen 1940 und 1950 von hier aus schrieb. "Es gibt Schnittstellen. Da begegnen die vierziger Jahre dem Jahr 2000." Nun suche jeder auf eigene Faust nach diesen "Schnittstellen".

Der österreichische Schriftsteller und Essayist Franz Schuh reflektiert in seinem Vortrag zuweilen vage, jedoch immer anregend über den "Großschriftsteller". An einer Stelle erläutert er die "Hauptursache für den Welterfolg", welcher, nebenbei bemerkt, eine Voraussetzung für die ,Ehrenbezeugung' á la Robert Musils "Großschriftsteller" ist: es brauche "eine realistische Schreibweise", die "spannende Geschichten" möglich mache. Kommt dann noch ein "Reichtum an Details, zu dem der Realismus imstande ist", hinzu, dann wird es erfolgsversprechend.

Immer wieder Anlass zu klugen Reflektionen gibt das Thema Thomas Mann und Richard Wagner. Auch Nike Wagner bleibt in ihrem Beitrag über das "Verhältnis" zu Richard Wagner nicht hinter den Erwartungen zurück. Im Verlauf ihrer Darstellung erwähnt sie zwei Wagner-Lieblingsstücke Thomas Manns: das Lohengrin-Vorspiel und "Wotans Abschied" aus der Walküre. Diese Musik erregte den Zuhörer zu Tränen, wovon in den Tagebüchern vielfach Bericht erstattet wird. Bemerkenswert ist dies über jede fachspezifische Ausdeutung der Wagnerbeziehung hinaus aus einem anderen Grund: dieses Gefühlserlebnis angesichts einer Lieblingsmusik kennt jeder. Auch wenn heute kaum noch jemand dieses Erlebnis mit der Musik Wagners verbindet, so bleibt doch das Moment der innigen Rührung nachvollziehbar - ein unmittelbarer Anknüpfungspunkt für die Leser bis heute. Wer möchte, kann zudem darüber nachsinnen, wie sehr das Moment der Rührung bei Thomas Mann Überbeibsel einer deutsch-romantischen Seele ist, die den Kosmopoliten gewissermaßen ,erdet' und ihn wieder zu den Seinen heimholt. Dann aber sollte man auch wissen, dass der Weltbürger seinerseits sehr wohl um die gefährlichen Potentiale für chauvinistisch-provinzielle Vereinnahmung, die in dieser rührenden Heimholung stecken, wusste. Deshalb schaute er mit Ironie auf das romantische Gefühl.

Gerade die Ironie, von welcher ansonsten in den Beiträgen des Bandes nicht ausdrücklich die Rede ist, macht das Werk Thomas Manns lebensorientiert. Sie nimmt ihm die todessehnsüchtige Schwere. Der Germanist Alois M. Haas erläutert in seinem Beitrag "Thomas Mann zwischen Décadence und Epiphanie", von den Buddenbrocks ausgehend über die Novellen "Tristan" und "Tod in Venedig" bis zum "Zauberberg", dass die hier so anschaulich beschriebene Décadence, als Ausdruck einer "Überfeinerung und Enttüchtigung", wie Thomas Mann selbst einmal schrieb, zwar einerseits im Tod Erfüllung findet, andererseits aber in dieser Erfüllung auch eine "Öffnung zum Leben" stattfindet. So gesehen handelt es sich um einen Prozess der Selbsterkenntnis, an dessen Ende lebensbejahende Emanzipation steht. Es ist, wie es der Philosoph und Literaturkenner George Lukács forderte, "die Wanderung des problematischen Individuums zu sich selbst, der Weg von der trüben Befangenheit [...] zur klaren Selbsterkenntnis."

Der Verweis auf den ,Klassiker' George Lukács, so plausibel er ist, bestätigt aber andererseits einen Eindruck, der allen Beiträgen in diesem Sammelband gemein ist. Sie gründen in einem nicht weiter hinterfragten Literaturverständnis, welches dazu neigt, das Werk Thomas Manns gegen die mehr oder weniger geringer geschätzte literarische Avantgarde ins Feld zu führen. Es wäre indes ein Missverständnis, würde ein solcher Konservatismus das "weltläufige Erzählen" Thomas Manns einvernehmen wollen.


Titelbild

Thomas Sprecher / Manfred Papst (Hg.): Vom Weltläufigen Erzählen. 50 Jahre Thomas-Mann-Archiv.
Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt a. M. 2007.
196 Seiten, 49,00 EUR.
ISBN-13: 9783465035480

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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2008 » Literaturwissenschaft
 

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Letzte Änderung: 09.06.2008 - 16:07:33
Erschienen am:28.05.2008
Lesungen: 1799
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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