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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2008 » Schwerpunkt 1: Literaturgeschichtsschreibung
 
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Bekannte Personen, vermischte Geschichten

Heinz J. Armbrust und Gert Heine fragen: "Wer ist wer im Leben von Thomas Mann?"

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Thomas Mann ist ein Klassiker der deutschen Literatur. Nicht nur das: Er ist ein lebendiger Klassiker. Das verbindet sich interessanterweise sowohl mit der Person Thomas Mann und der Familie Mann als auch mit dem schriftstellerischen Werk. Bräuchte es ansonsten einen Beweis für die Klassifizierung, man könnte sie einfach begründen mit der Fülle der existierenden Sekundärliteratur. Was besser belegt den Status als Klassiker, als die Tatsache, dass unentwegt Literatur über ihn erscheint? Irgendwann sind freilich die Ressourcen erschöpft. Wiederholungen lassen sich nicht vermeiden. Das Wichtigste scheint geschrieben und gesagt. Zuweilen verschieben sich noch Nuancen in der Darlegung und Bewertung.

In diesem Stadium rückt an Stelle der analysierenden und forschenden Sekundärliteratur eine Art Ratgeberliteratur. Sie erkundet praktische Zugänge zum Umgang mit Thomas Mann. Zu erwähnen sind etwa die literarischen Spaziergänge auf den Spuren des Autors und an den Stätten seiner ehemaligen Anwesenheit, die man nicht nur ergehen, sondern in entsprechenden Publikationen auch nachlesen kann. So ergibt sich auch für den interessierten Laien ohne professionelles Fachverständnis ein leicht zugänglicher Einstieg in das ,Thema' Thomas Mann.

Von diesem praktischen Charakter ist auch das vorliegende "Personenlexikon", das die Frage beantworten möchte: "Wer ist wer im Leben von Thomas Mann?" An die Beantwortung dieser Frage, so erfahren wir im Vorwort des Bandes, hatten sich unabhängig voneinander und unwissend über des jeweils anderen Vorhaben Gert Heine und Heinz J. Armbrust gemacht. Erst durch die Vermittlung von an einem derartigen Vorhaben interessierter Thomas Mann-Kenner kamen die Projekte zueinander. So entstand dieser Nachschlageband, der "Artikel zu über 400 Personen, mit denen Thomas Mann in einer ,buchenswerten' Beziehung stand", bietet. "Buchenswert" war eine Beziehung dann, wenn sie in der vom Meister selbst verfassten Chronik seines Lebens, den Tagebüchern, Niederschlag gefunden hatte. Die Hinweise auf Personen hier, wie auch in den Briefwechseln Thomas Manns mit Zeitgenossen, "einschlägige Foschungsliteratur" und "sonstige Quellen" wurden dahingehend befragt, ob sie "Auskunft von einiger Substanz" zu geben vermöchten. Denn: "Es war nicht sinnvoll, eine möglichst vollständige Liste aller Bekannten Thomas Manns anzustreben, da sich mit vielen Namen keine Beziehung oder auch nur eine mitteilenswerte Episode verband."

Die Begründung einer notwendigen Beschränkung bleibt ein wenig vage. Vor allem bewertet sie die "buchenswerte" Beziehung allzu sehr nach Thomas Manns Gefallen. Ein Beispiel: Von Hans Sahl gibt es im zweiten Band seiner "Memoiren eines Moralisten" die schöne Beschreibung eines Besuchs bei Thomas Mann in Küsnacht während des schweizer Exils. "Die Audienz" lautet das Kapitel, in dem der kluge Beobachter Sahl, ein enger Freund Erika Manns und Mitarbeiter bei der "Pfeffermühle", seine kurze Begegnung samt Gespräch mit Thomas Mann erzählt. Eine feine, höchst mitteilsame Episode, die durchaus auch "Auskunft von einiger Substanz" gibt. Im Tagebuch Thomas Manns freilich ist der Besuch nur kurz vermerkt. Diese, wie auch weitere Tagebucheintragungen zu Sahl, der im amerikanischen Exil sich auch beim von Thomas Mann mitgegründeten Emergency Rescue Commitee (ERC) für Flüchtlinge engagierte, begründen also keine "buchenswerte" Beziehung: Hans Sahl fehlt im Personenlexikon.

Nun wird man immer bei derartigen Sammelbänden die Auswahkriterien hinterfragen können und auch Gründe finden, warum diese Kriterien unzureichend sind. Bedeutsamer ist der Blick auf die Artikel selbst. Diese wollen jeweils einen kurzen biografischen Abriss liefern und in einem zweiten Teil die Beziehung der jeweiligen Person zu Thomas Mann darstellen. Kann das gelingen? So beschränkt sich beispielsweise der Artikel zu Theodor W. Adorno auf Adornos musikfachliche Beiträge zum "Doktor Faustus" und der sich daraus ergebenden Beziehung zu Thomas Mann. Der Artikel beschränkt sich auf dieses wohlbekannte Kapitel in der beiderseitigen Beziehung und reduziert derart eine tatsächlich komplexeren Sachverhalt. Aus diesem Grunde ist das Personenlexikon vor allem eine übersichtliche Bereitstellung weitgehend bekannter Fakten für eine schnelle Auskunft über Thomas Mann. Mehr dann aber auch nicht.


Titelbild

Heinz J. Armbrust / Gert Heine: Wer ist wer im Leben von Thomas Mann? Ein Personenlexikon.
Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt a. M. 2008.
346 Seiten, 39,00 EUR.
ISBN-13: 9783465035589

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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2008 » Schwerpunkt 1: Literaturgeschichtsschreibung
 

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Letzte Änderung: 02.07.2008 - 11:06:45
Erschienen am:23.06.2008
Lesungen: 2295
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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