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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2008 » Deutschsprachige Literatur » Weitere Rezensionen
 
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Neue Fußballgeschichten

Der Band "Titelkampf" versammelt "Fußballgeschichten der deutschen Autorennationalmannschaft"

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auf den Fußballplätzen dieser Welt, nicht gerade den großen Stadien, eher auf solchen Plätzen, auf denen man sich ohne großen Aufwand zum Spiel verabreden kann, tritt zuweilen die Autorennationalmannschaft auf. Eine nette und lustige Truppe aus "kickenden Schriftstellern", "aber vom rein Fußballerischen her mit starken Unterschieden behaftet", wie der erste Coach dieser Mannschaft Hans Meyer sie in seinem Beitrag zum vorliegenden Sammelband beschreibt. Immerhin, er coachte sie 2005 bis zum Vizeweltmeistertitel - unter einer Weltmeisterschaft macht man es auch in diesen Kreisen nicht.

Für den vorliegenden Band "Titelkampf" haben sich die kickenden Autoren aber wieder auf ihr eigenes Fach besonnen: 28 Autoren (in der Tat allesamt Herren!) liefern "Fußballgeschichten". Gewissermaßen ausser Konkurrenz gehört zum Kader auch der Altmeister der Fußballpoetik Ror Wolf. Eine Auswahl seiner "Rammer & Brecher Sonette" gliedert die Textauswahl, jeweils eins dieser Sonette leitet jedes der sechs Kapitel ein. Rammer und Brecher, das wissen die Fußballpraktiker, sind im Gefüge einer Mannschaft die Arbeiter, die Grobmotoriker, deren fußballerische Schwerarbeit im Schatten der auf die feinen Techniker und eleganten Strategen gerichteten Scheinwerfer stattfindet. Sie sind nicht unbedingt beliebt, aber sicher ist: Je tiefer die Spielklasse, umso häufiger begegnet man ihnen. Unentbehrlich sind sie dort. Vielleicht dachten sich einige der Fußballautoren, man müsse auch diesen Fußballertypen einmal Ehre erweisen. Jedenfalls handeln viele der Geschichten von Rammern und Brechern auf den Dorffußballplätzen, auf tristen Aschen- und verkümmerten Rasenplätzen. Oft sind dies die Orte einer melancholischen Erinnerung an die Hoffnungen und Enttäuschungen der Jugendzeit. Der Fußball steht hier ebenso als Metapher für die Herausforderungen des Lebens, wie er 'kleine Fluchten' ermöglicht, bevor das erwachsene Leben seinen unabänderlichen Lauf nimmt. So wie es dem Jungen in Jörg Schiekes Geschichte einmal gelingt, den anderen eins auszuwischen: "Mit dem Ball am Fuß durch einen Flockenwirbel auf das verschneite Tor zulaufen" heißt seine Geschichte.

Daneben stehen Erinnerungen an kantige Trainertypen, die, wie in Thomas Klupps Geschichte "Der Trainer", auch unfeine Methoden anzuwenden wissen, wenn es um den Erfolg geht. Um den Erfolg, der für Momente das Leben adelt und doch so schnell wieder vergessen ist. In Michael Levitins Geschichte "Nicht genug" erfährt der erwachsene Ich-Erzähler vom Selbstmord seines ehemaligen Klassenkameraden Nick. Er erinnert sich, wie dieser als 14jähriger einmal im Mittelpunkt stand und von allen gefeiert wurde, als er ein Endspiel mit seinen Toren entschied. Von einem ganz anderen 'Erfolg' erzählt Klaus Cäsar Zehrer in seiner Geschichte von der "wiederhergestellten Ehre des Bertholt Zehrer". Es ist die Geschichte einer lange geplanten Vergeltungsaktion auf dem Fußballplatz, vollstreckt von dem ungelenken Brecher "Onkel Werner", die für den Erzähler belegt, "dass der Fußball es schafft, einer höheren, reineren Form der Gerechtigkeit zur Entfaltung zu verhelfen, als es die rohe, grausame Welt jenseits der Außenlinien je vermöchte."

Neben diesen mit dem Erfahrungsschatz aus Freud und Leid gespeisten Geschichten überzeugen die fiktiven Kurzgeschichten im Kapitel "Meister der Schmerzen". Ralf Bönt erzählt in der Geschichte "Essen" anrührend davon, wie jemand in seiner Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen Halt im Fußball findet: "...heute Abend ist Europapokal, da hast du mal wieder Glück gehabt. Denn der Fußball, den liebst du. Für seine Sinnlosigkeit." Eine andere Leidensgeschichte erzählt Uli Hannemann in der Geschichte "Vor dem Spiel ist nach dem Spiel". Der Ich-Erzähler erzählt von seiner vergeblichen Liebe zum VEREIN. Es ist eine ebenso triste wie unausweichliche Liebe: "Mit der Geburt endet die Hoffnung. Die Hoffnung endet mit dem Anpfiff. Das Spiel beginnt." Auch Andreas Merkel schafft in seiner Geschichte "Herrndorf gibt nicht auf" eine Athmosphäre melancholischen Scheiterns. Hier ist es der Fußballer, der sich in der luxuriösen Reha nach einer schweren Verletzung über das Ende seiner Karriere klar werden muss.

Im Vergleich mit diesen Texten können die über Fußball reflektierenden Texte nicht immer mithalten. So steht einer schönen Würdigung des ehemaligen Bayern-Stürmers Gerd Müller von Georg M. Oswalt ein etwas bemühter Versuch von Simon Roloff gegenüber, am Beispiel des italienischen Abwehspezialisten Cannavaro eine faszinierende "Leere des Fußballs" zu ergründen. Auch Wolfgang Eilenbergers Referenz an die Nationalspielerin Renate Lingor mutet allzu pflichtbewusst an. Am Ende soll aber doch noch ein bemerkenswerter Text in dieser Sammlung erwähnt werden: der zuweilen "Philosoph des Fußballs" genannte argentinische Ex-Nationalspieler Jorge Alberto Valdano Castellano reflektiert in seinem kurzen Text "Das erträumte Tor" über den Prozess der Aneignung seines Endspieltors bei der WM 86: "Es war wahr, es war ein Tor, und es war meins!"


Titelbild

Ralf Bönt / Albert Ostermaier / Moritz Rinke (Hg.): Titelkampf. Fußballgeschichten der deutschen Autorennationalmannschaft.
Suhrkamp Verlag, Farnkfurt a. M. 2008.
284 Seiten, 8,90 EUR.
ISBN-13: 9783518459690

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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2008 » Deutschsprachige Literatur » Weitere Rezensionen
 

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Letzte Änderung: 02.07.2008 - 11:06:51
Erschienen am:23.06.2008
Lesungen: 2586
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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