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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2008 » Krimis
 
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Zu blutig, zu sanft, zu schamanistisch und zu politisch

Colin Cotterill erzählt von dem laotischen Pathologen Dr. Siri

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Endlich ist alles gut geworden: Die Revolution hat gesiegt. Nach vielen Jahren des Kampfes, davon einige im Pariser Exil, wo er Medizin studierte und sich unsterblich verliebte, ist Dr. Siri zurück in Laos und denkt, mit 72 Jahren könne er sich zur Ruhe setzen. Weit gefehlt: Der Kommunismus braucht ihn. Er wird zum Chefpathologen des Landes in Vientiane ernannt. Er ist der einzige, der es auch nur ansatzweise könnte: Alle anderen Intellektuellen sind geflüchtet. Und so durchforstet Siri die wenigen Pathologiebücher, die er aus Frankreich mitgebracht hat. Hilfe bekommt er von der hübschen Krankenschwester Dtui, die gerne Ärztin werden will, und Herrn Geung, der zwar ein leichtes Down-Syndrom, aber auch ein phänomenales Gedächtnis hat.

Und natürlich gibt es selten das, was er braucht: die Chemikalien für die Untersuchungen muss er sich mühsam zusammenleihen, die Knochensäge kommt aus der Fleischerei, andere Geräte sind Relikte aus fernen Zeiten. Dafür gibt es zu viel von dem, was er nicht braucht: vor allem Vorgesetzte, die verlangen, dass er immer "Herzstillstand" als Todesursache in seinen Bericht schreibt. Was nicht ganz falsch ist, denn wenn dem Toten vorher die Beine weggequetscht wurden, bleibt das Herz auch stehen. Aber so ganz exakt ist die Diagnose dann auch wieder nicht.

Der Fall, mit dem Dr. Siri als Serienheld eingeführt wird, beginnt, als die Frau eines hohen Parteimitglieds plötzlich stirbt und man gleichzeitig zwei Leichen in einem See findet, die nur notdürftig mit wasserlöslichen Schnüren verpackt und offensichtlich gefoltert wurden. Sie werden als Vietnamesen identifiziert, dem "sozialistischen Brudervolk" zugehörig, mit dem es manchmal auch nicht einfach ist. Und da manche Leichen noch vor der Obduktion verschwinden, scheint sowieso nicht alles mit rechten Dingen vor sich zu gehen.

Dr. Siri beginnt zu ermitteln, auch jenseits der Pathologie. Und so langsam hat er Spaß an der Detektivarbeit. Natürlich bekommt er Unterstützung. Nicht nur von alten Freunden und eifersüchtigen Parteigenossen, sondern auch von den Toten selbst. Denn Dr. Siri träumt sehr viel, und in manchen Träumen erzählen ihm die Toten etwas, geben ihm Hinweise, erzählen von ihrem Leben und ihrem Tod. Dann fängt Dr. Siri auch noch an, tote Menschen im Wachzustand zu sehen. Und als er zu einem anderen Volk aufs Land fährt, erkennen die Dorfbewohner in ihm einen uralten Schamanen, der vor 1000 Jahren schon einmal gelebt hat. Tatsächlich spricht er plötzlich ihre Sprache und kämpft in Trance mit bösen, trickreichen Baumgeistern. Schließlich wird er von den Toten und einem Hund beschützt und überlebt mehrere Anschläge. Am Ende stellt sich heraus, dass Dr. Siri dem Geheimdienst auf der Spur war, der einen internationalen Zusammenstoß mit Vietnam provozieren wollte, um seine Zusammenarbeit mit dem Klassenfeind zu vertuschen.

"Dr. Siri und seine Toten", so der Titel des ersten Abenteuers von bisher vieren, ist also durchaus wörtlich zu verstehen. Der britische Schriftsteller Colin Cotterill erzählt schwungvoll und leicht ironisch, so dass man zwar viele Informationen über dieses fremde Land aufnimmt, sich aber vor allem an den schön beschriebenen, schlitzohrigen Kämpfen mit der kommunistischen Obrigkeit und der augenzwinkernden Persönlichkeit dieses gewitzten Arztes erfreut.

Der Roman steckt voller skurriler, glaubhafter Details: die allgemeine Bespitzelung durch Nachbarn und den "Hühnerzählern" der Regierung, die öffentlichen Lautsprecher, die schon frühmorgens ihre Propaganda herausplärren, die "freiwillige" Meldung zum sozialistischen, nachbarschaftlichen Grabenausheben, das Abholzen riesiger Waldflächen gegen jede ökologische und schamanistische Vernunft. Mit viel Sympathie wird das allgemeine Durchwurschteln durch die Mangelwirtschaft beschrieben, und der gelassene Widerstand gegen eine Regierung, für die man gekämpft hat, und die es jetzt auch nicht viel besser und auch nicht viel schlechter als die Kolonialregierung macht. Vor allem werden die Beziehungen zwischen den Menschen, Liebes-, Misstrauens-, Freundschaftsbeziehungen, fein und sensibel erzählt.

Für einen Roman aus der beliebten Cozy-Ecke ist er allerdings ein wenig zu blutig, für einen hard-boiled viel zu sanft, für einen realistischen zu schamanistisch und für einen esoterischen viel zu politisch. Hat Cotterill ein neues Sub-Genre erfunden? Wie dem auch sei, der Rezensent hat einiges gelernt und vor allem hat er sich köstlich über diesen witzigen, kämpferischen, freundlichen und von Geistern gejagten Chefpathologen amüsiert.


Titelbild

Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Thomas Mohr.
Manhattan Verlag, München 2008.
317 Seiten, 17,95 EUR.
ISBN-13: 9783442546428

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Letzte Änderung: 27.08.2008 - 16:57:14
Erschienen am:07.08.2008
Lesungen: 1581
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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