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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 2008 » Deutschsprachige Literatur » Lyrik
 
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Post von Onkel Mommsen

Über Durs Grünbeins Gedichtband "Strophen für übermorgen"

Von Konrad LeistikowRSS-Newsfeed neuer Artikel von Konrad Leistikow

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es ist ein seltsamer Gedichtband, den Durs Grünbein mit "Strophen für übermorgen" vorgelegt hat. Auf den ersten Blick finden sich nur Variationen bekannter Themen: Da sind Kindheitserinnerungen, Reiseeindrücke, Großstadtszenen, historische Miniaturen, philosophische Reflexionen und eingestreute Gelegenheitsgedichte. Fast wirkt die Zusammenstellung wie eine Begehung des eigenen Werkes, eine Art Retrospektive alles bisher Geschriebenen. Mindestens ist sie eine Zwischenbilanz.

Nun ist all das aber unter einem Titel versammelt, der eine schillernde Vieldeutigkeit aufweist: Zuerst einmal ist es die ironische Abdankung eines Autors, der den bewegten Lebensabschnitt seines Debüts und kometenhaften Aufstiegs abgeschlossen hat und seit längerem nicht mehr in aktuellen literarischen Strömungen mitschwimmt. Spätestens mit der Adelung durch die Zuerkennung des Georg-Büchner-Preises im Jahr 1995 wurde Durs Grünbein zum modernen Klassiker erhoben und aufgenommen in den bürgerlichen Bildungskanon. Diesen gesellschaftlichen Status, der ihm in der Beurteilung von außen zugeschrieben wird, reflektierte er mit einer Versenkung ins Historische und bewussten Abkehr vom popliterarischen Zeitgeist. Auch in "Strophen für übermorgen" tauchen an vielen Stellen Anspielungen auf, etwa wenn sich Grünbein in dem Gedicht "Was ich bin" unter anderem als "Ausgeburt grotesker Phantasien" bezeichnet.

Allerdings geht es nicht nur um das Ende eines persönlichen Lebensabschnitts, sondern zugleich auch um das Ende einer ganzen Zeitrechnung. Denn nicht erst in diesen Texten betont der Dichter den Umstand, dass unsere Moderne im Begriff ist, sich vollständig aus ihren historischen Sinnzusammenhängen zu lösen. Damit ist vor allem die abgerissene Verbindung zu unseren kulturellen Ursprüngen, die in der Antike liegen, gemeint: "Mythen, wozu Mythen? Da ist nichts, was es nicht gibt." Eine Zeit, welche in völliger Selbstgenügsamkeit die Bedingungen ihrer Herkunft nicht mehr reflektiert, verliert die Deutungshoheit über Gegenwart und Zukunft. Die Karten der alten Welt haben für uns ihre Gültigkeit eingebüßt. Deshalb segeln wir planlos auf offenem Meer und haben - anders als vormals Odysseus - nicht einmal mehr das Ziel der Heimkehr vor Augen.

Das ist kein zeitkritisches Lamento. Wenn Grünbein im titelgebenden Zyklus ein apokalyptisch anmutendes Szenario entwirft, das in einer nahen Zukunft angesiedelt ist, hat das wenig mit Untergangsprophetie zu tun. Vielmehr drückt sich hier ein Verlangen nach Einsicht in unsere absurden Lebensvollzüge aus: "Keiner / springt je zur Lebzeit ab vom Karussell." Die Kreditkarte wird zum "süße[n] Totenschein", mit dem wir uns und unsere Welt zugrunde richten. Es stellt sich die berechtigte Frage: Was treiben wir hier eigentlich? Grünbein eröffnet ein ironisches Spiel, das unser Bewusstsein wachkitzeln kann, wenn wir bereit sind, uns darauf einzulassen. Die moderne Großstadt als Phantasmagorie ist dabei ein beliebtes Motiv, weil sie in ihrer ruhelosen Bewusstlosigkeit und eklektischen Omnipotenz jeden Tag aufs Neue die Unwirklichkeit des Wirklichen beschwört.

Ausgestattet mit einem außergewöhnlichen Geschichtsbewusstsein, das sicherlich auch aus den Umständen der persönlichen Herkunft erwachsen ist, waren Grünbeins Gedichte immer schon eindringliche Versuche der Selbstvergewisserung und der Memoria im intertextuellen Dialog mit den großen Toten - ein Geschichtsbewusstsein, das vielen modernen Menschen (selbst Dichterkollegen) abhanden gekommen ist und bei Grünbein personifiziert begraben liegt als "Onkel Mommsen in der Gruft". An anderer Stelle, in seinem brillanten Gedicht "Sortilegium", schreibt er: "Wir sind [...] Kinder, ganz vertieft ins Entstehen". Wer kann denn heute noch innehalten, ohne vom rücksichtslosen Vorwärtsdrängen der Moderne davongeschwemmt zu werden?

Was die Form der Gedichte betrifft, würden böse Zungen behaupten, es seien Strophen von vorgestern: Grünbeins Langverse erinnern an antike Distichen, an "die unsterblichen Strophen / Von Homer bis Ovid". Wer darin vor allem ein provokatives Übergehen jeder zeitgenössischen Vorstellung von Lyrik sehen möchte, greift ein bisschen kurz. Nicht nur spielt der Dichter virtuos mit den tradierten Vorgaben und Regeln, während er sie geschmeidig an unsere heutige Erfahrungswelt anpasst. Diese "Strophen für übermorgen" erweisen sich darüber hinaus in der kontemplativen Unaufgeregtheit ihrer leisen Echostruktur als äußerst haltbar und beständig. Sie erinnern uns daran, was Gedichte eigentlich sind: Botschaften in der Zeit.

Als eine Flaschenpost zeigt sich also das Buch bei näherem Hinsehen, ganz bewusst abgeschickt an eine unbekannte Zukunft, als wolle Grünbein dem ahistorischen Weltbezug der Gegenwart Rechnung tragen. Wer sich stört an seiner Haltung des Mittlers zwischen den Zeiten, des 'Übersetzers' der ewigen Fragen, kann die Flaschenpost ja wieder zurückwerfen in den Strom der Zeit. Jemand anderem wird sie vielleicht zur Offenbarung.


Titelbild

Durs Grünbein: Strophen für übermorgen. Gedichte.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007.
205 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783518419083

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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 2008 » Deutschsprachige Literatur » Lyrik
 

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Letzte Änderung: 03.11.2008 - 14:18:28
Erschienen am:03.11.2008
Lesungen: 1525
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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