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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 2008 » Politik und Geschichte » Nationalsozialismus
 
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Nötige Erinnerung

Zwei Bände erinnern an die "Führerschule der Deutschen Ärzteschaft" in Alt Rehse sowie das Konzentrationslager Hinzert im Hunsrück

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zu den Berufsgruppen, die ihre Verwicklungen mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nach 1945 nur sehr zögerlich aufzuarbeiten bereit waren, gehören die Ärzte. Immerhin war unter ihnen der Anteil der NSDAP-Mitglieder besonders hoch. Sie waren, daran erinnert der Herausgeber des vorliegenden Bandes über die "Führerschule der Deutschen Ärzteschaft in Alt Rhese", Rainer Stommer, "die mit Abstand am stärksten mit den Nazis sympathisierende Gruppe von Akademikern - noch weit vor den Juristen und Lehrern."

Infolgedessen ließen sich die ärztlichen Standesvertretungen wie der Hartmannbund, die größte Vereinigung niedergelassener Ärzte in Deutschland, oder der Deutsche Ärztevereinsbund schnell und bereitwillig ,gleichschalten'. Widerstand war hier nicht zu erwarten. Mit der Gründung der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD) bereits am 2. August 1933, über den als Pflichtverband die Zulassung der Ärzte ,gesteuert' wurde, sowie der Errichtung der "Reichsärztekammer" am 1. April 1936 war der Prozess der Gleichschaltung auch formal erfolgreich. Beide Organisationen leitete der "Reichsärzteführer" Gerhard Wagner, dessen bereits vor 1933 gegründeter NS-Ärztebund - auch das ein Ausweis der besonderen Rolle der Ärzte im Nationalsozialismus - "als einzige berufsständische Gruppierung seine Selbständigkeit innerhalb der NSDAP als angeschlossener Verband nach 1933 behaupten" konnte.

Um die Rolle der Ärzteschaft im Kontext der nationalsozialistischen Gesundheits- und Rassenpolitik sowie der diese begründenden Ideologie zu sichern und zu stärken, kündigte Wagner "umfassende ,weltanschauliche Schulungen'" an. In Alt Rhese, unweit von Neubrandenburg, hatte man einen passenden Ort gefunden. So entstand dort seit 1934 die "Führerschule der Deutschen Ärzteschaft". Zwischen 1935 und 1943 diente der Ort mit kurzer Unterbrechung eben dieser "weltanschaulichen Schulung" von Ärzten, Apothekern, Hebammen und anderen im Gesundheitsbereich tätigen Menschen.

Nach 1945 wurden die Schulungsorte zunächst von den Sowjets, später von verschiedenen Einrichtungen der DDR benutzt. Seit Mitte der 1950er-Jahren nutzten Staatssicherheit und schließlich die Nationale Volksarmee den Ort. Schon bald nach Ende der DDR erhoben ausgerechnet der Hartmannbund und die Kassenärztliche Vereinigung Anspruch auf das am Tollensesee gelegene Gelände. Der Streit führte zu keinem Ende, über das Bundesvermögensamt wurde das Areal schließlich 2005 an private Eigner verkauft. Das ehemalige Gutshaus, in dem bereits seit 2002 eine Ausstellung zur Geschichte des Ortes und der "Führerschule" gezeigt wird, wurde 2007 an den Verein für die Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rhese e.V. verkauft.

Der vorliegende informative Band "Medizin im Dienste der Rassenideologie" geht auf eine von diesem Verein organisierte Tagung zum Thema "Die ,Führerschule der Deutschen Ärztschaft Alt Rhese' und die NS-Gesundheitspolitik" zurück. Aufgenommen wurden für diesen Band nur die Vorträge, die sich sehr konkret mit Alt Rhese beschäftigten. Ein umfangreicher Bildteil ergänzt die für den Band überarbeiteten Texte. So entstand ein Buch, das recht anschaulich über ein fast vergessenes Kapitel zum Komplex der "Verstrickung von Medizin und Medizinern in die nationalsozialistische Gesundheitspolitik und die Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus" informiert.

Ebenso niederschwellig informiert die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz über das "Konzentrationslager Hinzert und seine Außenlager". Es handelt sich bei der kleinen Schrift um den entsprechenden Beitrag in dem von Wolfgang Benz und Barbara Distel herausgegebenen fünften Band der verdienstvollen Reihe "Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager", in dem Hinzert gemeinsam mit Auschwitz und Neuengamme bearbeitet wird. Mit Zustimmung der Herausgeber wurden aus diesem Band die Texte über Hinzert sowie als "Vorwort der Herausgeber" die entsprechende Passage aus der ursprünglichen Einleitung übernommen, um den so entstandenen schmalen Band "der regionalen Öffentlichkeit und den Besuchern der Gedenkstätte zugänglich zu machen."


Titelbild

Wolfgang Benz / Barbara Distel (Hg.): Hinzert. Das Konzentrationslager Hinzert und seine Außenlager.
Verlag C. H. Beck, München 2008.
90 Seiten, 9,90 EUR.
ISBN-13: 9783406577901

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Titelbild

Rainer Stommer (Hg.): Medizin im Dienste der Rassenideologie. Die "Führerschule der Deutschen Ärzteschaft" in Alt Rehse.
Ch. Links Verlag, Berlin 2008.
136 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783861534778

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Letzte Änderung: 03.11.2008 - 14:18:30
Erschienen am:03.11.2008
Lesungen: 1379
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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