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Genom - Gehirn - Umwelt

Wolfgang Wieser entwirft in seinem Buch "Gehirn und Genom" ein neues Drehbuch für die Evolutionstheorie

Von Heike GeilenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heike Geilen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Menschliches Genom entschlüsselt!" Diese Meldung schlug im Jahr 2000 ein wie eine Bombe. Die Berichterstattung beherrschte ein ganzes Jahr lang die Medien. Man sprach vom "Buch des Lebens", das nun offen zu liegen schien. Anlässlich dieser sensationellen Bekanntgabe verkündete der damalige US-Präsident Bill Clinton in einer Pressekonferenz das Ereignis der Weltöffentlichkeit mit folgenden Worten: "Mit diesem Tag lernen wir die Sprache, mit der Gott das Leben erschaffen hat". Dies veranlasste Sidney Brenner, einen der Pioniere der Genforschung, zu der Bemerkung: "Und vielleicht ist die Bibel die Sprache, in der der Mensch Gott erschaffen hat".

"Sieht man einmal davon ab, dass weder das Genom noch die Bibel eine Sprache ist", so der Autor, "sondern bestenfalls ein geschriebener Text, dann trifft zu, dass sowohl die Entwicklung eines Individuums aus dem Genom der befruchteten Einzelle als auch die Erschaffung eines Gottesbildes durch die Sprache etwas mit der Übertragung und Verarbeitung von Information zu tun hat." Doch wie bei jeder Analogie, so muss auch hier die Frage nach ihrer Tragfähigkeit gestellt werden. Auf der untersten, der semiotischen Ebene, ist die "Sprache" klar. Das genetische Programm sämtlicher Lebewesen kommuniziert mit vier molekularen Bausteinen, den Nukleotiden, die das Grundgerüst der Chromosomen bilden. Doch welcher Status kommt der nächsthöheren organisatorischen Einheit, dem Gen, zu? Ist dieses wirklich nur ein autonomer egoistischer "Einzelgänger" oder interagiert es vielleicht auf "internationaler Ebene"? Reagiert es gar auf ökologische, ja kulturelle Ereignisse?

Unbestritten ist es Charles Darwins großes Verdienst, die biologische Evolution vor 150 Jahren entdeckt zu haben. Er bot der Menschheit ein Weltbild von einzigartiger Tiefe und Schlüssigkeit an, das sich mit der Revolution der Molekulargenetik Mitte des vorigen Jahrhunderts manifestierte. Doch der totalitäre Anspruch dieser Theorie des "descent with modification" steht auf wackligen Beinen. Wieser ist der Überzeugung, dass zum Verständnis der biologischen Evolution noch einiges mehr gehört "als die dürren Worte, mit denen Charles Darwin seine Theorie charakterisiert hatte". Ebenso von Bedeutung ist für ihn, die Mechanismen und Strategien des evolutionären Prozesses sichtbar zu machen, "denn erst diese vermögen den abstrakten Rahmen mit konkretem Leben zu erfüllen."

Wieser führt dem Leser in seinem übersichtlich gegliederten, fundierten und weit gefassten Sachbuch die entwicklungsbiologischen Entdeckungen des letzten Jahrhunderts vor Augen und zeigt auf, "wie ein sich selbst organisierendes dynamisches System imstande ist, so widersprüchliche Forderungen wie Stabilität und Variabilität, Konkurrenz und Kooperation, Autonomie und Anpassung, Egoismus und Altruismus mehr oder minder aufeinander abzustimmen oder die .Pflicht' zu Nachhaltigkeit mit dem ,Wunsch' nach Innovation scheinbar problemlos auf denselben Nenner zu bringen."

Ein großes Kapitel widmet er - der Titel verrät es - dem Gehirn. Zeichnet sich jenes gerade dadurch aus, dass es vor allem der Spezies Mensch ermöglicht, sich von ihren genetischen Abhängigkeiten Schritt für Schritt zu emanzipieren, Autonomie zu gewinnen und eine eigenständige Evolution in Gang zu setzen - die "kulturelle Evolution".

Keine andere Art hat sich so schnell entwickelt wie der homo sapiens. Hier kann es einfach nicht mehr alleinig an den Genen und dem durch Charles Darwin geprägten Motto "survival of the fittest" liegen. Als Beispiel nennt Wieser unter anderem Probanden, die blind geboren wurden oder Kinder, die völlig sprachisoliert aufwuchsen. Als Erwachsene können sie im ersten Fall nach geglückter Operation weder sehen noch im zweiten Fall sprechen lernen.

Gene entscheiden zwar, wie die Vorgaben des Genoms umgesetzt werden, doch wenn diese Möglichkeiten nicht aktiv genutzt werden, verkümmern sie.

Wieser meint, es sei daher an der Zeit, ein "neues Drehbuch der Evolution" zu schreiben, das beiden "Hauptakteuren" gerecht wird: dem Genom als "genotypischem" und dem Gehirn als "phänotypischem" Steuerorgan. Fungiert das Genom auf der einen Seite als Stabilisator von Bauplänen und langfristig wirksamen Anpassungen, agiert auf der anderen das Gehirn als "Dirigent" der jeweils aktuellen Vorgänge im inneren und äußeren Milieu des Individuums sowie als Motor seiner Kreativität. Ein Zusammenspiel - entweder einander unterstützend oder in Opposition zueinander - steht außer Frage. Immerhin stehen 25.000 menschlichen Genen 100 Milliarden Nervenzellen, die untereinander außerdem noch Billionen Verbindungen eingehen, gegenüber - eine nicht gerade unerhebliche Zahl.

In insgesamt acht Kapiteln zeigt Wieser spannende und interessante Ansätze auf und setzt sich mit dem Einfluss der kulturellen Entwicklung auf die Evolution des Menschen auseinander. Eine Lösung des großen Zusammenschlusses aus Darwinismus, Zellforschung, Genetik, Neurologie und Biochemie kann Wieser jedoch auch nicht bieten. Er wirft letztendlich mehr Fragen auf, als man Antworten zu finden hofft. Trotz alledem ist sein Buch eine wahre Fundgrube aus neuerem biologischem Wissen und vielen interessanten Details, die eine Vorstellung davon geben, wie komplex die Wechselwirkungen und Entwicklungen in der Biologie sind. Als Leser meint man mitunter durch die Vielzahl der angesprochenen Randgebiete, sich im Dschungel der Komplexität zu verirren. Hier wäre ein durchgängiger, lenkender "roter Faden", der alle Kapitel zusammenhält, von Vorteil gewesen. Auch erschweren die exzessiv eingestreuten Fachtermini einem Nichtbiologen die Lesbarkeit enorm. Doch eine individuelle Auseinandersetzung mit der behandelten Thematik lohnt allemal und ist für jeden Interessierten zu empfehlen.


Titelbild

Wolfgang Wieser: Gehirn und Genom. Ein neues Drehbuch für die Evolution.
Verlag C. H. Beck, München 2007.
286 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783406556340

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http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12479


Letzte Änderung: 09.02.2009 - 11:15:09
Erschienen am:11.11.2008
Lesungen: 3824
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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