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 literaturkritik.de » Nr. 7 / 8, Juli 2000 (2. Jahrgang) » Schwerpunkt II: Utopie » Dystopien und Gentechnik
 
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Der Liebhaber aus dem Labor

Marge Piercys Vision vom Leben im Jahre 2059

Von Waltraud Strickhausen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schöne neue Welt - die amerikanische Autorin Marge Piercy zeichnet in ihrem in den USA bereits 1991 erschienenen Roman "Er, Sie und Es" ein düsteres Bild: Die Erde ist durch den Treibhauseffekt und seine Folgen in weiten Teilen verwüstet und vergiftet, Hungersnöte und Seuchen haben die Weltbevölkerung dezimiert; der Nahe Osten ist durch einen atomaren Krieg von der Landkarte ausgelöscht worden. Um die Macht kämpfen 23 multinationale Konzerne, deren Mitarbeiter ein normiertes und permanent kontrolliertes, dafür aber auch privilegiertes Leben führen, während die Mehrheit der Menschen in Slums, dem sogenannten "Glob", dahinvegetiert und den "Multis" als Tagelöhner dient. Privilegierung bedeutet, in einem durch Kuppeln oder Schutzhüllen gegen die tödliche Sonnenstrahlung abgeschirmten Raum zu leben und natürlich gewachsene Nahrung anstelle von Algenprodukten zu essen. Sozialer Status ist außerdem an der Verfügbarkeit von Schönheitschirurgie, künstlicher Organe, dem Einsatz von Arbeitsrobotern und vor allem dem direkten Zugang zum weltweiten Datennetz ablesbar. In dieser uniformierten und brutalisierten Welt haben sich lediglich einige "freie Städte" erhalten, die eine Art 'Inseln der Freiheit' bilden.

Diese Hintergrundinformationen werden dem Leser, ähnlich wie in Margaret Atwoods "The Handmaid's Tale", zunächst nur bruchstückhaft mitgeteilt, so dass man sich einer befremdenden, schwer zu durchschauenden Situation gegenübersieht. Erst gegen Ende erfolgen noch einmal zusammenhängende Erklärungen der Vorgeschichte, die dann teilweise schon redundant wirken. Erzählt wird aus den jeweiligen Perspektiven zweier Figuren, Shira und Malkah, einer jungen und einer alten Frau, wobei unterschiedliche Zeitebenen - Geschichten in der Geschichte - den gleichen präsentischen Charakter erhalten.

Den Kern der Romanhandlung bildet der Kampf der freien jüdischen Stadt Tikva gegen die Einverleibung durch einen der großen Konzerne. Tikva (hebr. Hoffnung) ist nach einer neuerlichen Welle der Judenverfolgung entstanden, ein "zerbrechliches modernes Ghetto", das sich durch seine allseits begehrten Technologie-Exporte bisher seine Unabhängigkeit bewahren konnte. Nach jahrzehntelangen Experimenten ist dem Wissenschaftler Avram die Erschaffung eines funktionsfähigen Cyborg, d. h. eines künstlichen Wesens aus biologischen und maschinellen Bestandteilen mit menschlicher Gestalt, enormen Kräften und der Speicherkapazität eines hochentwickelten Computers gelungen, der die Datenbasis der Stadt gegen die zunehmenden feindlichen Angriffe und gegen Industriespionage verteidigen soll. Anders als bei seinen Vorgängermodellen, die aufgrund ihrer unkontrollierbaren Gewalttätigkeit wieder zerstört werden mussten, hat Avram bei der Programmierung Jods die Hilfe Malkahs hinzugezogen, die als Chimären-Designerin Pseudoprogramme zum Schutz der Konzernbasen entwirft. Malkah hat zu Jods Programmierung die sozialen und emotionalen Komponenten beigesteuert. Das Wissen zur Herstellung dieses Cyborg ist, wie sich später herausstellt, eines der Hauptziele der gegen Tikva gerichteten Angriffe.

Retardierend und mit der eigentlichen Handlung abwechselnd, erzählt Malkah für den Cyborg Jod (= der 10. Buchstabe des hebräischen Alphabets) die Geschichte vom Rabbi Juda Löw im Prag um 1600, der zum Schutz vor einem neuerlichen Pogrom einen Golem erschuf: ein Geschöpf aus Lehm, das nach der jüdischen Überlieferung "durch die magische Kraft des Menschen und in menschlicher Form produziert werden kann", und zwar mit Hilfe des mystischen und unaussprechlichen Gottesnamens und der "Buchstaben, die die Signaturen aller Schöpfung sind" (Gershom Scholem). Die Benennung der verschiedenen Cyborgs nach den Buchstaben des hebräischen Alphabets soll wohl auf die beabsichtigte Analogie hindeuten. Die Verbindung der mittelalterlichen Legenden vom Golem mit den modernen Experimenten zur Erzeugung künstlicher Intelligenz ist nicht Piercys Erfindung, sondern bereits in Scholems Ausführungen über den Golem von Prag vorgezeichnet, wenn dieser vom "Golem unserer Tage, dem modernen Computer" spricht und den gefährlichen Implikationen, die mit diesem Versuch eines Nachvollzugs des göttlichen Schöpfungsakts verbunden sind. Während der Golem der jüdischen Kabbalisten ein ergebener Diener des Rabbi bleibt, dem die Fähigkeit der Sprache versagt ist, wird er in Marge Piercys Neugestaltung zu einem Wesen, das sowohl sprechen als auch menschliche Gefühle entwickeln kann. Scholems offene Frage "Kann der Golem lieben?" wird zu einem zentralen Motiv der Geschichte ausgebaut. Der Golem von Prag verliebt sich in die Tochter des Rabbis, und dies wird, abweichend von der Überlieferung, der Grund sein, weshalb Rabbi Löw ihn am Ende wieder in Staub zurückverwandelt.

Dem modernen Golem Jod ist sogar die zeitweilige Erfüllung seiner Wünsche beschieden. Shira, Malkahs Enkelin, kehrt nach dem Verlust ihres Sohnes Ari, der vom Konzern Yakamura-Stichen nach ihrer Scheidung dem Vater zugesprochen wurde, vermeintlich freiwillig aus der Y-S-Enklave nach Tikva zurück. Dass es sich dabei um einen raffinierten Coup des Multis handelt, enthüllt sich erst im weiteren Verlauf der Handlung. Sie übernimmt die Aufgabe, den/das(?) Cyborg zu sozialisieren und ihn mit den nicht-rationalen Aspekten menschlichen Verhaltens, wie z.B. metaphorischem Sprechen, vertraut zu machen. Im Verlauf ihrer Arbeit entwickelt sich zwischen den beiden eine Liebesbeziehung, die zur Thematisierung der Debatten über die gesellschaftliche Konstruktion von Geschlechterdifferenz genutzt wird.

Ein weiterer Handlungsstrang rankt sich um die Figur der Riva, Shiras Mutter, die als Informationspiratin dafür kämpft, geheimgehaltenes Wissen der Multis zu befreien und allen Menschen zugänglich zu machen. Sie steht zum einen in Verbindung mit einer Gemeinschaft palästinensischer und jüdischer Frauen, die mittels Klonen und Genmanipulation im verwüsteten Israel überlebt hat. Mit der jungen Nili, die im Gegensatz zu Jod ein künstlich veränderter Mensch ist, verbindet sie eine lesbische Liebesbeziehung. Zum anderen verbündet sich Riva mit einer Widerstandsgruppe im Glob, die die Ausbeutung durch die Multis nicht länger hinnehmen will. Piercy visualisiert die Utopie, dass sich durch die weltweite Solidarität der Schwächeren und Ausgebeuteten die Macht der multinational operierenden Konzerne brechen ließe. Mit den vereinten Kräften aller gelingt es im Roman, den Multi Y-S entscheidend zu schwächen. In diesem Kampf wird Jod geopfert. Anders als sein historisches Vorbild, nimmt jedoch der Cyborg, der sich von seinem Schöpfer emanzipiert hat, Avram und das gesamte gespeicherte Wissen zu seiner Konstruktion mit in den Tod, um zu verhindern, dass erneut eine solche "Waffe mit Bewußtsein" geschaffen werden kann.

Piercys Zukunftsvisionen hinsichtlich der positiven wie negativen Potentiale der gegenwärtigen technischen und ökonomischen Entwicklung haben bis auf einige Details, wie etwa die am Kopf implantierte Anschlussbuchse für die unmittelbare Verbindung mit dem Cyberspace, wenig Phantastisches und wirken heute schon nicht mehr besonders originell. Viele ähnliche Projektionen kann man in der Ausstellung "Das 21. Jahrhundert" auf der Expo 2000 wiederentdecken; über Probleme wie das Ansteigen des Meeresspiegels lesen wir täglich in der Zeitung. Piercys Warnung davor, dass der Mensch in seinem Streben, Schöpfer seiner selbst und Schöpfer neuen Lebens zu werden, zu weit gehen und die Folgen einmal nicht mehr kontrollieren könnte, ist angesichts der gerade eben gelungenen Entschlüsselung des menschlichen Genoms allerdings höchst aktuell. Durch die Verbindung mit der Geschichte vom Golem gibt sie ihr eine historische Tiefendimension. Die diversen Liebesgeschichten und die damit verbundene gender-Diskussion wirken dagegen streckenweise ein wenig banal.

Titelbild

Marge Piercy: Er, Sie und Es.
Argument Verlag, Hamburg 1993.
518 Seiten, 13,70 EUR.
ISBN-10: 3886194523

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 literaturkritik.de » Nr. 7 / 8, Juli 2000 (2. Jahrgang) » Schwerpunkt II: Utopie » Dystopien und Gentechnik
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:10:22
Erschienen am:01.07.2000
Lesungen: 3799
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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