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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2009 » Krimis
 
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Demut und Demütigung

Leonardo Paduras einstiger Ermittler El Conde lüftet den "Nebel von gestern"

Von Jörg von BilavskyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg von Bilavsky

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eigentlich hatte der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura seinen Commissario El Conde bereits vor wenigen Jahren in den wohlverdienten Ruhestand geschickt. Im letzten Teil des "Havanna-Quartetts", dem glänzenden Kriminalroman "Das Meer der Illusionen", quittierte dieser den Dienst, um sich fortan schöneren Dingen im Leben zu widmen: etwa der Literatur. Aber weder er noch sein Schöpfer kamen wirklich zur Ruhe, wie sein plötzliches "Wiederaufleben" in "Der Nebel von gestern" beweist. Kein Wunder, dass sich Conde darin mit Literatur beschäftigt. Doch nicht mit der selbst verfassten, sondern mit fremden, alten Büchern, die er ankauft und wieder verkauft. Eine Aufgabe, die ihn zweifellos mehr befriedigt als die ewige Verbrecherjagd, aber dennoch auch Spürsinn und Menschenkenntnis erfordert.

So führen ihn seine Instinkte und Beobachtungen in ein herrschaftliches, mittlerweile aber heruntergewirtschaftetes Haus mit "bibliophilen Juwelen". Bisher ungehoben und von unvorstellbarem Wert. Aber was seine Leidenschaft noch mehr entflammen lässt, ist eine herausgerissene Zeitschriftenseite aus dem Jahre 1960, die in einem der wertvollen Bücher jahrzehntelang versteckt war. Besser gesagt: das darauf abgebildete Foto der längst vergessenen, aber ungemein verführerischen Bolerosängerin Violeta del Río hat es ihm angetan. Ihrem Schicksal und nicht dem der geliebten Bücher widmet er sich denn auch auf den gut 300 Seiten des Romans. Kriminalist bleibt eben Kriminalist.

Aber Paduras Romane sind bekanntermaßen nicht allein wegen des klug konstruierten Kriminalplots und ihres authentischen Protagonisten so lesenswert, sondern weil in seinen kubakritischen Texten allzumenschliche Sehnsüchte und Enttäuschungen ans Tageslicht gebracht werden. Weil es eben nicht vorrangig darum geht zu erfahren, ob die bezaubernde "Königin der Nacht" sich damals wirklich selbst mit Zyankali vergiftet hat. Denn das sie dafür keinen Grund hatte, wird relativ schnell klar. Es interessiert vielmehr, wer und vor allem warum sie umgebracht wurde. Welche tragische Geschichte ihr Leben und das des Mörders zu erzählen hat.

Der Bolero mit seinem melancholisch-sinnlichen Charakter liefert quasi den Grundton des Romans, der einzige von Violeta del Rio auf Schalplatte überlieferte Song die zentrale Botschaft: "Geh fort von mir". So rätselhaft wie das Lied und ihre Interpretin ist letztlich auch der Fall, der El Conde nach abenteuerlichen Recherchen und ausführlichen Zeitzeugenbefragungen auf die Spur gleich mehrerer unglücklicher Frauen und Männer führt. Und ihn am Ende - nachdem er den Nebel von gestern gelüftet hat - erahnen lässt, was es heißt, an Demut zu leiden und aus Demütigung zu töten.


Titelbild

Leonardo Padura: Der Nebel von gestern. Roman.
Übersetzt aus dem kubanischen Spanisch von Hans-Joachim Hartenstein.
Unionsverlag, Zürich 2008.
365 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783293003880

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Letzte Änderung: 18.12.2008 - 12:07:34
Erschienen am:09.12.2008
Lesungen: 1594
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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