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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2009 » Deutschsprachige Literatur
 
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Die Freuden des Heinzer

Heinz Strunks genialer Roman "Die Zunge Europas"

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Fleisch ist mein Gemüse" war eines der lustigsten, innovativsten und in Hinblick auf den Wortwitz feinsten Bücher des Jahres 2004. Die aktuelle Verfilmung des Romans lässt ebenfalls keine Zweifel an der literarischen Vorlage und auch nicht an ihrer filmischen Umsetzung aufkommen. Steigerungen birgt Strunks CD-Produktion "Trittschall im Kriechkeller" (2005) sowie die darin enthaltenen "Kurzhörspiele für eine Person". Teile aus diesen Hörproduktionen findet man integriert in das vorliegende "Paradestück" von Strunk. Denn so etwas wie die "Erschießungsphantasien in Polen" kann man sich in schriftlicher Form nicht entgehen lassen - weder als Autor, noch als Leser - wenn es denn in den Kontext passt. Dieser ist schnell beschrieben: In "Die Zunge Europas" ist der Leser Zeuge der Chronologie von sieben Tagen im Leben des Markus Erdmann.

Strunks Roman, vielleicht etwas fahrlässig mit dem Etikett "Humor" versehen, ist meist mehr als nur "Humor" oder "lustig". Das sind sie zwar auch, die Texte von Strunk, vor allem aber sind sie komplex, vielschichtig, subtil und schwierig. Nicht dass sie nicht verständlich wären, aber sie entbergen in ihrer Multiperspektivität, ihrem mehrfach gebrochenen Humor fundamentale Wahrheiten, die an theologische und sogar teleologische Manifeste erinnern: "Alles Mögliche kann einem im Leben passieren, und vor allem nichts." Dass diese Sentenzen nicht als depressive und negative Fest- beziehungsweise Einstellungen vom Leser rezipiert werden, dafür sorgt vor allem eine selbst im elendsten Lebensaspekt einen guten Kern erkennende positive und daseinsbestätigende Grundhaltung des Protagonisten. Dieser, in mancher Hinsicht ein Alter Ego des Autors, ist im Roman Gagschreiber für den durch und durch humorlosen, abgehalfterten, drittklassigen Provinzkomiker Sven. Über diese Beschäftigung mit dem Schreiben von Pointen hinaus - für die Sven kein Verständnis aufbringt - ist die eingefahrene Beziehung zu seiner leicht übergewichtigen und unattraktiven Freundin ein steter Quell alltäglicher Abenteuer. Die Tätigkeit als Autor wird ironisch-selbstkritisch reflektiert: "Meinen Einfällen ist gemein, dass sie sich der Wertschöpfungskette [...] verweigern und meist Richtung wirdnixdraus gehen."

In diesem eingefahrenen Spannungsfeld tritt als "Lichtwesen" die attraktive Jutta in das Leben des Protagonisten - eine alte Bekannte, der sich Markus Erdmann aufgrund seines angeschlagenen Selbstwertgefühls niemals zu nähern getraut hätte. Trotzdem ermöglicht der Autor seiner Figur einen perspektivischen Hoffnungsschimmer zum Ende des Buches, der gut zu dem grenzenlosen Optimismus Erdmanns passt.

Bemerkenswert ist, wie Strunk immer wieder die Erzählebene verlässt und mit Leser und sogar mit dem Verlag kommuniziert - und diese Kommunikation wiederum in das Buch integriert: "haha, das wollte der Lektor rausnehmen, ich hab mich durchgesetzt". Den Höhepunkt erreicht Strunk mit der selbstironischen und den "Olymp des selbstlosen Humors" erklimmenden "buchimmanenten Selbstrezension": "Markus Erdmann ist Comedy-Autor. Dies möge eine Erklärung sein dafür, warum sein literarisches Debüt hilflos zwischen burleskem Männerwitz und peinlich-bemühter Zerebralität oszilliert, ohne sich für das eine oder andere entscheiden zu können. Das hätte allerdings auch nicht geholfen: Der Text ist ein rundum misslungenes Ärgernis: Ohne Sound, Gehalt, innere Rhythmik und Strömung holpert das grobmaschig gestrickte Geschwätz von Schlagloch zu Schlagloch, die an allen Ecken knarzende Syntax eingeklemmt zwischen den rostigen Scharnieren affekthascherischer Neologismen."

Dass die ironische Selbsteinschätzung zu der realen Kritik des Buches konträr ist, muss nicht weiter erläutert werden - das ist einfach so. Man lese "den Strunk" und jage ihn auf die Spitze der Bestsellerlisten. Man verharre in Demut vor seinen "Exemplifikationen der Welt" bis zur Neuerscheinung seines schon avisierten Nachfolgeromans "Fleckenteufel". "Hauptsache geil abgeliefert!" - wie Gurki aus "Fleisch ist mein Gemüse" nie aufhört zu behaupten!


Titelbild

Heinz Strunk: Die Zunge Europas. Roman.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2008.
316 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783498063986

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Letzte Änderung: 09.02.2009 - 11:15:18
Erschienen am:15.01.2009
Lesungen: 3975
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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