Ein Kaiser, den es nie gab

Yi Munyol legt eine Gegen-Chronik der koreanischen Geschichte vor

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Chronik ist eine eigentümliche Form der Geschichtsschreibung, insofern sie die Ereignisse nicht in eine Entwicklung einordnet, sondern sie in ihrem Eigenwert belässt. Im einen Jahr geschah dieses, im nächsten Jahr dann jenes: Das ist zunächst nichts als eine sinnentleerte Reihung. Dabei muss es freilich nicht sein Bewenden haben, denn äußere Instanzen - Gott, Moral - können den Ereignissen einen Stellenwert in einem Verlauf zuweisen, der zwar nicht Heilsgeschichte ist, doch Näherungswerte zum Heil verzeichnen kann.

Zum neuzeitlichen Roman steht die Chronik in einem Spannungsverhältnis. Der Roman kennt Personen, die sogar, wo sie keinen erfolgreichen Bildungsgang absolvieren, sich doch mit Welt auseinandersetzen und im Erfolg oder in der Niederlage eine Kontur gewinnen. Das gilt selbst da, wo der Protagonist in völliger Verkennung der Welt handelt: Die charakterliche Vertiefung, die Miquel de Cervantes' Don Quixote im Schritt vom chronikartigen ersten Band zum psychologisch verfeinerten zweiten Band erfährt, bezeichnet dies Besondere der modernen Romanform.

Das Beispiel ist hier nicht willkürlich gewählt. Ähnlich Cervantes' Landedelmann, so ist auch Yi Munyols Kaiser eine anachronistische Figur. War jedoch der spanische Fantasie-Ritter durch die Lektüre allzu vieler schlechter Romane verwirrt worden, so wuchs der koreanische Pseudo-Kaiser bereits in dem Glauben auf, der Begründer einer neuen Dynastie zu sein. Schon vor seiner Geburt in einem abgelegenen Bergdorf im späten 19. Jahrhundert tat sein Vater alles, um den künftigen Sohn als erhabenen Herrscher zu inszenieren.

In dem Moment, in dem der Rezensent dies tippt, wird ihm freilich klar, in welch zweifelhafte Gesellschaft er sich damit begibt: in die der Zweifler, der Frevler, der Ungläubigen, die Yi Munyols Erzähler zurechtzuweisen nicht müde wird. Dieser Erzähler ist ein Journalist, der einige Jahre nach dem Tod des Kaisers bei Recherchen in der Nähe von dessen Stammsitz auf den letzten Getreuen des Herrschers stößt. Dieser Vasall übergibt ihm die Chronik der gut sechzigjährigen Regentschaft seines Herren und erläutert ihm dessen Großtaten. Auf dieser Grundlage rekonstruiert der Journalist - der seine Stelle kündigt, um sich allein dieser Aufgabe zu widmen - die Taten des Kaisers.

Dazu gehört auch, die Einwände der Miesmacher zu notieren, die nicht nur die Verheißung des Himmels betreffend der neuen, großartigen Dynastie der Chong bezweifeln, sondern auch die außerordentlichen Leistungen des Herrschers. Der Chronist, gerade weil er keinen Sinn herbeizwingen will, ist korrekt, und verzeichnet auch die Argumente, die ihm widerstreben.

Freilich kennt niemand die Chong-Dynastie; Korea wurde während der Regierung des Kaisers von Japan kolonialisiert, erlebte in Nord und Süd verschiedenste Diktaturen und erst seit kurzem (nach Erscheinen des koreanischen Originals) im Süden auch eine Demokratisierung. Klar ist also, dass es mit der Macht dieses Herrschers nicht gar so weit her sein kann. Was jeder weiß, widerspricht dem Versuch des Chronisten, die Zweifler zu bezweifeln. Und was tatsächlich berichtet wird, ist alles andere als erhaben. Es sind die elenden Verhältnisse in einem kleinen Bergdorf; die grob untauglichen Versuche, mit einer Handvoll kaum bewaffneter Leute die moderne japanische Kolonialmacht zu besiegen; und das Ausweichen in die Fremde der Mandschurei, dort ein paar Jahre relativen Wohlstands für ein paar Familien, ermöglicht dadurch, dass ein paar kluge Berater den Kaiser vor einem antijapanischen Krieg zurückhalten, für den ihm tatsächlich alle Mittel fehlen. Schon dies ist eine deutliche Kritik am koreanischen Nachkriegsnationalismus: Der später heroisierte Kampf gegen die Besatzer erscheint als ausnehmend kläglich.

Ein einziger großer Sieg gelingt dem Kaiser: Seine unzureichend ausgerüsteten Leute, die vom Ende des Zweiten Weltkriegs nichts erfahren haben, massakrieren im August 1945 eine japanische Einheit, die sich schon auf eine Kapitulation eingerichtet und auf Gegenwehr verzichtet hatte. Nach glorreichem Morden zieht der Kaiser mit immer weniger verbliebenen Getreuen in die koreanische Heimat zurück. Das befreite Korea ist nun allerdings in einen sowjetisch und einen amerikanisch dominierten Teil gespalten. Völlig realitätsfremd sind die Pläne des Kaisers, die eine Seite gegen die andere auszuspielen und auf den Trümmern der durch die Kämpfe geschwächten Parteien die eigene Herrschaft aufzurichten. Immer mehr erscheint er als querulantischer Alter, und bald entwindet ihm ein böswilliger Anhänger die letzten Eigentumsrechte im Heimatdorf. Der Kaiser genießt mit den paar alten Männern, die noch zu ihm halten, sein Gnadenbrot und errichtet später in der Wildnis eines Nationalparks ein letztes Refugium.

Die Pointe auf der Ebene des Inhalts ist, dass dies Reich zu kümmerlich ist, um überhaupt wahrgenommen und bekämpft zu werden; deshalb bleibt es in der Fantasie des Kaisers und seiner immer wenigeren Anhänger bestehen. Auf der Ebene der Erzählung aber wird die Spannung dadurch aufrechterhalten, dass der Berichterstatter den Kaiser grundsätzlich zu rechtfertigen versucht, auch wenn er im Detail Misserfolge zugestehen muss. Äußerst komisch sind die Konfrontationen des Kaisers mit der Außenwelt - etwa beim ersten Ausflug in die nächste Stadt die erste Begegnung mit der damals neuen Eisenbahn, dann die Versuche, das Reich auf den technischen Stand des Westens zu bringen. Natürlich schlägt das fehl, denn der Kaiser hat in seinem Dorf weder die Ressourcen noch die Kenntnisse, die modernen Maschinen nachzubauen. Nach einer Reihe von Fehlschlägen zieht er dann auch die Schlussfolgerung, die technische Moderne tauge nichts und die alte Gelehrsamkeit sei ihr überlegen.

Gelehrt ist der Kaiser; er kennt, wie einige seiner zeitweiligen Berater, die alten chinesischen und koreanischen Schriften. Diskutiert man über Politik, so anhand historischer Exempel. Eine ungeheure Menge an Wissen wird ausgebreitet, ohne doch praktisch nützlich werden zu können. Der Kaiser nimmt keine historische Entwicklung wahr - was vor Jahrtausenden aufgeschrieben wurde, ist ihm Gegenwart, und von der wirklichen Gegenwart hat er keine Ahnung.

Es wäre billig und taugte nur für eine Kurzgeschichte, würde dies allein zum Anlass für Spott. Doch liegt im Streben des Kaisers nach Weisheit und Tugend auch etwas Berührendes, das nicht nur der allzu wohlwollende Erzähler zu übermitteln versucht, sondern auch der Autor. Wenn ganz am Ende der äußerlich elende, verarmte Kaiser inneren Glanz erlangt, so hört jeder noch so vermittelte Hohn auf; und auch vorher, im Vergleich mit moderneren Formen von Herrschaft, soll es fast so scheinen, als wäre das patriarchal-feudale Regieren des Kaisers gegenüber Parteienzank, lügnerischer Journaille und städtischer Entwurzelung noch das geringere Übel.

Da mögen die Anschauungen des Autors Yi Munyol hineinspielen, der, anders als der Klappentext behauptet, in Korea keineswegs "unbestritten der wichtigste" unter den koreanischen Romanautoren ist, sondern wegen seiner konservativen politischen Stellungnahmen äußerst kontrovers beurteilt wird. Der Erzähler plappert in diesem Buch zuweilen Meinungen des Autors nach - doch ist der literarische Schaden gering. Mag etwa der Kommunismus noch so beredt kritisiert werden, so sind doch seine Vertreter keineswegs als unwürdig dargestellt. Der Kaiser weist mit all seiner Bildung nach, wie ein Herrscher, der nicht produzieren muss, im Interesse des Volkes sei - doch wird Mal um Mal erwähnt, wie sein letztlich nutzloser Müßiggang allein durch die Arbeit, zuletzt gar durch die Bettelei seiner Getreuen ermöglicht wird. Es handelt sich um das Buch eines Konservativen, das den Konservatismus weit überschreitet. Vielmehr ermöglicht die Skepsis gegenüber utopischen Entwürfen, als das wertvollste Erbe des Konservatismus, einen realistischen Blick.

Die Übersetzung liest sich glatt, mit wenigen sprachlichen Schnitzern und manchen gelungenen Wortspielen. Der Gestus der skeptischen Verteidigung des Kaisers, mit all seiner vom Erzähler ungewollten Widersprüchlichkeit, wird anschaulich. Die Übertragung der Anspielungen auf die chinesische Tradition muss ungeheure Mühe gekostet haben. Die Ausgabe ist vollständiger als die französische Übersetzung, die dem Rezensenten vorliegt, und zwar zugunsten der deutschen Fassung. Französische Leser haben aber den Vorteil eines erklärenden Vorworts und reicherer Erläuterungen - die deutsche Übersetzung ist hier viel zu sparsam und setzt Kenntnisse der koreanischen Geschichte voraus, die man nicht erwarten kann. Dies ist überhaupt ein Manko der Übersetzungen aus dem Koreanischen, die im Wallstein Verlag erscheinen, und sollte künftig behoben werden. Dennoch: Hier liegt ein großartiger Roman, der sich vom kleinteiligen sozialen Realismus vieler koreanischer Bücher durch seine ins Weite zielende Anlage auszeichnet, in einer gut lesbaren Übertragung vor.


Titelbild

Munyol Yi: Dem Kaiser! Roman.
Übersetzt aus dem Koreanischen von Frieder Stappenbeck.
Wallstein Verlag, Göttingen 2008.
447 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783835303621

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