Die Ordnung des Unheimlichen

Marco Kreuzers Studie über die Dramaturgie des Unheimlichen bei M. Night Shyamalan

Von Alexander Preisinger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Ich sehe tote Menschen" - wer kennt ihn nicht, den Satz aus M. Night Shyamalans großem Kinoerfolg "The Sixth Sense"? Gezielt spielt der Regisseur mit den Grusel-Erwartungen seiner Zuseher, überschreitet dabei Genregrenzen und gibt der Handlung durch einen Twist - dessen Entdeckung kurz vor Ende des Films für viele Shyamalan-Fans bereits zum Sport geworden - noch einmal eine überraschende Wendung. Dieser Dramaturgie des Unheimlichen geht Marco Kreuzer in seiner nun veröffentlichten Diplomarbeit nach und beschäftigt sich dabei mit "The Sixth Sense", "Unbreakable", "Signs" und "The Village". "The Lady in the Water" widmet der Autor ein essayistisches Kapitel, "The Happening" hat, vermutlich aufgrund seiner Aktualität, leider keinen Eingang in die Arbeit gefunden.

Nach einer Definition und einem Abriss der Geschichte des Horrofilms ordnet der Autor Shyamalans Filme dem Horror beziehungsweise dem Sub-Genre Phantastik zu. Freilich sind solche Gattungszuordnungen, die primär an die "dominanten" Charakteristika der Handlung gebunden sind, hochgradig konstruiert und diskutierbar. Zur Definition des Unheimlichen greift Kreuzer auf die Konzepte von Robin Wood, Sigmund Freud, Julia Kristeva und Martin Heidegger zurück. Damit spannt er den wissenschaftlichen Rahmen von der Psychoanalyse über den Strukturalismus bis hin zur Phänomenologie. Entsprechend dieses theoretischen Ausgangspunktes wird das Unheimliche als Schwellenphänomen, als Phänomen der Grenze, stilisiert: Unklar und entfremdet sind die cineastischen Monstrosität, unklar ist, ob sie nur eingebildet oder real sind, unklar ist, wo das Normale aufhört und das Übernatürliche beginnt. Dem klassischen beziehungsweise postmodernen Horrorfilm wirft der Autor die exzessive Inszenierung von Gewalt und die Fokussierung auf die ausschließlich kreative Ausgestaltung von Todesszenarien vor. Dagegen bewertet er Shyamalans Filme als innovativen Gegenentwurf: Gegen Brachialgewalt setzt der Regisseur gutes Erzählkino, subtilen Horror und psychologisch anspruchsvolle Akteure ein.

Die eigentliche Interpretation führt der Autor in einem dreistufigen Verfahren durch: Zunächst fasst er das Unheimliche mit Wood, als Rückkehr des Unterdrückten. Anschließend kommt Tzvetan Todorovs strukturalistisches Konzept des Unheimlichen zur Anwendung. Zuletzt werden die Figuren und deren Handeln aus psychoanalytischer Sicht interpretiert. Kreuzer arbeitet dabei eine Vielzahl an bemerkenswerten Parallelen zwischen den Filmen heraus: Kennzeichnend für alle Filme ist etwa die Subtilität der Horrorszenarien. Die Monster spielen nur die Nebenrollen oder entpuppen sich als Illusion ("The Village") oder fehlen gar völlig ("Unbreakable"). Vielmehr sind bereits die Ausgangswelten der Protagonisten, sei es die Beziehungslosigkeit von Dunn in "Unbreakable" oder die soziale Kälte in der Cohel aufwächst ("The Sixth Sense"), ausreichend bedrohlich angelegt. Auch die Motive und inneren Konflikte der Protagonisten, von der Gottlosigkeit in "Signs" über die soziale Isoliertheit in "The Sixth Sense", tun ihr Übriges, um die Handlung auch ohne das Eindringen einer unheimlichen Bedrohung dynamisch anzulegen. Diese Lesart kehrt die Verhältnisse geradezu um: Nicht das Unheimliche dringt von außen auf die Protagonisten ein, es ist vielmehr in ihnen schon angelegt und damit nur metaphorische Manifestation der Krise. Der Alltag der Hauptfiguren, bewusst als durchschnittlich und gewöhnlich inszeniert, wird schnell seines konstruktiven und illusionären Charakters überführt. Hinter der Fassade des Alltags lauert das Grauen. Animismus, dezente musikalische Effekte, die Doppelgänger-Motivik und die Anti-Helden-Charakteristik, die die Protagonisten allesamt an den Tag legen, geben dem Unheimlichen einen Charakter, der von jenem des konventionalistischen Horrorfilms weit entfernt ist.

Dominant für das Unheimliche bei Shyamalan, so resümiert Kreuzer, sind daher nicht die Monster, sondern narrativen Strukturen, die aus dem Konflikt des Helden mit der Welt entstehen und zur Entfremdung und in der Folge zu einer existenziellen Verunsicherung führen. Dazu trägt auch die dezente Kameraführung bei, die den Protagonisten in den Mittelpunkt stellt und nicht den Ausgangspunkt des Grauens zeigt. Auf special effects verzichten die Filme über weite Strecken. Das Monströse wird so nur erahnbar und indirekt sichtbar. Zudem gelingt es Shyamalan mit dem Twist kurz vor Ende des Films, die Verhältnisse von Realität und Irrealität noch einmal in Frage zu stellen oder gar zu verkehren. Kreuzer sieht Shyamalans Filme daher im Kontext zur Postmoderne, als Erfahrungskrise durch eine brüchig gewordene Welt.

Insgesamt skizziert die vorliegende Arbeit etliche Zugänge zum filmischen Werk Shyamalans, deren weitere Beforschung lohnenswert scheint. Leider ist die Kürze von Kreuzers Ausführungen wenig dazu geeignet, mehr als nur einen rudimentären theoretischen Einstieg zu bieten. Die Kapitel zu Freud oder Heidegger sind mit ihren eineinhalb Seiten viel zu kurz geraten, als dass sie auch nur halbwegs dem inhaltlichen Anspruch ihrer Autoren gerecht werden würden. Auch die strukturalistische Analyse bleibt weit hinter dem, was sie leisten kann (siehe etwa Umberto Ecos semiotische Analyse zu James Bond).

Einige der psychoanalytischen Interpretationen scheinen eher vage oder wirken schlichtweg überinterpretiert: Kreuzer urteilt religiöse Menschen etwa als geradezu pathologische Fälle ab, die aufgrund einer erfahrenen narzisstischen Kränkung zur Regression neigen. Auch hätte ein wenig Dekonstruktion dem Werk gut getan: Wirklichkeit und Realität werden durch den Autor essentialisiert und als fixe - tatsächliche - Größen verhandelt.

Fasst man Realität unter dem Blickwinkel einer diskursiven Formation, wie es etwa Clemens Ruthner mit dem Vampirmythos in der Habsburgermonarchie getan hat, dann lassen sich Shyamalans Filme als subtiles Spiel mit den Realitäten verstehen. Hier müsste man auch den Realitätsbegriff anders fassen, als es Kreuzer in seiner Arbeit tut: Ausgangspunkt wäre dann ein diegetisches Realitätskonzept, das Realität nicht aus der Perspektive des Zusehers fasst, sondern die Ausgangswelt der Handlung und die als unerklärlich empfundenen Ereignisse in Relation zu dieser setzt. Gerade "The Lady in the Water" spielt mit einer Ausgangswelt, die auch ohne das Erscheinen von "Story" (nomen est omen) keineswegs als realistisch zu verstehen ist und gerade durch dieses Spiel der Welten gewinnt der Film an Dynamik. Kritik lässt sich auch an den konstatierten postmodernistischen Aspekten äußern: Shyamalans Welten mögen unheimlich sein, sie sind aber alles andere als regellos. Dem Unheimlichen auf die Spur zu kommen, bedeutet in Shyamalans Filmen immer, den Wirkmechanismus der Dinge zu entschlüsseln. So wie der kindliche Symbolist in "The Lady in the Water" die Cornflakes-Packungen liest und damit die Welt entschlüsselt, so stellen sich auch Shyamalans Welten nach und nach als mechanische Apparaturen dar, deren Logik der Narration keine Zufälle kennt. Am Ende des Films hat jedes Detail seinen Sinn gehabt, nichts bleibt unerklärt, alles steht im Bauplan einer höheren Ordnung. Vergleicht man die Filme Shyamalans etwa mit jenen von Michael Haneke, dann bleibt vom postmodernen Horror nicht mehr viel übrig.

Kritik wie diese steht freilich auch damit in Zusammenhang, dass Kreuzers Werk einer filmtheoretischen Pionierarbeit gleichkommt, behandelt sie doch als erste im deutschsprachigen Raum, abseits journalistischer Textsorten, Shyamalans Filme. Kreuzers multiperspektivische Arbeit wird hoffentlich Anlass und Anregung für weitere Untersuchungen der Welt des subtilen Horrors sein.


Titelbild

Marco Kreuzer: Die Dramaturgie des Unheimlichen bei M. Night Shyamalan.
Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2008.
120 Seiten, 49,00 EUR.
ISBN-13: 9783639059212

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