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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2009 » Krimis
 
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Morbide Randexistenz

Franz Kabelka schickt seinen dünnhäutigen Ermittler auf einen gefährlichen Psychotrip

Von Jörg von BilavskyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg von Bilavsky

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kann ein Krimi ohne Mord ein richtiger Krimi sein? Ja, er kann. Wenn der Autor Franz Kabelka heißt. Dann kann es viele seelische Morde geben, die ebenso der Aufklärung bedürfen wie die so oft dargestellten Kapitalverbrechen. Und von diesen vielen, oft unaufgeklärten psychischen Tötungsdelikten handelt sein dritter Kriminalroman "Dünne Haut", der ganz ohne Leichen auskommt. Aber nicht ohne Chefinspektor "Tone" Hagen, der zunächst an seinen eigenen seelischen Wunden zu lecken hat. Und zwar als Patient der Psycho-Kurklinik "Sonnblick" im bayerischen Bad Krummau. Er kommt - und das wird vor lauter Perspektivwechseln auf den ersten Seiten nicht so recht erkennbar - mit dem Tod seiner Freundin Lisa nicht klar. Weshalb er im Dienst ausgetickt ist, den Wagen eines Verkehrsrowdys demoliert hat und von seinem Chef kurzerhand in Kur geschickt wird.

Dort wird er allerdings nicht nur mit seinen eigenen, sondern auch mit den psychischen Auffälligkeiten der Mitpatienten konfrontiert. Denn was heilt die eigenen Probleme besser, als die Betrachtung der Probleme anderer. So fügt sich das "arbeitsunfähige Psycherl" in das Therapieprogramm und trifft dabei auf einen schon von Berufs wegen melancholischen Kabarettisten, der die gesellschaftlichen Erwartungen genauso wenig erfüllt hat wie die erotische und zugleich neurotische Übersetzerin Marie Therese, die aus innerer Schwäche nun äußere Stärke demonstriert. Und mit ihren aggressiven Attacken unter den Ärzten und Kunsttherapeuten erheblich für Unruhe und Verzweifelung sorgt. Natürlich auch bei Hagen, der Maries körperlichen und schizophrenen Reizen erst im letzten Moment entkommen kann, dafür aber sein eigenes seelisches Gleichgewicht wiederfindet.

Wie auch der Kabarettist und das Klinikpersonal, deren weiße Kittel nicht so weiß sind, wie es anfangs noch den Anschein hat. Aber auch diese durch Vergewaltigung und Rufmord schmutzig gewordene Wäsche wird wieder rein gewaschen. Alles mit Happy End? Ja und Nein. Kabelkas Krimi lässt uns nach gut 200 Seiten nachdenklich zurück, weil er das Denken und Handeln einer Borderline-Patientin literarisch gekonnt seziert hat. Mit fachärztlicher Hilfe, wie seine Danksagung am Ende des Buches beweist. Im strengen Sinne handelt es sich denn auch nicht um einen Krimi, auch wenn der Chefinspektor Marie Thereses mörderisches "Wesen" am eigenen Leib zu spüren bekommt. "Dünne Haut" ist dagegen ein fein gesponnenes Psychogramm, das ebenso spannend wie einfühlsam vom Verbrechen an der Seele erzählt.


Titelbild

Franz Kabelka: Dünne Haut.
Haymon Verlag, Innsbruck 2008.
224 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783852185743

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Letzte Änderung: 09.02.2009 - 11:15:23
Erschienen am:19.01.2009
Lesungen: 3961
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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