Kaufen macht wirklich Spaß

Christian Kleinschmidts kurze Geschichte der Konsumgesellschaft

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Moderne Industriegesellschaften zeigen ein völlig anderes Profil als andere Gesellschaftsformen, und das in vielerlei Hinsicht. Eines der zentralen Unterscheidungsmerkmale der neuen von den alten Gesellschaften ist aber, dass sie keine Mangel-, sondern Überflussgesellschaften sind. Soll heißen, zum ersten Mal in der Geschichte sind Gesellschaften nicht von einem Mangel an Konsumgütern bestimmt und von der Konkurrenz um die überlebenswichtigen Güter, sondern von ihrem Überfluss. Das hängt nicht zuletzt mit einem grundlegenden gesellschaftlichen Umbau zusammen, der im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts durchgeführt wurde, nämlich von der Selbstversorger- zur Erwerbsgesellschaft. Überleben und Selbstversorgung, Überfluss und Erwerbsstruktur gehören also ursächlich zusammen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, so betont Christian Kleinschmidt in seiner knappen, aber ungemein informativen Überblicksdarstellung zur Geschichte der Konsumgesellschaft, beziehen 90 Prozent der Haushalte in Deutschland ihr Einkommen aus unselbständigen Einkommen: Die Menschen sind angestellt, versorgen sich nicht selbst aus Hof oder Garten, arbeiten in der Industrie oder in der Verwaltung und beschaffen sich alles, was sie brauchen, aus Geschäften. Konsum-, Industrie- und Überflussgesellschaft sind also eins, die eine ist ohne die andere nicht denkbar. Mit anderen Worten: Es ist gerade die für zentrale Kritikpunkte der Zivilisations- und Kulturkritik verantwortliche arbeitsteilige Gesellschaft, die überhaupt erst die Möglichkeit dafür schafft, dass der Wohlstand der Gesellschaft soweit wächst, dass er zum Wohlstand aller werden kann (wenigstens zum relativen Wohlstand, wie der Fortbestand der ungleichen Verteilung von Gütern und Ressourcen auch in den Wohlstandsgesellschaften zeigt).

Voraussetzung für diesen Paradigmenwechsel sind allerdings disponible Einkommensteile, die für den Kauf, Gebrauch und Verbrauch von Gütern und Dienstleistungen eingesetzt werden, die über die Existenzsicherung hinausgehen. Das aber soll und muss alle soziale Schichten umfassen und eben nicht nur einige wenige soziale Gruppen, soll der Konsum zum Massenkonsum konvertieren.

Kleinschmidts kurze Geschichte der Konsumgesellschaft ist denn auch in weiten Teilen eine Skizze zur Generierung von frei verfügbaren Einkommensteilen, die zudem mit einer strengeren Trennung von Arbeit und Freizeit einhergeht. Das basiert naheliegend auf der generellen Entwicklung und Veränderung der Gesellschaften seit dem 18. Jahrhundert, auf der Entstehung der Industrien, der Unternehmenskonglomerate und urbanen Zentren, der Klassengesellschaften und Nationen, der Neustrukturierung der gesellschaftlichen Abläufe, die mit einem anderen Zeitmanagement, anderen sozialen Beziehungen und Habitusformen einhergeht, freilich auch auf der Befreiung der Individuen aus den straffen sozialen Beziehungen, wie sie sich seit dem hohen Mittelalter abzeichnet.

Kleinschmidt ordnet so gesehen die Entwicklung der Konsumgesellschaft in eine Gesamtentwicklung der vor allem europäischen Gesellschaften ein (die USA und Kanada eingeschlossen), die weniger von den Epochenbrüchen, als von der Weiterentwicklung gesellschaftlicher Tendenzen bestimmt ist, die bereits vor dem Wechsel von Mittelalter zu Neuzeit erkennbar sind.

Die Beschreibung der verschiedenen Phasen der Entwicklung der Konsumgesellschaft leitet er von dieser Prämisse ab. Die Phase vom 16. bis 19. Jahrhundert kennzeichnet er als "Proto-Konsumgesellschaft", die im Wilhelminismus allerdings in entscheidenden Punkten weiter entwickelt wurde. Daseinsvorsorge, Nationalisierung und eine relativ strenge Segmentierung der Gesellschaft in soziale Klassen legen - auf den ersten Blick paradox - die Voraussetzung für die spätere Entwicklung der Konsumgesellschaft. Allerdings gelingt es der deutschen Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert eben nicht nur, die Emanzipation des neu entstandenen Proletariats zu begrenzen und zu kanalisieren. Zugleich sichert die staatliche Fürsorge auch den bislang aufgrund der Freisetzung ungesicherten Unterschichten ein Mindestmaß an Existenzsicherung zu und erhöht dabei auch in diesen Schichten die frei verfügbaren Einkommensteile.

Mit der Dynamisierung der sozialen Struktur, der technologischen und gesellschaftlichen Entwicklung und der Destruktion der sozial eindeutigen Habitusformen im frühen 20. Jahrhundert erhält diese Entwicklung gleichfalls einen neuen Schub: Die Einführung des Achtstundentags, die Mindestsicherung der Einkommen, aber eben auch die Entstehung neuer Formen der Freizeitgestaltung und des Massenkonsums (die Entstehung der von Horkheimer und Adorno so massiv attackierten Kulturindustrie datiert aus dieser Phase) formulieren so etwas wie ein Wohlstands- und Vergnügungsversprechen, dem sich die Gesellschaft kaum entziehen kann (zumal sie es selbst formuliert). Die zwiespältige Rezeption des amerikanische Vorbilds, das der deutschen Entwicklung um zwei Jahrzehnte voraus war, erklärt sich nicht zuletzt aus diesem Zusammenhang.

Zwar bezeichnet Kleinschmidt die kurzen Jahre der ersten deutschen Republik als "Take-off" der Wohlstandsgesellschaft. Zugleich gibt er aber zu bedenken, dass die Gesellschaft insgesamt dieses Versprechen noch nicht einzulösen imstande war. Das wird unter den Bedingungen der NS-Herrschaft noch klarer herausgearbeitet: Zwar hat das NS-Regime aus dem Scheitern der Weimarer Republik nicht nur die Konsequenz gezogen, eine (vorgeblich) klare, formierte und auf Hitler ausgerichtete Gesellschaftsstruktur zu dekretieren (ein Aspekt, den Kleinschmidt vernachlässigt), sich also als Lösung des strukturellen Problems modernen Gesellschaften anzubieten. Zugleich hat das Regime auch erkannt, dass es seine Herrschaft nur stabilisieren können würde, wenn es neben den ideologischen auch materielle Versprechen geben und einlösen würde. Die Lösung der Arbeitslosigkeit ist dabei das eine, die Befriedigung der einmal entstandenen Konsuminteressen ist das andere.

Kleinschmidt sprich in diesem Zusammenhang von einer nationalsozialistischen Konsumgesellschaft - einem Begriff, der angesichts der völkischen Prägung des Nationalsozialismus bemerkenswert erscheint. Mit Blick aber auf die Weiterentwicklung der Kulturindustrie im "Dritten Reich" etwa durchaus plausibel erscheint. Eine Variante dieser These, die vor einiger Zeit Götz Aly vorgestellt hat, ist freilich heftig angegriffen worden.

Dabei ändert der Widerspruch zwischen fallenden Realeinkommen und Konsumversprechen, die unter anderem gegen Aly eingewandt wurde, nichts an der Ausrichtung des NS-Regimes: Seine Initiativen in den Massenmedien, im Reise- und Erholungssektor und bei der individuellen Mobilität sprechen eine zu klare Sprache, auch wenn sie in Teilen gescheitert sind. Einzuwenden gegen Kleinschmidts Bild vom "Dritten Reich" ist hier lediglich, dass ihm das Regime am Ende doch ideologisch und strukturell eindimensional gerät, die Brüche des NS-Herrschaftssystems, die weitgehend Konsens sind, vernachlässigt er (möglicherweise zugunsten einer klareren Beschreibung des Systems).

Erst in der Bundesrepublik der sechziger Jahre wird dann schließlich wahr, was bereits in den Phasen zuvor "versprochen" wurde: Größere Teile der Bevölkerung als bisher partizipierten vom Wohlstand, der Vorsprung der US-amerikanischen Konsumgesellschaft wurde weitgehend eingeholt, ohne dass die Kritik der Konsumgesellschaft verstummt wäre. Auffallend wird sie mit neuer Schärfe genau von der Generation vorgebracht, der die Durchsetzung eines hedonistischen Lebensstils zu verdanken ist. Ein anderes Bild zeigt allerdings die Entwicklung der DDR, deren ökonomischen und strukturellen Nachteile sie im Laufe ihrer vierzigjährigen Geschichte in der Konkurrenz zum kapitalistischen Nachbarn mehr und mehr zurückfallen lässt. Das Versprechen der sozialistischen Überflussgesellschaft, das Walter Ulbricht noch vollmundig gegeben hatte, verblasste mehr und mehr. Strukturell fatal ausgewirkt haben dürfte sich dabei nicht nur der Wohlstandsvorsprung des westlichen Nachbarn, sondern auch die relative Benachteiligung der sozialen Klasse, die eigentlich das Rückgrat der sozialistischen Gesellschaft darstellen sollte: der Arbeiter.


Titelbild

Christian Kleinschmidt: Konsumgesellschaft.
UTB für Wissenschaft, Stuttgart 2008.
192 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783825231057

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