Verschwundene Knöchelchen

Filip Florian gräbt mit seinem Roman "Kleine Finger" in der rumänischen und in der lateinamerikanischen Vergangenheit

Von Anke PfeiferRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anke Pfeifer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bei archäologischen Ausgrabungen in einer Festungsruine aus römischer Zeit wird ein Massengrab unbekannter Herkunft entdeckt. Das kleine Städtchen in den rumänischen Karpaten gerät in Aufruhr. Verschiedene Vermutungen werden angestellt. Sind es möglicherweise Pesttote? Hartnäckig hält sich jedoch der Verdacht, dass die aufgefundenen Skelette von Massenerschießungen aus den 1950er-Jahren herrühren, also Reste von Opfern staatlicher Gewalt sind. Merkwürdig ist, dass bei den Knochen etlicher Toten die Knöchelchen der kleinen Finger fehlen. Führt das ungewöhnliche Amulett des Oberst, dem auch ein kleiner Finger fehlt, auf eine heiße Spur?

Das Finger-Motiv findet sich noch an anderer Stelle: als fünf Finger einer Hand werden die argentinischen Forscher bezeichnet, die in ihrem Land als Spezialisten für die Suche nach "Verschwundenen" aus der Zeit der Militärjunta gelten und die aus einer neutralen Position heraus zur Aufklärung dieses rumänischen Falls beitragen sollen. Die Evozierung der jüngeren rumänischen Geschichte erhält mit dem Exkurs auf die diktaturgeprägte argentinische Vergangenheit in diesem Roman eine über den nationalen Rahmen hinausgehende Dimension historischer Aufarbeitung.

Dem Autor geht es also keineswegs nur um die kriminalistische Aufdeckung einer Gewalttat. Filip Florians Roman erinnert an das Genre des "politischen Romans" in der rumänischen Literatur der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, der damals anstelle einer historischen Aufarbeitung vor allem der stalinistisch geprägten 1950er-Jahre kraft seiner ästhetischen Potenzen eine Abrechnung mit Verbrechen und Ungerechtigkeiten vornahm. Häufig wurden dabei mit Hilfe einer Multiperspektive mehrere Wahrheiten vorgeführt. Wie in der damaligen Prosa geht es auch bei Florian um mysteriöse Vorgänge, die durch offizielle Stellen aufgeklärt werden sollen. Die diesbezügliche jeweilige Interessenlage der vorgeführten literarischen Figuren - der Vertreter ehemaliger politischer Häftlinge, die Staatsanwälte, Journalisten, Gerichtsmediziner, Archäologen, der Ortspolizeikommandant - sind dabei höchst unterschiedlich und reichen von Aufklärung oder Vertuschung möglicher Verbrechen bis hin zu rein beruflichen oder gar privaten Interessen. Neben den Militärstaatsanwälten sind es auch die Gerichtsmediziner und Historiker, die als ehemalige kommunistische Funktionäre oder deren Nachkommen identifiziert und damit als wenig glaubwürdig dargestellt werden.

Dabei entsteht ein Universum miteinander verflochtener Lebenslinien und Beziehungen in einem bestimmten historischen und geografischen Koordinatensystem. Aber statt die Suche nach Gewissheit über die Entstehung des Massengrabes in der Hauptfigur, dem Archäologen Petrus zu bündeln, schickt der Autor diesen seinen mit einem Magengeschwür geplagten Ich-Erzähler nach vormittäglichen Bibliotheksrecherchen in den banalen Alltag des Städtchens. Da ist Tante Paulina, mit der er nachmittags beim Tee Gespräche führt, die Besuche bei der Witwe Jeni, die mit dem Engländer Neil verheiratet war, und die Liebesstory mit deren Enkelin. Dieser Zeitvertreib, der die Wartezeit auf Fortsetzung der archäologischen Grabungen verkürzen soll, führt weit weg von der Aufklärungsarbeit hin zu Kaffeesatzlesen und Kartenlegen, ja gar zu einem Goldschatz, der eine Griechenlandreise möglich macht.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts gerät wieder in den Fokus, als Petrus anlässlich seiner Besuche bei Dumitru M., einem von den Kommunisten enteigneten Unternehmer, dessen Lebensgeschichte erfährt. Der Autor erinnert mit seinem Roman an die südamerikanische Literatur, wenn neben den Schatten der Vergangenheit skurrile Gestalten, wie der Mann und sein dressiertes Dromedar, erscheinen, Glück und Unglück dicht beieinander liegen und Beschreibungen romantischer Augenblicke, wie Sonnenuntergängen oder Liebeszauber unter blühendem Jasmin den Leser erfreuen.

In der Verknüpfung von Gegenwart und Historie, von Glauben und Aberglauben, Heiligenleben und Staatsgewalt wird das Individuelle und das Kollektive in der Gesellschaft gleichermaßen erfasst, erscheinen in einem Figurenreigen Opfer früherer Machtverhältnissen und Repräsentanten gegenwärtiger Obrigkeit.

Die Diktaturerfahrung ist in den letzten Jahren zu einem häufigen Thema der zeitgenössischen rumänischen Literatur, insbesondere in Prosa und Dramatik, geworden. An der Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte, die mit sehr unterschiedlichen künstlerischen Mitteln betrieben wird, beteiligen sich Autoren aller Generationen, unabhängig davon, ob sie in Rumänien (Daniel Banulescu, Gabriela Adamesteanu und andere) oder im Ausland (Norman Manea, Carmen Francesca Banciu) leben.

Ganz leicht liest sich der Roman nicht. Schuld daran sind zum einen die stellenweise überlangen Sätze, die sich für den Leser ermüdend aneinander reihen und dem Übersetzer einiges abverlangt haben dürften, aber auch eine gewisse Geschwätzigkeit und Weitschweifigkeit in der Ausgestaltung einzelner Episoden, in die der Autor mitunter verfällt. Doch im Verlauf des Textes werden die Sätze kürzer und damit lesbarer und die Handlung nimmt gefangen. Besonders die Erzählung um den Mönch Onufrie, der als Findelkind aufwuchs, zu Zwangsarbeit verurteilt wurde, später in den Bergen vor den Kommunisten Zuflucht suchte und schließlich am Massengrab die Gebeine segnet, generiert Spannung und gehört zu den besten Passagen des Romans.

Florian verbindet die Rekonstruktion realhistorischer Tatbestände mit phantastischen Elementen und setzt damit eine rumänischen Erzähltradition fort. So ist Onufrie ausgestattet und gleichermaßen gezeichnet durch einen rasch nachwachsenden Schopf, der alle vier Stunden abgeschnitten werden muss. Märchenhaftes und Heiligenlegende geraten hier zu einer Symbiose.

Das Hauptthema geht dabei nicht verloren. Die historische Wahrheit über die Entstehungszeit des Grabes verkünden schließlich die argentinischen Spezialisten. Doch damit geben sich nicht alle zufrieden, wie die plötzlich auftauchenden Gewehrkugeln neben den Knochen am Ende des Romans andeuten. Gewissheit ist nicht zu erlangen, es bleiben Vermutungen, Verdächtigungen, Enttäuschungen.

Dieser 2005 erschienene und preisgekrönte Debütroman von Filip Florian, studierter Geologe und Geophysiker und inzwischen einer der erfolgreichsten Autoren der jüngeren rumänischen Schriftstellergeneration, wurde bereits in mehrere Sprachen übersetzt.


Titelbild

Filip Florian: Kleine Finger. Roman.
Übersetzt aus dem Rumänischen von Georg Aescht.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
270 Seiten, 22,80 EUR.
ISBN-13: 9783518420140

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