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 literaturkritik.de » Nr. 7 / 8, Juli 2000 (2. Jahrgang) » Deutschsprachige Literatur
 
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Mahlstrom Deutschland

Christoph Hein erzählt von den Rändern der gesicherten Welt

Von Lutz HagestedtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lutz Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein."

Dieser Satz fällt in diesem atemlos spannenden Roman sehr spät. Lange hat der Leser in den Abgrund dieser Geschichte geblickt und sich ihrem steten, angenehmen Sog kaum entziehen können. Mit wachsendem Respekt für den Autor Christoph Hein einerseits, mit einer Gefühlsmelange aus Widerwillen und Faszination für seine Hauptfigur, den Gebrauchtwagenhändler Bernd Willenbrock andererseits, hat er sich bereitwillig an den Rand der gesicherten Welt führen lassen. Der Abgrund, in den wir, Autor, Figur und Leser, lange geschaut haben, mag Deutschland heißen, oder Europa. Er tut sich nicht nur an den Rändern der westlichen Welt auf, sondern mitten im Herzen schon, im Herzen Europas, Deutschlands, Berlins. Dieser Abgrund liegt uns so nahe wie die Mördergrube, aus der wir kein Herz zu machen bereit sind.

Bernd Willenbrock ist Gebrauchtwagenhändler in Berlin. Er führt einen Zwei-Mann-Betrieb, der genug Geld abwirft, um gut davon leben zu können. Willenbrock war vor der Wende in einem Forschungslabor der DDR tätig, ging jedoch - nach der Wende - mit der Firma pleite. Jetzt, mit 12- oder 13-jähriger Verspätung, erfährt er, dass ein ehemaliger Kollege ihn bespitzelt und geschädigt hat. Aber mit den alten Geschichten möchte Willenbrock nichts mehr zu tun haben. Jetzt ist er selbstständig, nun profitiert er vom Untergang der DDR. Er führt ein neues Leben - und ein erfolgreiches dazu. Die Verluste, die seine Frau mit ihrer Boutique erwirtschaftet, kann er mühelos mit eigenen Mitteln ausgleichen. Er leistet sich ein Wochenendhaus am Stettiner Haff und geht regelmäßig fremd. Kleine und große Geschenke für seine diversen Nebenfrauen sind kein Problem.

Willenbrock ist ein Unsympath. An seinen Mitmenschen ist er nicht interessiert, sie langweilen ihn; seinen Gebrauchtwagenhandel wickelt er in der Regel kurz, arrogant und geschäftstüchtig ab; höflich und zuvorkommend ist er nur bei Krylow, seinem besten Kunden. Krylow gehört zur Ehrenwerten Moskauer Gesellschaft. Er hat im Gegensatz zu Willenbrock Prinzipien. Er duldet keinen Widerspruch und wickelt seine dubiosen Geschäfte mit herrischem Gestus ab. Er ist es gewohnt, das Recht in die eigene Hand zu nehmen.

Christoph Heins Roman ist spannend. Nie verlässt den Leser das Gefühl, es müsse gleich etwas passieren. Die subtile Klimax der Ereignisse beginnt sehr bald damit, dass dem Gebrauchtwagenhändler einige Autos vom Hof gestohlen werden; dass die Versicherung Versicherungsbetrug unterstellt; dass bei einem nächtlichen Überfall auf Willenbrocks Fuhrpark der Hund des Nachtwächters erschlagen und der Nachtwächter durch Elektroschocks kalt gestellt wird; dass Einbrecher in Willenbrocks Landhaus eindringen und ihn lebensbedrohlich attackieren; dass die Polizei die mutmaßlichen Täter über die polnische Grenze abschiebt und somit laufen lässt.

Fasziniert und entsetzt beobachtet Willenbrock das Geschehen. Er beginnt, Vorkehrungen zu treffen, die ihn und sein Eigentum besser schützen sollen; plötzlich ist er, erschrocken über sich selbst, im Besitz einer Schusswaffe; wagt es zunächst aber nicht, sie auch nur in die Hand zu nehmen, geschweige denn zu laden. Zunächst. Mit sanftem Nachdruck forciert Christoph Hein die - pardon - Handlung. Seine Dramaturgie ist einfach und wirkungsvoll. Selbst wo nicht viel passiert, bleiben die Nackenhaare aufgestellt - Autor, Figur und Leser stehen unter Strom.

Christoph Heins Erzählweise ist schlicht meisterhaft. Kurz, knapp und präzise sind die Sätze; sie folgen der Perspektive Willenbrocks, aber zielen auf die selbsttätige Fantasie des Lesers; sie wirken streng, ökonomisch, sachlich, kalt; sie vollführen fast unmerklich eine Figur, die nur als Spirale der Gewalt interpretiert werden kann. Im Leser entfachen die Sätze das Feuer leidenschaftlicher Leselust, wie nur große, reife Erzählkunst es vermag. Vereinzelte, seltene Patzer sind als Figurenrede entschuldbar ("Sie berauben mich um mein Vergnügen") oder einfach der Aufmerksamkeit des Lektors entgangen ("einer tödlichen Schusswaffe, dessen Besitz bereits strafbar war"). Christoph Hein erzählt eine aktuelle Geschichte von unerhörter Brisanz, denn er zeigt die Festung Deutschland, die Festung Europa im Stadium ihrer Auflösung. Die alte Welt, die den neuen Gefahren kaum gewachsen ist: den Gefahren der einbrechenden bürgerlichen Moral; des Außendrucks der ehemaligen Ostblock-Länder; des entfesselten Turbo-Kapitalismus´ nach dem Ende der sozialen Utopien. Den moralisch erhobenen Zeigefinger freilich wird man hier vergebens suchen: Willenbrock ist selbst kein Heiliger, sondern fehlbar und verführbar, korrupt und asozial, herzlos und auf den eigenen Vorteil bedacht. Er ist ein Deutscher in der Welt.

Titelbild

Christoph Hein: Willenbrock. Roman.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
320 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3518411551

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:10:23
Erschienen am:01.07.2000
Lesungen: 5994
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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