Ordnungen des Klickens

Ein Sammelband zur digitalen Publizistik beschreibt "Formen und Wege einer neuen Literatur"

Von Frauke SchlieckauRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frauke Schlieckau

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als Juryvorsitzender hat Roberto Simanowski in dem im Rahmen des von dtv und der Telekom im Jahre 2001 ausgeschriebenen Literaturwettbewerbs Literatur.digital die besten ausgewählten Beiträge auf einer CD-ROM versammelt und durch ein Buch mit begleitenden und erklärenden Texten ergänzt. Gezeigt werden soll mit den aus dem Wettbewerb hervorgegangenen zwanzig literarischen Arbeiten, dass im Internet neben Chat und Kommerz auch ästhetische Projekte existieren. Die Ergebnisse zeigen Möglichkeiten dessen auf, was die Zukunft digitaler Literatur bringen könnte. Genutzt wurden für dieses Projekt die Vorteile des Internets, die dieses ohne Zweifel bietet, will man Literatur von der Frühzeit bis in die Gegenwart - und zwar jenseits der Bestsellerlisten - vorstellen.

"Literatur.digital. Formen und Wege einer neuen Literatur": Schon der Titel wirft die Frage auf, was digitale Literatur überhaupt ist. Eine Frage, die Roberto Simanowski im ersten Kapitel zu beantworten versucht, nicht ohne im selben Zug einige "netztypische" Begriffe zu erklären. Ein sinnvolles Unterfangen, denn der mit dem Begriff "digitale Literatur" bezeichnete Gegenstand ist in der Tat vielfältig genug.
Kaum sind diese Unsicherheiten halbwegs geklärt, drängt sich die nächste Frage auf: Ist nicht, angesichts der Schnelllebigkeit des Internets und des rasanten Fortschritts der digitalen Technik, ein solches Werk - und damit auch die Rezension eines solchen Werkes - schon mit seinem Erscheinen überflüssig, da die in dem Buch versammelten Beiträge schon nach kurzer Zeit hoffnungslos veraltet sind?
Keineswegs. Denn im Zusammenhang mit dem Medium Buch schreitet der digitale Fortschritt nur langsam voran. Zwar wurde just auf der Buchmesse 2008 das elektronische Buch, das e-book, in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt. Leser können nun bis zu 15.000 Texte auf ein Medium laden, platzsparend und ohne dass es Einbußen für den Lektürekomfort geben soll. Generell aber lesen die meisten Menschen nach wie vor Texte auf bedrucktem Papier, denn das sinnliche und haptische Erleben, das ein Buch bietet, ist so schnell nicht zu ersetzen.

Trotzdem häufen sich die Beispiele für die digitale Präsenz von Literatur, wie Rainald Goetz' Internettagebuch "Abfall für alle" oder neuerdings "Klage" beweisen. Auch die Web-Anthologien "Null" und "Am Pool" zeigen kreative Versuche, Texte zu digitalisieren - selbst wenn diese dem Buch entnommen sind und auch wieder dorthin zurückkehren. Im Falle von Literatur.digital ist es nicht anders, denn das Buch umfasst Erläuterungen zur Literatur, die sich auf der beiliegenden CD Rom befindet.

Dietmut Roether skizziert in seinem Beitrag Tendenzen auf dem Literaturmarkt bis hin zu Browse-and-mouse-Büchern. Christine Böhler beschäftigt sich mit den Phänomenen Cultural Jamming und Mediahacking digitaler Robin Hoods. Die Geburt und Entwicklung der digitalen Literatur wird genauso unter die Lupe genommen wie das Verhältnis von digitaler Literatur und Literaturwissenschaft. Dabei werden auch die amerikanischen Vorläufer und das Nachbarphänomen der digitalen Kunst mit einbezogen. Peter Schoblinski diskutiert die Folgen digitaler Literatur für die Behandlung in Schulen, Georg Christoph Tholen beschreibt aktuelle Medientheorien und ihre Praxis an der Universität Basel. Mit Mark Amerika kommt ein Netzkünstler, also ein Praktiker, zu Wort und Richard Karpen legt Ziel und Arbeitsweise des unter seiner Leitung gegründeten Center for Digital Arts and Experimental Media an der University of Washington dar. Abschließend folgen Kurzbesprechungen der einzelnen Wettbewerbsbeiträge - mit dem Ziel dem Leser die Vorauswahl und das "ungewohnte" Material zu erleichtern.
Die veröffentlichten Wettbewerbsbeiträge wurden keinesfalls nach ausschließlich literarischen Prämissen ausgewählt, vielmehr waren Innovationskraft des Werkes, Linksemantik, Benutzerfreundlichkeit, Interaktivität, Bildschirmästhetik, Multimedialität und Textqualität ausschlaggebende Kriterien. Als Ergebnis wurden zwei Beiträge für den ersten Platz nominiert, "Quadrego" von Stefan Maskievitz und "Knittelverse" von Julius Raabe. Beide Texte verlangen erst einmal vor allem eines: Orientierungsfähigkeit auf der Bildschirmoberfläche und Koordinationsfähigkeit mit der Maus, um sich halbwegs sicher durch die Sätze zu klicken.
Die Beurteilung der Jury fällt so unterschiedlich aus wie die beiden Werke selbst. Mit leichten Schritten kommen Raabes Knittelverse daher, (eine Literaturform die von den akademischen Wächtern der Poesie lange Zeit als volkstümlich abgelehnt wurde und auch heute noch für leichte Kost stehen) in einer bisher nicht erlebten Variante des kombinatorischen Erzählens. Zunächst scheint dieses Stück freilich alles andere als zu erzählen, denn erstmal sieht man sich nur dem Georg-Grosz-Bild "Brillanten-Schieber im Café Kaiserhof" gegenüber, Man mag an Lessings Laokoon denken und daran, dass Bilder eingefrorene Zeit sind und sich nicht narrativ entwickeln können. Aber was Lessing über den Unterschied von bildender Kunst und Sprachkunst sagte, gilt nicht mehr, wenn hinter dem Bild verschiedene Ebenen an Text auf ihren Einsatz lauern.

Eine Ebene ist der Befehlstext, der zum Beispiel dafür sorgt, dass bei Mausklick die Köpfe der Personen auf dem Bild sich bewegen oder ihre Zugehörigkeit ändern oder eine Person eine Havanna raucht, wobei sich dann tatsächlich auch Qualm über die Szenarien legt. Zugleich erscheinen - dies ist die andere Ebene des versteckten Textes rechts und links vom Bild kreuzreimige Vierzeiler - Raabes so genannten Knittelverse, die den vier dargestellten Personen Klick für Klick eine Geschichte anhängen. Schon diese Idee hat es in sich. Sie macht deutlich, dass ein digitales Bild mehr ist als die Digitalisierung eines Bildes. [...] Aber Raabes Werk buchstabiert nicht nur das Wesen eines Bildes um, es stellt auch eine originelle Form des Hypertextes dar, denn je nach Ordnungen des Klickens erzählt dieses Bild verschiedenen Geschichten. Da stiehlt der hagere Mann in der Mitte einmal dem Glatzköpfigen im Vordergrund das Geld, ein andermal tritt er als Kommissar auf, dann als Hasardeur, dann wieder - nun als Anarchist - zündet er eine Bombe, die den Bildschirm schwarz werden lässt. Die Entdeckung der ganz im Grosz-Stil nicht gerade fein geschnitzten und sicher auch nicht zu ernst gemeinten Texte führt zu einem Klickspaß, der immer wieder neue Lesarten des Bildes hervorbringt: Rund 1800 Wörter bzw. 2,5 eng beschriebene Seiten Text verbergen sich unter der Oberfläche dieses Flash-Werkes."

Der zweite Siegerbeitrags "Quadrego" von Stefan Maskievicz ist der Versuch eine Multiple Personality Disorder als Bildschirmkombination darzustellen: ",Es ist dunkel und der Morgen reift', so lesen wir ,,noch unter der schwarzen Schale. Die Sonne liegt noch unter dem Horizont. Im Zimmer ein bläuliches Licht. Niemand nur sie. Im Bett. Da sind Iris, No, Rolf und Tom. Sie ist allein. Alle sind da. Streit liegt in der Luft. Es ist schon fast ein Ritual. Alle sind eins und niemand ist sich einig. Jeder will sein Recht. Keiner gibt nach."

Was folgt sind Dialoge und Monologe unter den vier Bewohnern des Ichs. Die Viererlogik wird aus der Inhalts- auf die Formebene überführt, der Bildschirm zeigt die Porträts der Beteiligten nebeneinander. Aber nicht dass man die Gespräche nun selbst steuern kann, ist das Besondere, sondern dass man entscheiden kann, wer wem antwortet. Maskievicz hat einen komplizierten Mechanismus entwickelt, der allein mit HTML und Java Scripts auskommt. Die Freiheit der Kombination vollzieht sich in der Vorgabe des Autors. Man kann immer nur aus potenziellen Gesprächspartnern auswählen, die der Autor vorgesehen hat; und was sie dann sagen werden, ist exakt das, was der Autor ihnen in den Mund gelegt hatte. Diese Texte spiegeln die Befindlichkeiten der Eingesperrten. Wer da eher Aktion als Psychorhetorik erwartet, wird nicht auf seine Kosten kommen. Die einzige Aktion ist die Verschlimmerung der Multiple Personality Disorder, wenn schließlich auch Georg - bisher reales Gegenüber der Vierer-Gruppe - Teil des multiplen Ich wird. Eine verfahrene Situation, die im Kreislauf der Kombinatorik ihre beklemmende Wirkung entwickelt."

Auch die anderen Texte zeichnen sich durch Kreativität aus: Die "Callas-Box" von Andreas Louis Seyerlein ist die fingierte Seite einer Nachrichtenagentur aus dem Jahre 2032. Wer sich durch die hier vermeldeten Ereignisse klickt, hat es mit einer Reise in die Zukunft nicht mehr so eilig: Ein 21jähriger stellt einen Weltrekord im 300 Meter Tieftauchen auf - ohne Hilfsgeräte wohlgemerkt, in Libyen sind ölfressende Bakterien in ein Ölfeld eingedrungen, in Amerika werden Schauspieler entführt, wo ihnen Eizellen entnommen und dann auf dem Schwarzmarkt für gewaltige Summen gehandelt werden, und auf der Seatown wird gerade Maria Callas geklont.
Ursula Menzer und Sabine Orth hingegen haben die Tatsache, dass das Wort "er" in der deutschen Sprache wesentlich öfter vorkommt als das Wort "sie", zur Grundlage ihrer Arbeit gemacht. Sie haben beide Pronomen gemeinsam eingebunden in konkrete Poesie und im Zeichen ihrer digitalen Möglichkeiten inszeniert.
"Der Einfallsreichtum der beiden Autorinnen ist groß und in der Ausführung nicht ohne Ironie. Die zeigt das Beispiel ,Wörterkolonnen', wo die ER-Wörter und SIE-Wörter Stück für Stück auf zwei Haufen fallen und dabei PapiER und FedER langsam herunterschweben, der SchmettERling noch etwas hin und her flattert und die JalouSIE kurz Glocken erklingen lässt, was zeigt, dass die Jalousie zurzeit hochgezogen ist, denn das Geschäft ist geöffnet und jemand hat es gerade betreten. Oder man nehme die Darstellung des Wortes Erbauung, das die erste Silbe wie einen Klotz hinwirft - den nichts mehr bewegen kann, so hart hört sich der Wurf an -, um dann Stück für Stück in die Höhe zu bauen. Die Autorinnen stellen hier mittels der digitalen Möglichkeiten Wörter im Sinne ihrer Bedeutung dar."

Literatur.digital zeigt also in der Tat interessante literarische Experimente, Wortspielereien vor allem, die in gedruckter Form nicht möglich sind. Die größte Stärke des Projekts ist damit ohne Zweifel die Autonomie, die es dem Leser im Rahmen der von dem Autor vorgegebenen Möglichkeiten zuspricht. Gleichzeitig fordern die Texte ihn heraus, althergebrachte Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstrukturen zu ignorieren. Vom Leser ist Selektion gefordert, was natürlich immer auch das Risiko provoziert, dass Möglichkeiten falsch verstanden oder übersehen werden.
Abstriche hingegen wurden, das wird schnell deutlich, wenn nicht bei der Kreativität, so doch bei der Qualität der Beiträge gemacht. "Die in diesem Buch vorliegenden Beiträge widmen sich der ästhetischen Dimension einer digitalen Literatur, die eine Reihe von Fragen aufwirft: nach der Definition von digitaler Literatur, ihrer ästhetischen Innovation und Qualität, das [sic] Verhältnis von Aufschreibesystem Computer / Internet und narrativer Struktur, von literarischer Produktion und Rezeption", meldet die Jury.

Dass die literarischen Texte - die der Preisträger eingeschlossen - nicht alle herausragend sind, rechtfertigt der Herausgeber mit dem auf die Umsetzung gelegten Schwerpunkt in einem Interview mit dem Literaturcafe: "Die Idee, dass das Bild plötzlich narrativ wird, dass sich unter ihm auf verschiedenen Ebenen Texte verstecken, ist hier sehr kompakt und ohne große Erklärungen und Schnörkel umgesetzt. Uns hat die Kompaktheit überzeugt, mit der diese Idee durchgeführt wird. So gefällig das von den Texten her auch ist, so skeptisch man auch sein kann gegenüber dieser leichten Kost, vom Ansatz der Nutzung des Mediums ist vieles versteckt, was für uns dann das Werk interessant machte." Das bedeute aber nicht, dass man davon ausgehe, den "großen Wurf" getätigt zu haben, der dem neuen Medium "endlich kanonische Weihen bringen" werde, wehrt Simanowski demnach auch im Vorwort ab. Man dürfe aber dennoch gespannt sein, "was die Zukunft der Literatur bringt".
Interessant wäre tatsächlich zu sehen, wie sich heute die Beiträge in digitaler Form manifestieren würden. Spätestens für diesen Vergleich, das zeigt sich nun sieben Jahre später, war es gut, das Projekt nicht nur im Internet anzusiedeln, sondern doch noch in gedruckter Form zu verewigen. Die Seite zum Wettbewerb Literatur.digital.de existiert nämlich inzwischen bereits nicht mehr: Wer auf www.dichtung-digital.com - den Link zum Wettbewerb - klickt, erhält in blauer Schrift weiterführende Links für den Versand von Spezial-, Flach- und Hochleistungsdichtungen. Und in diesem Fall hat Dichtung ausnahmsweise einmal nicht viel mit Literatur zu tun.

Titelbild

Roberto Simanowski (Hg.): Literatur.digital. Formen und Wege einer neuen Literatur. Mit CD-ROM.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2002.
193 Seiten, 14,50 EUR.
ISBN-10: 3423243023

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